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Wo finde ich gute Bücher, abseits von Bestsellerlisten?

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Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, strande ich oft in einer dieser gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen. Seitdem es dort Neon und Spex nicht mehr gibt, kaufe ich mir hin und wieder ein gedrucktes Buch. Öfter als mir lieb ist, lasse ich mich dabei von den roten Aufklebern leiten: Bestseller! Spiegel-Bestseller! Das muss ja ein gutes Buch sein.

Ähnlich geht es KR-Leser Onno. Das Feuilleton einer gewissen überregionalen Zeitung nervte ihn. Die Autor:innen empfehlen vorwiegend männliche Literat:innen – und jammern gleichzeitig über die Benachteiligung von weiblichen. Dabei könnte es so einfach sein: „Jeder kann ungewöhnliche Bücher finden, das ist nicht sonderlich schwierig“, schreibt Onno.

Wo also finden wir Bücher, die unter dem Radar laufen? Und warum sehen die Bestsellerlisten häufig so wenig divers aus? Um das herauszufinden, habe ich die KR-Community gefragt und mit der Literaturagentin Maria Schliesser gesprochen.

Warum ist der Buchmarkt eigentlich so eintönig?

Kulturmärkte sind häufig „Superstarmärkte“. So nennen Soziolog:innen es, wenn eine geringe Zahl Menschen besonders viel Geld verdienen und den Markt mit ihren Aktivitäten dominieren. In Hollywood versammelt sich das Geld zum Beispiel um die sogenannten Blockbuster. Wer Erfolg hat, bekommt Erfolg. Auf dem Buchmarkt manifestiert sich das Prinzip in Bestsellerlisten, die sich an Verkaufszahlen orientieren. Dort landen häufig Bücher von Promis oder Autor:innen, die zuvor schon einen Bestseller geschrieben haben.

Bei der Erhebung variieren die Listen leicht in ihren Methoden. Die wichtigste ist die Spiegel-Bestsellerliste. Wöchentlich werden dafür, im Rahmen einer Kooperation mit dem Marktforschungsunternehmen Media Control, die Verkaufsdaten der Vorwoche für bestimmte Kategorien ausgewertet.

Steht ein Buch darauf, sorgt das für mehr Aufmerksamkeit – und befördert den weiteren Verkauf. So kommt es, dass Verleger:innen, Literaturagent:innen, Autor:innen, Buchhändler:innen sowie Leser:innen bestimmte Perspektiven immer wieder fortschreiben.

Eine Studie untersuchte 2020, wie britische Verleger:innen und Buchhändler:innen sich ihr Publikum vorstellen. Das Ergebnis: weiße, mittelständische, ältere Frauen. Mehrere der Befragten nannten diese sogenannte Persona „Susan“.

Autor:innen, die Erfolg haben wollen, müssen also für diese imaginäre Susan schreiben. Eine Lektorin sagt in der Studie, dass Leser:innen nicht offen dafür seien, wenn ein schwarzer Autor plötzlich einen Schnulzenroman schreibe, anstelle einer Fluchtgeschichte, die womöglich auf Erfahrungen aus der Familie basiere.

Literaturagent:innen können hier ansetzen. Als wichtiges Nadelöhr vermitteln sie zwischen Autor:innen und Verlagen und können so für mehr Vielfalt sorgen.

Das sagt die Literaturagentin

Maria Schliesser betreibt eine solche Literaturagentur. Seit über zehn Jahren vermittelt sie Texte zwischen Autor:innen und Verlagen, von Deutschland nach Russland und umgekehrt.

Es ist Schliessers Job, zu lesen. Zu privatem Lesevergnügen kommt sie da kaum noch. „Nur zu Weihnachten und in den Sommerferien erlaube ich mir das.“ Wenn Schliesser Bücher sucht, die sie wirklich interessieren, sei sie dann „vollkommen lost“.

Gegen Bestsellerlisten hat Schliesser nichts: „Bücher, die es auf die Listen schaffen sind gute Bücher nach den Gesetzen ihres Genres. Sie treffen den Nerv der Zeit und schneiden Themen an, die womöglich schon länger in der Luft liegen.“ Nur seien diese Themen eben oft massentauglich. „Ich kann mich nicht erinnern, dass auf der Spiegel-Bestsellerliste jemals ein russischer Autor war.“ Neben englischsprachigen Autor:innen gäbe es vielleicht ganz selten Französ:innen oder Italiener:innen. Woran liegt das?

