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© Christian Gesellmann

Gegen rechts

Darf man Nazis verprügeln?

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„Achtung, die Nazis kommen“ – in meiner Jugendzeit war das eine Art Running Gag auf Partys oder bei Diskobesuchen. Ein Witz, der sich selbstständig machte, nicht, weil es jemals witzig gewesen wäre, wenn die Nazis kamen. Sondern weil Humor ein Weg ist, das Schreckliche weniger schrecklich zu machen, das Alptraumhafte der Überfälle zu überführen in eine Welt, in der man auf sie reagieren kann. Man sah dann, wer Angst bekam und nach seiner Jacke oder Garderobenmarke fummelte, wer lachte, abwiegelte, schwieg – oder Gegenwehr organisierte: Türen verriegelte etwa, oder Leute anrief, die man in solchen Momenten anrief.

Vor ein paar Jahren saß ich im Hamburger Schanzenviertel nach einer Party mit einem jungen Koch zusammen, er fragte mich, was ich so mache, ich sagte, ich schreibe über Ostdeutschland und Rechtsextremismus. Darauf er: „Krass, ich hab noch nie einen Neonazi gesehen.“

Damals ist mir klar geworden, warum Westdeutsche nicht nachfühlen können, was das Nazi-Problem für ein Leben in Ostdeutschland bedeutet. Sie kennen es nur als Statistik, als Wahlergebnis. Sie kennen es nicht als eine Situation der akuten Bedrohung, die ein Handeln aufzwingt. Da weder Polizei noch Politik in Ostdeutschland dieses Handeln aktiv übernommen haben, ist es bis heute eine individuelle Frage geblieben, was man tut, wenn es wieder mal heißt: Achtung, die Nazis kommen.

Man muss sich entscheiden: Bin ich jemand, der lacht, abwiegelt oder schweigt? Bin ich jemand, der zurückschlägt? Oder bin ich jemand, der wegzieht? Vielleicht nach Hamburg, wo man dann seinen komischen Dialekt ablegt und sich raushält, wenn die Altersgenossen bei einem Fläschchen Weißburgunder die Feuilletonfrage diskutieren, ob man mit Nazis reden darf.

Ich schweife ab. Und bin auch direkt wütender geworden, als ich vorhatte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich einer von denen bin, die weggezogen sind. Ich lehne Gewalt ab, natürlich, und ich habe mich auch nie geprügelt. Zur Wahrheit gehört aber: Ich habe mich nie geprügelt, weil das andere für mich getan haben.

Leute wie Carsten Müller, zur Wende 15 Jahre alt, zehn Jahre lang Türsteher in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Carsten arbeitet heute für die Stadt Jena, ist einer von drei Chefs des kommunalen Kultur- und Tourismusbetriebs. Zehn Jahre beschützte er die Tür beziehungsweise die Besucher des Kassablanca, einem soziokulturellen Zentrum, das 1990 gegründet worden ist und im vergangenen Jahr seinen 30. Geburtstag feierte.

Zwischen April 2020 und März 2021 habe ich das „Clara und Eduard Rosenthal“-Stipendium der Stadt Jena erhalten und in diesem Zeitraum die Geschichte des Kassablanca erforscht, unter anderem durch Interviews mit ehemaligen und aktiven Sozialarbeitern, Lokalpolitikern, Bookern, Künstlern und Veranstaltungsorganisatoren. Alle bisher erschienenen Interviews findest du hier.


Wenn man dir Anfang der Neunzigerjahre begegnet wäre: Welcher Jugendkultur hätte man dich zugeordnet?

Ich komme aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Von der Wende hat man da erstmal nicht so viel mitbekommen. Ich war damals 15, bin weiter Moped gefahren und in die Schule gegangen. Die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen kamen hier nicht als Knall an, es gab auch keine Demonstrationen wie in den Großstädten. Dementsprechend waren auch die Jugendkulturen kaum vorhanden, die in den Städten aufpoppten. Das war nicht so wie heute, wo du dich durch Youtube klicken kannst und aus den sozialen Medien Impuls, Impuls, Impuls kriegst. Damals war es eher so: Entweder erreichten dich Dinge durch einen Zufall, oder eben nicht.

