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Warum ETFs nicht nachhaltig sind

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In meinem letzten Newsletter hatte ich euch darüber abstimmen lassen, wie mein neuer Reporterinnen-Titel lauten soll. Kurze Erinnerung, falls du das nach nur einem Monat unerklärlicherweise nicht mehr im Kopf haben solltest: Zur Auswahl standen „Reporterin für eine faire Wirtschaft“, „Reporterin für unsere neue Wirtschaft“ und „Reporterin für Kapital und Arbeit“.

Über meinen Reporterinnen-Namen mithilfe einer Umfrage zu entscheiden, war zuallererst ein Experiment. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass bis heute 484 Menschen an der Umfrage teilgenommen haben! Fast die Hälfte von euch war sich einig und jetzt lautet mein neuer Reporterinnen-Titel (Trommelwirbel):

Reporterin für eine faire Wirtschaft.

Ich bin sehr zufrieden mit dem Namen und hoffe, ihr seid es auch!

Nachdem wir das geklärt haben, kommen wir zu einer ernsten Sache: die Inflation. Ihre Rate liegt aktuell bei 4,5 Prozent – so hoch war sie zuletzt im Herbst 1993. Damals war der Bosnienkrieg noch im Gange und der Kassenschlager „Wetten, dass ...?“ wurde von Wolfgang Lippert moderiert. Ja genau, so lange ist das her! Jetzt ist die Inflation also wieder da. Ökonom:innen streiten noch darüber, ob wir uns darauf einstellen sollten, dass sie langfristig zurück ist oder ob das alles an kurzfristigen Effekten liegt.

Aber so oder so – viele Menschen beobachten besorgt, wie ihr Geld weniger wert wird. Auch diejenigen, die die Pandemie noch nicht dazu gekriegt hat, in Aktien zu investieren, denken deshalb gerade darüber nach, wie sie ihr Geld besser anlegen können – und stoßen nach zwei Mausklicks auf ETFs.

ETF steht kurz für Exchange-Traded Fund, eine spezielle Art von Aktienfonds. Die üblichsten Varianten bilden einfach große Aktienlisten ab, wie etwa den S&P 500 (das ist so etwas wie der amerikanische DAX).

Sie eignen sich super für Einsteiger:innen in die Finanzwelt – und solche, die das auch bleiben und sich nicht weiter mit der Börse beschäftigen wollen. Aber auch echte Profis setzen auf sie. Selbst wenn ihr nie in ETFs investiert habt, hat vielleicht ein Pensionsfonds für euch einen Teil eurer Altersvorsorge dort angelegt. Eine Erkenntnis beschäftigt mich seit meinem Artikel, ob es moralisch vertretbar ist, in Aktien zu investieren: In der Finanzwelt ist zwar inzwischen vieles grün angestrichen, aber nur sehr wenig wirklich nachhaltig. Das gilt insbesondere für ETFs.

Zu diesem Schluss komme ich wegen drei unterschiedlicher Aspekte.

  1. Die Zusammensetzung der meisten selbst ernannten nachhaltigen ETFs: Gerade die ETFs, die Einsteiger:innen normalerweise nutzen, bilden einfach riesige Listen von Unternehmen ab. Für die „nachhaltigen“ Varianten werden dann oft einfach die angeblich nachhaltigsten Unternehmen eines Sektors ausgewählt. Das kann im Zweifel heißen: das etwas sozialere Kohle- oder Öl-Unternehmen. Es werden zwar oft als besonders unethisch oder umweltschädlich geltende Branchen wie der Waffenhandel oder Atomkraft komplett rausgeworfen. In der Folge bleiben dann aber trotzdem Unternehmen wie Coca-Cola, Microsoft und Adidas drin, wie im MSCI Socially Responsible Index. Im DJSI World Enlarged findet sich auch der Konzern Nestlé. Das sind jetzt nicht unbedingt die Firmen, die ich als erstes mit Nachhaltigkeit verbinde.

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  1. Die uneinheitlichen Standards: Geht es in der Finanzwelt um Nachhaltigkeit, sprechen die meisten einfach nur von ESG. Das steht kurz für Environmental, Social und Governance (zu deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Neben Umweltfreundlichkeit gibt es hier also noch zwei andere Ebenen, die zu berücksichtigen sind. Das Problem: Es gibt keine einheitlichen Regeln dafür, wie diese ESG-Kriterien aussehen sollten. Es ist ein bisschen so, als dürfte jeder Bauer selbst entscheiden, ob seine Milch nun Bio ist oder nicht und wie gut er seine Mitarbeiter:innen behandelt. Natürlich steckt hinter vielen vermeintlichen ESG-Standards einfach Greenwashing. Das nervt auch in der Branche viele. Die EU-Kommission ist gerade dabei, einheitliche Standards festzulegen. Bisher gibt es die aber noch nicht.

  2. „Nachhaltige“ ETFs stimmen oft gegen Klimaziele: Theoretisch könnten die Vermögensverwaltungen, die diese „nachhaltigen“ ETFs auflegen, zumindest bei den Generalversammlungen von Adidas oder Nestlé für strengere Umwelt- und Sozialstandards abstimmen. De facto tun sie das aber selten, zeigen Studien.

Was also tun? Wenn es dir sehr wichtig ist, dein Geld nachhaltig anzulegen, gibt es Fonds bei ökologischen oder ethischen Banken, die streng auswählen, in welche Unternehmen sie investieren. Allerdings sind die deutlich teurer als ETFs und bringen ein größeres Risiko mit sich, weil in weniger Firmen investiert wird.

In dem Text, an dem ich gerade arbeite, schaue ich weniger darauf, was du als Einzelne:r tun kannst – sondern darauf, wie sich das Machtgefüge in der Finanzwelt durch ETFs verschoben hat und welche Unternehmen gerade deshalb Regierungschefs zu Reformen bringen können. Mein Beitrag wird in den kommenden zwei bis drei Wochen erscheinen.


Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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