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Engagement in der Kleinstadt

Der Punk von Nebenan

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Während Millionen Menschen in der Nacht zum 3. Oktober 1990 die Einheit feiern, brennt in Sachsen-Anhalt ein altes Bauwerk. Die Kötschauer Mühle vor den Toren von Zerbst ist damals ein Rückzugsort von Punks und anderen Jugendlichen. Für Rechtsradikale ist das Grund genug, das Gebäude anzugreifen. Schon vor dem 3. Oktober bewerfen sie die Mühle immer und immer wieder mit Steinen und prügeln auf die Jugendlichen ein. In der Einheitsnacht eskaliert die Lage dann endgültig: 250 Neonazis stürmen mit Baseballschlägern, Gaspistolen und Feuerwerk in die Mühle. Als die Feuerwehr eintrifft, müssen sich die Jugendlichen auf ein Sprungkissen retten. Viele von ihnen bleiben wochen- und monatelang traumatisiert von dieser Nacht. Und die Mühle ist für immer zerstört.

Solche Attacken haben dem rechtsradikalen Terror der 90er Jahre den Namen „Baseballschlägerjahre“ verpasst. In Ostdeutschland kommt es in dieser Zeit immer wieder zu Beleidigungen, Schlägen und Hetzjagden gegen links eingestellte Gruppen. Wenn die Betroffenen heute darüber sprechen, fällt häufig der Begriff „Failed State“: Die deutsche Polizei sei damals machtlos gewesen gegen marodierende Nazihorden, die mit „Sieg-Heil“-Rufen nicht nur durch kleine Dörfer ziehen, sondern auch Städte wie Halle, Leipzig oder Dresden bedrohen.

Im sächsischen Colditz war das nicht anders. Hartmut ist damals 17 und einer der wenigen Punks dort. Sie tragen Iros, schwarze, zerrissene Kleidung und so viele Nieten wie möglich. Partys am Wochenende liefen immer nach dem gleichen Muster ab: Während das „Ah-la-la-la-la-long“ von Inner Circle aus den Lautsprechern dudelt, stehen Hartmut und seine Freunde nur rum. Aber wenn endlich die Gitarren anziehen, The Clash lautstark „Should I Stay or Should I go“ nölen, dann geht’s los. Zu viert stürmen sie die Tanzfläche und fangen an zu pogen. Nach drei Liedern ist die Punk-Runde vorbei und Madonna darf wieder das Nachtleben besingen. Hartmut und seine Freunde müssen warten – was den Neonazis, die auch auf der Party sind, genug Zeit gibt, sie aus dem Raum zu drängen und auf sie einzuschlagen. „Das war halt damals so“, erzählt Hartmut.

Wenn Hartmut über die Neunziger redet, dann klingt das bei ihm nicht nach dem bedrohlichen Szenario, das andere durch die Aktionen der Neonazis erlebt haben. Hartmut sagt: „Das war eine geile Zeit!“ Er schwärmt von der Anarchie damals, davon, wie alle nur das gemacht hätten, was sie wollten. Die Angriffe der Rechten auf die Jugendclubs der Region hat er natürlich miterlebt. Er rattert die Namen und Geschichten runter wie ein Zeitstrahl: Flößberg, Wurzen, Colditz, Kössern, Geithain, Oschatz. Aber die Konflikte mit den Neonazis waren für ihn Bestandteil dieser Jahre: Er musste aufpassen, welche Wege er geht, welche Partys er besucht und wo man „halt aufs Maul bekommen hat“. Pogo und Prügeleien. Es klingt bei ihm nach einfacheren Zeiten, mit einfachen Feindbildern: Die Rechten und die Polizei.

Nach den einfachen Zeiten kommt der Kraftakt

Heute scheint das alles weit weg zu sein. Manche Marktplätze in Ostdeutschland sind so pittoresk restauriert, dass man auf ihnen einen Historienschinken filmen könnte. Städte wie Wittenberg locken jedes Jahr Hunderttausende Tourist:innen an, und durch das thüringische Altenburg zieht 2021 zum ersten Mal eine Christopher-Street-Day-Parade.

