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Was gegen Einsamkeit hilft? Gesetze!

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Warum wir über Einsamkeit sprechen
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Warum wir über Einsamkeit sprechen
Ein Viertel der Europäer:innen fühlt sich regelmäßig einsam. Und es werden immer mehr. Was können wir, aber auch die Politik, für mehr Gemeinschaft tun?

Im Herbst 1902 verfasste ein 26-Jähriger in Paris ein trauriges Gedicht. In der letzten Strophe schrieb er: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Der Autor heißt Rainer Maria Rilke und „Herbsttag“ zählt heute zu den bekanntesten Gedichten der deutschsprachigen Lyrik.

119 Jahre später haben Zoom und Messenger-Apps das Briefeschreiben größtenteils ersetzt. Trotzdem fühlten sich zumindest die vergangenen beiden Winter für viele Menschen genauso an wie für Rilke mit Mitte 20: Wer allein lebte, musste allein spazieren gehen und Kontakte über den Messenger pflegen.

Während der Pandemie hat sich die Zahl der Menschen, die sich einsam fühlen, unter EU-Bürger:innen verdoppelt. In Deutschland gab fast jeder Dritte an, sich einsamer als zuvor zu fühlen. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben uns isoliert, vereinzelt und voneinander abgeschnitten.

Doch schon vor Beginn der Pandemie hielten zwei Drittel Einsamkeit in Deutschland für ein großes Problem, vor allem Menschen über 50. Das liegt nahe. Je älter wir werden, desto weniger Freund:innen haben wir.

Einsamkeit ist aber nicht bloß eine Begleiterscheinung des Alterns. Bei einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research gab 2019 ein Viertel der jungen Deutschen zwischen 18 und 39 Jahren an, sich ständig oder häufig einsam zu fühlen. Mehr als in jeder anderen Altersgruppe.

Man könnte das alles als traurig oder verwunderlich abtun. Aber es zeigt auch: Einsamkeit als kollektives Gefühl nahm lange vor der Pandemie ihren Anfang.

Ein Mann mit einem schmalen Gesicht blickt lächelnd in die Kamera.
Der Wissenschaftler Mazda Adli weiß, dass Einsamkeit sehr konkrete Auswirkungen auf unseren Körper hat: Das Gefühl verursacht Stress – und kann sogar Krankheiten auslösen.

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Was ist Einsamkeit eigentlich?

„Einsamkeit ist eine Form von sozialem Stress“, erklärt der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Sie wirkt ähnlich wie ein Schmerzsignal. Der Grund dafür liegt in der Evolution: Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchten immer schon den Schutz ihrer Gruppe, um zu überleben. Fehlt dieser Schutz, gerate der Körper in Alarmbereitschaft. „Das führt zu körperlichen und psychischen Reaktionen, zum Beispiel zu Veränderungen im Stresshormonsystem“, sagt Adli.


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Es gibt unzählige Situationen im Alltag, in denen wir Stress verspüren: in Vorstellungsgesprächen, vor wichtigen Deadlines oder im Fußballstadion. Das Herz klopft dann, die Gedanken rasen, die Hände schwitzen. Sobald die Aufregung vorbei ist, beruhigt sich der Körper.

Anders ist das bei Menschen, die dauerhaft einsam sind: Körper und Kopf verharren in Alarmbereitschaft. Andauernde Einsamkeit bewirkt häufig eine andauernde Stressreaktion. Das kann unser Immunsystem schwächen – und krank machen.

Die Forschung zeigt: Einsamkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit für Depressionen, Schlaganfälle, Krebs und Demenz. Und kann dazu führen, dass wir früher sterben. Studien zufolge schadet Einsamkeit uns im gleichen Maße wie Alkoholabhängigkeit, ist doppelt so schädlich wie Übergewicht und wirkt sich ähnlich auf unseren Körper aus wie 15 Zigaretten am Tag.

Das belastet auch unser Gesundheitssystem. In Deutschland fehlen Zahlen, doch eine Studie aus den USA zeigt, dass die Folgen sozialer Isolation das dortige Gesundheitssystem jährlich knapp sieben Milliarden Dollar kosten. Laut niederländischen Forscher:innen verursachen Betroffene mindestens 40 Prozent höhere Kosten für die Krankenversicherung.

