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Deutsche Truppen in Westafrika

Der Bundeswehreinsatz in Mali, verständlich erklärt

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Mali – ich habe kein Bild von diesem Land im Kopf. Ich weiß nur, dass es weit weg liegt. Warum sollte ich mich für Mali interessieren?

Mali liegt in der Tat sehr weit weg von Deutschland: Die Hauptstadt Bamako und Berlin trennen rund 7.000 Kilometer. Trotzdem stehen beide Länder in enger Verbindung miteinander.

Wie das?

Deutschland ist Teil der UN-Mission MINUSMA, die 2013 vom UN-Sicherheitsrat beschlossen wurde. Das heißt: In Mali sind deutsche Soldat:innen stationiert, und zwar über MINUSMA bis zu 1.100 Personen. Mit maximal weiteren 450 Soldat:innen kann sich die Bundeswehr außerdem an der Ausbildungsmission der Europäischen Union (EUTM) beteiligen. Es ist derzeit der größte Auslandseinsatz der deutschen Bundeswehr, erst im Mai 2021 hat der Bundestag das Mandat verlängert.

Sind im Rahmen von MINUSMA schon Soldat:innen ums Leben gekommen?

Leider ja: 250 Soldat:innen sind seit 2013 getötet worden, weswegen der Einsatz als derzeit gefährlichste UN-Mission gilt. Und erst im Juni 2021 wurden zwölf deutsche Soldat:innen bei einem Selbstmordanschlag verletzt. Bei dem Absturz eines Kampfhubschraubers sind zudem 2017 zwei deutsche Soldaten ums Leben gekommen, die Ursache für den Absturz war ein technischer Defekt.

Verstehe, daher die Verbindung zwischen Deutschland und Mali. Vorstellen kann ich mir das Land aber trotzdem noch nicht.

Dabei kann ich dir behilflich sein: Mali liegt im Westen Afrikas, in der Sahelzone, umringt von Niger, Burkina Faso, Guinea, Senegal und Mauretanien:

Eine Karte des Afrikanischen Kontinents mit der Position Malis und der Dislozierung der Sahelzone hervorgehoben.

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Die Sahelzone kennst du vielleicht noch aus dem Erdkunde-Unterricht in der Schule: Sie ist geprägt von langen Trockenzeiten, großen unbesiedelten Flächen, einer schlechten Wasserversorgung und wenigen Straßen – was das Leben dort schonmal alles andere als einfach macht. Die Lage wird noch dadurch verkompliziert, dass die Sahelzone als Rückzugsort für Menschenschlepper und islamistische Terroristen gilt.

Es ist ein Gebiet, in dem Millionen von Menschen auf der Flucht vor Terror und Gewalt sind – an dieser Stelle kommt Europa und damit auch Deutschland ins Spiel: Europa hat kein Interesse daran, dass die Menschen, die aus der Sahelzone fliehen wollen, es tatsächlich übers Meer Richtung Norden schaffen. Wobei die meisten Menschen, die in der Sahelzone auf der Flucht sind, auch dort bleiben; sie hätten in den allermeisten Fällen gar nicht die Möglichkeit, eine Flucht bis nach Europa zu finanzieren. Trotzdem, Europa verschiebt seit Jahren seine Außengrenze Richtung Sahelzone und versucht, auch mit militärischen Mitteln zu verhindern, dass die Situation sich weiter verschlimmert. (Die genauen Hintergründe zur EU-Außengrenze erläutert mein Kollege Benjamin Hindrichs in diesem Text.)

Wenn ich an Mali denke, fällt mir sofort die große Gastfreundschaft der Menschen dort ein. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an folgende Situation: Bei einem meiner Besuche saß ich einmal in einem Sammeltaxi in Bamako und wollte bezahlen, der Fahrer hatte allerdings kein Wechselgeld und ich nur einen großen Schein dabei. Eine fremde Frau bezahlte dann kurzfristig für mich den genauen Betrag: 1.000 CFA, das sind umgerechnet 1,50 Euro. Klingt aus deutscher Sicht natürlich lächerlich wenig, aber, kleiner Test: Hast du schonmal einer völlig fremden Person Geld für den Bus oder fürs Sammeltaxi geliehen? Eben.

