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Mütter in der Pandemie

„Wenn ich immer mit ihnen zuhause sein müsste, würde ich keins meiner Kinder haben wollen“

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März 2020, erster Lockdown. Baby Felix* liegt auf dem Küchenboden und schreit. Die vierjährige Laura rennt ins Zimmer: „Ich will was spielen!“ Im Nebenraum kommt die sechsjährige Sophie mit den Hausaufgaben nicht weiter: „Mama! Was muss ich hier schreiben?“ Durch den Lärm seiner Schwestern wird auch das Baby immer lauter.

„Mamaaa! Ich will was spielen!“

„Mama! Was muss ich hier machen?“

Mitten im Chaos steht KR-Mitglied Marianne, 35. „Das sind alles Wunschkinder, aber wenn ich jeden Tag mit ihnen zuhause sein müsste, würde ich kein einziges haben wollen. Das wäre nicht machbar für mich“, sagt sie, als sie an diesen Moment zurückdenkt.

Die Mehrfachbelastung für Eltern ist nicht durch Corona entstanden. Aber die Pandemie hat gezeigt, wie nah einige an der Belastungsgrenze leben. Während in den ersten Monaten des Ausnahmezustands viele Menschen ihr Homeoffice einrichteten und ihren Alltag anpassten, mussten Eltern vor allem eines: funktionieren. Wer das nicht schaffte, checkte aus.

Das galt insbesondere für Frauen. 64 Prozent der Mütter fühlten sich in der Pandemie niedergeschlagen und hoffnungslos, bei alleinerziehenden Frauen waren es sogar 74 Prozent. Zum Vergleich: Vor der Pandemie gaben noch 21 Prozent der alleinerziehenden und 29 Prozent der gemeinsam erziehenden Mütter an, depressive Verstimmungen zu haben. Auch unter den Vätern erhöhten sich die Zahlen, aber deutlich weniger stark: von 33 auf 48 Prozent.

Das hat eine Datenanalyse von RBB24 im September 2021 ergeben, basierend auf Daten einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Was passierte mit den Müttern, die an der Belastung kaputtgingen? Die einen Punkt erreichten, an dem der Alltag unerträglich wurde? Und wie geht es ihnen heute? Ich habe mit zwei Frauen darüber gesprochen und Experten gefragt, was sich tun muss, um den Mütter-Burnout in der Pandemie aufzuhalten.

Bis KR-Mitglied Marianne den Punkt erreichte, an dem sie nicht mehr konnte, dauerte es eine Weile. Monatelang regelte sie jede Minute im Leben ihrer drei Kinder: Schule, Spiele, Sport und jeden Tag fünf Mahlzeiten. Kitas waren in der ersten Pandemiewelle geschlossen, Entlastungen wie die Corona-Kinderkrankentage noch nicht auf den Weg gebracht.

Marianne war in Elternzeit und hatte sich eigentlich auf die gemeinsame Zeit mit ihrem neugeborenen Sohn Felix gefreut. Ihr Ehemann war den ganzen Tag arbeiten. Ausflüge mit den Kindern machte sie allein. „Es fühlte sich an, als wäre ich alleinerziehend“, sagt Marianne. „Für mich war damals das Schlimmste, dass ich nicht wusste, wann das Ganze endet.“

Wenn Marianne mit ihren Kindern durch den Supermarkt ging, wurde sie von den Umstehenden böse angeblickt. „Man hatte das Gefühl mit tickenden Zeitbomben rumzulaufen, die jeden mit Viren verseuchen können.“ Sie versuchte, die Angst vor dem Virus und die damit verbundenen Einschränkungen so weit wie möglich von den Kindern fernzuhalten. Aber der Druck stieg jeden Tag.

Überlastung: Wie eine Kur helfen kann, den Absprung zu schaffen

Von der Überlastung sind nicht alle Eltern gleichermaßen betroffen. In Familien, in denen die Kinderbetreuung schon vor dem ersten Lockdown gleichmäßig auf beide Elternteile verteilt war, haben sich auch während der Einschränkungen beide gleichermaßen um Kinder und Haushalt gekümmert, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Schnitt waren Frauen im ersten Lockdown aber mehr eingespannt: Mütter mit Kindern im Alter bis zu elf Jahren verbrachten werktags im Durchschnitt zehn Stunden mit Familie und Haushalt. Väter die Hälfte davon, besagen Erhebungen des Instituts. Alleinerziehende mussten Homeschooling und Dauerbetreuung häufig ohne Hilfe von Schwiegereltern oder Partner:innen stemmen.

Wer kümmert sich um Kinder und Haushalt? Vor der Pandemie war es zu 59% überwiegend die Frau, während der Pandemie sinkt dies um 10%- welche dafür sorgen das Frauen kommplett übernehmen.

