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Warum Deutsche Maske tragen und Amerikaner dicke Hunde haben

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Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Wie das Wasser für die beiden jungen Fische in dieser Geschichte, ist für uns Menschen die Kultur, in der wir leben, glaubt die interkulturelle Psychologin Michele Gelfand. Diese Kultur ist überall, aber sie ist so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht bemerken. Dabei beeinflusst sie ständig und tiefgreifend, die Art wie wir denken, handeln und mit anderen Menschen umgehen.

Die Fisch-Geschichte ist durch den amerikanischen Schriftsteller David Foster Wallace berühmt geworden, der sie 2005 im Rahmen einer Rede vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon Collegs erzählt hat.

Jede Kultur, sagt Gelfand, schafft eine Reihe von Verhaltensregeln, Do's und Don'ts. Ohne darüber nachzudenken, befolgen wir sie vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir klauen kein Essen von den Tellern anderer Leute. Wir schreien nicht in Bibliotheken. Wir halten an roten Ampeln. Wir befolgen sogar Regeln, die gar keinen Sinn ergeben: Fremden Menschen strecken wir zur Begrüßung eine leere Hand entgegen. Wir fällen im Dezember gesunde Bäume, schmücken sie und lassen sie dann in Wohnzimmern sterben. Und in der letzten Nacht des Jahres schießen wir brennende Papphülsen in den Himmel.

Ich habe mit Gelfand darüber gesprochen, warum in Deutschland öffentliche Uhren anders ticken als in Brasilien, warum Menschen in manchen Ländern eher bereit sind, seltsam aussehenden Fremden zu helfen, und warum bei vielen Menschen in der Pandemie der Angstreflex versagt hat.

Frau Gelfand, Sie erforschen, wie Kultur Menschen, Organisationen, Gemeinschaften und Nationen prägt. Dabei sind Sie auf ein interessantes Unterscheidungsmerkmal gestoßen: Sie haben herausgefunden, dass sich alle Kulturen auf einer Skala von „strikt“ bis „locker“ einordnen lassen. Deutschland ist eher strikt, oder?

Alle Kulturen haben strikte und lose Elemente. Das ist wichtig zu verstehen. Genauso wie Individuen eher introvertiert oder extrovertiert sein können. Aber wir tendieren vielleicht eher in die eine oder andere Richtung. Das gilt auch für Nationen. In unserer Forschung haben wir zum Beispiel Ostdeutschland und Westdeutschland untersucht, neben Dutzender anderer Regionen. In unseren Daten erwies sich Ostdeutschland als strikter als Westdeutschland. Aber dennoch waren Deutschland und Österreich allgemein strikter als etwa Italien oder Spanien. Andererseits ist Deutschland nicht so strikt wie Singapur oder Südkorea. Ich erwähne das auch deshalb, weil es Bereiche gibt, in denen man auch in Deutschland Lockerheit findet. Nacktheit in öffentlichen Räumen wird zum Beispiel in Deutschland viel eher toleriert als in den USA, einer sonst eher lockeren Kultur. Aber generell kann man sagen, dass die deutsche Kultur Richtung strikt tendiert.

Ein Balkendiagramm mit 33 Ländern, die von links nach rechts in aufsteigender Reihenfolge geordnet sind. Die  Y-Achse zeigt die Bandbreite zwischen Strikt und Locker, die X-Achse die Länder. Ganz links die Ukraine, ganz rechts Pakistan, in der Mitte Deutschland.

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Was bedeutet das?

Dass es klare Regeln gibt, an die sich die Leute halten. Und wenn Menschen sich nicht daran halten, bekommen sie ein Feedback. Manchmal ist es informell: Man gibt ihnen in irgendeiner Form zu verstehen, dass sie eine Regel übertreten. Oder es ist formell, also mit einer Strafe belegt.

Mir scheint, dass strikte Kulturen im wahrsten Sinne des Wortes gleicher ticken. Sie nennen in Ihrem Buch das Beispiel mit den Uhren…

Man kann sagen, dass es in strikten Kulturen mehr Synchronität gibt.