Außerdem sind 1,50 Euro für die Menschen in Mali sehr viel Geld: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat statistisch gesehen weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung und lebt damit unterhalb der Armutsgrenze. Trotz dieser ärmlichen Umstände öffnen die Menschen in Mali schnell ihr Haus für Fremde und helfen. 2013 etwa, als die internationale Militärmission aufgebaut wurde, waren Journalist:innen aus der ganzen Welt vor Ort, um zu berichten. Auch ich flog hin, bekam aber kein Hotel mehr; alles ausgebucht. Ein malischer Journalist in Gao nahm mich dann kurzerhand bei sich auf, die ganze Familie schlief nachts auf dem Flachdach, weil es in dem kleinen Haus so heiß war. Heute wäre eine solche Reise aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich, aber dazu komme ich später noch. Ich glaube übrigens, du kennst Mali doch, du weißt es nur nicht.

Ach ja?

Ja. Zum Beispiel wegen dieser Musik:

https://www.youtube.com/watch?v=zLVdrgd8w_s

Das ist Ali Farka Touré, ein Musiker aus Mali, Spitzname: „Bluesman of Africa“. 1995 und 2006 gewann er jeweils einen Grammy in der Kategorie Best World Music Album. Wenn man sich etwas aus dem Fenster lehnen möchte, kann man sagen: Er war einer der wichtigsten Gitarristen des 20. Jahrhunderts; das Musikmagazin „Rolling Stone“ hat Touré jedenfalls dazu gekürt, neben beispielsweise Lou Reed und Frank Zappa.

Mali hat außerdem gleich mehrere historische Stätten im Land, die auch für Touristen attraktiv sind. Beziehungsweise: waren. Im Felsmassiv von Bandiagara zum Beispiel konnte man vor zehn Jahren noch wandern gehen.

Eine verwitterte Steinformation vor einer Felsenwand
Was viele nicht wissen: Mali ist auch für Tourist:innen interessant. Im Bandiagara-Felsmassiv beispielsweise lässt es sich wunderbar wandern.

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Das Areal gehört wie Teile der Stadt Timbuktu zum Weltkulturerbe der UNESCO. Timbuktu hast du sicher schonmal gehört? Die Stadt war jahrhundertelang ein Zentrum des Transsahara-Handels. Die Salzkarawanen passierten beispielsweise die Stadt. Auch Moscheen enstanden, genauso wie wichtige Gelehrtenschulen.

Ein bedounisch gekleidter Mann mit einem alten Buch in der Hand, von oben herab fotografiert, wodurch wir Kistenweise ähnliche Manuskripte um ihn sehen.
Ein Gelehrter betrachtet in seiner Bibliothek einen verzierten Koran aus dem 14. Jahrhundert.

Timbuktu ist berühmt für seine Mausoleen, von denen 2012 14 von Extremisten zerstört wurden, seine drei Lehmmoscheen und das Ahmed-Baba-Institut. In Timbuktu hat mir einmal ein alter Mann jahrhundertealte Schriften über Mathematik gezeigt. Sie werden in seiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben. 2012 hat er sie versteckt, damit die Anhänger der Terrorgruppe Ansar Dine – die hatten die Stadt knapp zehn Monate lang besetzt – sie nicht zerstören.

Ein stark mitgenommes uraltes Buch mit Arabischer Schrift, ausgerissenen Seiten und ramponiertem Ledereinband.
Das ist ein arabisches Manuskript aus der Zeit des Früh- und Hochmittelalters in Europa. Aufbewahrt und erforscht werden solche Schriften in der Bibliothek von Timbuktu.

Womit wir schon beim großen Problem Malis wären: Islamist:innen und Dschihadismus. Einen radikalen Islam lehnt der große Teil der Bevölkerung aber ab. Mich hat die religiöse Toleranz der Menschen vor Ort immer beeindruckt. Wenn ich zum Beispiel in Bamako bin, kann ich dort morgens problemlos und in kurzen Hosen joggen gehen. In einem Park treffe ich fast jeden Morgen eine Gruppe von Männern, die zuvor in der Moschee gebetet hat. Wir grüßen uns jedes Mal.