Als ich bei der Armee war, 1992/93, hörte ich zum ersten Mal Hardcore-Musik. Madball, Sick of it All. Also, wenn du mich jetzt nach ner Szene fragst: Meine Neunziger waren doch eher Hardcore. 1993 bin ich dann zum Studium nach Jena gekommen und habe bei einer Band namens Party Killing sowas wie den Roadie gemacht; den Bus gefahren, die Bühne aufgebaut und mit meinem Kumpel Uwe bei Konzerten dafür gesorgt, dass es nett ist.

Party Killing (1993 bis 1996) wurde gegründet von Oliver Jahn und Andreas Köhler, weitere Mitglieder waren Edward Harris und Franko Bahn. Der ausgebildete Musiker und gelernte Gas- und Wärmenetzmonteur Jahn aus Jena wurde in der DDR mit Spielverbot belegt wegen angeblich klassenfeindlicher Auftritte mit der Band Airtramp, 1987 wurde er schließlich nach West-Berlin ausgebürgert. Nach der Wende arbeitete er als Sozialpädagoge, nebenbei komponierte er unter anderem die Musik für den Film „Erkan und Stefan“, „Der Eisbär“ sowie für diverse Theaterproduktionen am Deutschen Nationaltheater Weimar, der Schaubühne Berlin und anderen. Heute arbeitet er als Eventmanager für den städtischen Kulturbetrieb Jena-Kultur. Andreas Köhler, genannt Smoking Joe, ist ein Musikproduzent, Schlagzeuger und DJ aus Ravensburg, der sich auf Ostdeutschland-Tour in eine Sozialarbeiterin des Kassablanca verliebte und 1993 nach Jena zog. Er gilt als erster DJ Jenas, der Hip-Hop, Soul und Funk auflegte, und als Mentor einer bundesweit bedeutsamen Hip-Hop-Szene, zu der unter anderem auch Clueso gehörte.

Was heißt das?

Manchmal gibt es bei Konzerten Menschen, die das Konzerterlebnis anders interpretieren als die anderen Gäste. Wir haben dann dabei geholfen, den richtigen Weg zu finden. Der manchmal auch nach draußen führte, damit die anderen Gäste ein wirklich gutes Konzerterlebnis haben konnten.

Auf Tour hast du praktisch Rausschmeißer gemacht in Clubs, für die du gar nicht gearbeitet hast?

Ja. Als das Kassablanca in Jena begann, eine feste Türsteher-Crew aufzubauen, bin ich gefragt worden, ob ich mit dabei sein will. Ich hab gleich zugesagt, denn ich hatte den Job auch vorher schon gemacht.

Wie kam das?

Ich war 18, wollte eigentlich nur zur Disko in den Nachbarort gehen. Die war damals noch ganz klassisch im Dorfgasthof. Unten Kneipe, im 1.OG der Saal, in dem die Disko stattfand. An dem Abend fuhren 20 Autos mit Apoldaer und Weimarer Kennzeichen vor, aus denen Glatzen ausstiegen. Sie holten Baseballschläger raus und wollten den Saal stürmen. Der Kneiper war so clever gewesen und hatte erstens einen großen Stahlriegel hinter die Tür einbauen lassen und zweitens zwei ehemalige Bereitschaftspolizisten der Volkspolizei als Türsteher eingestellt. Die beiden hatten nach der Wende ihren Job verloren. Die Glatzen schlugen ein Loch in die Tür, aber Harald, einer der Türsteher, zog dem ersten, der durchkam, mit einem Tonfa eine über und schmiss ihn blutend durch das Loch in der Tür direkt wieder raus. Oben an den Saalfenstern standen die Diskobesucher und bewarfen die Glatzen mit Bierflaschen. Bis die dann irgendwann wieder in ihre Autos stiegen und nach Hause fuhren. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.