Es falle Leser:innen hierzulande möglicherweise auch schwer, sich etwa in die russische Lebensrealität hineinzuversetzen. „Viele wollen sich einfach nur unterhalten lassen. Für den Massenmarkt funktioniert es nicht zu erklären, wie es ist, in der Diktatur zu leben“, sagt Maria Schliesser. Doch viele Leser:innen interessiert es eben trotzdem.


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Auch die Lesegewohnheiten seien verschieden. Bleiben wir mal bei der Nische "Russland". Russische Bücher sind „dicke Schinken“ und können auf einem hohen sprachlichen Niveau unterhalten. Englischsprachige Übersetzungen dagegen seien gut lesbar, im Sachbuchstil, den die Amerikaner:innen groß gemacht haben.

Wer trotzdem Bücher suche, die nicht aus dem Englischen übersetzt sind, könne bei bestimmten Verlagen suchen: Aufbau Verlag, Fischer Verlag oder beim Peter Hammer Verlag für Kinderliteratur. Für Jugendbücher empfiehlt sie, auf den Deutschen Jugendliteraturpreis zu achten, der auch mal ungewöhnlichen Büchern eine Bühne biete. Maria Schliesser hat außerdem den Newsletter von Dekoder abonniert, in dem gelegentlich auch Neuerscheinungen aus Osteuropa und Russland besprochen werden.

Das sagt die Community: Sechs Tipps für frischen Stoff im Bücherregal

Und was sagt das Publikum? Wie haben die KR-Community gefragt: Was sind eure Strategien, um Bücher zu finden, die unter dem Radar laufen? Über 180 Mitglieder haben sich gemeldet. Die Antworten waren so unterschiedlich wie die Lesegewohnheiten.

Hier sind sechs Tipps aus der KR-Community, wie du an neuen Lesestoff kommst:

1. Vertraue den Profis
Susanne schaut am Regal ihrer Buchhandlung, welcher Einband für sie interessant aussieht, Miriam findet hingegen: „Don’t trust a book by its cover.“ Viele machen es wie KR-Leserin Christin: „Ich habe volles Vertrauen in die Empfehlungen meines sehr guten Buchhändlers.“

Damit sind nicht große Ketten gemeint, die Plätze auf Büchertischen an chinesische Staatsunternehmen verkaufen, sondern die kleine Buchhandlung von nebenan. Man müsse sich einfach trauen, die Buchhändler:innen anzusprechen. Für Berlin empfiehlt Linda die Läden „She said“ in Neukölln und „Ocelot“ in Mitte. Ein KR-Mitglied schlägt vor, auch mal den Stapel mit den Mängelexemplaren zu durchforsten.

Auch einen Blick in die Literaturempfehlungen in der ausländischen Presse kann man werfen oder beim Besuch im deutschsprachigen Ausland mal in die Buchhandlung schauen. Dort gebe es immer wieder mal eine Überraschung.

2. Frage dich, was dich wirklich interessiert
Es sei wichtig, sich die eigenen Lesegewohnheiten bewusst zu machen, sagt KR-Leserin Ursula: Was mag ich schon – und wovon will ich mehr? Antonia beschreibt ihrer Buchhändlerin manchmal eine bestimmte Figur oder Konstellation: zum Beispiel einen queeren Roman, in dem niemand stirbt – oder etwas über eine Frauenfreundschaft.

Ein KR-Mitglied empfiehlt das Buchportal The StoryGraph. Dort kann man eigene Lesegewohnheiten tracken und darauf basierend Empfehlungen vorschlagen lassen. Auch wenn einige KR-Leser:innen skeptisch sind: Ariane findet die Empfehlungen bei Amazon, basierend auf Büchern, die sie sich bereits angeschaut hat, häufig gut. Meist kaufe sie dann aber gebraucht.