Etwa 85 bis 90 Prozent der gut 20 Millionen Einwohner:innen bekennen sich übrigens zum Islam. Anders sieht es bei den Ethnien im Land aus: Es gibt fast 30 verschiedene, von denen die Bambara die größte ist. Andere Gruppen sind die Songai, Tuareg, Dogon und Peulh, die in anderen Ländern Westafrikas auch als Fulani bekannt sind. Offizielle Sprache in Mali ist aber Französisch.

Französisch? Wieso das denn?

Auf dem Gebiet, das heute Mali heißt, gab es viele Jahrhunderte lang einflussreiche Königreiche. Eins war das Malireich, zu dem auch Timbuktu gehörte. Im Zuge der weltweiten Kolonialisierung besetzten französische Truppen 1883 Bamako, und Mali wurde von 1892 bis 1960 französische Kolonie. Als das Land am 22. September 1960 wie viele andere Kolonien in Westafrika auch unabhängig wurde, war die Bundesrepublik Deutschland der erste Staat, der diesen Schritt und damit die Unabhängigkeit anerkannte. In Mali lernt das jedes Kind. Deutschland hat deswegen im Land einen guten Ruf.

Wie ging es nach der Erklärung der Unabhängigkeit weiter?

Einfach war die Zeit danach nicht. Im Norden rebellierten die Tuarag und wollten lieber einen eigenen Staat gründen. 1968 putschte sich Oberst Moussa Traoré an die Macht, und erst mit dem Ende des Kalten Krieges begann der Demokratisierungsprozess. Der galt von außen betrachtet lange als erfolgreich. Wie instabil das Land aber ist, hat der Staatsstreich von 2012 gezeigt, den Terrorgruppen für sich genutzt haben.

Was wollen die Terroristen?

Die komplexe Krise hat vor knapp zehn Jahren begonnen. Damals forderte ein Teil der Tuareg-Bevölkerung im Norden mehr Selbstbestimmung. Die Tuareg sind eine ethnische Gruppe. Von ihnen leben bis heute einige als Nomaden. Sie hätten schon vor Malis Unabhängigkeit lieber einen eigenen Staat gegründet. 2012 besetzten sie den Norden immer weiter und riefen am 6. April ihren Staat Azawad aus. In der Hauptstadt Bamako hatte es nur zwei Wochen zuvor einen Staatsstreich gegeben. Der ganze Staat war also geschwächt und unsicher.

In diesem Chaos gelang es den Terrorgruppen Mujao (Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika), eine Al-Qaida-Splittergruppe, und Ansar Dine (Unterstützer des Glaubens), den Norden zu besetzen. Es heißt, die Tuareg haben den Dschihadisten die Türen geöffnet. Letztere wurden im Rahmen der französischen Mission Serval ab Januar 2013 für eine gewisse Zeit vertrieben. Parallel dazu sollten im Juli und August desselben Jahres Wahlen für eine Rückkehr zur Normalität sorgen.

Warum hat sich Mali nach den Wahlen 2013 nicht stabilisiert?

Die internationale Gemeinschaft hat damals die Wahlen durchgedrückt, damit das Land wieder eine demokratisch legitimierte Regierung hat. Für einige Monate herrschte zwar Aufbruchstimmung. Doch es hat zwei Jahre gebraucht, um die Friedensvereinbarung von Algier zu unterzeichnen, die 2015 einen Schlussstrich unter den Konflikt ziehen sollte. Trotzdem sind die malischen Streitkräfte erst 2020 in die Stadt Kidal im Nordosten zurückgekehrt. Davor wurde sie von den Tuareg-Rebellen kontrolliert.


