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Prostata – eine Gebrauchsanweisung

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Das Ding des Monats
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Das Ding des Monats
Manchmal verraten der Overheadprojektor und die Freibadpommes mehr über die großen Zusammenhänge unserer Zeit als die lange Analyse. Diesen Dingen widmen wir diese Serie.

Ich bin Roland und ich mag Prostatamassagen. So, jetzt ist es raus. Und gleich noch ein Geständnis: Bis ich diesen Einstieg aufgeschrieben hatte, habe ich satte vier Stunden immer wieder an unzähligen Sätzen herumgedoktert.

Schon beim Schreiben über das Thema Prostata spielt Scham offensichtlich eine Rolle. Aber genau die gilt es zu überwinden. Denn die Prostata braucht dringend mehr Aufmerksamkeit. Und, nein, Besuche beim Urologen machen mir genauso wenig Spaß wie dir. Sie bringen uns aber nicht um – nicht hinzugehen schon.

Tasten wir uns erstmal langsam vorwärts: Knapp 66 Prozent der KR-Leser:innen, die an meiner Umfrage teilgenommen haben, haben zugegeben, fast nichts bis wenig über die Prostata zu wissen. Falls du dazugehörst, hier ein kurzer Exkurs: An dem kastaniengroßen Ding laufen wichtige Nerven zusammen, die Erektion, Orgasmus und Ejakulation steuern. Bei Erregung ist es deshalb sehr empfänglich für Berührung. Von vielen Männern wird Prostatamassage als Nonplusultra wahrgenommen. Deshalb wird die Prostata oft auch als G-Punkt des Mannes bezeichnet. Eigentlich ist die anatomische Entsprechung bei Frauen eher die Paraurethraldrüse. Und nicht nur Männer, auch transgender Frauen und Menschen anderer Geschlechtsidentitäten können eine Prostata haben.

Die Prostata umschließt die Harnröhre und liegt unterhalb des Schambeins. Aber: Sie ist nur über den Enddarm zu erreichen – und da liegt ihr Problem. Wie viele Dinge im Leben hat auch die Prostata zwei Seiten, eine schöne und eine sehr hässliche. Prostatakrebs ist der häufigste bösartige Tumor bei Männern, jedes Jahr erkranken 70.000. Das Lebenszeitrisiko zu erkranken liegt bei 13 Prozent – etwa drei Prozent der erkrankten Männer sterben daran.


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Bei vielen Menschen ist die Prostata auch nur gutartig vergrößert. Das ist nicht lebensgefährlich, kann aber doch sehr, sehr unangenehm sein. Sie sollte also ab Mitte 40 regelmäßig untersucht werden, auch wenn man beschwerdefrei ist und keine Prostatakrebsfälle in der Familie hatte.

Ich bin zwar noch nicht ganz Mitte 40, aber musste wegen einer kleinen Verletzung inklusive blutender Harnröhre (heute weiß ich: vom Rennradsattel) durch einige Untersuchungen. So unangenehm und beängstigend das war: Was, wenn ich einer der wenigen jüngeren Männer bin, die da ein Karzinom haben? Oder Blasenkrebs? Oder jetzt halt einfach innerlich verblute? Mit jedem Untersuchungsschritt (abtasten, Katheter, um das Blut aus der Blase zu leiten, Ultraschall, MRT, Bluttest) wuchs meine Erleichterung.

Schlimmer Finger?

Gerade ist November, der Monat der Männergesundheit. Die sogenannte Movember-Bewegung hat bereits sehr viel erreicht, um auf Männerthemen wie Depressionen und Suizid oder Hoden- und Prostatakrebs aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln.

Doch obwohl der #movember ein Netzphänomen ist und Männer sich einen Schnurri wachsen lassen, machen viele immer noch einen Riesenbogen um die Früherkennungsuntersuchung. 2019 waren es gerade mal zwölf Prozent, die zum Prostatacheck gingen – im Vergleich zu 40 Prozent der Frauen, die sich auf Brust- und Gebärmutterhalskrebs untersuchen ließen.

Das liegt zum einen daran, dass Frauen, spätestens wenn sie ihre erste Menstruation haben, regelmäßige Check-ups, und das Einführen großer, kalter Instrumente kennen. Den Zeigefinger bei der rektalen Untersuchung durch den Urologen lassen die eigentlich nach Kindergeburtstag aussehen. Eigentlich. Und eigentlich sollte uns alle die trübe Aussicht, bei einer Prostata-Operation zu sterben oder zumindest impotent oder inkontinent zu werden, zur Früherkennungsuntersuchung bewegen.