Du meinst, dass Harald und die anderen sich gegen die Nazis wehrten?

Das sowieso. Die hatten sich den Abend wahrscheinlich anders vorgestellt. Aber bei uns in der Gegend war auch diese Art des Überfalls ungewöhnlich, dieser absolute Zerstörungswille. Das war nicht mehr die übliche Kneipenschlägerei – es war ein Angriff. Das war eine völlig neue Qualität. Und vor allem ist auch keine Polizei gekommen. Polizei gab es quasi nicht.

Und du warst da einfach Gast bei dieser Party?

Genau. Als Reaktion auf den Angriff wurde der leerstehende Dorfkonsum gegenüber vom Gasthof umfunktioniert. Da war dann samstags Training mit Harald. Da wurde erstmal eine Einlassergruppe aufgebaut, ich war mit dabei. Wir sorgten dafür, dass es im Dorfgasthof wieder schönere Abende gab.

Was hat Harald mit euch trainiert?

In erster Linie Jiu-Jitsu. Das ist auch das, was zu DDR-Zeiten Polizisten gemacht haben.

Das ist aber alles sehr zurückhaltend formuliert von dir.

Das hat einen sehr einfachen Grund. Ich möchte nicht, dass es wirkt wie „Opa erzählt vom Krieg.“ Mich haben Typen immer genervt, die von irgendwelchen glorreichen Schlachten erzählen. Für die meisten Leute ist Gewalt ein Moment, den sie sich nicht freiwillig aussuchen. Und für die meisten Menschen ist eine körperliche Auseinandersetzung ein Moment der Erniedrigung, der für den, dessen Gesichtsknochen zerschlagen und dessen Knie zertreten werden, oft ein lebenslanges Trauma bedeutet. Und daran gibt es absolut nichts Positives.

Wie in ganz Ostdeutschland waren auch in Jena Clubs und alternative Wohnprojekte regelmäßig Ziel von Nazi-Attacken. Viele mussten aufgeben. Das Kassa überlebte diese Angriffe. Ich stelle mir vor, solche Erlebnisse schweißen auch zusammen, oder?

Natürlich. Zum einen entstand ein enges freundschaftliches Verhältnis zu einer Gruppe Punks aus dem Umland, die immer schnell nach Jena kamen, wenn es im Kassa Probleme mit Glatzen gab.

Die Punks aus dem Umland waren eine Gruppe rund um die Bands Ulrike am Nagel und Ugly Hurons aus Hermsdorf, einer Kleinstadt zwischen Jena und Gera, bekannt vor allem wegen des nach ihr benannten Autobahnkreuzes, an dem sich A4 und A9 treffen. Laut Alf-K. Heinecke, einem der Gründer des Kassablanca, wurde das freiwillige Engagement der „Hermsdorfer“ als Türsteher mit der Zeit aber zum Problem, weil ihre Anwesenheit selbst wiederum Rechtsextreme anzog.

Und zum anderen?

Als ich im Kassa damals anfing, stand so ein großer drahtiger Typ mit Schnauzbart und Glatze am Eingang, eine richtige Kante. Das war Didi. Für mich ist er bis heute einer der prägendsten Menschen in meinem Leben. An meinem ersten Abend drückte er mir eine Videokassette in die Hand. Darauf war der Film „Roadhouse“ mit Patrick Swayze als Rausschmeißer. Didi meinte: „Pass auf, der Film ist totaler Scheiß, aber es gibt drei Regeln da drinne, und die musste halt beim Arbeiten hier kennen. “

Analogfoto eines Mannes in seinen frühen 40ern, Kurzhaarfrisur und lichtem Haar in Richtung Halbglatze lehnend. Der Mann scheint die Umstehenden sehr gut zu unterhalten.
Didi wusste, wie eine gute Türpolitik geht. Seine drei Regeln: Gold wert.