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Diese erneute Instabilität und fehlende staatliche Kontrolle haben die Terrorgruppen wieder gestärkt. Im Land aktiv sind vor allem der Islamische Staat der größeren Sahara (EIGS) und JNIM, ein 2017 gegründeter Zusammenschluss von Ansar Dine, der Macina Befreiungsfront und Al-Mourabitoun. Eine einheitliche Gruppe ist das aber nicht. Expert:innen zufolge sind im Zentralsahel viele Dschihadisten eher Söldner und keine sogenannten Gotteskrieger.

Es heißt aber, dass die Gruppen ein Kalifat errichten wollen, oder?

Diese Meinung teilen einige Expert:innen sowie Bewohner:innen. EIGS und JNIM werden als salafistische Bewegungen eingestuft. Sie verbieten in Orten, die sie kontrollieren, unter anderem Taufen und Hochzeiten und zwingen Männer zur Teilnahme am Freitagsgebet. Wer das nicht akzeptiert, muss mit Repressionen rechnen oder die Gegend verlassen.

Was hält die Bevölkerung davon?

Die große Mehrheit sind zwar Muslim:innen. Sie haben allerdings Jahrhunderte friedlich neben traditionellen Glaubensformen und dem Christentum existiert. Radikale Strömungen sind erst wenige Jahrzehnte alt. In den 1960er Jahren sind beispielsweise junge Muslime zum Studium nach Saudi-Arabien gegangen und dort mit dem Wahhabismus in Kontakt gekommen, den sie anschließend in ihr Heimatland exportierten. Bekanntester Vertreter dieser sehr konversativen Auslegung des Islam ist Imam Mahmoud Dicko. Er verhinderte 2009 als Präsident des Hohen Islamischen Rates ein liberaleres Familienrecht. 2020 ließ er regelmäßig Proteste gegen die Regierung von Präsident Ibrahim Boubacar Keïta organisieren, die den Weg für einen weiteren Putsch ebneten. Offiziell betont Dicko jedoch die Trennung von Religion und Staat. Auch wenn es keine statistisch erhobenen Zahlen gibt, wird in Mali deutlich, dass auch die Bevölkerung diese Trennung befürwortet. Das wird in jedem Gespräch betont. Es entstehen zwar konservativere Strömungen. Doch Expert:innen betonen, dass die große Mehrheit kein Interesse an einem radikalen Islam hat.

Aber warum unternimmt der Staat nicht mehr gegen diese radikalen Tendenzen?

Die staatlichen Institutionen sind schwach, und Korruption gilt seit Jahrzehnten als großes Problem. Der Staat hat zum Beispiel wenig in die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitssystems investiert. Stattdessen entfernt sich die politische Elite immer mehr von der Bevölkerung. Im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt Mali Platz 184 von 189. Doch der Sohn des früheren Präsidenten Keïta, Karim Keïta, machte im vergangenen Jahr Schlagzeilen, als er inmitten der Sicherheits- und Corona-Krise auf einer Luxusyacht feierte. Sein Vater ist nur wenige Wochen später von Generälen gestürzt worden.

Ein schwarzer Mann mit Sonnenbrille und erlesener Kleidung.
Die Korruption ist ein riesiges Problem in Mali. Karim Keita ist eine von jenen Personen, die in Mali auch deswegen bekannt sind.

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Und wer ist jetzt an der Macht?

Eine Übergangsregierung, an deren Spitze General Assimi Goïta steht. Premierminister ist Choguel Maïga. Ihre Aufgabe ist es, bis Februar 2022 Präsidenten- und Parlamentswahlen zu organisieren.

Sind die Malier:innen mit der Übergangsregierung einverstanden?

Die Menschen sind vor allem müde. Die Lebensbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert, im Gegenteil. Noch nie zuvor waren so viele Malier:innen in ihrem eigenen Land auf der Flucht wie in diesem Jahr. Aktuell sind es knapp 290.000.

Vor allem ist das Vertrauen in die Politik endgültig weg. Vor einem Jahr hatten viele Menschen tatsächlich die Hoffnung, dass der Staatsstreich die verkrusteten Strukturen aufbrechen könnte. Doch noch im Mai haben die Generäle den zivilen Präsidenten Bah N'Daw abgesetzt, weil sie befürchteten, dass das Militär an Einfluss verliert. Das hat viele enttäuscht. Auch hat die Korruption in Bamako nicht abgenommen. Häufiger als früher halten Polizist:innen Autos an und kassieren Geld.

