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„Ich schlafe mit meinem Chef“

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Der Fall des Ex-Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt hat für Diskussionen über Sex und Liebe am Arbeitsplatz gesorgt. Machtmissbrauch ist ein No-Go, klar. Doch was, wenn man sich am Arbeitsplatz wirklich verliebt? Wie lebt sich eine solche Partnerschaft im Arbeitsalltag, über die Hierarchien hinweg?

Genau das haben wir euch, unsere Community, gefragt. KR-Mitglied Anja hat sich auf unseren Aufruf gemeldet. Sie ist Psychotherapeutin in einer psychosomatischen Klinik und seit zwei Jahren mit ihrem Chef Erik zusammen. Er ist 59, sie 41 Jahre alt. Unter Pseudonym hat sie uns erzählt, wie sie sich verliebte und welche Hürden es gab. Auch seinen Namen haben wir geändert.


Verliebt wegen eines Gedichts, und dann auch noch in den eigenen Chef! Klingt wie ein Klischee! Aber so ist es gewesen. Als Erik mir ein Gedicht von Else Lasker-Schüler per Mail schickte, passierte es. Ich las seine Zeilen: „Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen. Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.“ Da wusste ich: Oh Gott, jetzt bin ich verliebt! Und: Das wird nicht einfach mit uns werden.

Sieben Monate vorher, ich erlebte ihn zum ersten Mal bei einem Fachgespräch: Brillianter Arzt, dachte ich, aber typischer Nerd: Zwischenmenschliche Beziehungen? Kann er nicht, dachte ich. Niemals hätte ich zu diesem Zeitpunkt erwartet, dass ausgerechnet er der Mann ist, der seit langer Zeit wieder romantische Gefühle in mir auslösen würde.

Ich arbeite in einem psychosomatischen Akutkrankenhaus in der Abteilung für Angst. Zu uns kommen viele Menschen mit Panikattacken, Angststörungen, Traumata oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Wir sind fünf Teams. Jedes Team wird durch einen Oberarzt oder den obersten Psychologen geleitet. Er ist der Chefarzt, der Vorgesetzte der Oberärzte. Also der Ober-Ober-Chef.

Richtig kennengelernt habe ich Erik im September 2019 auf einer Betriebsfeier. Ein Mal im Jahr lädt die Klinikleitung zum Psychosomatikfest. Diesmal fand es in einer Berghütte statt. Wir hatten unsere Autos am Fuß des Bergs geparkt und sind dann zur Hütte hochgelaufen. Als wir oben angekommen waren, mussten wir erstmal warten. Das Buffet kam viel zu spät, weil der Lieferant sich in der Zeit vertan hatte. Meiner Kollegin und mir war langweilig. Es gab hier oben ja nichts zu tun. Außer: sich zu unterhalten.

Mein Blick fiel auf Erik. Ich interessiere mich sehr für Spiritualität. Ich wusste durch eine Rundmail, dass er drei Monate auf dem Jakobsweg gepilgert war. Das fand ich interessant; endlich mal ein Chefarzt, der mehr als seine Arbeit im Kopf hat.

„Der Erik steht auf dich“

Erik saß allein auf der Kante von der Bühne der Hütte. Ich ging zu ihm und fragte ihn nach seiner wichtigsten Pilgererfahrung. Er erzählte, dass er nach vielen Wochen wandern und Stille vollkommen zufrieden gewesen sei und ihm nichts gefehlt habe. Als ich fragte, warum er wieder zurückgekehrt war, sprang er auf, ungefähr einen halben Meter von mir entfernt, schaute mich an und sagte: „Du stellst aber persönliche Fragen.“

Ich entschuldigte mich, weil ich so getrieben war von meiner Neugierde. Er setzte sich wieder, antwortete. Dass er vor etwa zehn Jahren überlegte auszusteigen. Seit er schwer erkrankt war. Aber er habe damals gemerkt, dass sein Platz in der Klinik sei.