Auch wenn es Gegenprotest gab - der Veranstalter und das Organisationsteam der CSD-Parade in Altenburg berichten von hunderten Hassbotschaften, die sie über die sozialen Netzwerke erhalten haben.

Punks gibt es zwar noch immer, aber man erkennt sie nicht mehr sofort. Jugendliche, die sich als links und alternativ verstehen, sehen eher aus wie der 17-jährige Attila. Attila lebt in Rochlitz, knapp zehn Kilometer von Colditz entfernt. Er trägt keinen Iro, sondern die langen blonden Haare in einem zerzausten Dutt. Seine Bauchtasche ist übersät mit Antifa-Buttons und einem großen „Kein Mensch ist illegal“-Aufnäher. Die Baseballschlägerjahre kennt er nur aus Erzählungen, die Wirren der Wendejahre sind für ihn Geschichtsunterricht. Stattdessen arbeitet er bei einem Projekt für Kinder und Jugendliche mit, das von der Stadt jedes Jahr mit 10.000 Euro unterstützt wird. Mit dem Geld organisieren sie Festivals, haben einen Basketballkorb aufgestellt und eine Popcornmaschine für Filmabende gekauft.

Ein paar Jahre lang war es ruhiger um die Rechten. Aber in vielen ostdeutschen Dörfern und Kleinstädten bröckelt es hinter der heilen Fassade. Manchmal sieht man die Risse ganz deutlich, wie vor drei Jahren, als ein Chemnitzer von Menschen mit Migrationsgeschichte tödlich verletzt wurde und es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und der Polizei kam. Auf den Straßen fanden plötzlich Hetzjagden auf migrantisch aussehende Menschen statt. Und seit Beginn der Corona-Krise rotten sich in vielen ostdeutschen Kleinstädten rechte Gruppen zu „Spaziergängen“ zusammen. Manche laufen friedlich durch die Innenstädte, bei anderen kommt es zu gewalttätigen Zusammenstößen. Im sächsischen Zwönitz etwa kocht bei einem Spaziergang die Stimmung so hoch, dass eine Frau einen Polizisten beißt. Die Täterin, so stellt sich später heraus, ist Stadträtin und ehemaliges AfD-Mitglied. „Die Stimmung wird gerade anders“, sagt Hartmut.

Oft sind die Risse so fein, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um sie zu entdecken. Der Kampf zwischen Rechtsextremen und Antifaschist:innen findet heute nicht mehr mit Baseballschlägern statt. Es ist ein stillerer Konflikt. Man sieht ihn zum Beispiel auf den Laternenpfählen, von denen manche bis auf Kopfhöhe zugepflastert sind mit Aufklebern „Hier klebte ein Nazisticker“ steht darauf – oder eben eine rechtsextreme Botschaft. Die Rechten sind keine grölende und prügelnde Masse mehr, sondern vielerorts Teil der Normalität. Und gerade das macht sie vielleicht noch gefährlicher.

Da gibt es zum Beispiel diese Kneipe in Colditz, die neuerdings von den Rechtsextremen als Treffpunkt genutzt wird. Die Wirtin sei eigentlich eine sehr nette Frau, in der Kneipe hätten früher „die wildesten Punkbands“ gespielt. Doch von der neuen Kundschaft will sie sich nicht distanzieren; einer der Rechten mache auf seinem Auto ja sogar Werbung für die Kneipe. Das mit den Punkbands sei jetzt wohl vorbei, sagt Hartmut: „Ich weiß nicht, ob wir uns wieder einkriegen.“

Für die Menschen in den Dörfern und Kleinstädten kann der Alltag mit den Rechten zur Belastungsprobe werden. Denn man kennt sich persönlich, läuft sich im Baumarkt über den Weg, am Bratwurststand oder eben in der Kneipe. Soll man dann die Klappe halten oder eine Diskussion mit den national Gesinnten anzetteln? Attila und Hartmut tun das. Sie sind ständig im Angriffsmodus. Ihr Kampf ist ein Kraftakt.