Sorge bereitet auch der Wahltermin im Februar 2022, auf den die internationale Gemeinschaft drängt. Die Wahlen werden längst nicht überall stattfinden können. Von einer demokratisch legitimierten Regierung wird man kaum sprechen können.

Das hört sich für mich alles danach an, als ob es sehr gefährlich in Mali ist, oder?

Das kommt auf die Region an. In den Städten Timbuktu und Gao haben die Anschläge der Terroristen abgenommen. Nicht gesichert sind allerdings Dörfer, Überlandstraßen und Felder. Dort werden Reisende ausgeraubt oder entführt, um Lösegeld zu erpressen. Besonders riskant ist die Lage aktuell im Zentrum in der Region Mopti. Dort ist die Terrorbewegung Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime (JNIM) aktiv. Bekannte aus Mopti haben mir erzählt, dass die Terroristen längst umliegende Dörfer besetzt haben. Sie zwingen Frauen, ein Kopftuch zu tragen und verbieten Männern das Rauchen.

Bunte Tücher hängen an einer Leine vor einer typisch Malischen Lehmarchitektur.
Die Große Moschee von Djenné gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und ist in Mopti unübersehbar.

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Was die Region zusätzlich schwächt, sind ethnische und lokale Konflikte. So bekämpfen sich Milizen der Peulh und der Dogon, die teilweise wiederum von Terroristen angestachelt werden. Erstere sind Viehhalter, zweitere Farmer. Ein Grund dafür ist knapper werdendes Weide- und Ackerbauland sowie mangelnder Zugang zu Wasser. Was uns zum nächsten großen Problem Malis führt: der Klimawandel. Der spielt für Mali eine entscheidende Rolle, denn die Regenmengen sind schon jetzt nicht mehr vorhersehbar. Einige Böden sind so ausgetrocknet, dass sie kein Wasser mehr aufnehmen. Paradoxerweise kommt es aber auch immer wieder zu schweren Überschwemmungen. In anderen Regionen wie Sikasso im Süden und Kayes im Nordwesten ist es allerdings ruhiger. Trotzdem sind auch sie von der Krise betroffen: Waren lassen sich beispielsweise nicht mehr quer durch das Land transportieren.

Alles klar, jetzt kann ich mir wenigstens grob ein Bild von Mali machen. Was ich aber noch nicht verstanden habe: Wieso engagiert sich Deutschland mit so vielen Soldat:innen ausgerechnet dort – und nicht etwa in Niger oder Guinea?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die Hintergründe anschauen: In Westafrika hat es in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Bürgerkriege gegeben. Sie hatten für die Bevölkerung verheerende Folgen, waren geografisch aber begrenzt. Die Krise in Mali hat eine neue Dimension, weil sie sich auf die ganze Region auswirkt. Die Terrorgruppen haben sich längst nach Burkina Faso und Niger ausgebreitet und zeigen, wie porös Grenzen und Sicherheitsapparate sind. Selbst in den Küstenstaaten gibt es Sorge, dass sich dort Terrorzellen etablieren.

Dass sich Deutschland stark engagiert, hat mit dem Vorgehen Frankreichs 2013 zu tun. Die einstige Kolonialmacht schickte im Januar 2013 Soldat:innen, weil die malische Regierung machtlos gegenüber dem Terror war. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen legitimierte das Vorgehen. Auch Bundestagsabgeordnete lobten Frankreichs Entscheidung: Sie galt als zügige Antwort auf den aufkeimenden Terrorismus. Am 28. Februar 2013 stimmten 496 von 567 Parlamentarier:innen dem Einsatz zu. Frankreichs Einsatz ist aber längst nicht nur selbstlos gewesen. In Mali lebten zu diesem Zeitpunkt rund 5.000 Menschen mit französischem Pass und in Frankreich etwa 15.000 Malier:innen. Mali verfügt über Uran, so wie übrigens auch Niger.