„Synchronität findet man in vielem, was Menschen tun: Beim Schwimmen etwa, in Marschkapellen oder beim Militär. Sie ist auch ein Merkmal vieler nicht-menschlicher Arten. Glühwürmchen haben die Synchronität mit zeitlich abgestimmten Lichtsignalen gemeistert, anhand des Zirpens von Grillen lassen sich präzise Temperaturen vorhersagen. Synchronität ist überall um uns. Bei den Menschen sind Herzschrittmacher, feuernde Neuronen, die Tätigkeit des Darms und applaudierende Menschen Beispiele für Synchronität. Alle Nationen müssen bis zu einem gewissen Grad synchronisiert sein, sonst würden sie zusammenbrechen. Dennoch unterscheiden sich Nationen stark in ihrer Fähigkeit, Handlungen zu synchronisieren. Dabei schneiden strikte Kulturen besser ab als lockere.“

*Aus Michele Gelfands Buch: Rule Makers, Rule Breakers. How Tight and Lose Cultures Wire Our World. *

Wir haben uns zum Beispiel angesehen, wie exakt öffentliche Uhren in den Städten verschiedener Länder aufeinander abgestimmt sind. In strikten Kulturen, einschließlich Deutschland, sind sie meist sehr genau aufeinander abgestimmt. Das geht manchmal fast auf die Millisekunde. In lockeren Kulturen sind die Uhren nicht so synchron. In manchen Ländern kann man sich nie ganz sicher sein, wie spät es ist, weil die Uhren auf den Straßen immer etwas anderes anzeigen.

Ein Balkendiagramm mit dem Titel "Wie stark öffentliche Uhren voneinander abweichen". Auf der Y-Achse eine Skalae von 0 bis 120 Sekunden, auf der X-Achse 17 Länder. Ganz links ist Italien, ganz rechts Griechenland.

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Ich musste lachen, als ich in Ihrem Buch das Beispiel von den Deutschen las, die nachts um 23 Uhr an einer Ampel warten, auch wenn kein Auto in Sicht ist. Das könnte ich sein. Anscheinend bin ich deutscher, als ich dachte.

Kultur ist wirklich ein sehr seltsames Phänomen, weil sie für uns unsichtbar ist. Oft bemerken wir unsere eigene kulturelle Programmierung erst, wenn wir eine neue Kultur erkunden. Ich glaube, je mehr wir die Auswirkungen unserer kulturellen Programmierung erkennen, desto besser können wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst verstehen.

Nicht nur soziale Gruppen lassen sich auf eine Strikt-Locker-Skala einordnen, sondern auch einzelne Personen. Das ist zum Beispiel in Paarbeziehungen eine Quelle vieler Konflikte.

„Wenn Sie einen Partner haben, sehen Sie vielleicht, dass sich die Spannungen zwischen strikt und locker in unterschiedlichen Einstellungen zu Religion, Sparsamkeit oder Sauberkeit zeigen. Werden Sie (so wie ich) kritisiert, weil Sie nicht ordentlich abspülen oder weil Sie feuchte Handtücher auf dem Bett liegen lassen? Oder sind Sie selbst der ordentliche Typ?“, schreibt Gelfand.

Gelfand hat einen Test entwickelt, anhand dessen man sehen kann, ob man eher zu strikten oder eher zu lockeren Denk- und Verhaltensweisen tendiert. Der Test ist auf Englisch, hier kannst du ihn machen.

Welche Eigenheiten haben Menschen aus strikten Kulturen noch?

Im Allgemeinen werden sie zum Beispiel stärker zur Selbstkontrolle erzogen. In Deutschland finde ich in diesem Zusammenhang das Wort für „Schulden“ interessant. Das hängt sprachlich mit “Schuld” zusammen, impliziert also, dass es moralisch schlecht ist, Schulden zu haben. Wir haben auch festgestellt, dass es in strikten Kulturen weniger Übergewicht gibt. Lustigerweise trifft das sogar auf Haustiere zu. Mein deutscher Kollege hier macht Witze darüber, dass ich einen dicken undisziplinierten Hund habe. Sein Hund ist schlank.

Übergewicht bei Haustieren ist weltweit ein Problem. Laut einer Erhebung der Organisation Pet Obesity Prevention von 2017 sind in den Vereinigten Staaten 56 Prozent der Hunde und 60 Prozent der Katzen übergewichtig oder fettleibig, Tendenz steigend. In Deutschland liegt die Zahl je nach Studie zwischen 30 und 52 Prozent.

Das klingt etwas klischeehaft.

Ja, und das ist natürlich relativ. Es gibt immer Ausnahmen. Aber im Allgemeinen gibt es etwas, das wir den Strikt-Locker-Deal nennen: Striktheit und Lockerheit bringen jeweils Vorteile in bestimmten Bereichen und Nachteile in anderen. Lockere Kulturen neigen zu mehr Offenheit und Toleranz. Wir haben eine interessante Studie gemacht, bei der ich einige meiner Forschungsassistent:innen gebeten habe, sich synthetische Gesichtswarzen oder temporäre Tattoos auf die Haut zu kleben oder falsche Piercings anzuziehen. Dann sind sie in vierzehn verschiedene Länder gereist und haben dort Fremde auf der Straße nach dem Weg gefragt oder Verkäufer:innen im Supermarkt um Hilfe bei ihren Einkäufen gebeten. Die Ergebnisse waren eindeutig: Menschen in lockereren Kulturen waren viel eher bereit, den komisch aussehenden Fremden zu helfen.