„Es gibt einen enormen Trend zur Individualisierung in unser Gesellschaft, der nicht ohne Risiko ist“, sagt Adli. Das betreffe uns alle, gelte aber besonders für Menschen die alleine leben. Doch gebe es kaum ein Thema, dass Menschen so schwer über die Lippen komme, wie Einsamkeit. Aus seiner eigenen Arbeit als Psychiater wisse er: „Es ist extrem schambesetzt.“

In Städten sind wir umgeben von Menschen, fühlen uns aber besonders einsam

Karriereleiter, Single, Tinder, kurze Affären: In London schien Bradley das Leben leichter als je zuvor. Bis er sich fühlte, als betrachte er sich und seine Umgebung nur noch durch eine milchige Glasscheibe. Selbst dann, wenn er auf Partys von Menschen umgeben war. „Ich stehe am Rand, das Herz verkrampft, und man hört mich kaum, aber ich blubbere weiter Wörterschaum“, sagt er.

Bradley existiert nicht wirklich, aber sein Empfinden dürfte vielen Stadtbewohner:innen bekannt vorkommen. Er ist einer von sieben fiktiven Charakteren, die in Kae Tempests Gedichtband „Let Them Eat Chaos“ nachts um 4.18 Uhr in London wach liegen und mit Sorgen, Angst und Einsamkeit ringen.

Städte waren schon immer Orte der Schnelllebigkeit, Anonymität und Schroffheit. Menschen in Städten fühlen sich überdurchschnittlich einsam. Die Zahl der Alleinlebenden ist besonders hoch.

Und auch unsere alltäglichen Gewohnheiten könnten ein Grund dafür sein: In der U-Bahn starren wir aufs Handy oder lauschen dem Lieblingspodcast. Fremde lächeln sich weniger zu, wenn sie ein Handy dabeihaben. Essen bestellen wir per App, Nachbar:innen kennen wir oft nicht, den Yoga-Kurs besuchen wir auf Youtube im eigenen Zimmer. Das Versprechen von Sex und Nähe wirkt allgegenwärtig, aber Menschen schlafen weniger miteinander. Und Erhebungen zeigen, dass Stadtbewohner:innen seit den 1990er Jahren immer schneller laufen. Wer Stress verspürt, ist oft weniger freundlich.

Dabei können schon kleine Interaktionen eine große Wirkung haben. In einer Studie untersuchten die Soziologinnen Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn, wie sich flüchtige Interaktionen auf unser Wohlbefinden auswirken. Vor dem Eingang eines beliebten Cafés wiesen sie die Hälfte der Teilnehmer:innen ihres Experiments an, einen kurzen, freundlichen Plausch mit dem Personal zu halten. Die andere Hälfte sollte „unnötige“ Gespräche vermeiden. Das Ergebnis: Diejenigen, die einen kurzen Smalltalk hielten, waren deutlich zufriedener. Selbst kurze Unterhaltungen können also dabei helfen, sich weniger isoliert zu fühlen.

Doch wie realistisch ist das in Zeiten der Ultra-Digitalisierung? 221-mal schauen wir laut einer Studie aus Großbritannien jeden Tag auf unser Handy. 3 Stunden und 15 Minuten verbringen wir täglich am Bildschirm. Das sind 47 komplette Tage pro Jahr. Smartphones und soziale Netzwerke verändern, wie wir anderen Menschen begegnen. Und entgegen dem Versprechen, uns näher zusammenzubringen, können soziale Medien dafür sorgen, dass wir uns einsamer fühlen.

EIne Frau vor einer Betonwand, sie trägt ein rotes Kleid.
Für eine Ökonomin wie Noreena Hertz ist Einsamkeit vielleicht ein unübliches Forschungsfeld. Sie sucht nach ihren Ursachen, auch in Wirtschaft und Politik.

© Marc Nolte

„Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein“, sagt die Ökonomin Noreena Hertz. Sie unterrichtet am University College London. 2020 erschien ihr Buch „Das Zeitalter der Einsamkeit“.

Man könne von Menschen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen, sagt sie. Oder auf eigenen Wunsch alleine sein, ohne das schlimm zu finden. „Wir empfinden Einsamkeit, wenn wir uns mit anderen Menschen verbunden fühlen möchten, dieses Bedürfnis aber nicht erfüllt wird“, sagt sie.