© Carsten Müller

Welche Regeln waren das?

  1. Wenn es körperlich wird, dann möglichst immer draußen.
  2. Du nimmst nie etwas persönlich, weil es nur dein Job ist.
  3. Immer freundlich sein. Immer!

Damit kommt man tatsächlich schon ziemlich weit.

https://www.youtube.com/watch?v=bR6T-QjgGcE&ab_channel=JoRckt

Muss ja ein ganz schöner Charakter gewesen sein, dieser Didi.

Wir haben immer gesagt: Didi ist für uns durch die Tiefen des Lebens gegangen, damit wir nicht selbst dort hingehen mussten. Er war Kampfschwimmer bei der NVA (Nationalen Volksarmee, d. R.), musste dann aufhören wegen eines Tauchunfalls. Dann versuchte er zu flüchten und wurde erwischt. Wegen bewaffneter Republikflucht – seine Bewaffnung war ein simples Taschenmesser – saß er sieben Jahre im Knast. Davon ein Jahr in Einzelhaft. Was ihn als Typen natürlich geprägt hat. Aber solche Typen machen es am Ende aus.

Mit der Wiedervereinigung wurde Didi aus dem Gefängnis entlassen, stand aber vor dem Nichts. Er wendete sich an den Sozialarbeiter Thomas „Kaktus“ Grund, der ihm den Job als Türsteher im Kassablanca vermittelte. Kaktus, der zu DDR-Zeiten in der evangelischen Jungen Gemeinde Jenas offene Jugendarbeit machte (offiziell gab es in der DDR keine Jugendsozialarbeit), wurde nach der Wende von der Stadt über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Sozialarbeiter im Jugendclub Winzerclub eingesetzt. Dort betreute er auch die späteren Mitglieder der rechtsextremen Terrorzelle NSU. Hier ist ein Interview, das Kaktus 1991 mit der damals 17-jährigen Beate Zschäpe auf Video aufnahm. Auf seinem Blog schrieb Kaktus später: „Damals wie heute galt jedoch: Die Umwelt prägt den Menschen und während wir alles gaben, um zehn Leute aus dem Sumpf zu ziehen, schubste die Gesellschaft in der gleichen Zeit 100 neue hinterher.“

Aber wodurch hat er dich denn geprägt? Waren das die Geschichten, die er erzählt hat?

Nee, Geschichten können dir viele erzählen. Wenn Didi gearbeitet hat, musste er sich nur oben auf die Galerie stellen und in den Saal reingucken. Da konnte man sehen, wie Menschen mit Charisma fokussieren können.

So wie du das jetzt erzählst, ist es eine Aneinanderkettung glücklicher Zufälle, die dazu geführt haben, dass du Türsteher geworden bist. Aber irgendwie gibt es ja auch Gründe, warum einem bestimmte Dinge zufallen. Warum ist gerade das dein Ding geworden?

Als ich zehn Jahre alt war, gab es in meiner Klasse einen Jungen namens Oliver, dessen ausgewähltes Opfer ich war. Daran erinnere ich mich noch gut. In dieser Zeit habe ich gelernt, mich zu wehren. Und mit zwölf habe ich dann einen Zehntklässler umgehauen. Mir ist damals klar geworden, dass es immer ein physisches Gegengewicht braucht, um auf diese nicht selbst gewählte Gewalt antworten zu können.