Eine Grafik mit vier Feldern, in der  Mitte steht"Der Strikt-Locker-Deal."

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Es ergibt Sinn, dass Menschen, die bei sozialen Normen weniger streng sind, auch an anderen Stellen über ihren Tellerrand hinausschauen.

Ja, und lockere Kulturen sind tendenziell auch ideenreicher und kreativer. Und lockere Kulturen kommen besser mit Veränderungen zurecht. 

Der Strikt-Locker-Deal gilt nicht nur für soziale Gruppen, von Nationen bis zu Unternehmen, sondern auch für Organisationen. Wenn strikte und lockere Strukturen aufeinander treffen, kann das ziemlich schwierig werden. Ein Beispiel dafür ist die gescheiterte Fusion von Daimler und Chrysler im Jahr 1988. Das deutsche Unternehmen Daimler legte Wert auf Top-Down-Management, Konsistenz und Präzision und lag damit auf der strikten Seite der Skala. Entsprechend der Kultur der USA neigte Chrysler hingegen zur lockeren Seite, mit einer entspannteren und egalitären Unternehmenskultur und einem schlankeren Produktionsstil. Was folgte, war ein Zusammenprall der Kulturen, der aus einem Deal, der als Fusion angekündigt war, mehr eine feindliche Übernahme machte. Im Ergebnis verließen viele Führungskräfte das Unternehmen, Investoren sprangen ab. 2007 schließlich verkaufte Daimler Chrysler. Gelfand meint, das Scheitern der Fusion sei ein Ergebs der Tatsache, dass de Akteure massiv die Unterschiede zwischen lockeren und strikten Kulturen unterschätzt hatten.

Warum entwickeln sich Kulturen überhaupt in eine enge oder lockere Richtung?

Allgemein ist es so, dass soziale Normen helfen, soziales Handeln zu koordinieren und das Verhalten anderer vorherzusagen. Ohne diese Normen würden wir als Gesellschaften zusammenbrechen. Wir haben festgestellt, dass Menschen in Kontexten, die viel Koordination erfordern, strengere Regeln brauchen und striktere Kulturen entwickeln. Singapur ist ein gutes Beispiel dafür. Das Land hat zahlreiche Erfahrungen mit Gefahren gesammelt, sei es durch Invasionen, Naturkatastrophen, Krankheitserreger oder auch einfach durch die dichte Besiedelung. Daraus hat sich eine sehr strikte Kultur entwickelt: Wenn man Sie in Singapur dabei erwischt, wie sie größere Mengen Kaugummi ins Land bringen, droht Ihnen eine Geldstrafe von bis zu hunderttausend Dollar und/oder eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren. Und wenn Sie in einer öffentlichen Toilette vergessen, die Spülung zu betätigen, kann Sie das bis zu tausend Dollar Strafe kosten. Für Außenstehende mag das absurd erscheinen, aber Singapur ist ein extrem dicht besiedelter Ort, der vielen Bedrohungen ausgesetzt ist. Man hat dort festgestellt, dass strenge Regeln überlebenswichtig sind.

„In den 1980er Jahren hatten die städtischen Mitarbeiter in Singapur Mühe, mit der Beseitigung von Kaugummiabfällen fertig zu werden. Dies führte zu einer öffentlichen Krise. Die klebrigen Kaugummis verkleisterten Briefkästen und Aufzugsknöpfe und blockierten sogar die Schlüssellöcher von Wohnungen und die Sensoren an den Türen von Nahverkehrszügen, was zu häufigen Fehlfunktionen führte. In einem Ort mit so vielen Mündern pro Quadratmeile war die Lösung einfach: Die Versuchung loswerden. 1992 wurde der Verkauf von Kaugummi in Singapur verboten, und wer dabei erwischt wurde, musste mit saftigen Geldstrafen rechnen. Das Verbot führte anfangs zu einiger Frustration, aber heute wird es weitgehend aufrechterhalten.“

Aus Michele Gelfands Buch: Rule Makers, Rule Breakers. How Tight and Lose Cultures Wire Our World.

