© Youngkyu Park/ Netflix

Deswegen ist Squid Game die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten

Autorinnen des Artikels
etwa 7 Min. Lesedauer

Squid Game ist alles andere als ein zuckersüßes koreanisches Fernsehdrama – es ist eine bissige Sozialkritik. In neun Episoden nehmen verzweifelte, tief verschuldete Menschen an einem Spiel um die Hoffnung auf ein besseres, reicheres Leben teil. Was die Spielenden anfangs nicht wissen: Alle Verlierer:innen werden sterben. Nur ein einziger Gewinner erhält 46,5 Milliarden südkoreanische Won – rund 33,5 Millionen Euro.

Obwohl die Serie brutal ist, nicht nur im körperlichen Sinne, sondern auch emotional, hat sie das Publikum weltweit gefesselt. Laut Forbes-Magazin war sie Anfang Oktober in mindestens 90 Ländern gleichzeitig die Top-Show auf Netflix. Mitte Oktober verkündete der Streamingdienst, Squid Game sei die erfolgreichste Serie der Firmengeschichte. 111 Millionen Accounts weltweit haben sie gestreamt. Aber warum?

Das „Squid Game“ ist eigentlich ein Spiel, das von koreanischen Schulkindern gespielt wird. Die Kinder zeichnen dafür eine tintenfischförmigen Fläche auf den Boden, etwa auf dem Schulhof, und beginnen um sie zu kämpfen. Sowohl Angreifer:innen als auch Verteidiger:innen müssen sich dagegen wehren, aus dem Spielfeld gedrängt zu werden. Wer doch hinausgeschoben wird, nun ja – „stirbt“.

Spiele dieser Art – auf deutschen Schulhöfen etwa ist es eher Völkerball – sind häufig Metaphern für Lebenserfahrungen. Sie imitieren Besitzkämpfe oder haben das Ziel, eine Person in eine Kontrollposition zu bringen, aus der sie die anderen Spielenden im Griff hat. Die Spiele erzählen so von sozialen Ambitionen und eingeschränkten Aufstiegschancen.

Szene aus der Serie: Ein Kind reißt die Arme zur Siegespose nach oben, im Spiel mit anderen Kindern, welche dahinter stehen.
Squid Game: Eigentlich ist es ein Kinderspiel.

© Youngkyu Park/ Netflix

In der ersten Folge Squid Game wird ein Überlebensspiel gespielt: Rotes Licht, Grünes Licht, in Korea auch als „Hibiskusblüten haben geblüht“ bekannt. Die Spieler:innen können gewinnen, indem sie nach vorne kriechen, während die Wächter ihnen den Rücken zudrehen. Werden sie dabei jedoch gesehen, werden sie „eliminiert“. Ein Kinderspiel also, nur für Erwachsene und bestialisch brutal. Die Serie schafft so eine erschreckend wirkungsvolle Metapher für sozioökonomische Ungleichheit und Kapitalismus.

Fernsehdramen zeigen Südkorea häufig als eine zutiefst ungleiche und gewalttätige Gesellschaft. Und tatsächlich hat die traumatische Nationalgeschichte im 20. Jahrhundert – die japanische Kolonialisierung, der Koreakrieg, fast 40 Jahre Militärdiktatur und Finanzkrisen – tiefe Narben in der Gesellschaft hinterlassen.

Die sozialen Auswirkungen dieser Zeit haben jüngst Stoff für mehrere Serien und Filme geboten. Bong Joon-Hos Oscar-prämierter Film Parasite (2019) thematisierte sie ebenso wie die Filme Burning (2018), Veteran (2015) und Insiders (2015). Eine ungleiche Gesellschaft ist fester Bestandteil von „Aschenputtel“-Geschichten, in denen Protagonist:innen in die Armut getrieben und von Reichen und Mächtigen missbraucht werden, bis sie ihren Platz wiedererlangen.

Diese Geschichten sind deshalb so fesselnd, weil sie wahr sind

Die Verschuldung privater Haushalte in Südkorea ist in den letzten Jahren auf über 100 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts gestiegen – der höchste Wert in ganz Asien. Die zwanzig reichsten Menschen des Landes verfügen über ein 166-mal höheres Nettovermögen als die unteren zwanzig Prozent, eine Schere, die sich seit 2017 um die Hälfte erhöht hat. Während private Schulden und Zinsen steigen, sinken die Einkommen. Das hat die prekäre Lage vor allem für diejenigen verschärft, die ohnehin nicht über Ressourcen verfügen, die sie bei einer Entlassung oder einem Krankheitsfall in der Familie absichern würden.

Der Gini-Index, der die nationale Vermögensverteilung misst, stellt Südkorea auf eine Stufe mit Großbritannien. Doch die Jugendarbeitslosigkeit wächst, die Immobilienpreise steigen. Während die Ungleichheit in den vergangenen Jahren unter unter der progressiven Regierung Moon Jae-in zurückgegangen war, steigt sie seit der Pandemie wieder an.