Ein weiterer Tipp: In der Stadtbücherei die Regalreihen durchforsten. Die sind oft so aufgebaut, dass sich thematisch ähnliche Bücher an einem Ort befinden. KR-Mitglied Stefanie hat ein sehr spezielles Interesse: Urban Fantasy. Ihr Tipp für Spezialwünsche sind Onlinebuchhandlungen, die in der Suche auch Bücher im Eigenverlag angezeigen.

3. Bildet Banden
Stricken oder NFTs: Für alles gibt es im Internet Communitys. Auch für Bücher. Krautreporter sammelt auf Discord neuen Lesestoff. KR-Leserin Michaela ist eher auf Reddit unterwegs. Im Subreddit r/menwritingwomen teilen Nutzer:innen absurde Ausschnitte davon, wie Autoren Frauen charakterisieren. In den Kommentaren fallen manchmal Lesetipps, schreibt Michaela: Zuletzt „A Door into Ocean“ von Joan Slonczewski, ein feministischer Science-Fiction-Roman aus den 1980ern.

Auf Instagram gibt es die Hashtags #bookstagram und #bookstagramgermany, unter denen Leseerfahrungen gesammelt werden. Und für Twitter empfiehlt Tatjana den Account @Buchbeginn. Der sammelt jeweils den ersten Satz empfehlenswerter Bücher.

Auch analoge Gemeinschaften gibt es, beispielsweise Buchclubs. KR-Leserin Roswitha hat in ihrem letzten Lesekreis Jocelyne Sauciers „Ein Leben mehr“ gelesen. KR-Leser Oliver hat seinen eigenen, privaten Buch-Newsletter gegründet: „Ich schreibe im Dezember immer allen meiner Freunden eine Mail, in der ich meine Lieblingsbücher des Jahres aufliste.“ Viele schreiben ihm dann zurück – mit ihren eigenen Listen.

4. Sei immer wachsam
Aufmerksam sein lohnt sich. Als der Freund von KR-Mitglied Christin sie im Urlaub auf ein spontanes Date einlädt, lacht sie ein Titel von der Bücherwand im Restaurant an: „Prolog zur Liebe“ von Taylor Caldwell. „Das hat so gut gepasst, dass ich es kaufen musste, obwohl ich nicht wusste, wovon es handelt“, schreibt sie. Der Roman war ganz anders als Christin es sich vorgestellt hatte, regte sie aber zum Nachdenken an.

Auch im Alltag lassen sich neue Bücher entdecken. KR-Leserin Jule ist Fan von Verschenke-Regalen. Wikipedia listet für jedes Bundesland, Österreich und die Schweiz auf, wo entsprechende öffentlich zugängliche Tauschregale zu finden sind. Jule suche dort nach Autor:innen, die sich sympathisch anhören. Außerdem gebe sie gerne Bücher weiter, die sie bereits gelesen hat und hoffe so, dass das ein oder andere Buch zurückkommt. Zuletzt fand sie auf diesem Weg „Der Mondtrinker“ von Göran Tunström. Ist KR-Leser André bei Freund:innen, schaut er neugierig in deren Bücherregal. Fast immer könne man sich ein spannendes Buch ausleihen.

5. Wähle bewusst
Sven, eins meiner Geschwister, berichtet in der Umfrage von dem Kunstkollektiv „Read-in“, dem xier angehört.

Die Bezeichnung xier ist ein selbstgewähltes Pronomen für Menschen, die gerne geschlechterneutral angesprochen werden wollen.

Das Kollektiv hätte sich gefragt, warum Autor:innen überwiegend weiß, männlich und eurozentrisch seien – und gemeinsam eine Lösung entwickelt: feministische Such-Tools für Literatur. Sven achte auf die Autor:innen – der Inhalt sei deshalb aber nicht egal. Das letzte Buch, das Sven entdeckt hat, war „Pleasure Activism“ von Adrienne Maree Brown.

KR-Leserin Ariane schreibt, dass sie gern Bücher von Autor:innen marginalisierter Gruppen liest, um in deren Blasen einzutauchen. Ein KR-Mitglied hat sich eine Regel überlegt: „Möglichst jedes zehnte Buch sollte eines sein, das ich von allein nicht gewählt hätte.“

6. Bleibe auf dem Laufenden
Im vergangenen Jahr allein erschienen 70.000 Buchtitel. Niemand kann die ernsthaft alle durchsehen. Zum Glück versuchen Kurator:innen, dem Bücherchaos Herr zu werden.