Stattdessen berichten viele Männer von der Untersuchung – auch „Große Hafenrundfahrt“ genannt – als sei sie eine Mischung aus dem Horrorfilm „Saw“ und Heldenreise. Gerne fallen nach der Untersuchung Sätze wie: „Mein Arsch ist eine Einbahnstraße!“ Oder: „Bleibt Jungfrau!“

Klar, manche haben tatsächlich unangenehme Erfahrungen gemacht. KR-Leser Jens, 50, berichtet, wie er mit einer einseitigen Hodenentzündung zum Arzt ging. Nach dem Abtasten der Hoden habe der gesagt: Drehen Sie sich mal um. Ohne vorher anzukündigen oder zu erklären, wie die Abtastung der Prostata ablaufen würde. Die Untersuchung sei schmerzhaft und entwürdigend gewesen, der Arzt einsilbig und genervt. „Es fühlte sich weniger an wie eine Untersuchung, sondern eher wie eine Szene, die man aus Gefängnisfilmen kennt. Ich schämte mich danach.“

Jens weiß, dass es deutlich sanfter geht. Er scheut seitdem keine Früherkennungsuntersuchung, achte aber auf: „Empathie, transparente Kommunikation, Geduld, Vertrauen und in meinem Fall Humor. Macht einen Riesenunterschied.“

Es muss ein Beben durch die Tabuzone gehen

Der Diplompsychologe und Sexualtherapeut Umut Özdemir sagt: „Die Prostata ist bei vielen Männern Terra incognita. Den Penis hat man ja ständig in der Hand und im Blick – beim Duschen, beim Pinkeln, beim Masturbieren, die Prostata halt nicht.“ Özdemir gibt auch Workshops zu Sexualität, Geschlecht, Geschlechtsidentität und LGBTQIA+Themen.

„LGBTQIA+ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersex, Asexuell und weitere Geschlechtsidentitäten.“

„Man kennt sich da nicht aus und dann beschäftigt sich da ‚hinterrücks‘ ein anderer Mann mit, das kann ja zu Verunsicherung führen. Das ist eine mögliche Erklärung, warum der Check-up für viele Männer so ein großes, angstbehaftetes Thema ist.“

Viele heterosexuelle Männer befalle beim Urologen aber noch eine andere Angst, sagt Özdemir: „Kriege ich da vielleicht eine Erektion? Sende ich fälschlicherweise das Signal: Ich finde den heiß?“ Gleichzeitig wollen vermutlich auch Urolog:innen nicht, dass Patient:innen glauben, sie machten die Untersuchung gerne. Deshalb könne es sein, dass sie diese eher schnell durchführen und sich nicht so viel Zeit lassen, wie sie vielleicht sollten. Ein Bekannter von mir berichtete von einer solchen, unangenehmen Situation: Als der Urologe den Finger einführte, gab der Bekannte ein leises Geräusch von sich. Daraufhin habe der Arzt gefragt: „War das jetzt Schmerz oder Lust?“

Volker Wittkamp ist Urologe und Autor von: „Fit im Schritt“. „Es ist ja nicht so, dass man zur Tür reinkommt und dann winkt da jemand mit dem Zeigefinger“, sagt er. „Und auch längst nicht jeder junge Mann wird rektal untersucht. Allerdings, wenn ein Patient schon mal da ist, bietet es sich auch an, zu checken, ob die Prostata in Ordnung ist.“

Im Radio, Fernsehen und auf TikTok klärt er unter dem Namen Dr. Sex auf. Für Wittkamp ist die Prostata-Abtastung Routine: „Ich versuche, das so angenehm wie möglich zu machen, ob mit Humor oder Zeit lassen, aber ich denke da nicht weiter drüber nach.“ Kommt es vor, dass ein Patient mal eine Erektion hat? „Ehrlich gesagt, nur ganz selten – und selbst wenn: Ich denke dann nicht, dass der Patient auf mich steht. Sowas ist völlig normal.“

Der penetrierte Mann

Mechanisch ist die Prostata prädestiniert dafür, sexuelle Lustgefühle auszulösen. Die Stimulation kann zum Orgasmus führen, ohne dass der Penis überhaupt berührt wird. In der Tierzucht werden etwa Elefanten oder Bullen durch eine elektrische Prostata-Massage zum Samenerguss gebracht. Das allein führt mich zu der Frage, warum nicht mehr Männer offen dafür sind, mal ein bisschen Höhlenforschung nach dem kleinen Goldnugget zu betreiben.