Ein anderes Beispiel: Für eine Studie haben Wissenschaftler:innen Regionen in China verglichen, die eher Reis oder eher Weizen anbauen. Reisanbau erfordert viel mehr Koordination als der Anbau von Weizen. Daher sind in China jene Regionen, in denen viel Reis angebaut wird, tendenziell kulturell strikter, sie haben strengere soziale Normen. Aber das Phänomen ist nicht auf China beschränkt: Überall auf der Welt fördert der Reisanbau Striktheit. 


Ein Portrait von Michele Gelfand, die lächelnd in die Kamera blickt

© Privat

Michele Gelfand ist interkulturelle Psychologin an der University of Maryland, College Park und wechselt in diesem Sommer an die Stanford University. Sie nutzt experimentelle, computergestützte und neurowissenschaftliche Methoden, um die Evolution von Kultur und ihre Konsequenzen zu verstehen. Sie ist vor allem als Expertin für die Tightness-Looseness-Theorie (Striktheit-Lockerheit-Theorie, Übersetzung d. Redaktion) bekannt. Sie ist Autorin des Buchs „Rule Makers, Rule Breakers: How Tight and Loose Cultures Wire Our World“, erschienen im September 2018 im Scribner Verlag.


Deutschland war historisch in viele Konflikte und Kriege verwickelt. Sind wir deswegen so strikt?

Die entscheidende Frage hierbei ist, ob die Kriege auf dem eigenen Territorium stattgefunden haben. Und das ist in Deutschland häufig passiert. Bedrohung kann dazu führen, dass eine Kultur strikter wird. Wir haben eine neurowissenschaftliche Studie in China durchgeführt, die zeigt, was das für einen evolutionären Sinn habe könnte. Dabei haben wir den Teilnehmer:innen drei Artikel mit erfundenen Inhalten zu Lesen gegeben, die sie aber für echt hielten. Einige der chinesischen Teilnehmer:innen lasen einen Artikel, in dem behauptet wurde, dass Japan im kommenden Jahrzehnt eine ernsthafte Bedrohung für China sein wird. Die andere Teilnehmer:innen haben entweder einen Artikel über einen Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea gelesen, oder einen Artikel über China, in dem keine Bedrohung von außen vorkam. Anschließend haben wir die Teilnehmer:innen immer wieder gemeinsam laut im genau gleichen Rhythmus zählen lassen. Dabei haben wir ihre Gehirnströme gemessen. Wir konnten sehen, dass die chinesischen Teilnehmer, die den Artikel über die Bedrohung aus Japan gelesen hatten, sich besser beim Zählen koordinierten. Und dass sie eine höhere neuronale Synchronität aufwiesen – insbesondere bei den Gamma-Wellen, die für Angst stehen. Angst spielt offenbar eine wichtige Rolle für koordiniertes Handeln.

Reden wir über die Pandemie. Sie sagen, dass strikte Gesellschaften besser mit Gefahren umgehen können. Doch das Covid-19-Virus hat auch Sie überrascht.

Das stimmt. Ich habe mir im März 2020 schon große Sorgen gemacht, wie lockere Kulturen wie die USA auf eine Pandemie reagieren würden. Ich habe befürchtet (und darüber geschrieben), dass sie länger brauchen würden, um sich auf Maßnahmen für die öffentliche Gesundheit einzulassen, und dass das tragische Folgen haben könnte. Ich hatte aber auch die Hoffnung, dass lockere Kulturen angesichts der Bedrohung strikter werden würden, dass die Menschen in dieser Situation strengere Regeln akzeptieren würden. All unsere Computersimulationen vor Covid-19 haben nahegelegt, dass so etwas passieren müsste. Es ist aber nicht passiert.

Wir haben monatelang Daten gesammelt, um das zu überprüfen. Im Spätherbst 2020 haben wir dann eine Arbeit veröffentlicht, in der wir 57 Länder und ihre Reaktionen auf die Pandemie verglichen haben. 
 
Was haben Sie herausgefunden?
 
An den Daten konnten wir sehen, dass Länder mit einem hohen Maß an kultureller Lockerheit mehr als fünfmal so viele Corona-Fälle und etwa achtmal so viele Todesfälle hatten wie Nationen mit einem hohen Maß an kultureller Striktheit. Diese Muster blieben auch dann bestehen, wenn wir andere Faktoren wie den Reichtum eines Landes, Ungleichheit, Bevölkerungsdichte, Alter, Klima, Autoritarismus und andere Faktoren berücksichtigten.

Wir erklären das mit einem Phänomen, das wir „Angstversagen“ nennen. Unsere Forschung zeigt, dass Menschen in lockeren Kulturen im Jahr 2020 insgesamt weit weniger Angst vor dem Covid-19-Virus hatten, selbst als die Zahl der Fälle in die Höhe schnellte. In strikten Kulturen hatten 70 Prozent der Menschen große Angst davor, sich mit dem Virus anzustecken. In lockeren Kulturen waren es nur 49 Prozent. Während einer verheerenden globalen Pandemie ist dies eine klare kulturelle evolutionäre Fehlanpassung, denn sie führt zu einer erhöhten Krankheits- und Todesrate.