Bei Radio Cosmo werden jeden Donnerstag Bücher vorgestellt. Die Community empfiehlt auch die Sendungen Lesart auf Deutschlandradio Kultur, Thadeusz im WDR2 und die Literaturagenten auf Radio Eins.

Viele KR-Mitglieder vertrauen den Feuilletons großer Medien, wie den Sendungen Büchermarkt und Andruck im Deutschlandfunk oder den speziellen Literaturnewslettern von Zeit Online und FAZ.

Im Internet stöbern KR-Leser:innen in Onlinefeuilletons wie 54books, Perlentaucher und Lovelybooks. Für englischsprachige Bücher empfiehlt KR-Leserin Jella den Blog Largehearted Boy und Nils die zwei Buchpodcasts Mein Freund der Baum und Kapitel Eins.

Einige KR-Mitglieder abonnieren Verlagsnewsletter und wissen so immer früh von Neuerscheinungen oder sichten den Katalog der unabhängigen Verlage.

KR-Leserin Miriam findet, dass in der App Goodreads Bücher vorgeschlagen werden, die man in Deutschland nicht auf dem Radar hat. Ein KR-Mitglied nutzt die App Blinkist, in der man Sachbücher als fünfzehnminütige Zusammenfassung hören kann. Ist er überzeugt, lese er meist das ganze Buch.

Jede Menge Orte also, um auf die Suche nach neuen Büchern zu gehen – ganz ohne auf den roten Bestseller-Aufkleber zu achten. Besonders inspiriert hat mich die Antwort von KR-Leser Christian: Er nutzt die Frage nach Buchempfehlungen, um Menschen besser kennenzulernen, ob im Vorstellungsgespräch oder auf Reisen. Vielleicht spreche ich bei meiner nächsten Verspätung im Zug mal die Person neben mir an: Was liest du gerade?


Lieben Dank an alle KR-Leser:innen, die sich beteiligt haben: Aki, Sarah, Melanie, Susanne, Sven, Sandra, Irene, Lisa, Horst-Walter, Ulla, Emma, Timo, Sabine, Ulf, Claudia, Michaela, Pia, Marcel, Klaus, Ursula, Philipp, Lea, Barbara, Markus, Elga, Ana, Cora, Miriam, Caro, Marianne, Julia, Michael, Astrid, Helle, Jennifer, Peter, Kristin, Maja, Sabrina, Nadine, Joachim, Flavio, Christian, Tatjana, Eva, Jens, Carmen, Jan, Nadine, Alex, Antonia, Sabine, Jella, Gabriela, Annette, Hans-Peter, Andrea, Linda, Sophia, Marina, Gabriele, Roswitha, Bianca, Nicole, Silvia, Conny, Andy, Jakob, Axel, Detlef, Anne, Helene, Susanna, Sylvia, Daniel, Christian, Juliane, Berthold, Vera, Anna, Michaela, Katarina, Dietmar, silke, Stefanie, Jule, Karin, Natalie, Angela, Dija, Diana, Sabine, Volkmar, Simone Ines, Frank, Johanna, Peter, Ute, Tanja, Oliver, Klara, Dana, Oliver, Jutta, Ariane, Kristin, Mario, Michaela, holger, Isabell, Kate, Birgit, Anja, Detlef, Mort, Heike, Irina, Petra, André, Julia, Naomi, Claudia, Renate, Katja, Heike, Julia, Mareike, Heiko, Catriona, Nina, Nicole, Carola, Sörte, Nils, Kolja, Lena, Ul, Cora, Julia, Daniel, Annette, Johanna, Sabine, Nora, Guido, Marcel, Christoph, Ulla, Wolfgang, Cona, Karolin, Dietmar, Jele, Torben, Gerhard, Ina, Isabel, Johannes, Sarina, Andrea, Walburga, Fran, Astrid, Magnus, Andreas, Christian, Ute, Miriam und an Onno, der Anstoß gegeben hat sich mit der Frage zu beschäftigen.


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Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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