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Eroberung durch die Taliban

Der Westen in Afghanistan: Eine Chronik des Scheiterns

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Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Woche, die überflutet wurde mit grauenhaften und schrecklichen Nachrichten. Einer Woche, in der sich die Ereignisse überschlugen und die innen- und außenpolitischen Entwicklungen kaum mehr nachzuvollziehen sind. Inmitten all der Nachrichten und Bilder, der Empörung und Verzweiflung bahnt sich ein verwackeltes Handyvideo seinen Weg in die Social-Media-Timelines. Das Video ist nur wenige Sekunden lang. Man sieht ein Flugzeug aufsteigen. Mehrere Hundert Meter über dem Boden fallen zwei kleine Punkte herab. Abgeworfen wie Ballast. Man braucht einige Augenblicke, um zu realisieren, dass diese Punkte Menschen sind. Menschen, die sich während des Abflugs außen am Flugzeug festgekrallt hatten, hoch oben in der Luft aber ihren Halt verlieren. Und wenige Sekunden später ihr Leben.

Selbst hartgesottene Kriegsberichterstatter:innen und gestandene Journalist:innen scheinen angesichts der aktuellen Nachrichtenlage mit ihrer Fassung zu ringen. In weiten Teilen dieses Landes herrscht vollkommene Ratlosigkeit, überdeckt von Scham darüber, wie Deutschland, Europa, ja der gesamte Westen derart versagen konnte. Politisch, militärisch, moralisch.

Es fällt schwer zu begreifen, dass diese Mission gescheitert sein soll. 53 Staaten sollten, ausgerüstet mit einem starken Mandat des UN-Sicherheitsrates, die Taliban bekämpfen, die afghanischen Streitkräfte und Sicherheitsbehörden ausbilden und eine stabile Regierung samt demokratischer Institutionen etablieren. All dies ist gescheitert. Alle Fortschritte der vergangenen 20 Jahre wurden innerhalb weniger Wochen zunichte gemacht. Die Taliban sind zurück, von den afghanischen Streitkräften ist keine Spur zu sehen, die afghanischen Frauen, Männer und Kinder bangen nun um ihr Leben.

Ein Soldat steht mit Helm auf dem Kopf und Gewehr über der Schulter vor dem Hindukusch.
Ein sowjetischer Soldat bewacht eine afghanischen Straße, 1988.

Die meiste Zeit seiner Geschichte befindet sich Afghanistan im Krieg

Es scheint unbegreiflich. Wie kann es sein, dass die USA, die mächtigste Militärnation der Erde als Anführerin der mächtigsten Militärallianz in der Geschichte der Menschheit mit einem Einsatz von 2,2 Billionen US-Dollar es nicht schafft, in einem Zeitraum von 20 Jahren Sicherheit, Freiheit und Demokratie zu etablieren? Und wie konnte es zu einem derart unwürdigen und menschenverachtenden Ende kommen?

Um sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern, lohnt sich ein Blick in die wechselhafte Geschichte Afghanistans.

Afghanistan befand sich die meiste Zeit seiner jüngeren Geschichte im Krieg. Seit der Gründung im Jahr 1747 war das Land Schauplatz weltpolitischer und regionalpolitischer Auseinandersetzungen. Es grenzt direkt an die ehemalige Sowjetunion (heute Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan), das ehemalige Indien (heute Pakistan), an China und Iran. Nach der Besetzung 1839 durch die damalige Kolonialmacht Großbritannien, die ihren Einfluss über Indien hinweg vergrößern wollte, besiegte Afghanistan in einem mehrere Jahrzehnte währenden Konflikt seine Besatzer:innen und wurde 1919 zu einem souveränen und unabhängigen Staat.

Im Anschluss etablierte sich eine konstitutionelle Monarchie, die Afghanistan in die internationale Staatengemeinschaft einführte und eine Entwicklung nach dem Vorbild westlicher Gesellschaften vorantrieb. Durch die Einflussnahme der Sowjetunion wurde erst der König gestürzt und dann durch den Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 das gesamte Land in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt, in dessen Verlauf acht Millionen Afghan:innen nach Pakistan und Iran vertrieben wurden.

Ehemalige Freiheitskämpfer wurden zu Fundamentalisten

Die USA, die all dies mit großer Sorge betrachteten und ein Ausbreiten des Kommunismus mit allen Mitteln verhindern wollten, griffen noch im selben Jahr direkt und indirekt in den Konflikt ein: Gemeinsam mit Saudi-Arabien und Pakistan statteten sie die afghanische Widerstandsbewegung der Mudschahedin mit Geld und modernsten Waffen aus. Als öffentliches Zeichen für die Dringlichkeit der Mission lud der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan die Mudschahedin gar ins Weiße Haus ein und lobte sie dort als Freiheitskämpfer.

