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Ding des Monats, Folge 5

Schafft den Schulranzen ab!

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Das Ding des Monats
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Das Ding des Monats
Manchmal verraten der Overheadprojektor und die Freibadpommes mehr über die großen Zusammenhänge unserer Zeit als die lange Analyse. Diesen Dingen widmen wir diese Serie.

Diesen Sommer kam Sandra in Erklärungsnot. „250 Euro?“, fragte ihr amerikanischer Lebenspartner, „wir geben 250 Euro aus für einen ... Rucksack?“

Die deutsche Tradition knallbunter Schulranzen gibt es in den USA nicht. Sie ist typisch deutsch. So richtig erklären konnte KR-Mitglied Sandra sich das nicht. Sie schreibt: „Ich habe das nie in Frage gestellt.“

Vielen Eltern in Deutschland geht es ähnlich. Seit Jahrzehnten stehen sie vor der Entscheidung, welcher Schulranzen (nur der beste!) es denn sein darf für das eigene Kind. Allein zum Schuljahr 2020/2021 wurden in Deutschland 752.700 Kinder eingeschult. 752.700-mal klingelte es in den Kassen deutscher Schulranzenhersteller. Und das nicht zu knapp.

Dabei ist so ziemlich alles an Schulranzen, Tornistern, Schulmappen, Schulpacks, Schulsäcken, Schultaschen, Schultheken, Büchertaschen, Ranzel, Ränzeln – oder wie auch immer man den Kinderrucksack nennen mag – problematisch. So problematisch, dass man ihn eigentlich abschaffen müsste. Der Schulranzen aber hat einen mächtigen Verteidiger.

Ich packe meinen Schulranzen und nehme mit: Kapitalismus im Endstadium

Fangen wir vorne an: beim Ranzenkauf. Er ist so etwas wie die Einführung der Kinder in die unendliche Welt der Marken. Bei Schulranzen heißen die unter anderem: Scout, McNeill, Scooli, Tatonka und – nicht zu vergessen – Ergobag (dazu später mehr, das wird pikant).

Bis in die 1960er Jahre ähnelten Schulranzen noch Tornistern des 19. Jahrhunderts. Der Tornister ist eine vorwiegend im Militär übliche Rucksackform, bei der eine Kalbfell- oder Segeltuchbespannung über einen rechteckigen Holz- oder Kunststoffrahmen genäht wird.

Warum auch immer man dachte, das sei genau das richtige Vorbild für Kinderrucksäcke.

Seitdem ist viel passiert. Schulranzen sind heute Hightech-Produkte mit wahnsinnig ausgefeilter Ergonomie, total bunten Reflektoren, irrsinnig hochwertigen Materialien, kinderhandgerechten Verschlüssen. Es gibt „Ranzensysteme“ (ja: Systeme!) mit einer integrierten Luftpumpe, damit das Polster an die Krümmung der Wirbelsäule angepasst werden kann. Es laufen mehrere Pilotprojekte, in Wolfsburg und Ludwigsburg zum Beispiel, bei denen Ranzen mit GPS-Sendern ausgestattet werden, die mit Autos kommunizieren, um Unfälle zu vermeiden. Das kostet.

Damit die Hersteller nicht nur bei der Einschulung an ihnen verdienen, haben sie sich etwas Cleveres überlegt. Zusätzlich zum Ranzen gibt es kleine Patches oder auch Kletties: Einhörner, Blumen, Drachen, Autos, Prinzessinnen, die sich die Kinder an ihrem Ranzen befestigen können. Auch im Motiv ihrer Lieblingsserien: Prinzessin Lillifee, Conni, Feuerwehrmann Sam.

KR-Mitglied Stephanie erzählt von ihrem Beratungsgespräch: „Frage der Verkäuferin: Ist ihr Kind ein Buskind? Ich: Nein, warum? Verkäuferin: Diese Marke hat nur Magnetpatches, die halten nicht so gut und gehen im Bus manchmal ab. Ergobag hat Klettpatches. Die sind bombenfest!“

Um noch mehr Schulranzen zu verkaufen, gibt es sogenannte Ranzenpartys. Das sind vom Händler vor Ort organisierte Familienevents mit Kinderschminken, Sport und Musik. Standort dieser Partys sind oftmals – sehr praktisch – Autohäuser. Dann steht der zu große, zu teure, zu schwere Ranzen neben dem zu großen, zu teuren, zu schweren SUV.

Ein Screenshot einer Webseite eines Schulranzenpartyanbieters. Ein Kind schreit glücklich in die Kamera.
Woohoo! Auf zur Schulranzenparty!

Screenshot: © Bent Freiwald

KR-Leser Carsten fällt auf: „Die Preise laufen deutlich aus dem Ruder für diese Dinger. Die Unternehmen denken sich wahrscheinlich: ‚Ist doch toll, wenn die Deppen das bezahlen‘ und sprechen sich womöglich illegalerweise auch noch ab.“

Was ist denn mit Carsten los? Aber er hat recht. Sie sprechen sich ab.