Allerdings ist die Situation falsch eingeschätzt worden. Anfangs billigte der UN-Sicherheitsrat eine Mission, die auf ein Jahr befristet war. Zunächst sollten sich Truppen aus den Nachbarstaaten beteiligen. Europäische Regierungen lehnten Kampfeinsätze ab, kündigten aber an, sich im Bereich Ausbildung und Logistik zu engagieren.

Ich kann mich noch gut an den Januar 2013 in Bamako erinnern, als die französische Mission Serval begann. Es gab viel Jubel, weil Islamisten zeitweilig verscheucht wurden. Sie aber aus Städten wie Gao und Timbuktu zu vertreiben, verändert weder Politik noch Wirtschaft. Das Grundproblem eines schwachen und korrupten Staates bleibt ja. Auch haben sich die Terroristen nur zurückgezogen.

Dass die Bundeswehr nicht auch in Nachbarstaaten wie Burkina Faso vor Ort ist, liegt also daran, dass es kein Mandat gibt. Dabei ist die Lage in Burkina Faso ähnlich schlimm wie in Mali.

Okay, soweit verstanden. Welche Aufgaben hat MINUSMA denn?

Laut Mandat soll die Mission Mali stabilisieren. Das ist notwendig, weil Teile des Landes seit 2012 zusammengebrochen sind. Die MINUSMA soll die Bevölkerung schützen und helfen, staatliche Institutionen wiederherzustellen. Auch unterstützt sie bei vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen den Konfliktparteien und der Umsetzung des Friedensabkommens von 2015. Das heißt: Sie hilft dabei, einen Dialog zu führen. Vieles findet natürlich nicht öffentlich statt, um mögliche Erfolge nicht zu gefährden.

Die Mission hat aber noch andere Aufgaben: Vor den Wahlen hat sie die Wahlunterlagen in entlegene Gebiete transportiert, damit auch dort gewählt werden konnte. Auch hat sie alle Spitzenkandidat:innen der Präsidentschaftswahl 2018 in Städte wie Gao oder Timbuktu geflogen. Hört sich vielleicht banal an, ist es aber nicht. Auch diese Leistungen gelten als Förderung der Demokratie. Darüber hinaus gibt es Projekte, bei denen Brunnen gebohrt oder Krankenhäuser ausgestattet werden.

Insgesamt können 13.289 Blauhelm-Soldat:innen sowie 1.920 Polizist:innen entsandt werden. Im Moment stellt das Nachbarland Guinea die meisten Soldat:innen, nämlich 1.512.

Und die Ausbildungsmission EUTM?

Ihre Aufgabe ist es, die malischen Streitkräfte – FAMa – auszubilden. Unter anderem werden militärische und medizinische Grundkenntnisse vermittelt. In den Lehrgängen werden auch Vorträge zu Menschenrechten und Völkerrecht gehalten. Das Training findet in Koulikoro statt, rund 60 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt. Seit 2013 haben mehr als 15.000 Soldat:innen an den Lehrgängen teilgenommen.

Wenn das Mandat der Stabilisierung dienen soll: Kämpfen die deutschen Soldat:innen überhaupt?

Jein. Sie greifen nicht aktiv in Kämpfe ein, haben aber ein Recht auf Selbstverteidigung. Zur Terrorbekämpfung gibt es die Mission Barkhane der französischen Armee, die eng mit den malischen Streitkräften zusammenarbeitet. Noch hat Barkhane eine Stärke von 5.100 Soldat:innen, die bis 2023 aber halbiert werden soll. Frankreichs Präsident Macron will die Mission nicht mehr auf ewig fortsetzen, das hat er im Juni 2021 angekündigt. Auch das Mandat der Bundeswehr gilt trotz Verlängerung nur noch auf absehbare Zeit, nämlich bis Ende Mai 2022.

Vor Kurzem habe ich von der Wagner-Gruppe gelesen. Wirkt sich das auf den Bundeswehreinsatz aus?