Mit der Eröffnung des Buffets war unser Gespräch beendet. Nach dem Essen legten wir gemeinsam Musik auf. „Hells Bells“ von ACDC, „Sympathy for the devil“ von den Stones. Normalerweise habe ich viel Respekt vor Autoritäten. Aber an diesem Abend war das anders. Meine befreundete Kollegin war fest überzeugt: „Der Erik steht auf dich.“ Ich habe das bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Erwägung gezogen.

Eine Woche darauf schrieb er mir eine Mail und schickt mir ein Foto von mir, wie ich Musik auflegte. In der Mail stand, dass er sich als DJ-Assistent zur Verfügung stellen würde, falls ich mich jemals beruflich neu orientieren sollte.

Ganz unten stand ein Gedicht von Hilde Domin:

„Brenne
Wir sind Fackeln mein Bruder
Wir sind Sterne
Wir sind Brennendes
Steigendes
Oder wir sind nicht
gewesen.“

Was kann ich dem Chefarzt schon bieten?

Aus dem „mein Bruder“ im Original hatte er „meine Schwester“ gemacht. Ich dachte zuerst, das Gedicht sei eine Fußnote, die er an alle E-Mails anhängt. Ich habe nicht geglaubt, dass er Interesse an mir hat. Dennoch hat mich dieses Gedicht berührt.

Zwei oder drei Wochen später bin ich auf einen Traumakongress aufmerksam geworden und habe in der Klinik herumgefragt, ob wir uns nicht zusammentun wollen, um den Zugang für diesen Kongress zu kaufen. Das hat Erik mitbekommen und fand die Idee gut. Er fragte, ob wir uns für einen fachlichen Austausch auf einen Spaziergang treffen wollen?

Da dachte ich immer noch, dass er ein rein fachliches Interesse an mir hat. Ich habe mich gefragt, was ich dem Chefarzt bieten kann. Für mich stand fest: Wenn ich zusage, dann möchte ich auf Augenhöhe mit ihm sein. Ich wollte nicht als Groupie, sondern als Person wahrgenommen werden.

Während des Spaziergangs durch den Kurgarten rund um die Klinik hat er mich zum Beispiel gefragt, was ich verändern würde, wenn ich für drei Wochen Chefärztin wäre. Total anstrengend! Ich habe mich natürlich bemüht, etwas Schlaues zu sagen, und mich gefragt, ob ihm das gefällt. Gegen Ende des Gesprächs setzten wir uns in die Sonne und sprachen über unsere Vergangenheit. Ich erzählte ihm, dass ich in der DDR geboren wurde und als Kind Pionier war. Er erzählte mir, dass er in Düsseldorf zur Welt gekommen war und seine Ferien immer wieder in der DDR im Pionierlager verbracht hatte. Das private Gespräch fiel mir leicht. Wir haben uns noch einige Male für Spaziergänge getroffen. Mir war nie klar, wie wir zueinander stehen.


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Für den Traumakongress habe ich einen philosophischen Vortrag ausgesucht, den wir uns gemeinsam als Team am Beamer angesehen haben. Dadurch sind Erik und ich per Mail in einen philosophischen Austausch gekommen. Seine Antworten kamen schnell. Auf der Arbeit schrieb er mir am Tag mindestens zehn Mails. Er hat mir zum Beispiel die Kernthesen der französischen Philosophenschule geschickt. Daraufhin habe ich mir Podcasts von französischen Philosophen über Freiheit, Macht und Ohnmacht angehört. Dazu habe ich ihm meine Gedanken geschrieben. Die hat er dann weitergesponnen oder mir ein Gedicht als Antwort geschickt.

„Scheiße. Jetzt ist es kein Spiel mehr“

Donnerstags bin ich nicht im Haus, weil ich nebenberuflich in meiner Privatpraxis arbeite. Wenn ich freitags zur Arbeit kam, habe ich gesehen, dass er mir am Donnerstag auch schon drei Mails geschrieben hatte. Da habe ich gemerkt: Hier passiert was. An einem Wochenende gab ich selbst eine Fortbildung in München. Zurück im Hotel haben mir seine E-Mails gefehlt, weil ich privat nicht auf meine Arbeitsadresse zugreifen kann. Ich erinnere mich noch, dass ich dachte: „Scheiße. Jetzt ist es kein Spiel mehr.“

Davor war es schön und ungefährlich gewesen. Das hatte ich genossen. Aber plötzlich waren da Gefühle. Es war das erste Mal, dass ich wieder Gefühle für einen Mann hatte, nachdem mein Ex-Mann mich vor einigen Jahren für eine andere Frau verlassen hatte.