Vor allem Anfang und Mitte der Neunziger brauchte es eben dieses selbstorganisierte Gegengewicht zu den zahlreichen Idioten dieser Zeit. Und das Gegengewicht im Kassa waren die Punks aus dem Umland, waren Didi und unsere damalige Tür-Mannschaft. Jeder von uns hatte in seinen verschiedenen Lebenssituationen, noch vor der Kassa-Zeit, Gewaltexzesse erlebt, die jeglicher Kneipenschlägerei-Romantik entbehren, sondern uns einfach nur Grenzen der absoluten körperlichen und seelischen Unversehrtheit aufzeigten. Auch wenn wir uns heute mit den Jungs treffen, sprechen wir eigentlich nie über diese Momente.

Warum nicht?

Weil das keine Erinnerungen sind, die es wert sind, Erinnerungen zu sein. Das einzig Positive ist im Rückblick, dass es uns damals gelang, einen Rückzugsraum für Menschen zu schaffen, die kaum Rückzugsräume hatten. Egal, ob Goth, Punk, Queer oder jeder und jede andere, die aus irgendeinem Grund an anderen Orten Jenas damit rechnen mussten, zusammengeschlagen oder belästigt zu werden – das Kassa war für sie ein sicherer Ort. Und unsere Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass es so bleibt.

Wie oft standest du an der Tür des Kassa?

Insgesamt zehn Jahre lang habe ich den Job im Kassa aber auch in anderen Klubs gemacht. Im Schnitt kam ich auf etwa 100 Nächte pro Jahr, an denen ich gearbeitet habe.

Zwei Männer mit sehr Typischen Anzügen der späten 80er, frühen 90er. Beide lächeln, der ältere vorne etwas gezwungen, der jüngere hinter ihm versucht Haasenohren zu machen.
Gut angezogen an der Tür: Acki und Arndt haben ihre schönsten Neunziger-Anzüge für den Swingabend aus Vaters Schrank geholt.

© Carsten Müller

Also etwa 1.000 Nächte insgesamt. Das ist ne Menge. War das nicht langweilig, stundenlang vor der Tür zu stehen – und die andern haben Spaß?

Nö. Langweilig war das nie. Schon gar nicht, wenn das Haus voll war. Mich hat es immer gefreut, meine Kollegen zu sehen. Wir sind nie als superharte Typen aufgetreten, die mit betonierter Miene an der Tür stehen. Das war nicht unser Stil. Wir haben uns auf die Gäste gefreut. Ich stehe noch heute am liebsten hinter der Bühne und freue mich, in glückliche Gesichter zu sehen. Das ist großartig, das ist die Art von Energie, die den Antrieb unserer Arbeit ausmacht und die mir im Moment durch die Corona-Pandemie extrem fehlt.

Warum hast du aufgehört als Türsteher?

Ich wurde irgendwann müde im Kopf. Du musstest dich da ja trotz allem Spaß Nacht für Nacht mit den Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen.

Wenn eine Schlange ist vor der Tür, checkt man doch bestimmt schon mal aus, wer da steht. Auf was achtet man da?

Wenn du das lange machst, kriegst du ein Bauchgefühl. Du merkst einfach, ob jemand entspannt ist oder nicht. Wie dir jemand begegnet, ob er dir in die Augen gucken kann. Meistens, wenn das Leute aus Jena waren, kannte ich die. Und die kannten uns. So konnten wir viel Stress schon ohne Gewalt lösen.

Wie zum Beispiel?

Du erinnerst die Menschen nochmal daran, dass es Benimmregeln gibt. Manchmal hilft allein das schon. Hört sich total einfach an, aber du brauchst natürlich auch Respekt und Vertrauen auf der anderen Seite, damit das gehört wird. Das musst du dir erarbeiten.

Was sind die typischen Probleme, bei denen du eingreifen musst?

Ab Mitte der Neunziger stand das Glatzen-Thema gar nicht mehr so im Mittelpunkt. Aber es ging dann wie in allen Clubs natürlich auch um Drogen. Wir hatten im Kassa immer eine sehr klare Einstellung zu dem Thema: Alles, was hart ist, hat im Laden nichts zu suchen. Das heißt nicht, dass man es völlig verhindern kann; so naiv waren wir natürlich nicht. Aber Dealen lief bei uns nicht. Punkt. Und dann ging es auch schon immer darum, dass Männer manchmal Frauen gegenüber nicht die richtige Achtung mitbringen.