Die Wagner-Gruppe ist eine russische Sicherheitsfirma, die den Einsatz von Söldnern anbietet. Sie gilt als Russlands Schattenarmee. Neu ist das Konzept nicht. Russische Söldner sind bereits in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz, wo ihnen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Auch für Mali ist ein Vertrag im Gespräch. Die Übergangsregierung will monatlich umgerechnet gut 9,1 Millionen Euro zahlen, damit die Söldner im Terrorkampf aktiv sind, malisches Militär ausbilden und hochrangige Beamte schützen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Pläne ebenso wie Frankreich kritisiert.

Nochmal zurück zur MINUSMA: Die Mission muss viel Kritik einstecken, oder? Das habe ich zumindest aus den Nachrichten der vergangenen Wochen noch ganz grob im Kopf. Was ist die Hauptkritik?

Ein Angehöriger der MINUSMA hat mir gesagt: „Stell dir vor, wir wären nicht hier! Niemand weiß, ob die Terrorgruppen nicht schon längst bis nach Bamako vorgedrungen wären.“ Das stimmt natürlich. Möglicherweise hätten sie sich längst weiter in den Süden ausbreiten können. Dennoch gibt es Kritik, ja. Eine Sache, die der MINUSMA immer wieder vorgeworfen wird: Sie sei zu träge und schütze die Bevölkerung nicht. Denn es kommt ja trotz MINSUMA weiter zu Massakern und Menschenrechtsverletzungen: 2019 und 2020 hat es beispielsweise schwere Auseinandersetzungen zwischen den Dogon und den Peulh gegeben. Der damalige Interessenvertreter der Peulh, Abdul Aziz Diallo, hat mir regelmäßig Fotos davon geschickt und kritisiert, dass selbst die starke Militärpräsenz solche Vorfälle nicht verhindert. Anders gesagt: Mali ist dreieinhalbmal so groß wie Deutschland. Egal wie viele Soldat:innen Deutschland entsendet, sie alleine reichen zum Schutz nicht aus.

Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, Mali davor zu schützen, ein zweites Afghanistan zu werden?

Expert:innen sagen seit Jahren, dass der militärische Ansatz gescheitert ist. Sie fordern, dass der Staat Präsenz zeigt. Denn wenn er sich zurückzieht, können Terrorist:innen die Macht übernehmen. Strukturen müssen wieder funktionieren, unter anderem das Justizsystem. Straftaten müssen verfolgt und Täter:innen zur Verantwortung gezogen werden. Wichtig ist auch, dass die Bevölkerung bei der Suche nach Lösungen mit einbezogen wird. Vor allem brauchen junge Menschen eine Perspektive. Perspektivlosigkeit und Frustration kann sie in die Arme von Terrorgruppen und Banden treiben.

Könnte die Regierung nicht mit den Terroristen verhandeln?

Das wird häufig diskutiert. Traditionell wird in der Region sehr auf Dialog und Vermittlung gesetzt. Die frühere Regierung unter Keïta hat sich zunehmend offen für Gespräche mit Terroristen gezeigt. Imam Dicko hat im vergangenen Jahr gesagt, man könne mit jenen verhandeln, die Malier – also „Brüder“ – seien. Die große Frage ist jedoch, worüber verhandelt wird.

Wie lässt sich Mali aber vor dem kompletten Zusammenbruch bewahren?

Das ist die große Frage. In den vergangenen Wochen habe ich in Gesprächen nur Ratlosigkeit erlebt. Auf internationaler Ebene gelten Wahlen als wichtig, um eine legitimierte Regierung zu haben. Doch es fehlt an einer neuen Politiker:innengeneration. Diese entsteht – wenn überhaupt – allerdings über viele Jahre. Das System ist aber so ausgelegt, dass ein einflussreiches Netzwerk und Geld notwendig sind, um überhaupt in der Politik Fuß zu fassen. Fehlt einer der beiden Faktoren, ist man chancenlos. Deshalb ist vor allem eins wichtig: Der Staat muss mit seinen Strukturen präsent sein. Das baut Vertrauen auf, was wichtig für die Malier:innen ist.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

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