© KR/ Till Rimmele

Viele Mütter, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, bekommen vom Arzt eine Auszeit verschrieben: Einen Aufenthalt in einer Mutter-Kind Kur. „Wir sehen oft, dass, sobald eine Frau zur Mutter wird, ihre Bedürfnisse hinter denen der Familie verschwinden“, sagt Anne Schilling, die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, das die Kurkliniken betreibt. „Viele Eltern finden erst durch einen Bruch mit dem Alltag wieder zu sich zurück.“ Während der Pandemie standen aufgrund der Hygienemaßnahmen weniger Kurplätze zur Verfügung, sodass viele sich die nötige Auszeit nicht nehmen konnten. Auch aus Angst davor, sich in der Klinik anzustecken, verzichteten einige Mütter auf ihren Kuraufenthalt – und arbeiteten stattdessen weiter. „Viele Mütter hatten außerdem Angst, dass die Kinder wegen des Kuraufenthalts noch mehr Unterricht verpassen könnten“, sagt Schilling.

Die Konsequenzen zeigen sich heute: Die Kliniken sind voll, viele Mütter warten monatelang auf einen Platz. Schilling macht dafür vor allem die Politik verantwortlich. Man habe in der Pandemie auf die Leistung von Müttern zurückgegriffen, ohne zu fragen, was das für Folgen haben könnte.


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Auch Sarah Kulle, 33, ist eine der Mütter, die ihren Alltag nicht mehr ausgehalten haben. Sie ist Altenpflegerin, ihre Tochter ist drei Jahre alt. Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, waren in der Krise besonders belastet. Um alte Menschen konnte sich Kulle nicht vom Homeoffice aus kümmern, also erschien sie trotz kleinem Kind, Kinderbetreuung und berufstätigem Partner jeden Tag zur Arbeit.

„Auf der Arbeit gab es kein Verständnis dafür, dass man Mutter ist“, sagt die 33-Jährige. „Ich war restlos überfordert mit der Arbeit, dem Kind und dem Haushalt. Irgendwann saß ich nur noch zuhause, war antriebslos und habe geweint.“ Auch die Beziehung zu ihrem Partner verschlechterte sich. Immer wieder gerieten sie in Streit.

Ihr Hausarzt diagnostizierte Sarah Kulle wenige Monate nach der ersten Welle eine Depression.

Kurz nach der Diagnose stellte sie einen Antrag auf eine Mutter-Kur, drei Wochen in einer Rehaklinik im Schwarzwald. „Der Austausch mit anderen Frauen hat mir geholfen, meine eigene Belastung besser einzuschätzen“, sagt Kulle heute.

Anne Schilling, die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, kennt diese Aha-Momente. Erst wenn sie in der Kur auf andere Frauen mit ähnlichen Erfahrungen treffen, werde vielen Frauen klar, dass nicht sie das Problem sind – sondern das Mutterbild in unserer Gesellschaft. Kuren sollen helfen, rechtzeitig den Absprung zu schaffen. Aber nicht jede Frau schafft es, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Burnout: Was passiert, wenn man rechtzeitig die Notbremse zieht

KR-Mitglied Marianne verpasste den Moment, um die Notbremse zu ziehen. Stattdessen versuchte sie, ihr Leben mit allen Mitteln wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie schrieb Tagespläne für sich und ihre Kinder: Morgens Sport, dann Schulaufgaben, Mittagessen, nachmittags gemeinsam nach draußen. Es wurde zu ihrer Aufgabe, jede Minute im Leben ihrer Kinder zu füllen. Und zwischendurch dem Baby Ruhe zu ermöglichen, damit es schlafen konnte.

Sie versuchte, die Kinder mit Hilfe von Youtube-Videos zu motivieren, sich regelmäßig zu bewegen und nicht vor dem Fernseher zu sitzen. Wenn sie bei den Schulaufgaben half, lastete die Verantwortung für die gesamte Bildungslaufbahn der Kinder auf ihren Schultern: „Ich musste auf einmal diese großen Grundlagen beibringen: das Alphabet, Grundrechenarten. Ich fühlte mich dafür verantwortlich, dass sie es durch die Schule schaffen.“

Marianne wurde von der Mutter zur Putzkraft, Kindergärtnerin, Köchin und Deutsch-, Mathe- und Sportlehrerin. Ihre eigenen Bedürfnisse gerieten dabei immer weiter in den Hintergrund. „Ich hatte nie Zeit, mich einmal hinzusetzen und keinen Moment für mich“, sagt sie.

Anfangs half die feste Tagesstruktur, mit der Zeit wurde sie immer mehr zum Zwang. Wenn ihre älteste Tochter die Hausaufgaben nicht in der geplanten Zeit schaffte, wurde Marianne zunehmend angespannt, reagierte unwirsch und schrie die Kinder an.

Sie entwickelte einen Putzzwang: „Ich hab immer gestaubsaugt, beim kleinsten Krümel bin ich ausgerastet.“ Wann immer etwas nicht nach Plan verlief, hatte sie das Gefühl zu versagen. „In meinen Augen war es immer ein Zeichen von Schwäche, etwas nicht hinzubekommen.“ Ihrem Mann gegenüber wollte sie dieses Versagen nicht zugeben. Es fiel ihr schwer zu kommunizieren, wie schlecht es ihr ging. „Ich habe mich so geschämt für meinen Kontrollverlust.“

Um den Druck loszuwerden, fing Marianne an, sich selbst zu verletzen. Sie schlug auf ihren Kopf und ihren Unterarm ein. Dann folgte der Nervenzusammenbruch.

