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Die doppelte Krise der griechischen Inseln

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Das Thermometer an der Apotheke gegenüber zeigt schon jetzt 34 Grad Celsius an. Dabei ist es noch nicht einmal zehn Uhr morgens, als die Physiotherapeutin Fabiola Velasquez auf der griechischen Insel Lesbos den Kofferraum ihres blauen Caddy aufklappt, den Gurt ihrer Patientin löst und den Rollstuhl aus dem Transporter schiebt. Von den Balkonen der umliegenden Häuser tropft das Kondenswasser der Klimaanlagen hinunter. Im Radio des Autos läuft eine Nachricht des Gesundheitsministeriums: Die Menschen sollen im Schatten laufen und die Klimaanlagen auf 26 Grad drehen, um Strom zu sparen. Lesbos schwitzt.

Vier Kilometer entfernt im Flüchtlingslager Mavrovouni fällt am gleichen Vormittag wieder der Strom aus. Das Lager liegt auf einem staubigen Militärschießübungsplatz. Die wenigen Klimaanlagen dort hören auf zu brummen. Auch in der Nacht konnten die meisten Zelte aufgrund der hohen Temperaturen nicht abkühlen.

Physiotherapeutin Fabiola Velasquez hat ihre Patientin dort heute morgen abgeholt. Mina Nazari* ist 61 Jahre alt, wurde in Afghanistan geboren und kam vor wenigen Wochen in einem der wenigen Schlauchboote an, die es noch auf die Insel Lesbos schaffen. Zusammen mit dem Rest ihrer Familie wartet sie nun wie 4.100 andere Geflüchtete auf ihre endgültige Asylentscheidung.

Stacheldraht und Meer umschließen das Lager. 320 Uniformierte bewachen es rund um die Uhr. Für Mina Nazari ist die Physiotherapie die einzige Chance, das Lager zu verlassen. Aufgrund der Pandemie-Bestimmungen haben nur etwa ein Drittel der Geflüchteten jeden Tag Ausgang. Sonntags darf keiner das Gelände verlassen.

Als im vergangenen Herbst das große Lager in Moria abbrannte, überwinterten die Geflüchteten in Zelten. Immer wieder versanken sie im Schlamm. Das Gelände war nicht dafür gemacht, Tausende Menschen zu beherbergen. Die Bilder davon gingen um die Welt.

Klima- und Geflüchtetenkrise – hier auf Lesbos vereinen sie sich. Die Insel zeigt, wie die Klimakrise zwar jeden trifft, aber in unterschiedlichem Maß.

Wer hat was? In der Klimakrise ist das eine entscheidende Frage

Behutsam schiebt Velasquez ihre Patientin über das Kopfsteinpflaster zu ihrer kleinen Praxis. Es ist ungewöhnlich ruhig an diesem Morgen. Die Cafés sind leer. Vor den weißen Balkonen des „Blue Sea Hotels“ hängt ein Touristenpaar schlaff in den Plastikstühlen. Die archäologischen Stätten auf der Insel müssen aufgrund der Hitze schließen.

„Für Menschen im Rollstuhl oder mit Krücken ist die Hitze im Lager besonders schlimm“, sagt Fabiola Velasquez. „Jeder Weg zur Toilette wird zu einer Aufgabe, bei der die ganze Familie mit anpacken muss.“ Die Chilenin bietet seit über drei Jahren eine ganzheitliche Physiotherapie für einige Geflüchtete auf der Insel an. Mit ihrem Angebot kann sie nur einen Bruchteil der Menschen im Camp erreichen.

Mina Nazari ist eine zierliche Frau in einem grauen Trainingsanzug, um ihre Schultern liegt ein bunter Schal. Nach zwei Schlaganfällen kann sie kaum sprechen. Sie ist auf ständige Betreuung durch ihre Tochter angewiesen. Trotz ihres hohen Schutzstatus wurde die Familie von den Asylbehörden nach nur wenigen Tagen in erster Instanz abgelehnt. Zurück in die Türkei können sie nicht. Seit März 2020 nimmt die Türkei niemanden mehr aus Griechenland auf. Jetzt sitzt die Familie erstmal im Lager fest.

In den vergangenen Monaten konnten viele Familien mit einem positiven oder negativen Asylbescheid das Lager zwar verlassen. Doch auch auf dem Festland gehen die prekären Lebensverhältnisse oft weiter. Tausende landen in den Städten Athen und Thessaloniki ungeschützt in der Obdachlosigkeit.

