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Brüste sind out

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Das Ding des Monats
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Das Ding des Monats
Manchmal verraten der Overheadprojektor und die Freibadpommes mehr über die großen Zusammenhänge unserer Zeit als die lange Analyse. Diesen Dingen widmen wir diese Serie.

Es war ein Skandal: Ganze fünf Sekunden lang konnten Zuschauer:innen die Andeutung von zwei nackten Brüsten sehen. Die Schauspielerin Hildegard Knef, eine „bezaubernde Evastochter“, wie es im Trailer heißt, läuft im Film „Die Sünderin“ nackt herum, prostituiert sich und tötet am Ende sich und ihren Liebsten. Die Kirche lief Sturm, Gegner:innen des Films verteilten Flugblätter und attackierten Kinobesucher:innen sogar mit Stinkbomben. Das war 1951.

Heute löst die Darstellung von Prostitution keinen Skandal mehr aus – nackte Brüste aber schon. Vor wenigen Wochen sonnte sich eine Frau oberkörperfrei in der Nähe eines Spielplatzes in Berlin. Zuerst rückten die Parkwächter an, dann die Polizei, denn die Frau weigerte sich, ein Oberteil anzuziehen. Ihr Freund durfte nämlich weiterhin oben ohne herumliegen und das fand sie unfair. Der Vorfall bot Anlass für eine Oben-ohne-Demo in Berlin.

Wie wir über Brüste denken, verändert sich

Einerseits ist es frustrierend: Warum diskutieren wir heute, genau 70 Jahre nachdem sich die bezaubernde Evastochter Hildegard Knef vor ganz Deutschland auszog, immer noch über nackte Brüste? Andererseits verändert sich etwas: Brüste durchlaufen gerade einen gesellschaftlichen Wandel, sie verlieren ihre sexuelle Aufladung und erfahren eine Wiedergeburt: als politisches Symbol.

Nicht nur das oben genannte Park-Beispiel ist Beleg dafür. All die Artikel, in denen Mütter stolz ihr Kind stillen oder davon berichten, es eben nicht zu tun, weil ihnen ihre nackte Brust in der Öffentlichkeit unangenehm erscheint, sind es auch. Und in den sozialen Medien sind Brüste längst genau das: ein riesiges Politikum. In den Richtlinien von Facebook und Instagram sind „unbedeckte weibliche Brustwarzen“ ausdrücklich untersagt. Auch „sexuelle Handlungen“ sind verboten, zum Beispiel „das Drücken weiblicher Brüste, definiert als eine greifende Bewegung mit gekrümmten Fingern, die sowohl Abdrücke als auch eine deutliche Formveränderung der Brüste zeigt.“ Okay, Facebook.

Diese Regeln empfinden viele als unfair, schließlich geht es dabei nur um die weibliche Brust und weibliche Nippel. 2019 demonstrierten deshalb Hunderte Menschen vor der Facebook-Zentrale in New York. Nackt, mit übergroßen Abzügen männlicher Brustwarzen, die ihre eigenen Brustwarzen bedeckten. Fotos davon findet man im Internet unter dem Hashtag #wethenipple.

Eine ausführliche Recherche zum Nippel-Bann auf Instagram gibt es in diesem Video des Funk-Formats „So Many Tabs“.

Früher habe ich mir sogar Gedanken darüber gemacht, ob es anstößig ist, wenn man die natürliche Form meiner Brüste zu sehr erkennt. Ich habe deshalb bei bestimmten Oberteilen einen BH getragen, obwohl ich es unbequem fand. Mich nervt das. Weil ich mir viel zu viele Gedanken um meine Brüste mache. Ich will sie einfach nur tragen wie meine Haare: frei herumschwingend, nett anzusehen, aber nicht als mein prägendes äußeres Merkmal. Ist das so schwer?

Vor ein paar Wochen war ich auf einer kleinen Party. Mitten in der Nacht beschlossen wir – zehn junge Frauen – oberkörperfrei um den Block zu ziehen. Und so demonstrierte auch ich plötzlich für meine Nippel. Wir nannten es „feministischen Powerwalk“ und es war: ungewohnt, anfangs ein bisschen beklemmend, weil wir uns entblößt fühlten. Aber dann: sehr, sehr befreiend. Es war das Gegenteil von dem, was wir sonst mit unseren Brüsten tun. Kein Überlegen, ob der Ausschnitt zu tief, der Stoff zu dünn, der BH zu eng ist. Es war, als ob wir ein riesiges Transparent hochhalten würden, auf dem steht: Es sind Brüste, so what?