Währenddessen etablierte sich in Afghanistan ein junger Mann aus Saudi-Arabien als Ankerpunkt dieser Freiheitskämpfer, der Jahrzehnte später weltweite Berühmtheit erlangen sollte. Sein Name: Osama bin Laden.

Mithilfe der CIA, die Kriegsgerät und Flugabwehrraketen nach Afghanistan schmuggelte, gelang den Mudschahedin schlussendlich der Sieg über die Sowjetunion – und Afghanistan wurde 1989 wieder frei von jeglicher Besatzung. Als die Mudschahedin sich über die anschließende Teilung der Macht jedoch uneins wurden, geriet Afghanistan erneut in einen vierjährigen blutigen Konflikt, an dessen Ende ein Großteil der Hauptstadt Kabul zerstört und 50.000 Menschen getötet wurden.

Ein Vorbetter steht vor einer Reihe Männer, alle unterschiedlichen Alters, die Köpfe zum und im Gebet geneigt.
Taliban beim Nachmittagsgebet in der Nähe von Chokar Karez, Afghanistan, etwa 80 km nördlich von Kandahar, am 1. November 2001.

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In den zahlreichen Koranschulen an der Grenze zu Pakistan gründeten sich in dieser Zeit die Taliban, die anfangs ohne politische Absichten ihre eigene fundamentalistische Lehre des Islam verbreiteten. Sie rekrutierten sich nicht nur, aber auch, aus ehemaligen Kämpfern der Mudschahedin. Auch sie griffen zu Waffen, eroberten zuerst Kandahar, dann den gesamten südlichen Teil Afghanistans und schlussendlich alle Provinzen inklusive Kabul. Die Menschen, die in ihrem Wunsch nach Ruhe und Frieden die Taliban zuerst begrüßten und unterstützten, sahen sich plötzlich Fundamentalisten ausgesetzt, die einen islamischen Gottesstaat errichteten und jede Form von Freiheit niederschlugen.

Der Einmarsch der USA ist der Startpunkt der jetzigen Krise

Parallel dazu ließ sich Osama bin Laden ab 1996 dauerhaft in Afghanistan nieder und baute sein eigenes islamistisches Netzwerk Al-Kaida weiter aus. Er arbeitete fortan mit den Taliban und seinen ehemaligen Mitstreitern bei den Mudschahedin zusammen. Seine Vorstellungen zur Unterwerfung der Welt und sein Hass auf die USA gingen aber bedeutend weiter als die Ambitionen der Taliban: Während die Taliban die vollständige soziale und religiöse Kontrolle in Afghanistan anstrebten, sah sich Bin Laden als Zerstörer der westlichen Welt. Er gilt als verantwortlich für mehrere Terroranschläge – unter anderem auf das World Trade Center 1993, die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) sowie auf das World Trade Center und das Pentagon 2001. Spätestens seit der Jahrtausendwende ist Osama bin Laden der meistgesuchte Terrorist der Welt.

US-Präsident Bill Clinton versuchte bereits auf diplomatischem Weg im Jahr 1999, die Auslieferung Bin Ladens zu erreichen, worauf die Taliban nicht eingingen. Als nach den Anschlägen am 11. September 2001 eine weitere Auslieferung scheiterte, stellten die USA ein Ultimatum an die Taliban und marschierten nach dessen Ablauf in Afghanistan ein. Damit begann der bis heute andauernde Afghanistan-Krieg.

Nach den Anschlägen vom 11. September wurde aus innen-, aber auch aus sicherheitspolitischer Perspektive eine militärische Reaktion unumgänglich. Zu groß war die Sorge davor, dass der islamistische Terror weitere Ziele in den USA und in Europa ins Visier nehmen könnte. Das Ziel ist daher eindeutig: die vollständige Zerstörung der Terrororganisation Al Kaida, die Vertreibung der Taliban und die Befreiung der afghanischen Bevölkerung.

Ein erschöpfter Mann sitzt beinhae herabfallend auf einem Pferd in einer Gebirgslandschaft, im Hintergrund is eine Festung zusehen.
William Brydon, einer der einzigen Überlebenden der die Evakuierung aus Kabul und der britisch-indischen "Army of the Indus", kommt im Januar 1842 vor den Toren von Jalalabad an.