Als ich montags wieder bei der Arbeit war, sah ich, dass er mir am Wochenende weitere Nachrichten geschrieben hatte. Wir fingen an, uns Lieder zu schicken. Das erste Lied, das ich ihm geschickt habe, war „Simply Falling“ von Iyeoka. Er hat mir einen Folksong geschickt. Dann kamen die Gedichte. Ich habe ihm meine private Mailadresse gegeben, damit wir auch nach Feierabend in Kontakt bleiben konnten.

Plötzlich war mir klar, dass es Liebe ist

Am Vormittag, nachdem er mir die Verse von Else Lasker-Schüler geschickt hatte, kam er zu mir ins Büro und setzte sich neben mich. Wir saßen beide mit dem Kopf an die Wand gelehnt. Durch die E-Mails, die wir uns nachts schrieben, waren wir uns zwar nah. Aber es war trotzdem erst einmal komisch, als wir in meinem Büro beieinandersaßen. Irgendwann legte er leicht seinen Arm um mich und fing an, ein französisches Schlaflied zu singen. Damit ich in der kommenden Nacht besser schlafen könne, sagte er.

Da war mir klar, dass es Liebe ist. Das fühlte sich richtig an. Aber auch befremdlich, weil er ja immer noch mein Chef war.

Einige Tage später sind wir noch mal spazieren gegangen. Als wir zurück in unsere Büros liefen, blieb er im Treppenhaus auf einer Zwischentreppe stehen. Er druckste herum und fragte, ob wir uns auch mal außerhalb der Arbeit sehen wollen. In diesem Moment wirkte er nicht mehr wie mein Chef, sondern wie ein unsicherer Mann, der seinen Mut zusammennehmen musste.

Vor der Verabredung schrieb er mir, dass er einen kleinen Sohn hat und dass seine Ex-Partnerin aus Süd- nach Norddeutschland ziehen möchte. Das hat mich überrascht. Ich dachte, er sei ungebunden. Ich fragte ihn, wie lange seine Trennung schon her sei: fünf Wochen.

Bislang war es für mich ein Rausch an Verliebtheit gewesen, plötzlich mischten sich Probleme ein. Und mir wurde klar, dass das mit uns nicht so leicht werden würde.

Ich hatte das Gefühl, in ein Klischee einzutauchen

Für ihn war die Trennung klar, für sie nicht. Seine Ex-Partnerin tauchte sogar einmal in der Klinik auf, nachdem sie intime Chats von ihm und mir gelesen hatte. Während einer Teamsitzung wartete sie vor dem Besprechungsraum und wollte mit mir reden. Meine Kolleg:innen bekamen alles mit, es war so peinlich und beängstigend! Aber ich sagte ihnen nur, dass da die Ex-Frau jenes Mannes stünde, in den ich verliebt sei. Dass es die Ex-Partnerin von unserem Chef war, verschwieg ich. Sie und ich verabredeten uns dann für später. Sie warf mir vor, ihre Familie zu zerstören.

Am Anfang trafen Erik und ich uns heimlich in meinem Büro. Wir hatten auch mal Sex in meinem Büro, weil wir uns am Anfang nirgendwo anders treffen konnten. Er wohnte noch mit seiner Ex-Partnerin zusammen und wollte sie nicht verletzen. Ich hatte das Gefühl, in ein Klischee einzutauchen. Beim Sex mit ihm dachte ich mir oft: „Ich schlafe mit meinem Chef. Ich hätte nicht gedacht, dass das mal passieren würde.“ Dabei war es kein Klischee.

