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Essen gegen schlechte Laune – gute Sache!

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21.40 Uhr. Habe mir vorgenommen, an den Abenden nicht mehr Reibekäse zu mampfen und mir das Weinsaufen zu verkneifen, sondern in aller Ruhe meine Kleider durchzusehen und alles, was ich seit einem Jahr nicht mehr getragen habe, den Armen zu geben.

Diese Sätze stammen aus den Tagebüchern von Bridget Jones, einer Reihe von Weltbestseller-Romanen, die in Deutschland vor allem unter dem Titel „Schokolade zum Frühstück“ bekannt geworden sind. Heute würde man das Essverhalten von Jones darin „emotionales Essen“ nennen: Sie stopft sich voll, weil es ihr seelisch schlecht geht. Sie erstickt ihren Stress in Schinken-Panini, vergräbt ihn in Frozen Yogurt, sie betäubt sich mit Käse.

Angeblich sind 30 Prozent der Deutschen emotionale Esser – das behauptet zumindest der Spiegel. Während der Pandemie wurden es vielleicht noch mehr: Laut einer Online-Befragung der TU München, bei der 1.000 Menschen zwischen 18 und 70 Jahren befragt wurden, haben 40 Prozent von ihnen seit Beginn der Pandemie zugenommen. Das kriegt man aber auch ohne Wissenschaft mit: Überall wird gerade über „Corona-Kilos“ und „Pandemie-Pfunde“ geklagt und darüber, wie man sie wieder los wird.

„Man muss spüren, wann der Magen Hunger hat und wann die Seele“, sagte die Ernährungsexpertin Uta Bammel dazu neulich in der Süddeutschen Zeitung. Das ist ein guter Rat, weil eine hungrige Seele eine ziemlich schmerzhafte Sache ist. Er bringt aber auch ein Problem mit sich: den Eindruck nämlich, dass es grundsätzlich schlecht ist, aus anderen Gründen als Hunger zu essen.

Essen kann trösten

Mit dieser Haltung habe ich Schwierigkeiten. Ich finde es legitim, wenn Menschen aus emotionalen Gründen essen, auch wegen Stress und Liebeskummer. Wer wäre ich, das zu verurteilen? Ich weiß ja, dass es hilft. Als ich vor Jahren eine schlimme Trennung durchmachte, stellte mir eine gute Freundin ungefragt einen Kuchen in den Kühlschrank. Ein Wahnsinnsteil, dunkel glasiert, mehr Torte als Kuchen. Ich aß ihn im Bett, während ich irgendeine dumme Comedy-Serie guckte. Der emotionale Schmerz mischte sich mit der Süße des Kuchens, der Genuss dämpfte mein Leiden. Kurz war ich Bridget Jones. Aber es steckt Wahrheit in dieser Methode. Es gibt Zeiten, in denen man komplexe Gefühle erwachsen durcharbeiten kann. Und andere, in denen man einfach nur Trost braucht. Und Essen kann trösten.

Man muss nicht Ernährungswissenschaften studiert haben, um zu verstehen, dass das keine gute Strategie für jeden Tag ist. Aber sie ist legitim, sie hat ihre Zeit. Jeder, der sich ein bisschen mit den großen Weisheitslehren der Menschheit beschäftigt oder einen der „Kung Fu Panda“-Filme gesehen hat, weiß, dass der goldene Weg immer die Mitte ist. Selbst Übermaß ist in Maßen okay.

Ich weiß, dass das keine populäre Meinung ist. Besser wäre es, ich würde über „intuitives Essen“ schreiben, auch ein Trend der vergangenen Jahre, der als Gegengift für emotionales Essen gehandelt wird. „Intuitiv essen“ ist das, was auch Uta Bammel gut findet. Nämlich, dass Menschen lernen sollen, auf ihren Körper zu hören und darauf, wann er wirklich Hunger hat. Dagegen ist nichts einzuwenden – bis vielleicht darauf, dass es auch eine Form von zwanghaftem Verhalten sein kann, wenn man ständig in sich hineinlauscht. Und etwas freudlos ist es auch. Nur dann essen, wenn man Hunger hat, ist ein bisschen so, als würde man nur dann Sex haben, wenn man ein Kind zeugen will.

Wir leben in einer Kultur, die Rundungen verachtet

Ich will damit nicht sagen, dass Probleme sich mit Essen lösen lassen. Aber viel spricht dafür, weniger streng mit sich zu sein, wenn man nach einem langen Tag im Büro nichts Edleres mehr hinkriegt, als auf dem Sofa Chips zu essen. Fettige und zuckrige Lebensmittel beeinflussen nachweislich unsere Stimmung. Sie aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn, und das sorgt für ein körperliches Wohlgefühl. Deswegen sehnen wir uns in schlechten Momenten nach frittierten Snickers, nicht nach Brokkoli. Eigentlich ist das doch fantastisch: Essen kann dabei helfen, dass wir uns besser fühlen!

Diese Botschaft liest man aber nirgends. Der Begriff „emotionales Essen“ wird ausschließlich negativ verwendet. Googelt man ihn, kommen seitenweise Ergebnisse dazu, viele Einträge sind von Krankenkassen. Die Autor:innen reden bedrohlich über Übergewicht und Essstörungen und geben Tipps, wie man den Drang nach Essen ohne Hunger überwindet. Wie man Frustessen vermeidet oder dem inneren Kind gut zuredet, das Schokolade verlangt, aber eigentlich Liebe will.