Ein demonstrativer Protest gegen die Rechten

Hartmut hat nie aufgehört, Punk zu sein: „Ich bin auf der Schiene hängen geblieben. Bin halt so!“ Die blonden Haare trägt er im immer noch im Irokesenschnitt und bei Demonstrationen zieht er verwaschene T-Shirts von Punkbands an. Sein Bauch erinnert daran, dass man als Punk oft und gerne Bier trinkt. Hartmut ist in Colditz aufgewachsen, spricht von „meiner Stadt“ und sagt Sätze wie: „Ich kenne hier 1000 Leute und 1000 Leute brauchen mich.“

So wie neulich, als Rechtsextreme eine Demonstration durch den mittelalterlichen Innenstadtkern von Colditz angemeldet haben. Hartmut hat prompt reagiert, so wie er es immer tut, wenn Rechtsextreme „ihr Fahnengeschwenke“ abhalten wollen: Er hat eine Gegendemonstration angemeldet und so den Marktplatz blockiert.

Der Marktplatz von Colditz, eine Antifa Versammlung welche sich an die Zivilgesellschaft richtet und dazu einlädt, miteinander in Kontakt zu kommen.
Der Marktplatz, den Hartmut vor den Rechtsextremen beschützt.

© Tarek Barkouni

Es sind nicht viele Menschen zu seiner Gegendemo gekommen. Aber das ist Hartmut egal: „Notfalls setze ich mich auch hier alleine hin. Hauptsache, die Idioten laufen nicht über den Marktplatz!“ Denn wegen Hartmut wurde die Demo der Rechten an den Stadtrand von Colditz verdrängt. Dort sah man dann hauptsächlich Männer, viele mit einer antrainierten Sportlerfigur, andere mit Bier in der Hand. Die Überschneidungen zwischen NPD, rechtsextremen Kameradschaften, „Freien Sachsen“ und Irgendwie-Normal-Menschen war auf der Demo ähnlich fließend wie bei anderen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen: Rechtsradikale laufen neben normalen Bürger:innen, Thor-Steinar-Shirts neben Jack-Wolfskin-Jacken.

Für Hartmut ist das ein Problem. Wenn er so eine:n Thor-Steinar-Träger:in sieht, kann er nicht einfach sagen: „Das ist mein Feind!“ Manchmal muss er eine politische Haltung aushalten, auch wenn es nicht die seine ist. „Ich wohne hier ja auf dem Dorf, ich muss mit allen Leuten zurecht kommen.“

Also kämpft er mit Worten. Auf jedem Dorffest steht er hinter seiner „Mitmach-Schmiede“ und bemüht sich um Mitstreiter:innen, damit es in Colditz so „heimelig“ bleibt wie er es kennt. Und auf einer seiner Demos redet er minutenlang mit einem AfD-Fan, der sich dort eingeschmuggelt hat. Sie diskutieren über die Corona-Politik, irgendwann lachen sie und geben sich die Hand. Früher hätte so eine Situation wahrscheinlich in einer Prügelei geendet. Heute versucht Hartmut lieber, solche Menschen zu überzeugen. Das gehört jetzt zu Hartmuts Leben dazu: Reden bis zum Umfallen. Mit seinem Einsatz ist er ähnlich beharrlich wie Attila, der mit den 10.000 Euro versucht, Rochlitz für die Jugend besser zu machen.

Wer sich engagiert, muss auch nerven können

Attila kommt aus einer politischen Familie. Er erinnert sich gut an ein Wahlplakat der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), das im Flur der Wohnung hing: „Die menschliche Antwort auf Krieg ist nicht Krieg, sondern Frieden.“ Heute sitzt er als Schülersprecher im Kreisschülerrat und taucht immer wieder in der Lokalzeitung auf, wenn es um die Bildungspolitik in Rochlitz geht. Er ist stolz auf sein Heimatdorf. Selbst nach dem Abitur, wenn er zum Studieren in eine andere Stadt ziehen wird, soll Rochlitz bitte sein Zufluchtsort bleiben.

