Berlinale

Warum ein Ostfilm kein Ostfilm sein darf

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Es gibt Dinge, die ich einfach nicht verstehe. Und ich hoffe, ich habe Gelegenheit, in diesem Fall des mal-wieder-nicht-verstanden-Habens Andreas Dresen danach zu fragen. Wahrscheinlich kommt es dazu nicht, weil Andreas Dresen, der zu den wichtigsten deutschen Regisseuren gehört, gerade seinen Film auf der Berlinale präsentiert und allerlei Verpflichtungen hat. Sein Film „Als wir träumten“, der auf der Berlinale Premiere feierte und eine Verfilmung des Bestsellers von Clemens Meyer ist – im übrigen rund zehn Jahre nach Erscheinen des Buches, was auch wieder einige Rätsel aufgibt –, spielt in Leipzig Anfang der 90er Jahre.

Nach der Vorführung trafen sich Filmemacher und Profigucker auf der Pressekonferenz, wo Dresen, bevor jemand überhaupt auf die Idee kommen könnte, folgendes erklärt: Das ist kein Ostfilm, das ist eine universelle Geschichte, das ist eine Geschichte, die vom Erwachsenwerden erzählt. Wenn die Welt sich öffnet und vor dir die Freiheit ist. Diese Kraft hat mich interessiert, sagt der Regisseur.

Ich muss dazu sagen, dass ich einen Film gesehen habe, der nichts von Freiheit erzählt. Und nicht jeder Coming-of-Age Film beherbergt eine zehnköpfige Nazi-Herde, die dir das Leben zu Hölle macht und deinen Club, wenn möglich mit Gewalt, übernehmen will. Oder dauerbesoffenes Personal, unglückliche Eltern und ausrangierte Ideologen.

Mal abgesehen davon, dass Andreas Dresen das so ernst nicht gemeint haben kann, wenn er einen weitgehend humorlosen Film über diese vakuumierte Jugend im Osten dreht. Zwar mit expressiven, überwältigenden Bildern und einem Sound, der erstmal so in diesem Zusammenhang – möglichst viel Bummbumm – so im Kino noch nicht zu sehen war. Doch ich frage mich, ob die Behauptung, das sei kein Film über den Osten, schlichtweg mit der Angst von Ostdeutschen zu tun haben könnte, bloß kein Nischenprojekt zu erzählen. Dass sein Film, im Osten, und zwar genau da und genau so, jeden was angehen könnte, das könnte er auch einfach mal behaupten. Immerhin ist es interessant, wenn nach einer apokalyptischen Wende namens Mauerfall die Kids ins Delirium rauschen und zwar völlig allein. Jemand, der eine Coming-of-Age-Geschichte aus dem Kosovo erzählt, sagt doch auch nicht, dass das eine universelle Story ist.
Wie auch immer.

Wolfgang Kohlhaase sorgt leider als Drehbuchautor dafür, dass die Rückblicke in die Grundschule mit Pioniertuch möglichst hölzern und gewollt, ja ein bisschen onkelig, rüberkommen. Und auch später im Film immer wieder ein ungutes Gefühl beim Zuschauer auslösen. Man hätte vielleicht einfach Clemens Meyer mitschreiben lassen sollen.

Immerhin ergänzt Kohlhaase auf der Pressekonferenz, dass es sich vielleicht doch über einen spezifischen Ostfilm handelt, oder wenigstens um einen, der explizit im Osten spielt. Und fügt hinzu: Ich weiß nicht, wie man das von Tirol aus sieht.
Wissen wir auch nicht - und werden die Tiroler auch nicht fragen.


Aufmacherbild: Peter Hartwig © Rommel Film