Nach zwei Monaten sagte er, dass er sich nicht mehr mit mir verstecken möchte. Er wollte der Leitungsrunde der Oberärzte sagen, dass wir ein Paar sind. Das wollte ich zuerst nicht, weil unsere Beziehung durch seine Trennung schon so kompliziert war und weil wir natürlich auch das Klischee bedienten, der Chef hat was mit seiner Angestellten. Als ich dann einwilligte, sagte er es den Oberärzten. Ich fand es schön, dass er zu mir stehen wollte und das auch tat. Es zeigte, dass er es ernst meint.

Daraufhin hat mich mein direkter Chef in einem Supervisionsgespräch darauf angesprochen. Er meinte, dass es ihn ja nichts angehe, aber er habe sich schon gewundert, dass wir ein Paar sind. Insgesamt war er verständnisvoll. Seine Frau ist auch Oberärztin bei uns in der Klinik und er sagte dann, dass er aus eigener Erfahrung weiß, dass Beziehungen auf der Arbeit gut funktionieren können. Er habe kein Problem damit und überließ mir die Entscheidung, ob ich es dem Team sagen möchte.

Mir wurde bewusst, dass ich als Freundin des Chefs Einfluss habe

Nachdem die Wohnung von Erik und seiner Ex-Frau endlich aufgelöst war, bin ich zu einzelnen Kollegen aus meinem Team gegangen und habe ihnen gesagt, dass ich mit dem Chef zusammen bin. Dass mein Privatleben Gegenstand einer Teamsitzung ist, hätte ich schräg gefunden. Die Musiktherapeutin meinte: „Ach, das habe ich mir schon gedacht.“ Und die Körpertherapeutin: „Das ist aber eine Überraschung! Freut mich für euch!“

Probleme auf der Arbeit wegen meiner Beziehung zum Chef gab es erst ein Jahr später. In einem anderen Team auf unserer Station hatten viele Mitarbeiter gekündigt. Eine Kollegin von mir sollte dorthin versetzt werden. Das fand ich blöd und sagte zu Erik, dass es keine gute Herangehensweise sei, jemanden zwangszuversetzen, um ein Team zu stabilisieren. Wieso er keine Mail an alle schreiben würde, damit sich jemand freiwillig melden könne, schlug ich vor.

Zwei Tage später gab es eine Rundmail. Da wurde mir bewusst, dass ich Einfluss habe, weil mein Freund der Chef ist. Erst einmal positiv, wie ich fand. Für mich war aber klar, dass ich diese Macht nicht missbrauchen möchte. Schließlich hatte ich mich selbst als Freiwillige gemeldet, um junge Kollegen anzuleiten.

In diesem Team merkte ich schnell, dass die Instabilität von schlechter Führung kommt. Die Chefin und Oberärztin war zu autoritär, kontrollierte zu viel. Das passte nicht zum Stil des Krankenhauses. Meinen Frust wollte ich nicht bei Erik ablassen, weil er gleichzeitig der Chefarzt ist. Ich versuchte, Probleme mit der Oberärztin selbst zu klären. Das klappte nicht. Ich sagte dann zu einem Oberarzt aus der Leitung, dass ich wieder versetzt werden möchte. Ab diesem Zeitpunkt sprach ich auch offen mit Erik über meine Erfahrungen dort. Die Oberärztin aus diesem Team wurde aus ihrer Führungsposition entfernt.

Am liebsten hätte ich sofort gekündigt

Zurück im alten Team war ich besorgt, dass die anderen Mitarbeiter lästern würden. Mein direkter Vorgesetzter, der Oberarzt, meinte dann auch, dass es Misstrauen aus der Leitungsrunde und unter den Mitarbeitern gegen mich gäbe. Theoretisch könne ich interne Dinge aus meinem Team an den Chef herantragen. Einfach, weil ich seine Freundin bin.

Diese Anschuldigung hat mich sehr verunsichert. Als erste Reaktion hätte ich am liebsten sofort gekündigt, damit ich mich mit solchen Vorwürfen nicht mehr beschäftigen muss.