Ich hätte vor meinen Recherchen vermutet, dass die Massage der Prostata gesundheitliche Vorteile mit sich bringt, weil durch intensive Entleerung vielleicht sowas wie Schadstoffe ausgespült werden. Das stimmt leider nicht. Der Sex-Influencer Volker Wittkamp sagt, viele Orgasmen seien zwar gut für die Gesundheit der Prostata – sie müsse dafür aber nicht stimuliert werden. Die magische Zahl ist laut einer Studie übrigens 21. So viele Orgasmen pro Monat schützen gegen Prostatakrebs, egal, ob allein, mit Partner:innen, ob penetriert oder nicht.

Wer sich intensiver mit seinem Körper befasst und lernt, seine Muskeln „down there“ zu entspannen, kann auch den Termin beim Urologen entspannter nehmen. KR-Leser Steven und seine Freundin Anja (Namen geändert) sind beide 34. „Ich würde sagen, dass ich seit meinen späten Teenagerjahren an analen Spielen mit mir selbst interessiert war“, sagt Steven. Für viele Jahre habe er nur mit seinem Finger und vor allem die Prostata stimuliert. Seine Freundin habe ihn nicht mit dem Finger penetrieren wollen. „Später wurde ich nach und nach neugieriger, etwas größere Objekte zu benutzen. Aber den Mut, mir einen Dildo zu kaufen, hatte ich erst nicht.“

Mit Anja habe er schon kurz nach Beginn der Beziehung Pegging ausprobiert, sie habe ihn also mit einem Strap-on penetriert. „Es hat etwas gedauert, die Winkel und Positionen zu finden, die für uns am besten sind.“ Seit er den Dreh raushat, habe er durch die Stimulation der Prostata bei der Penetration spektakuläre Orgasmen.

Es ist übrigens ein Irrglaube, dass alle schwulen Männer den Hintern als erogene Zone begreifen. Und wer als Hetero drauf steht, dass eine Frau ihm den Zeigefinger reinsteckt – oder ein Spielzeug –, der muss nicht an der eigenen sexuellen Ausrichtung zweifeln. Das Vorurteil könnte aber auch damit zusammenhängen, dass der penetrierte Part beim Sex in einer verletzlichen Lage ist. Anja findet das gut. „Ich hatte immer die Regel, dass jeder Mann, der etwas in meinen Po stecken will, ob Finger, Penis oder Toy, vorher etwas ähnlich Großes in seinem Po haben muss, damit er weiß, wie sich das anfühlt und wie umsichtig man damit sein sollte.“

Pegging ist sicher nichts für Anfänger, das sagt auch Anja. Man sollte es entspannt und mit Humor angehen. „Beim ersten Mal hatten wir einen zu weichen Dildo, der sich immer weggebogen hat. ‚Du bist nicht mal ansatzweise bei meinem Arschloch‘, ist nicht unbedingt, was man hören will, aber lustig wars …“, erzählt sie.

Inzwischen sind Anja und ihr Freund ein eingespieltes Team – und für sie hat es auch etwas Ermächtigendes, beim Sex mit ihrem Freund der aktive Part zu sein: „Selbst mal mit einem Umschnall-Dildo zu vögeln, ist schon was anderes als mit Fingern oder einem Toy in der Hand. Und es ist toll, beim Sex zu sehen, wie mein Partner genießt, dass ich ihm das geben kann.“

„Hand aufs Herz: Der Anus ist das queerste Sexualorgan von allen“, schreibt Julia Martin auf Queer.de. „Nicht nur haben alle Menschen einen, unabhängig von Gender und biologischen Gegebenheiten können theoretisch sogar alle in den Anus penetriert werden und ihn geleckt bekommen – egal, wer sich wie identifiziert.“ Interessanterweise praktizieren mehr heterosexuelle als homosexuelle Menschen in Deutschland Analsex, obwohl es ja immer noch als „schwule Praktik“ gilt.

Ein guter Moment, das mit der Prostata mal auszuprobieren und sich einen Finger einzuführen, ist übrigens, wenn bei sexueller Erregung, kurz vorm Orgasmus, der Frontalkortex ausgeschaltet ist, der für kritisches Denken zuständig ist. Denn der scheint eine wesentliche Rolle zu spielen, die viele Männer davon abhält, sich eingehender mit ihrer Prostata zu befassen.