In ihrem Behandlungszimmer neben dem sirrenden Ventilator angekommen, streicht Velasquez ihrer Patientin über die Stirn. Nazari nimmt einen Schluck Wasser mit Elektrolyten aus einem Plastikbecher. Die Plastikflaschen, die alle Bewohner:innen morgens bei der Essensausgabe bekommen, heizen in der Sonne schnell auf. Um sich zu kühlen hilft es nur, getränkte Taschentücher in den Nacken zu legen und abzuwarten, bis die Elektrizität wieder anspringt – falls man einen Ventilator im Zelt hat.

Neue Geflüchtete kommen nach Lesbos

Nachdem das große Lager in Moria abgebrannt war, baute das Athener Migrationsministerium mit Hilfe der EU-Kommission innerhalb kürzester Zeit neue Zelte auf. Eine „Übergangslösung“ sollte es werden, so das Migrationsministerium. Denn das Meer bewegt sich hier gefährlich nah an den Zelten. Der ehemalige Schießübungsplatz, auf dem im Schnellverfahren Hunderte Zelte gebaut wurden, ist dem direkten Wind ausgesetzt, und es gibt keinen einzigen Baum, um im Sommer Schatten zu spenden.

Für über eine viertel Milliarde Euro sollten auf den Ägäischen Inseln fünf neue Lager entstehen. Um das Geld und die Pläne der Öffentlichkeit zu verkünden, reiste die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson im März mit einem Helikopter auf die Insel Samos und später auch nach Lesbos. Einige der Bewohner liefen auf die Hubschrauber zu und riefen „Freiheit“, andere lagen regungslos in ihren Zelten. Sie hatten Angst vor dem Lärm. Niemand hatte ihnen Bescheid gesagt, was passiert.

Nicht nur durch den Stacheldraht in den Lagern, sondern auch durch Isolation in Abschiebegefängnissen oder auf dem Festland wird in Europa vielen Geflüchteten das Gefühl vermittelt, mit der Flucht einen Fehler begangen zu haben. Dabei zeigen ausgerechnet diese heißen Augusttage, wie schnell sich die Situation für jeden ändern kann. Denn auch Tausende Griech:innen müssen in diesen Tagen aus ihren brennenden Häusern fliehen – auf einmal werden sie selbst zu Geflüchteten.

Tausende Menschen werden in den Tagen des Feuers vertrieben

Die Temperaturen stiegen Anfang August auf über 46 Grad Celsius an. Immer mehr Waldbrände entzündeten sich, genauso wie in der benachbarten Türkei, wo sie schon Tage zuvor Tausende Menschen vertrieben hatten. Die Feuer fraßen sich durch Wälder im Norden von Athen, die Halbinsel der Peloponnes und quer durch die Insel Evia. Ein Feuerwehrsprecher sagte der Zeitung „Eleftheros Typos“, die Hitze der Brände sei so extrem, „dass das Wasser aus den Schläuchen und aus den Löschflugzeugen verdunstet“, bevor es die Flammen erreichen könne.

Zweitausend Menschen sind bisher in Fähren von der Insel Evia evakuiert worden. Ein Mann ist auf der Insel gestorben. Hunderte Feuerwehrleute und Einwohner:innen sind Tag und Nacht im Einsatz. Doch die Feuer beschädigen auch Strommasten und Wasserleitungen und machen die Situation so immer auswegloser. Durch die ägäischen Winde angefacht, sind viele Feuer nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Die Trauer und Verbitterung in der Bevölkerung ist groß. Viele Einwohner:innen in Evia fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen, da aufgrund der ständigen Sparmaßnahmen bei der Feuerwehr in den vergangenen Jahren nicht genug Hilfe kommen konnte.

Die Behörden richteten Notfallunterkünfte ein, Hotels und Freiwillige öffneten ihre Türen für die Vertriebenen. Viele Menschen bleiben in diesen Tagen mit großer Unsicherheit zurück und wissen nicht, ob sie nach ihrer Rückkehr noch ein Zuhause haben werden. „Die vergangenen Tage waren für unser Land seit Jahrzehnten mit die schwierigsten. Wir kämpfen diesen Kampf mit aller Kraft, aber wir stehen vor einer Naturkatastrophe beispiellosen Ausmaßes“, sagte Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis noch am Montagabend im Staatsfernsehen.