Zusammenbruch: Das war der Moment, an dem Marianne nicht mehr konnte

„Ich wollte gerade Felix ins Bett bringen, der schon eine halbe Stunde lang nicht richtig einschlafen wollte. Da kamen die beiden Mädels wieder ins Zimmer gerannt. Ständig wollte jemand etwas von mir und machte Krach“, sagt Marianne.

Sie habe ihre Töchter angeschrien, sie sollen aus dem Zimmer gehen und das Baby unsanft zurück in die Wiege gelegt. „Dann brach ein Gefühlssturm auf mich ein“, sagt Marianne. „Ich bin auf die Knie gesunken und habe nur noch geheult.“ Marianne konnte nicht mehr.

Ihre Diagnose: Depression, Zusatzziffer: Burnout.

Erschöpfung, Energielosigkeit, Reizbarkeit, Stimmungsveränderungen und geringere Leistungsfähigkeit sind typische Symptome für ein Burnout. Ursprünglich galt Burnout als Ergebnis von Überlastung bei der Arbeit. „Dabei kann ebenso eine Überlastung in der Rolle als Hausfrau und Mutter zur Erkrankung führen“, sagt Hannes Horter. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt in der Oberberg Fachklinik Weserbergland.

In den medizinischen Klassifikationen wird weiterhin ein Arbeitsbezug gefordert. Verschiedene Psycholog:innen und Psychiater:innen nutzen den Begriff jedoch unterschiedlich.

Burnout ist kein feststehender Begriff. Manche Psychiater sehen darin einen Risikozustand für eine psychische Krankheit, für andere ist es eine Unterkategorie von Depressionen, denn die Symptome überschneiden sich.

„Bei vielen Fällen ist Burnout Folge einer Gratifikationkrise.“ Das heißt, der Einsatz und die Energie, die ein Mensch aufbringt, passen nicht mit dem Geld oder der Anerkennung zusammen, die er zurückbekommt. Bei Müttern gehe es viel um die Anerkennung vom sozialen Umfeld und dem Partner: „Wenn eine Frau in einer traditionellen Rollenaufteilung in der Familie den Partner bittet, nach einem langen Tag zu helfen und als Reaktion zurückbekommt, sie sei doch den ganzen Tag nur zuhause gewesen, ist das sehr kränkend.“

Hannes Horter beobachtet bei seinen Patient:innen immer wieder bestimmte Muster: „Wenn die Belastung sehr hoch ist, wie während der Pandemie, schalten manche in einen Durchhaltemodus. Dann wird weitergemacht, bis die Ausnahmesituation vorbei ist oder sie irgendwann keinen Ausweg aus der Belastung mehr sehen.“

Viele verfallen dann in sogenannte „Muss-Überzeugungen“: Ich muss das allein schaffen, alle Leute müssen mich lieben, ich muss das perfekt machen. „Das sind Anforderungen, denen man nicht gerecht werden kann“, sagt Horter.

Das kam nach dem Mama-Burnout

Marianne suchte sich Hilfe in einer psychosomatischen Akutklinik im Schwarzwald. Die Kinder reisten mit. Sie bekam Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen und lernte, aus ihren alten Mustern auszubrechen.

Nach zwei Monaten kehrte sie zurück nach Hause. Eigentlich hätte sie noch länger bleiben sollen, aber die Elternzeit ist vorbei. Im Job sollte Marianne in einem neuen Team beginnen – und wollte nicht direkt mit einer Krankschreibung einsteigen.

Heute arbeitet Marianne wieder. Seit einem dreiviertel Jahr wartet sie auf einen Platz für eine ambulante Therapie.

„Ich versuche jetzt, vieles aus meinem Alltag rauszuschmeißen und meinen Alltag zu entzerren.“ Sie sagt öfter „Nein“, zum Beispiel wenn die Kinder unbedingt backen wollen, es aber gerade nicht passt. Sie habe eine Putzfrau eingestellt und mit ihrem Mann über seinen Beitrag zum Haushalt gesprochen. „Ich habe ihm gesagt, so geht das nicht mehr, ich kann nicht mehr. Du musst dich mehr beteiligen, du musst dich mehr einbringen, sonst gehe ich kaputt daran.“

Weil die Impfquoten steigen und Infektionszahlen sinken, scheint ein erneuter Lockdown bisher unwahrscheinlich. Menschen wie Marianne und Sarah Kulle werden also vorerst nicht noch einmal in dem Hamsterrad landen, in dem sie zu Beginn der Pandemie gefangen waren. Aber die Balance ist fragil: Noch immer gibt es kaum Lösungen, um Eltern im Falle steigender Zahlen zu entlasten. In einem aktuellen Bericht geben viele Eltern an: Einen erneuten Lockdown würden sie und ihre Kinder nicht durchstehen.

*Die Namen der Familie wurden von der Redaktion geändert.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Iris Hochberger

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