Starkes Übergewicht ist ein Problem, die permanente Diskriminierung dicker Menschen aber auch. Die Gesellschaft denkt, sie seien unglücklich, weil sie dick sind, tatsächlich sind es die gehässigen Kommentare und abschätzigen Blicke, die Übergewichtige fertig machen, wie Forscher:innen der Universität Leipzig herausgefunden haben. Wir leben nach wie vor in einer Kultur, die alle Rundungen verachtet, die keine Brüste, Hintern oder Muskeln sind. Die das Körpergewicht als Mittel sozialer Abgrenzung verwendet und den Wert einer Person daran misst, welche Figur sie hat. Ich frage mich, ob emotionales Essen wirklich ein so großes Problem ist, dass es zwei Millionen Suchergebnisse braucht, damit die Menschen damit endlich aufhören. Oder ob diese Massen an Ratschlägen nicht ein weiterer Ausdruck dessen sind, dass alle immer möglichst dünn und kontrolliert sein wollen und nach Wegen suchen, wie sie dahin kommen. Vielleicht ginge es dem inneren Kind ganz okay, wenn man ihm nicht ständig die Schokolade verbieten würde?

Anders gesagt: Wenn wir uns über emotionales Essen Sorgen machen, dann bitte auch über emotionales Nicht-Essen. Es könnte nämlich sein, dass Bridget Jones' Problem nicht so sehr darin besteht, dass sie Schokolade zum Frühstück isst, sondern dass sie ständig darüber nachdenkt, dass sie das nicht tun darf. Nur ein Bruchteil der Menschen, die bei einer Diät signifikant Gewicht verlieren, schaffen es, ihre neue Figur zu halten. Aber hundert Prozent aller Schuldgefühle senken die Lebensqualität der Betroffenen.

Dabei ließe emotionales Essen sich auch positiv definieren, zumindest ab und zu: Nämlich einfach als Essen, das von Gefühl bestimmt ist. Es reicht, eine der Folgen der Genusskolumne meines Kollegen Gabriel Yoran zu lesen, um zu verstehen, wie großartig das sein kann. Ich wünsche jedem Menschen, dass er einmal im Leben mit so viel Verehrung bedacht wird, wie sie Gabriel einem Flødebolle schenkt, dem dänischen Schaumkuss.

Essen ist moralisch aufgeladen wie Atomstrom

Oder nehmen wir jenes Paar mittleren Alters, von dem ich einmal in einem Beziehungsratgeber gelesen habe: Nach langen gemeinsamen Jahren hatten die beiden keine Lust mehr auf Sex. Sie sagten aber, dass sie einen Ersatz gefunden haben: Einmal die Woche bestellten sie sich zwei riesige Pizzas mit doppelt Käse und aßen sie mit dem gleichen sinnlichen Vergnügen, das andere bei Orgasmen haben. Sie waren glücklich.

Alle, denen ich diese Geschichte erzähle, sind angewidert oder mindestens befremdet. Sie finden das Paar dekadent, den gemeinsamen Genuss nicht sinnlich. Ich bin mir sicher: Ginge es um ein Paar, dass statt Sex zu haben Teppiche knüpft oder Sonette dichtet, niemand würde sich aufregen. Man würde die kreative Beziehungsgestaltung bewundern. Essen aber ist moralisch aufgeladen wie Atomstrom. Schon Rousseau schrieb lange Ergüsse darüber, dass er sich beim Essen schämte. Ja, die Rede ist von Jean-Jacques Rousseau, dem berühmten Philosophen und Vordenker der Französischen Revolution. Dieser Rousseau versteckte sich als junger Lehrer in der Dienstbotenkammer seines Chefs, mampfte Brioche und schämte sich dabei wie die Protagonistin eines „Chick lit“-Romans.

Was zum einen bedeutet, dass man ein emotionaler Esser sein und trotzdem das eine oder andere im Leben zustande bringen kann. Etwa einem der folgenreichsten Ereignisse der neuzeitlichen europäischen Geschichte den Weg bereiten. Trotzdem sollte man sich an Rousseaus Essverhalten kein Beispiel nehmen. Die Briefe, in denen er darüber klagt, dass ungezügelte Freund:innen ihm zu viel Konfitüre oder andere leckere Dinge geschickt haben, sind ziemlich peinlich. An die französische Salonnière Madame de Luxembourg etwa schrieb er, nachdem sie ihm ein Körbchen Butter geschickt hatte: „Im übrigen macht mich dieses kleine Körbchen unruhig, ich hatte mit einem kleinen Töpfchen gerechnet. Ich fürchte, dass Sie mich damit dafür bestraft haben, meinen Geschmack leichtsinnig ausposaunt und ihn auf Kosten des Ihren befriedigt zu haben. Sollte es so sein, so kann man unmöglich auf höflichere Weise eine grausamere Lektion erteilen.“

Statt wie der Philosoph rumzujammern, sollte man beim nächsten Mal einfach kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich ein Eis kauft, weil man traurig ist. Ohne Anspruch, dass das irgendein echtes Problem im Leben löst. Aber wer ein Vanille-Karamell-Brownie-Eis in Händen hält, ist immerhin für ein paar Minuten nicht im Kampf mit seiner Existenz. Ja, das ist ein vorübergehender Zustand. Aber manchmal ist er das Beste, was wir haben.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger.

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