Hitze, Schlamm, Regen verwüsten das Land

Dabei ist das Feuer in diesen Tagen nicht das erste Zeichen der Klimakrise im Mittelmeerraum. Immer wieder kam es im vergangenen Jahr zu extremen Wetterbedingungen:

Im Oktober 2020 gab es tagelang sturzflutartigen Dauerregen. Ich selbst erinnere mich gut daran: Zusammen mit einer Freundin fand ich in einem dieser Regengüsse Unterschlupf in einem Café in der Stadt Mytilini. Während wir zusahen, wie der Wind einen Gartenstuhl mit der Lehne voraus auf die Hafenstraße zufliegen ließ, erreichten mich Bilder aus dem nur vier Kilometer entfernten Fluchtlager von Menschen in gelben Regenmänteln, die versuchten, Regenschneisen in den Boden zu graben, von vollgelaufenen Sneakern vor überschwemmten Zeltplanen und Menschen, die mit ihrem Rollstuhl im Schlamm feststeckten. Journalist:innen durften an diesem Tag das Lager offiziell nicht betreten. Dies war schon von Anfang an nur mit einer Ausnahmegenehmigung und mit behördlicher Begleitung möglich.

Zwei Wochen später kam es zu einem schweren Erdbeben in der Region rund um die türkische Küste und die Ägäischen Inseln. Die Hafenstadt Samos wurde überschwemmt. Zwei Jugendliche starben durch eine eingestürzte Mauer. Zur gleichen Zeit blinkte eine Warnung auf den Smartphones der Bürger:innen auf, sich von den Küsten fernzuhalten. Eine Tsunamiwarnung wurde herausgegeben. Das Lager auf dem schwarzen Hügel beherbergte damals über 6.000 Menschen und wurde nicht geräumt. Wir hatten Glück; der Mini-Tsunami traf Lesbos an diesem Tag nicht.

Auch in den folgenden Wintermonaten kam es immer wieder zu Regenstürmen. Während ich in meiner kleinen Wohnung in der Hafenstadt einen Tee aufgießen und den Heizstrahler andrehen konnte, standen die Zelte im Lager immer wieder unter Wasser.

„Es ist so gefährlich wie noch nie“

„Die Menschen in der gesamten Mittelmeerregion müssen sich darauf einstellen, dass auch in Zukunft größere Hitzewellen und Regenfluten auf uns zukommen werden“, sagt Christos Zerefos, Klimaforscher an der Akademie von Athen. Seit Mai hat es in der Region nicht mehr geregnet. Die Böden sind bei geringer Luftfeuchtigkeit ausgetrocknet. Allein in den vergangenen zehn Tagen brannten laut den Daten des Europäischen Waldbrandinformationssystems 56.000 Hektar Land ab. In den Jahren 2008 bis 2020 waren es im gleichen Zeitraum noch durchschnittlich 1.700 Hektar.

Forscher warnen in derselben Woche vor einem Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung, die für den Austausch kalter und warmer Wassermassen in dem Ozean verantwortlich ist und so auch das Klima von Europa beeinflusst. Die möglichen Folgen könnten steigende Meeresspiegel und weitere Hitzewellen sein. „Es ist so gefährlich wie noch nie“, sagt Christos Zerefos am Telefon. Dann legt er schnell den Hörer auf. An diesem Tag bekommt er Interviewanfragen aus der ganzen Welt.

„Naima hat Fortschritte gemacht“, sagt Fabiola Velasquez ein paar Stunden später am Telefon, „sie kann jetzt fast schon alleine stehen.“ Keinen Tag hat Velasquez verpasst, um ihre Patientin in ihrem kleinen Caddy aus dem Lager abzuholen. Jedes Mal ist Mina Nazari trotz aller Aussichtslosigkeit wieder von ihrer Liege aufgestanden und hat sich mit Velasquez im Rollstuhl auf den Weg in die Stadt gemacht.

Vielleicht ist es genau diese kleine Nachricht, die in den Tagen der schrecklichen Brandbilder signalisiert: Es geht weiter. Auch wenn der Weltklimarat zu Beginn der Woche verkündet, dass die Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius bereits bis 2030 erreicht sein wird.


Der Name der zu Beginn und zum Schluss des Textes erwähnten Frau wurde auf Wunsch der Anwältin der Familie aus Schutzgründen geändert, da die Familie noch mitten in einem schwierigen Asylverfahren steckt.

Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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