Leider war unsere Botschaft nicht für alle so deutlich. Erst kam eine Gruppe Männer, die uns für Prostituierte hielt (nicht Sinn der Sache!), dann die Polizei (auch nicht Sinn der Sache). Trotzdem war es ein kleiner Schritt für jede Einzelne von uns. Eine Befreiung von etwas, das uns viel zu lange im Alltag genervt hat – auch wenn das nicht jeder an diesem Abend verstanden hat.

Der Po ist die neue Brust

Die Entsexualisierung von Brüsten spielt sich aber nicht nur in einer Bubble BH-verbrennender Feministinnen ab. Sie hat längst begonnen. Oder sagen wir es so: Der Po ist die neue Brust.

Die Illustrierte Gala veröffentlichte kürzlich eine ganze Galerie mit den Hintern berühmter Menschen. Es könnte einem egal sein, würden die Körper der Stars nicht massiv Schönheitsideale prägen und stünden sie damit nicht für das, was die Welt gerade schön findet – und gerade findet die Welt Hintern sehr schön. Das beste Beispiel unter den Stars ist natürlich Kim Kardashian. Sie ist Unternehmerin, Model, Schauspielerin und hat einen sehr berühmten Po. Mit 241 Millionen Followern gehört sie zu den weltweit erfolgreichsten Influencerinnen auf Instagram. Dort postet sie zum Beispiel solche Fotos:

Kim Kardashian im Bikini auf einem Sandstrand stehend, uns den Rücken zugewandt und über die Schulter schauend.

© Instagram/ kimkardashian

Es ist eine Pose, die Instagram erobert hat: leicht seitlich von hinten, die Silhouette des Pos gut zu erkennen, ein Blick über die Schulter. Millionen Mädchen und Frauen sehen das, liken, kommentieren und stellen die Pose nach. Millionen Mädchen und Frauen kaufen sich keinen Push-up-BH mehr, sondern machen ein Po-Workout.

Das macht sich auch in Fitnessstudios bemerkbar. „So viele runde, weibliche Hintern hat früher niemand gezeigt“, sagt Christiane Enzelberger, Pressesprecherin von Clever fit, einer der größten Fitnessstudio-Ketten in Deutschland. Die Gerätehersteller haben deshalb ihr Angebot um Geräte wie den „Booty-Builder“ oder die „Hip Thrust Machine“ erweitert, die in immer mehr Studios von Clever fit stehen. „Wir stellen auch fest, dass bei leistungsorientierteren Fitnesssportlerinnen nicht nur ein oder zwei Beintage im Trainingsplan auftauchen, sondern eigens ein Bootyday eingeplant wird“, sagt Enzelberger.

Der Po-Wahn hat in den vergangenen Jahren teils absurde Züge angenommen: Kim Kardashian soll eine Versicherung über 19 Millionen Euro auf ihren Hintern abgeschlossen haben, die US-Sängerin Jennifer Lopez sogar über 27 Millionen Euro. Und erinnert ihr euch noch an Twerken? Vor ein paar Jahren noch wollten alle Teenies diesen sexuell aufgeladenen Tanz lernen, bei dem man mit Hintern und Hüfte wackelt.

Es war der Beginn der Po-Ära, als Stars wie die Rapperin Nicki Minaj weltweit erfolgreich wurden, ihre Hintern in Szene setzten und damit Schönheitsideale prägten. Das Musikvideo zu Minajs „Anaconda“, in dem es ausschließlich um Hintern geht, kursierte vor sechs Jahren auf jedem Schulhof – inzwischen hat es mehr als eine Milliarde Youtube-Aufrufe. Der dramatische Klimax des Songs liegt übrigens auf der Textzeile: „Oh my gosh – look at her butt!“ Also: „Oh mein Gott – sieh dir ihren Hintern an!“ Heute können die Hüften breit und die Oberschenkel dick sein, hauptsache der Po ist groß, rund und durchtrainiert. Brüste sind zweitrangig geworden.

Denn Schönheitsideale ändern sich. Symbole für Sex oder Weiblichkeit ändern sich auch. „Das Bild der Frau von sich selbst hat sich verändert“, sagt Christiane Enzelberger. Sportliche Frauen spielten im Fitnessbereich eine viel größere Rolle als früher und auch eine muskulöse Frau werde als weiblich angesehen. Vielleicht hängt der Trend zum Po damit zusammen: Ihn kann man immerhin trainieren.

Für mich war oben ohne um den Block zu ziehen wie eine Befreiung. Es war eine Grenze in unseren Köpfen, die wir überschritten haben, eine Überwindung, um freier und gelassener mit unseren Brüsten umzugehen. Wenn wir alle etwas gelassener wären, egal ob es um Brüste oder Pos geht, dann wären diese beiden Körperteile das, was sie eigentlich sind und immer waren: einfach nur zwei Körperteile.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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