Hertz glaubt, dass unsere Gesellschaft in einer tiefgreifenden Krise steckt. Vor einigen Jahren habe sie in ihren Sprechstunden bemerkt, dass junge Studierende immer häufiger über Einsamkeit klagen. Sie begab sich auf die Suche nach den Ursachen – und kam zu einer überraschenden Schlussfolgerung.

Einsamkeit sei nicht nur die Gemütsverfassung eines Einzelnen, sie beschreibe vielmehr das Empfinden, nicht gehört oder geschätzt zu werden: sowohl von Freund:innen, Familie oder Partner:innen, als auch von Arbeitgeber:innen, Kolleg:innen, Politiker:innen, Mitbürger:innen und gesellschaftlichen Institutionen. Einsamkeit, sagt Hertz, sei ein persönliches –, aber auch ein gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Gefühl. Die Einsamkeitskrise sei eine Krise des gegenseitigen Vertrauens und Zusammenlebens: zwischen Menschen, aber auch zwischen Bürger:innen – und Politik.

Um ihre These zu untermauern, führt Hertz Studien an, die auf den ersten Blick nicht viel mit Einsamkeit zu tun haben: Zwei Drittel aller Menschen, die in einer Demokratie leben, seien der Ansicht, dass ihre Regierung nicht in ihrem Interesse handelt. 85 Prozent aller Angestellten weltweit hätten das Gefühl, keinen Bezug zu ihrem Unternehmen oder ihrer Arbeit zu haben. Und bloß 30 Prozent der US-Amerikaner:innen hielten die Mehrheit ihrer Mitmenschen für vertrauenswürdig. In Hertz’ Verständnis ist das Gefühl des Abgehängtseins von der Politik, des Nicht-Gesehen-Werdens von der Regierung, auch eine Form von Einsamkeit. Wie konnte es so weit kommen?

Das sind die Wurzeln der Einsamkeitskrise

Vor etwa vierzig Jahren setzte sich unter vielen Politiker:innen die Idee durch, der Staat solle sich aus der Wirtschaft möglichst heraushalten. Menschen seien für sich und ihr Wohlergehen selbst verantwortlich.

„Der Neoliberalismus hat nicht nur unsere Wirtschaft, sondern auch unser Selbstbild und die Wahrnehmung unserer Beziehungen und Mitmenschen verändert. Er belohnt Individualismus und Eigennützigkeit und stellt sie über das Gemeinwohl“, sagt Ökonomin Hertz.

Das Prinzip „Jeder gegen Jeden“ bestimme unseren Alltag und isoliere uns voneinander: Wer sich nur um sich selbst kümmere, zeige weniger Interesse an den Problemen anderer.

„Wir sehen uns zunehmend als Konsumenten und nicht als Bürger, als Konkurrenten und nicht als Verbündete, als Nehmer und nicht als Geber“, sagt sie. Das beeinflusse auch die politische Landschaft.

„Wir wissen schon seit einiger Zeit, dass Menschen, die einsam sind, häufiger populistische Politiker wählen“, erklärt Hertz. Natürlich sei der Erfolg von Rechtspopulist:innen nicht allein durch das Gefühl von Einsamkeit zu erklären, sondern auch durch andere Faktoren. Trotzdem dürfe man den Zusammenhang nicht unterschätzen: Wähler:innen von rechtspopulistischen Parteien hätten oft weniger Freund:innen und Menschen, auf die sie sich verlassen können.

In ihrem Buch „Das Zeitalter der Einsamkeit“ führt Hertz verschiedene Studien an, um das zu belegen. So stießen Forscher:innen bereits 1992 auf einen Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und der Wahl der rechtsextremen französischen Partei Front National.

Wissenschaftler:innen aus den Niederlanden kamen zu dem Schluss, dass Menschen mit hohem Vertrauen in Mitbürger:innen und Gesellschaft weniger anfällig für rechte Parteien waren.

Wenn sie Hilfe brauchten – zum Beispiel bei Erziehungsfragen oder Mitfahrgelegenheiten –, sagten Trump-Unterstützer:innen deutlich öfter als Clinton-Wähler:innen, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen würden.

Und eine EU-Studie zeigte, dass Mitglieder von Bürgervereinigungen, Freiwilligengruppen oder Nachbarschaftsverbänden seltener für die Rechtspopulist:innen ihres Landes stimmten als Menschen, die nicht Teil solcher Gemeinschaften sind.