Alle Militärmissionen sind gescheitert

Im Rahmen einer Resolution des UN-Sicherheitsrates hat sich eine Allianz unter Leitung der USA mit der Mission „Operation Enduring Freedom“ in den „Kampf gegen den Terrorismus“ begeben. Später stattete der UN-Sicherheitsrat die „International Security Assistance Force“ unter Leitung der NATO mit einem Mandat zur „Erzwingung des Friedens“ aus. Dieses Mandat erstreckte sich von 2001 bis zum Jahr 2014. Im Jahr 2015 ist es von der NATO-Mission „Resolute Support Mission“ abgelöst worden.

Die Ziele der jeweiligen Missionen sind immer gleich, nur die Schwerpunkte verändern sich. Der Terrorismus soll zerschlagen, die Taliban vertrieben und die afghanischen Sicherheitskräfte ausgebildet werden, um perspektivisch die Freiheit der Bevölkerung zu sichern. Zudem sollen demokratische Institutionen etabliert und regelmäßige Wahlen gesichert werden.

Nichts von alledem ist gelungen. Alle Missionen sind gescheitert.

Die US-Regierung hat früh damit begonnen, die Fehler in diesem Einsatz zu analysieren und Lehren aus ihnen zu ziehen. Die Washington Post hat über mehrere Jahre hinweg diese Informationen gesammelt und konsolidiert. Das Buch „The Afghanistan Papers: A Secret History of the War“ ist erschreckend in seiner Schonungslosigkeit.

Bereits im Jahr 2003 stellte der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld fest, dass er „keine Ahnung hat, wer eigentlich die Bösewichte in Afghanistan und Irak“ sind. Er lese zwar regelmäßig die Geheimdienst-Briefings, aber bei genauerem Hinsehen fiele auf, dass niemand wirklich Ahnung von dem Konflikt habe. An anderer Stelle müssen Diplomaten eingestehen, dass sie selbst nach Jahren des Konflikts noch immer nicht wissen, wer der Feind ist, wer innerhalb Afghanistans zu den Alliierten zählt und woran man eigentlich bemessen soll, dass man diesen Krieg gewonnen habe.

Während die US-Präsidenten George Bush und Barack Obama die substanzielle Schwächung Al Kaidas herbeiführen konnten, ist es den Taliban ab 2003 gelungen, in Pakistan neu zusammenzufinden und durch gezielte Attentate und Terroranschläge den Frieden und die Stabilität in Afghanistan fundamental zu erschüttern.

Schuld an dem Desaster haben nicht nur die USA – sondern auch Deutschland

An anderer Stelle offenbaren sich Abgründe über die afghanischen Polizeieinheiten. Sie gehörten zu den „meistgehassten Institutionen in Afghanistan“, heißt es von Thomas Johnson, einem Angehörigen der US-Navy. Ein norwegischer NATO-Angehöriger erzählt, dass davon auszugehen sei, dass jede:r dritte afghanische Polizist:in nach seiner Ausbildung mitsamt seinen Waffen verschwinden würde, um auf eigene Rechnung Checkpoints zu eröffnen und Schutzgeld zu erpressen.

Doch nicht nur die afghanische Polizei, auch das afghanische Militär sei vollkommen unnütz, da es weder willens noch in der Lage sei, seinen Bereich zu verteidigen. Vielmehr sei das Verschwinden von Militär-Equipment, das vom Pentagon zur Verfügung gestellt werde, an der Tagesordnung. In einem Bericht heißt es, dass man selbst über die Anzahl der Soldaten nicht genau Bescheid wisse. Von den gemeldeten 352.000 Soldaten seien nur 254.000 real nachvollziehbar. Der Sold für die fiktiven 100.000 Militärangehörigen würde in die Taschen der Kommandeure wandern. Mittlerweile muss jeder afghanische Soldat über Fingerabdruck oder einen Gesichtsscan validiert werden.

Schuld an dem Desaster haben viele, nicht nur die USA allein. Sondern zum Beispiel auch Deutschland. Denn die Ausbildung der afghanischen Polizei lag schwerpunktmäßig in der Verantwortung der Deutschen. Über die schrieb Donald Rumsfeld im Jahr 2003, sie müssten einen besseren, schnelleren Job machen. Man sei erheblich unzufrieden mit ihrem Ergebnis.

Im Jahr 2006, fünf Jahre nach dem Beginn der Militärintervention, fand ein US-Diplomat nach eigenen Aussagen, „so gut wie keinen einzigen ausgebildeten afghanischen Polizisten vor.“ Die deutschen Bemühungen seien „krass unterdimensioniert“, „sieben von zehn afghanischen Polizisten waren Analphabeten“, der Bedarf sei „nahezu unbegrenzt“. Überhaupt seien von den benötigten 10.000 Personen nur einige Hundert überhaupt ausgebildet worden.