„Anal penetriert zu werden, wird von vielen Männer immer noch als der ultimative Akt der Degradierung angesehen“, sagt Maria Faustino, die gerade ihren PhD in Psychologie an der University of Auckland in Neuseeland macht. Sie ist Autorin einer Studie mit dem tollen Titel „It’s Time to ease your Fears – and your Sphincter“, in der sie Geschlecht und Macht im medialen Diskurs über Analsex analysiert hat.

Faustino glaubt, das offene Sprechen über Männerkörper und anale Erfahrungen ist eine Gelegenheit, sexistische Stereotype und homophobe Vorurteile in Frage zu stellen: „Es erleichtert Männern, sich medizinische Hilfe zu suchen und offen Fragen zu möglichen Gesundheitsproblemen zu stellen. Aber es hilft ihnen auch, ihren eigenen Körper, ihre Sexualität und ihre Lust zu erkunden.“

Es helfe ihnen auch, den Körper und die Psychologie von Partnerinnen zu verstehen: „Männer daran zu erinnern, dass sie auch penetriert werden können – und sie zu fragen, wie sie reagieren würden, wenn sie ohne Zustimmung anal penetriert oder stimuliert werden würden –, kann eine Möglichkeit sein, ein Gespräch über sexuelle Freiheit und Grenzen zu beginnen.“

Keine Termine, leicht einen stehen …

Grau ist alle Theorie. Wer jetzt ausprobieren will, sollte sich viel Zeit nehmen, keinen Stress haben. Und zumindest ein bisschen horny sein, denn sonst könnte die Prostata unempfänglich bleiben. Eine Dusche oder ein Bad schaden nicht, man sollte sich vorher nicht unbedingt eine XL-Pizza reinzimmern.

Eine medzinische Illustration der Prostata.
Die Prostata nach Gray, unterhalb der Blase und mit Harnröhren.

Umut Özdemir, der Sexualpsychologe, sagt: „Wichtig ist, dass man das erstmal alleine und bei sich ausprobiert, danach kann kann man das Ganze ja in den Sex mit dem Partner oder der Partnerin inkludieren.“

Und wie fängt man an? Die Prostata erreicht man schon nach vier bis fünf Zentimetern, wenn man mit dem eingeführten Finger leicht Richtung Bauchdecke drückt. Am Anfang kann die Berührung ein Gefühl auslösen, dass ein bisschen wie Harndrang ist, aber schon bald macht sich mitunter ein ziemlich atemberaubendes Gefühl breit. Wohlgemerkt: Nicht bei allen Männern und es ist gut, wenn man schon ein bisschen horny ist.

Wer sich mit dem Loslassen schwertut, es aber dennoch unbedingt mal ausprobieren möchte, der könnte es mit einem Tipp von KR-Leser Thomas, 29, versuchen. Er ist derzeit Single, sieht Prostatamassage aber als ein Hin-und-wieder-Highlight neben herkömmlicher Selbstbefriedigung. Er hat zufällig CBD-Zäpfchen für sich entdeckt, eigentlich als Mittel gegen Rückenschmerzen. „Die wirken schon nach 15 bis 20 Minuten und sind auch bei der Selbstbefriedigung der Prostata der Hammer, weil man wirklich an allen Körperstellen ziemlich tiefenentspannt ist.“ Die schmerzlindernde oder entspannende Wirkung von CBD-Produkten ist allerdings noch nicht bestätigt, bei der Verbraucherzentrale gibt es weitere Infos.

Vielleicht ist das nichts für dich, mit der Prostatamassage. Vielleicht entdeckst du ganz neue Seiten an – oder in – dir. Aber: Es wird dich sicher körperlich sensibilisieren und offener für die Belange des passiven, penetrierten Part beim Sex machen (Dr.-Sommer-Stimme off).

Mir fällt meine frühere Kommilitonin Birgit ein, die im ersten Semester, anno 2000, beim Anblick des Balzverhaltens von einem Rudel Studenten auf einer WiWi-Party den Satz fallen ließ: „Ich finde ja, jeder Mann müsste mal gefickt werden oder was in sich reingesteckt bekommen.“

Ich zuckte damals kurz zusammen, auch weil Birgits Satz etwas Kraftvolles und Bestimmtes hatte. Heute weiß ich, dass sie ihrer Zeit weit voraus war.


Nachtrag, 19.11.2021: In einer vorherigen Version dieses Textes war von Vorsorgeuntersuchung die Rede. Präziser ist: Früherkennungsuntersuchung. Wir haben das korrigiert.

Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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