 Was ist denn eine kulturelle evolutionäre Fehlanpassung?

Die Idee der evolutionären Fehlanpassung kommt aus der Evolutionsbiologie und bedeutet, dass bestimmte Merkmale in einigen Kontexten sehr gut funktionieren, aber einen Nachteil darstellen, wenn sich die Umgebung ändert. Lockere Eigenschaften sind zum Beispiel großartig, wenn man mit kreativen Aufgaben zu tun hat. Aber sie sind nicht gut an eine Pandemie angepasst, weil es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Befolgen von Regeln und einer Reduzierung der Bedrohung gibt.

In Deutschland haben wir während der Pandemie seltsame Allianzen zwischen rechtsextremen Gruppen und Menschen aus der Öko- und Esoterik-Szene beobachtet. Seite an Seite haben sie gegen Maskenpflicht und Schutzmaßnahmen demonstriert. Wieso war gerade diese Pandemie so ein fruchtbarer Nährboden für Verschwörungserzählungen?
 
Das Problem bei einer globalen Pandemie ist, dass die Bedrohung unsichtbar und daher abstrakt ist. Die Menschen können sie ignorieren, das ist nicht wie bei Terrorismus oder Krieg. So können sich falsche Narrative leichter durchsetzen als bei einer konkreteren, sichtbaren Bedrohung. Und dann ist da noch das Problem, dass einige Leute gar nicht das Virus als Bedrohung gesehen haben. Sie hatten mehr Angst vor der Kontrolle der Regierung über ihr Leben. Das ist eine Art von Besessenheit: Die Menschen sind besessen von der Idee von Freiheit. Prinzipiell ist das okay. Aber das Problem ist, dass diese Mentalität zum Kontext passen muss: Wenn Gefahr droht, ist es wichtig, ein bisschen Freiheit zu opfern.

In den USA sind es die Konservativen, die tendenziell eher gegen Masken sind und sich seltener impfen lassen. Ich hätte gedacht, dass sie Regeln besser befolgen, nicht schlechter.

Das ist faszinierend, denn jahrzehntelange Forschung in den Sozialwissenschaften haben gezeigt, dass konservative Menschen Regeln mögen und bedrohungssensibel sind. Aber Konservative sind auch sehr auf starke Führer:innen fokussiert. Das zeigen unsere Daten. Wenn Sie also konservativ sind und Ihr Anführer Ihnen sagt, dass Masken nicht wichtig sind, dann werden Sie dieser falschen Anweisung folgen. Genau das ist passiert. Hier in den USA hat Donald Trump die Gefahr sehr heruntergespielt und seine Anhänger sind ihm gefolgt. Es ist also wichtig zu wissen, dass strikte Kulturen auch dann Regeln folgen, wenn es die Falschen sind. Und das ist potenziell verheerend, wie wir hier in den USA und in einigen anderen Ländern gesehen haben.

Wie könnten wir in Zukunft besser auf Bedrohungen wie Corona reagieren?
 
Ein paar Dinge haben wir gelernt. Erstens: Menschen reagieren schnell auf Bedrohungen, die anschaulich und konkret sind. Also müssen wir Methoden entwickeln, damit Menschen die Gefahren eines abstrakten Krankheitserregers bei den nächsten Pandemien besser verstehen. Es bringt aber nichts, die Menschen nur zu erschrecken. Sie müssen ehrlich aufgeklärt werden, aber gleichzeitig das Gefühl haben, dass sie die Gefahr bewältigen können. Zweitens ist es wichtig, locker orientierten Menschen sehr deutlich zu machen, dass die Maßnahmen zeitlich begrenzt sind. Drittens gilt: Kultur ist kein Schicksal. Mit der richtigen Einstellung können wir uns immer an die Umstände anpassen. Neuseeland ist ein gutes Beispiel dafür. Das Land hat eine lockere Kultur. Aber dank einer sehr guten politischen Führung waren die Bürger:innen bereit, vorübergehend schärfere Maßnahmen mitzutragen. So konnte man dort die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle begrenzen und die Beschränkungen viel früher aufheben als in Ländern, in denen die Bürger:innen die Maßnahmen missachtet und Anführer:innen die Gefahr heruntergespielt haben. 


Redaktion: Stéphanie Souron; Schlussredaktion: Tarek Barkouni; Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

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