Squid Game zeigt diese sozioökonomischen Unterschiede durch die herzergreifenden Geschichten der Spieler:innen. Sie wirken menschlich und unglaublich nah. Da ist etwa der Protagonist Gi-hun (Lee Jung-jae), er wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen, hat Spielschulden angehäuft, kann sich die lebensrettende Operation für seine Mutter nicht leisten und versucht, seine finanziellen Probleme mit Krediten bei Kredithaien zu lösen. Die Zinssätze sind jedoch erpresserisch und Kreditnehmer wie Gi-hin rutschen durch ihre wachsenden Schulden in eine Form der modernen Sklaverei ab. Tatsächliche Sklaverei wird in Squid Game auch dargestellt, etwa die Ausbeutung nordkoreanischer Flüchtlinge und südasiatischer Wanderarbeiter:innen.

Die Spieler:innen werden also aus kapitalistischen Gründen zum Spiel gezwungen – ihr Kampf ums wirtschaftliche Überleben wird zum Kampf um ihr tatsächliches Überleben. Wann immer die Squid Game-Teilnehmer:innen es wagen, an dem gewalttätigen Spiel zu zweifeln, werden sie von den Wächter:innen gewarnt: Ihr seid arm, ihr seid verschuldet! Außerhalb dieses Spieles wird es euch noch schlechter gehen.


Mehr zum Thema:


In Südkorea verschulden sich viele Familien, etwa um ihre Wohnung und die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen zu können. Insbesondere die Mittelschicht will ihren Kindern den Zugang zu einer begehrten Universität sichern. Im August kündigte die südkoreanische Regierung neue Kreditbeschränkungen an, die helfen sollen, die Schulden junger Menschen abzubauen. Millennials und Menschen in den Dreißigern sind im Verhältnis zu ihrem Einkommen am stärksten verschuldet.

Aber Versuche, das Geschäft mit den Krediten einzudämmen, hatten in der Vergangenheit zum Gegenteil geführt. Die Südkoreaner:innen wandten sich an Kreditgeber mit höheren Kosten und höherem Risiko. Änderte sich das Einkommen der Kreditnehmer:innen auch nur geringfügig und verzögerte sich die Rückzahlung, waren sie schnell Inkassounternehmen ausgeliefert.

Natürlich landen die Betroffenen nicht – wie in Squid Game – direkt in den Händen von Gangstern, die drohen, ihre Organe zu verkaufen. Doch die überwältigende Last der Schulden ist ein zunehmendes soziales Problem in Südkorea.

Die Geschichte von Aufstieg und Fall ist nicht nur für Südkorea typisch – sondern für die ganze kapitalistisch geprägte Welt

Die Charaktere in Squid Game, ihre Probleme und wie sie daran verzweifeln, spiegeln auf brutale und doch spielerische Weise wider, wie es vielen Menschen derzeit wirklich geht. Volkswirtschaften wie Südkorea, aber auch die USA oder Deutschland, stehen vor wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch die anhaltende Pandemie noch verschärft werden.

Squid Game erinnert mit jeder Episode brutal daran, dass nur der Stärkste gewinnen kann. Wer Erfolg hat, hat ihn auf Kosten derer, die aufgrund ihrer Schwächen, Diskriminierung, schlechtem Urteilsvermögen oder einfach nur aus Pech versagt haben.

Die Nähe zu den Protagonist:innen und die nachvollziehbare Kritik am Kapitalismus – das sind wohl die ausschlaggebendsten Gründe für den Erfolg der Serie. Doch es gibt noch weitere Erfolgsfaktoren.

Einer von ihnen ist das Format. Denn Squid Game ist eigentlich keine klassische Serie, sondern eine Gameshow. Die ganze Welt liebt es, Quizshows zu gucken, in denen die Spieler:innen hoffen, ein Vermögen zu machen. Die Zuschauer:innen hoffen mit ihnen. Nicht umsonst wird in dem Moment, in dem die Teilnehmenden des Squid Games am ersten Morgen in einem riesigen Schlafsaal aufwachen, Haydns triumphales Trompetenkonzert eingespielt: Es ist die Musik des beliebten koreanischen Quizspiels Janghak Quiz, das von 1973 bis 1996 im südkoreanischen Fernsehen gezeigt wurde.

Das Niveau der Gewalt in Squid Game kennen wir zwar aus westlichen Kinoproduktionen, in koreanischen Fernsehdramen ist es aber selten. Die Serie ist geprägt von schwarzem Humor, ja sogar Schadenfreude. Und Squid Game ist eine außergewöhnlich hochwertige Produktion: Die Bilder sind stark, der Spannungsaufbau effektiv. So erreicht die Serie auch diejenigen, die mit dem Begriff „Kapitalismuskritik“ sonst nichts anfangen können.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Wann kommt Staffel zwei? Eine Antwort darauf gibt es noch nicht, aber Hwang Dong-hyuk, Regisseur von Squid Game, wird sicher nicht mehr so lange warten müssen, wie bei der ersten Staffel. Ganze zwölf Jahre dauerte es, bis er die finanzielle Förderung für das Drehbuch zusammen hatte.


Dieser Artikel ist zuerst auf Englisch bei The Conversation erschienen. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.

The Conversation

Redaktion: Lisa McMinn und Thembi Wolf, Schlussredaktion: Bent Freiwald, Fotoredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

Prompt headline