„Aus Untersuchungen an Mäusen wissen wir, dass eine Maus umso aggressiver auf eine neue Maus reagiert, je länger sie allein in einem Käfig gehalten wird. Ähnlich ist es bei Menschen. Nicht jeder einsame Mensch verhält sich so. Aber wenn man einsam ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man die Welt als feindlichen Ort ansieht oder auf andere losgeht“, sagt sie.

Herz glaubt, dass die Einsamkeitskrise deshalb letztlich auch die liberale Demokratie gefährde. „Wenn Menschen sich nicht mehr vertrauen und aufeinander verlassen, sich abgehängt und zurückgelassen von Politik und Gemeinschaft fühlen, birgt das politische Gefahr“, sagt sie.

Denn besonders Rechtspopulist:innen locken einsame Menschen an, indem sie gezielt Angst schüren, Bedrohungsszenarien aufbauen und Zugehörigkeit versprechen. „Sie sprechen das Gefühl an, unsichtbar zu sein, weder gesehen noch gehört zu werden. Sie sprechen die Sprache der Vergessenen. Und sie spielen mit dem Gefühl, dass die Welt ein feindlicher Ort ist und andere eine Bedrohung darstellen“, sagt Hertz.

Folgt man ihren Gedanken, stellt sich eine entscheidende Frage: Was können wir tun, um die Einsamkeitskrise zu lindern? Nach politischen Antworten suchte die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox, die 2016 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde.

Ministerien, Mietobergrenzen, Steuern: Was die Politik gegen die Einsamkeitskrise tun kann

Kurz vor ihrem Tod rief Cox 2016 eine Einsamkeitskommission ins Leben, deren Arbeit zwei Abgeordnete später weiterführten. Als Reaktion auf die Empfehlungen der Gruppe ernannte die damalige Premierministerin Theresa May 2018 die weltweit erste Ministerin für Einsamkeit. Seither fragt die britische Regierung die Bürger:innen regelmäßig, wie einsam sie sich fühlen. Sie verteilt Gelder an NGOs und Initiativen, deren Arbeit Gemeinschaft stiftet. Und sie fördert das sogenannte „Social Prescribing“. Das ist ein Ansatz, bei dem Sozialarbeiter:innen mit Arztpraxen zusammenarbeiten, um einsame Menschen bei der Suche nach Sport- und Freizeitangeboten zu unterstützen. Seit Februar 2021 hat auch Japan einen Einsamkeitsminister. In Deutschland wird immer wieder darüber diskutiert. Ist das die Lösung?

Aus dem Bedürfnis nach Gemeinschaft ist inzwischen ein Wirtschaftszweig entstanden. Coworking-Spaces verkaufen nicht nur einen Schreibtisch und Hafermilch-Latte, sondern auch menschliche Begegnungen am Arbeitsplatz. Und bei dem Startup Rent a Friend könnten wir quasi überall auf der Welt Freund:innen mieten – für Familienfeiern, Abschlussbälle, Kinobesuche oder Spaziergänge. Gemeinschaft ist längst zur Ware geworden. Sie hat ihren Preis. Das bedeutet auch: Wer es sich nicht leisten kann, bleibt ausgeschlossen.

Was fehlt, sind mehr öffentliche Orte, an denen Menschen zusammenkommen können: Parks, Jugendzentren und Bibliotheken. Ökonomin Hertz glaubt, dass der Staat gemeinwohlorientierte Unternehmen steuerlich begünstigen müsse. Und sie betont, wie wichtig Mietobergrenzen sein können. „Steigende Mieten führen dazu, dass Menschen ständig umziehen müssen. Das untergräbt den Zusammenhalt und die Gemeinschaft in Stadtvierteln“, sagt sie.

Egal, ob wir über die Einsamkeit in der Stadt oder auf dem Land, unter Jungen oder Alten sprechen: Letztlich geht es um die Frage, was Regierungen tun können, um Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, Überzeugungen, Hintergründen und sozioökonomischen Gruppen zusammenzubringen, um Dinge gemeinsam zu tun, Probleme gemeinsam zu lösen und geteilte Erfahrungen zu machen. Die kollektive Einsamkeit so zu überwinden, sagt Hertz, sei vielleicht eine der größten Herausforderungen der Gegenwart.


Mitarbeit: Sören Engels, Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Illustration: Sebastian König, Bildredaktion: Till Rimmele

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