Attila sagt: „Wir sitzen hier in Rochlitz auf der Insel der Glückseligen.“ Veranstaltungen der AfD, die am Marktplatz ein Bürgerbüro hat, seien selten und meistens ein Reinfall. Entweder, es kommt niemand – oder der Gegenprotest ist zu groß. Einmal haben es zehn Linke geschafft, eine Veranstaltung der AfD im Bürgerhaus durch ihre bloße Anwesenheit vor dem Gebäude lahmzulegen. „Im Zeitungsartikel über die Veranstaltung gab es nur ein Thema: uns!“, erzählt Attila stolz. Und als sich auf einer anderen AfD-Demo kaum jemand an Masken- und Abstandsregeln hielt, ist Attila immer wieder zur Polizei gegangen und hat sich beschwert. „Ich habe sie so lange genervt, bis die schlussendlich gesagt haben: ‚Okay, wir machen denen das Licht aus.‘“ Da seien die AfDler dann sehr schnell verschwunden.

Sein Engagement hat Attila in der rechten Szene zur Zielscheibe gemacht. Sein Foto und sein voller Name kursieren in verschiedenen Telegram-Gruppen und er hat auch schon einmal Bekanntschaft mit einer Gruppe Neonazis machen müssen: „Die kamen auf mich zu und einer hat gesagt ‚Lass den klatschen!‘“, erzählt Attila. „Ich hatte Glück, weil ich einen von denen erkannt habe und der die anderen zurückgehalten hat.“ Er versucht, die Gefahr auszublenden, wenn er unterwegs ist. „Bisher ist ja alles gut gegangen.“ Attilas Protest ist weniger diplomatisch als der von Hartmut. Während Hartmut Tische und Stühlen auf dem Marktplatz aufstellt, um alle Seiten ins Gespräch zu bringen, geht Attila lieber zum Trillerpfeifenkonzert.

Nachbarn bleiben Nachbarn, auch wenn sie rechtsextrem sind

Was Attila und Hartmut aber vereint ist, dass sie die meisten ihrer Gegner:innen persönlich kennen. Je weniger Einwohner ein Ort hat, je weniger Menschen sich engagieren, desto bekannter sind diejenigen, die es tun. In Kleinstädten wie Rochlitz oder Colditz kann es gut sein, dass der Neonazi, der einen verkloppen will, nur ein paar Straßen weiter wohnt. Oder gleich dein:e Partner:in ist. Attila erzählt von einem Pärchen in Rochlitz. Sie sei „eher links“ und er in der AfD. Wie das funktioniere? „Man lebt halt so nebenher und meidet dann das Thema Politik.“ Auch in der Schule kennt er diejenigen, die den einzigen Schwarzen in der Schule rassistisch beleidigt und angegriffen haben. Als Schulsprecher muss er aber trotzdem mit ihnen auskommen.

Auch Hartmut trifft freitags beim Stammtisch Leute, von denen er weiß, dass sie ganz anders ticken als er. Er vermeidet dann die politischen Themen. Und wenn es doch um Ausländer:innen geht, wird es zwar mal laut, aber am Ende prosten sich alle zu.

Doch die Toleranz hat auch Grenzen. Hartmut erzählt von einer Firma, die in Colditz regelmäßig Aufträge von der Stadt bekomme. Deren Chef arbeite im Sommer auch gerne mal oberkörperfrei – und präsentiere dabei das tätowierte Hakenkreuz auf seiner Brust. Dass die Stadt die Firma achselzuckend weiter engagiert, macht ihn wütend. In solchen Momenten wünscht er sich dann den alten Kampf zurück.


Redaktion: Stéphanie Souron; Schlussredaktion: Deborah Hohmann; Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Christian Melchert

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