Ich packe meinen Ranzen und nehme mit: das Bundeskartellamt

Das Bundeskartellamt hat im August eine Strafe von zwei Millionen Euro gegen die Fond Of GmbH verhängt. Eltern, die in den vergangenen Jahren einen Ranzen gekauft haben, müssen jetzt stark sein: Fond Of ist die Firma, die hinter den so beliebten Ergobags steht.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, sagt: „Das Unternehmen Fond Of hat über Jahre hinweg Mindestpreise für seine Schulrucksäcke und -taschen vorgegeben und dafür gesorgt, dass die beteiligten Händler diese Preise nicht unterschreiten.“

Haben Händler die Ranzen für weniger Geld verkauft, als die „unverbindliche Preisempfehlung“ von Fond Of vorsah, folgte ein Anruf, Konsequenzen wurden angedroht, regelmäßig die Einhaltung der Preisempfehlung kontrolliert, die wohl doch nicht so unverbindlich war.

Mundt sagt: „Gerade bei Schulrucksäcken und Schultaschen ist die Zahlungsbereitschaft der Eltern zum Schutz der Kinder relativ groß. Hier noch zusätzlich eine Preisbindung durchzusetzen, ist in keiner Weise akzeptabel.“

Recht hat er. Nur, wovor wollen Eltern ihre Kinder da eigentlich schützen beim Kauf eines teuren Modells?

Ich packe meinen Ranzen und nehme mit: Rückenprobleme

In erster Linie: vor Rückenschmerzen. Jedes Schulfach hat sein eigenes Buch (mindestens), seine eigenen Hefter und Hefte, Federtasche, Mäppchen, Brotdose, Trinkflasche, Sportsachen, das will alles getragen werden. Wenn der Vater nach seinem zweiten Hexenschuss für sein Kind die Wahl hat zwischen einem ollen Rucksack und einem Hightech-Rückenwohlfühl-Vollprogramm, fällt die Entscheidung nicht schwer. Vielleicht wäre es nie zu den Hexenschüssen gekommen – hätte er als Kind einen besseren Schulranzen gehabt.

Schwerer als zehn Prozent des Körpergewichts sollte ein Ranzen nicht sein. Fast 100 Jahre galt diese Faustregel. Schulen, Ärzt:innen und Krankenkassen machten immer wieder darauf aufmerksam. Nur, warum es genau zehn Prozent sein sollten, das wusste eigentlich niemand. Eine Studie, die diesen Wert empfiehlt, gab es jedenfalls nie. Eine, die etwas anderes herausgefunden hat, aber schon.


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Laut der Studie „Kidcheck“ an der Universität des Saarlandes unter Leitung des Humanbiologen Oliver Ludwig belastet der Schulranzen die Kinder kaum. Schlimmer sei stundenlanges Sitzen auf falschen Stühlen und Bewegungsmangel. „Der beste Stuhl ist der, auf dem du nicht sitzt“, sagt er. Erst ab einem Rucksackgewicht von 30 Prozent des Körpergewichts hat der Ranzen Einfluss auf die Rückenmuskulatur, stellten die Forscher:innen fest.

Ich packe meinen Ranzen und nehme mit: veraltete Rollenklischees

Vielleicht ist der Einfluss des Schulranzens auf den Rücken der Kinder also überschätzt. Unterschätzt hingegen ist, wie früh wir schon durch den Kauf des Ranzens Kinder in Rollenklischees drängen. Das hat Tradition!

Das kann man bei Wikipedia nachlesen: „Beim traditionellen Schulranzen aus Leder oder Leinen hatte der Schulranzen für Jungen eine lange Klappe, der für Mädchen hingegen eine kurze.“

Bei den Jungs gab es Riemchen, bei den Mädchen kreuzende Riemen.
Die traditionsreiche Trennung nach Geschlecht hat sich bis heute gehalten. KR-Leserin Kirstin sagt: „Ich fand die Auswahl enttäuschend: rosa, lila, Einhorn-Glitzer für Mädchen. Für Jungs möglichst düster oder in Tarnfarben mit gruseligen Dinos oder Actionhelden.“ Selbst auf dem grünen Ranzen habe offenbar noch ein Fußball für Klarheit sorgen müssen.

Ich packe meinen Ranzen und nehme mit: die verpasste Digitalisierung

Man könnte sich die 250 Euro, den mühsamen Tanz zwischen Drachen und Prinzessinnen und diesen Artikel eigentlich sparen, wäre der deutsche Staat seinen Aufgaben in den vergangenen Jahrzehnten etwas besser nachgekommen. Denn dass Eltern so viel Geld für Schulranzen ausgeben, ist gleich dreifaches Staatsversagen.

Man bräuchte keine teuren Rucksäcke, wenn es in den Schulen Spinde gäbe, in denen die Kinder ihre Sache lagern können. Das allerdings ist ohne Ganztagsschulen nicht möglich (Staatsversagen Nr. 1), denn die Kinder brauchen dann ihre Schulsachen zuhause, um Hausaufgaben zu machen. Die Kosten, die durch Spinde in den Schulen entstehen würden, wurden so jahrzehntelang umgeschichtet an die Eltern (Staatsversagen Nr. 2), sie wurden privatisiert, wie so vieles im Bildungswesen. Dass sich das auf absehbare Zeit nicht ändert, liegt am Staatsversagen Nr.3: Denn wer braucht durch Luftpumpen an die Wirbelsäule des Kindes angepasste, teure Schulranzen, wenn es darin nur ein Tablet und sein Pausenbrot transportiert? Genau.

Eigentlich müssten die Schulranzenhersteller Angst haben vor der Digitalisierung der Schulen, sie gefährdet ihr Geschäft. Sie können sich aber auf die deutsche Politik verlassen: So bald wird das nicht der Fall sein.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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