© Unsplash / Hannah Busing

Lasst uns in den kommenden Monaten aufeinander aufpassen

Autorinnen des Artikels
etwa 5 Min. Lesedauer

Auch wenn gestern verschärfte Maßnahmen beschlossen wurden, um der aktuellen Pandemie-Lage etwas entgegenzusetzen, wissen wir es doch alle: Die nächsten Monate werden verdammt hart. Und zwar für jede:n.

Schon jetzt ist die Stimmung bei den meisten mies. Wut über die Handlungsunwilligkeit der Politik, Angst vor dem, was kommt, der graue Himmel des Novembers: Es fällt schwer, angesichts der aktuellen Situation zuversichtlich zu sein. Viele von uns werden sich zum ersten Mal das Virus einfangen, einige werden das gut überstehen, andere nicht.

Und womöglich steht uns doch noch ein harter Lockdown bevor, auch wenn die Politik es jetzt noch nicht aussprechen mag. Dann werden wir wieder in unseren eigenen Wänden gefangen sein, isoliert, die Unsicherheit als neuer Mitbewohner stets an unserer Seite. Ich zum Beispiel warte gerade auf das Ergebnis meines PCR-Tests. Weil in der Kitagruppe, in der ich arbeite, ein Kind im Schnelltest positiv getestet wurde und ich Symptome habe.

Da scheinen die guten Tipps und Ratschläge, die von Motivationsgurus und Performance-Coaches auf Facebook und Insta herumflattern, genau die richtige Antwort zu liefern: „Du kannst positiv bleiben, wenn du wirklich willst! Jetzt ist Selfcare-Zeit! Das innere Kind kann genau jetzt Heimat finden! Also lasst uns (achtsam!) unsere verstaubten Yogamatten wieder ausrollen, jeden Tag meditieren und früh morgens mit einem Bodyweight-Training und Grünteesmoothie beginnen. Ergreife die Krise und verwandle sie in Gold! YOU can do it!“

Ich bin mir nicht so sicher. Denn was bringt uns der ganze Rotz, wenn uns das Virus trifft und wir in der Klinik beatmet werden müssen? Nichts, genauso ist es. In einem Tweet habe ich es so zusammengefasst:

„Du kannst dich jeden Morgen um fünf pure-positiv im Schneidersitz mindsetten, achtsam-meditativ Hirtentee ohne Industriezucker trinken oder mit Eckhart Tolle im Ohr auf der Yogamatte aus Naturkautschuk so richtig selfcaren – wenn dich Covid übel erwischt, bist du gefickt.“


Das ist ein Newsletter von Martin Gommel. Parallel zu unseren langen Magazin-Texten verschicken unsere Reporter:innen immer wieder kurze Analysen, Meinungsbeiträge und Rechercheskizzen, die einen Blick in ihre Arbeit hinter den langen Stücken ermöglichen. Manche der Newsletter sind Kickstarter für anschließende, tiefere Recherchen. Hier kannst du den Newsletter abonnieren.


Das Blöde ist: Diese ganzen Kalendersprüche und deren Autor:innen sind so herrlich politikbefreit, weil sie sich nur mit sich selbst als Individuum beschäftigen. Es scheint, als ob sie die aktuelle gesellschaftliche Situation wie Wolken am Himmel oder Schiffchen im Bach vorbeiziehen lassen. Weil sie so sehr selfcaren, caren sie sich überhaupt nicht um Rassismus, Sexismus, Stigmatisierung von psychisch Kranken, die aktuelle Not vieler Alleinerziehender oder gar die Untätigkeit der Politik.

Im Worst Case bieten ihre leeren Sprüche sogar noch Argumente für jene, die an wissenschaftlichen Fakten zweifeln. Denn für diese Skeptiker ist unsere körperliche Gesundheit immer eine Frage des richtigen Mindsets, der richtigen Kügelchen oder der richtigen Entspannungstechnik. Und wer den ganzen Tag so viel meditiert, um nie, aber auch gar nie aus der Fassung gebracht zu werden, der lässt sich erst recht nicht von 60.000 neuen Infizierten oder 200 Toten (am Tag!) irritieren. Warum auch?

Die Krux ist: Natürlich werden wir in den nächsten Monaten nicht drum herumkommen, auf uns selbst aufzupassen. Wir müssen es sogar. Denn in schwierigen Zeiten wie diesen ist Selbstfürsorge besonders wichtig. Schon klar. Aber wir sollten vor lauter Selfcare nicht vergessen, dass es auch noch andere Menschen um uns herum gibt, die vielleicht sogar unsere Hilfe brauchen. Wer sich nur um sich selbst cared, weil er glaubt, dass nur er oder sie selbst sein Schicksal in der Hand hat, der verliert auch den Blick für die Not anderer.

Die deutsche Philosophin Ariadne von Schirach stellt in ihrem Buch „Du sollst nicht funktionieren“ die richtigen zynischen Fragen: „Warum soll ich dem anderen was abgeben, wenn doch jeder an allem selber schuld ist? Und warum soll ich mich für irgendwas einsetzen, was ich alleine sowieso nicht ändern kann?“

Vielleicht sollten wir uns in den kommenden Monaten fragen, ob es denn stimmt, dass jede:r für sein beziehungsweise ihr eigenes Glück immer selbst verantwortlich ist. Wir dürfen in dieser Pandemie vor lauter Ich, Ich, Ich das Du nicht vergessen, denn in den nächsten Monaten braucht es noch mehr als sonst ein Wir.

Oder, um es als Kalenderspruch zu formulieren:
„Wenn du schnell gehen willst, geh allein. Wenn du weit gehen willst, geh zusammen.“

Da haben wirs. Deswegen, man kann es nicht oft genug sagen: Lasst uns in den nächsten Monaten aufeinander aufpassen! Und den Blick für die anderen um uns herum nicht verlieren.

Manchmal reicht dafür schon eine kurze Nachricht: „Hey, ich habe gerade an dich gedacht. Wie geht es dir?“ Manchmal hilft eine Verabredung zum Spazieren, irgendwo draußen im Wald. Und manchmal auch ein kleines Geschenk, das signalisiert: Du bist mir wichtig, du bist nicht allein. Das kann ein Buch sein, ein Strauß Blumen, ein Kuchen.

Umgekehrt dürfen wir aber auch andere um Hilfe bitten. Das mag ein kurzes Telefonat sein, in dem wir uns ausheulen. Eine Notfallzigarette mit der besten Freundin auf dem Balkon. Die Bitte an den Kollegen, eine Aufgabe zu übernehmen, nur heute, weil man es selbst gerade einfach nicht schafft. Und wenn es ernster um uns steht, können wir uns auch um einen Therapieplatz bemühen oder im schlimmsten Fall in eine psychiatrische Klinik gehen.

Denn wenn wir uns in Krisenzeiten Hilfe suchen und auch welche anbieten, haben wir damit aufgehört, der Welt vorzuspielen, dass wir dieses Leben zu jeder Zeit allein kontrollieren und händeln können. Weil wir es gar nicht müssen.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

Prompt headline