Nicht nur die fehlende Strategie und die unzuverlässigen Sicherheitskräfte gefährdeten den Erfolg der Afghanistan-Mission. Ein wesentliches Problem ist laut den Unterlagen der USA auch der Opium-Handel, mit dem die Taliban einen Teil ihrer Einnahmen generieren. Im Laufe ihrer Mission haben die USA mehr als neun Milliarden US-Dollar allein im Kampf gegen die Heroin-Produktion investiert. In aller Offenheit geben die Verantwortlichen zu, dass keine einzige Maßnahme gefruchtet habe. Dass sie mit ihrem Handeln Einiges sogar verschlimmert hätten. Im Jahr 2018 – 17 Jahre nach dem Einmarsch der westlichen Staatengemeinschaft in Afghanistan – produzierten afghanische Drogenhändler:innen 82 Prozent des Opiums im weltweiten Opiummarkt.

Ein blauer Teppich mit unterschiedlichen unbemannten Drohnen, eine Zentral in rot
Afghanischer Kriegsteppich, der amerikanische Reapar Drohnen darstellt. Teppiche dieser Arten werden seit dem Einmarsch der UdSSR geknüpft.

Auch 20 Jahre später fehlt es an Wissen, Strategie, Verständnis

Überhaupt scheinen die westlichen Militärs nicht nur ihre eigene Militärstrategie nicht verstanden zu haben, auch ein grundlegendes Verständnis des Landes, in dem sie sich aufhielten, scheint flächendeckend zu fehlen, bis heute. Schon 2015 sagte ein hochrangiger US-Militär, dass ihnen ein „fundamentales Wissen des Landes“ fehle und „dass sie auch nicht so genau wüssten, was sie da tun.“ (Ja, das sagt er wirklich. Im englischen Original steht dort: „We were devoid of a fundamental understanding of Afghanistan – we didn’t know what we were doing.“)

Dieses fehlende Wissen, das fehlende Verständnis, die fehlende Strategie, all das hat sich auch 20 Jahre nach dem ursprünglichen Beginn der Mission nicht verändert. Noch immer fehlen grundlegende Erkenntnisse über die Verhältnisse in Afghanistan und den angrenzenden Regionen, noch immer finden vorhandene Informationen ihren Weg nicht zu den Entscheidungsträger:innen.

Das alles blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Die Lage in Afghanistan blieb unklar. Unter anderem, weil die Öffentlichkeit getäuscht wurde.

Im Jahr 2016 berichtete ein US-Militärangehöriger, dass die wesentlichen Erzählungen über Afghanistan aus folgenden Informationen bestünden: „Afghanistan steht über Nacht bereit für demokratische Prozesse“, „die Bevölkerung wird die Regierung in kürzester Zeit unterstützen“ und „mehr von allem ist besser.“ Um diese Erzählungen zu stützen, wurde jeder vorhandene Datenpunkt verändert, um das bestmögliche Bild vom Einsatz zu zeichnen.

Die NATO hatte auch jenseits ihrer Überforderung und Unwissenheit gute Gründe dafür, Teile des Afghanistan-Einsatzes geheim zu halten. Die Errichtung des Foltergefängnisses Guantanamo, in dem selbst Kinder und Jugendliche über Jahre und Jahrzehnte unter menschenunwürdigen Bedingungen und ohne ein rechtsstaatliches Verfahren festgehalten wurden, ist auch ein Produkt dieser Afghanistan-Mission. Zudem waren die USA bis zuletzt sehr restriktiv mit ihren Informationen über die zahlreichen Zivilist:innen, die durch unbemannte Drohneneinsätze getötet wurden. Unter US-Präsident Donald Trump wurden die ohnehin wenig aussagekräftigen Zahlen weiter eingeschränkt und fortan vollständig geheim gehalten.

Ein weiteres wenig beachtetes Thema sind die offenen Kriegsverbrechen, die durch NATO-Partner verübt wurden. Mindestens 39 Zivilist:innen wurden von 13 australischen Soldaten „unrechtmäßig getötet“. Experten gehen davon aus, dass dies nur die Spitze eines Eisberges ist, den internationale Streitkräfte geschaffen haben. Zeitweise wurden Mitglieder des Internationalen Strafgerichtshofes, die zu den Kriegsverbrechen der USA in Afghanistan ermittelten, mit persönlichen Sanktionen und Einreiseverboten belegt.

Warum wurden die Warnungen ignoriert?