Ein paar Monate später verkündete Erik dann offiziell vor allen, dass wir ein Paar sind. Zu diesem Zeitpunkt wusste es aber schon jede:r. Erik hatte keine Bedenken wegen unserer Beziehung am Arbeitsplatz. Für ihn war ich die dritte Kollegin, mit der er eine Beziehung hatte. Davor gab es schon eine Tanztherapeutin und eine Kunsttherapeutin.

Im Krankenhaus sind Beziehungen auf der Arbeit normal. Das war mir vertraut. Es liegt ja auch nahe, dass sich Menschen dort verlieben, wo sie zusammenarbeiten. Ganz am Anfang unserer Kennenlernphase hatte ich kurz die Sorge, dass ich für ihn nur eine Nummer sein könnte. Das hat sich schnell gelegt, weil ich gemerkt habe, dass er an mir als Mensch interessiert ist.

Davor habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob ich je eine Beziehung mit meinem Chef anfangen würde. Aber ich habe auch nicht gedacht, dass es mir mal passieren würde. Am Anfang hatte ich vor allem Bedenken wegen des Altersunterschieds. Ich befürchtete, dass die Kolleg:innen mich nur als die zwanzig Jahre jüngere Freundin des Chefs sehen würden. Dieses Schubladendenken musste ich überwinden, denn ich wollte wirklich mit ihm zusammen sein.

Zu Beginn unserer Beziehung hat mir Erik Hilfe angeboten. Er wusste, dass ich auch Privatklienten betreue. Er konnte keine mehr aufnehmen und hat vorgeschlagen, mir Anfragen weiterzuleiten. Oder er wollte meine Webseite anschauen und mir Feedback geben. Da hatte ich ein komisches Gefühl und habe ihm gesagt, dass ich keine Privilegien möchte. Das war mir wichtig, damit es keine Bevorzugung wie im Fall des inzwischen gekündigten Bild-Chefs Julian Reichelt gibt.

Die Hierarchie stört mich nicht. Er hat mehr Verantwortung als ich und es ist verständlich, dass er nicht mit seiner Freundin Kaffee trinken kann, obwohl ein Oberarzt mit einem Problem vor seinem Büro steht. Für ihn und für mich gibt es unterschiedliche Spielregeln.

Er würde seine Position als Chef nicht ausnutzen. Zumindest glaube ich das

Uns trennen auf der Arbeit zwei Stockwerke und ein kleiner Gang. Zwei oder dreimal pro Woche essen wir gemeinsam zu Mittag. Ungefähr genauso oft treffen wir uns für eine kurze Kaffeepause. Wir gehen nicht Händchen haltend durch die Gänge, das wäre schon komisch. Wir haben aber immer kurz Körperkontakt, wenn einer abbiegen muss. Bevor wir uns trennen, streichen wir uns kurz über den Rücken. Oder ich hole mir in seinem Büro einen Kuss ab. Als ich mal aus der Pause bei einer großen Fortbildung zurückkam, lag eine Blume auf meinem Platz.

Bevor ich ihn kennengelernt habe, hatte ich Zweifel, ob es Liebe überhaupt gibt. Die Trennung von meinem Mann hatte mich völlig aus der Bahn geworfen. Nach der Scheidung war ich auf Datingplattformen unterwegs und habe mich mit unterschiedlichen Männern ausgetobt. Das hat mich unglücklich gemacht.

Bevor ich Erik kennengelernt habe, hatte ich die Liebe schon länger aufgegeben. Ich war glücklich und brauchte keinen Mann. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mir nichts mehr fehlte in meinem Leben, dass ich keine Beziehungen mehr einging, nur um nicht allein zu sein. Ich war zufrieden mit meinem Leben – auch ohne romantische Liebe.

Die Psychologin in mir sagt, dass der Mann mir begegnet ist, nachdem ich nicht mehr auf der Suche nach Zweisamkeit war. Ich kenne aber auch viele, denen das selbst dann nicht passiert ist. Für mich ist es ein Wunder. Ob ich manchmal Angst habe, er könnte mich kündigen im Falle einer Trennung? Nein. Er würde seine Position nicht ausnutzen, um mir aus privaten Gründen zu schaden. Zumindest glaube ich das. Ich vertraue ihm.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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