Vor all diesen Hintergründen lässt sich kaum erahnen, welche Informationen über Afghanistan – auch von Seiten der Bundesregierung – nun glaubhaft sind und welche nicht.

Eine der zynischsten Vermutungen ist die, dass es der deutschen Bundesregierung kurz vor der Bundestagswahl nicht recht gewesen wäre, wenn die Situation in Afghanistan eskaliert und sie eine neue Debatte über die Kosten des Militäreinsatzes und afghanische Kriegsflüchtlinge hätte führen müssen. So warnt das Personal in der Deutschen Botschaft in Kabul das Auswärtige Amt seit Wochen vor einer Gefährdung durch die Taliban, ein Diplomat sagte gar: „Wenn das an irgendeiner Stelle diesmal schiefgehen sollte, so wäre dies vermeidbar gewesen.“ Die Frage, warum diese Warnungen ungehört verhallten, bleibt.

Nun ist der Einsatz vorbei. Die USA, das Vereinigte Königreich, Deutschland, überhaupt alle ziehen sich nun aus Afghanistan zurück. Bei den vielen gebrochenen Versprechen ist das vielleicht bitterste jenes, dass alle Menschen, die für die NATO, die Bundeswehr oder für deutsche Institutionen tätig waren, und die nun den Tod durch die Taliban befürchten müssen, gerettet werden würden.

Das stimmt nicht. Es stimmt einfach nicht.

Noch im Juni dieses Jahres stimmte die Bundesregierung geschlossen gegen einen Antrag der Grünen zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte. Stattdessen heißt es von CDU- und CSU-Politiker:innen ernsthaft, dass die Aufnahme dieser besonders Schutzbedürftigen noch mehr Menschen zu einer Flucht motivieren würde. Wie in einer besonders schrägen Choreografie wiederholen zudem Armin Laschet, Paul Ziemiak und Julia Klöckner mantraartig, dass sich „2015 nicht wiederholen“ dürfe. Das Verteidigungsministerium versteigt sich gar zu dem Satz: „Ist ja nicht so, dass wir sie gezwungen haben, mit uns zusammenzuarbeiten“ – und lässt die Bundeswehr allen Ernstes lieber das restliche Bier aus Afghanistan ausfliegen, als ihre gefährdeten Ortskräfte in den Flieger zu setzen. Selten hat das Wort Menschenverachtung besser in eine politische Position gepasst als in diese.

Ein Taliban steht auf der Motorhaube eines Humvees
Die Taliban haben während ihres Sturms auf Kabul modernes, westliches Kriegsgerät erbeutet: Minen-geschütze Fahrzeuge wie in diesem Foto, aber etwa auch biometrische Scanner.

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Die Taliban gehören nun zu den bestausgerüsteten Terrororganisation der Welt

In einem sehenswerten Interview berichtet Marcus Grotian, ehemaliger Bundeswehrsoldat und Sprecher des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte“ von seinen Bekannten in Afghanistan, die nun in Kabul festsitzen. Der deutsche Staat hat ihnen zwar versprochen, dass ihre Visaanträge bearbeitet werden würden und sie anschließend nach Deutschland kommen könnten, aber nach seinen Kenntnissen wurde noch kein einziger Antrag bearbeitet. Durch die Aussage, der Antrag könne nur in Kabul und nicht im sicheren Ausland gestellt werden, sitzen die Menschen nun in einer Falle. Die Safehouses, in denen sie sich versteckt haben, sind, nachdem sie sie aus Sicherheitsgründen verlassen haben, direkt anschließend von den Taliban aufgesucht worden. Laut Augenzeugenberichten bewahrheitet sich die Befürchtung, dass die Taliban nun von Tür zu Tür gehen, um die „Verräter“ zu exekutieren.

Diese Menschen in Afghanistan schweben in Lebensgefahr. Ihre Situation hat sich, das muss man leider in dieser Form feststellen, nach 20 Jahren deutlich verschlechtert. Die Taliban gehören nun, wo ihnen das Militär-Equipment der NATO in die Hände gefallen ist, zu den bestausgerüsteten Terrororganisationen der Welt. Mit ihrem Geld, den Bodenschätzen und dem Drogenhandel haben sie genügend Druckmittel, um auf militärischem und diplomatischem Weg ihre Interessen auszuspielen.

Der Einsatz der gesamten westlichen Welt in Afghanistan ist gescheitert.

Die Ratlosigkeit, die Fassungslosigkeit und die Scham in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung sind berechtigt. Deutschland, Europa und der gesamte Westen haben versagt.

Politisch, militärisch, moralisch.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Tarek Barkouni, Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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