Stress gibt es eigentlich nur mit Männern, oder?

Ja. Zu 99 Prozent. Und was noch auffälliger ist: Typen nehmen sich total zusammen, wenn sie in weiblicher Begleitung kommen. Weshalb sich zum Beispiel bei manchen Abenden so mancher Typ, der woanders ständig aus dem Rahmen gefallen ist, im Kassa immer benommen hat, weil er wusste, dass hier viele sehr nette Frauen waren. Nichts wirkt disziplinierender auf Männer als die Anwesenheit von Frauen. Je mehr Frauen da sind, desto weniger Stress. Auch an der Tür.

Was von dem, das du in deinem Türsteher-Dasein gelernt hast, nützt dir jetzt noch bei deiner Arbeit? Zum Beispiel während einer frustrierenden Beratung mit dem Kulturministerium?

Ich hab manchmal so Situationen, in denen ich merke, es läuft gerade irgendwas total scheiße, dann erinnere ich mich aber an das eine oder andere Lebensereignis aus dieser Tür-Zeit und weiß einfach: Das Leben kann dich noch in ganz andere Nischen bringen.

Ich glaube, ich weiß was du meinst. Aber das war trotzdem ein bisschen rätselhaft ...

Wenn dir jemand mit einem Messer gegenübersteht, dann macht dir das die Gratwanderung des Lebens deutlich bewusster, als wenn du mal einen schlechten Tag in einem Ministerium gehabt hast. Wenn du so eine Bedrohung mal erlebt hast, relativieren sich viele Sachen, die einem sonst so im Leben begegnen.

Das hast du erlebt, dass dich jemand mit dem Messer bedroht hat?

Ja.

Wie kam das?

Da gab es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen, der eine hat sich bedroht gefühlt, hatte ein Messer dabei und stand damit plötzlich vor mir, weil ich schlichten musste. Und der war halt einfach auf 180 und hat es dann gegen mich gerichtet.

Wie ist das ausgegangen?

Die Situation haben wir zu zweit gelöst. Das war eigentlich ein Stammkunde damals, der in einer emotionalen Ausnahmesituation war. Wir haben ihn fixiert, ihm das Messer abgenommen. Und dann haben wir ihn nach Hause geschickt. Nach einer Woche ist er wiedergekommen und hat sich bei uns bedankt.

Wofür?

Dass wir ihn davor bewahrt haben, etwas Dummes zu tun. Das war jemand, der das verstanden hat.

Habt ihr ihn wieder reingelassen?

Ja.

Warum?

Es gibt Leute, die sind aggressiv, weil sie aggressiv sein wollen. Weil sie einfach Bock haben, jemanden kaputtzumachen. In einem solchen Fall war klar: So jemanden lassen wir nicht mehr rein. Bei diesem Typ handelte es sich aber um jemanden, der in einer Bedrängungssituation war, da gab es eine Vorgeschichte mit einer Schlägerei. Das hat sich auch nicht wiederholt.

Wie wird das eigentlich entschieden, Hausverbot?

Es gab immer die Montagsrunde im Kassa, wo sowohl die Woche vorbereitet, als auch die Wochenenden nochmal ausgewertet wurden. Und da kamen immer auch die „Spezialfälle“ nochmal auf den Tisch.

Also direkt mit Namen, wer was gemacht hat, und wie man damit umgeht?

Ja. Es gab Leute, die haben ein Jahr Hausverbot gekriegt. Und auch welche, die sind prinzipiell nicht reingekommen. Aber selbst wenn wir Hausverbot erteilt haben, hat derjenige immer die Möglichkeit bekommen, nochmal das Gespräch mit uns zu suchen. Haben viele natürlich nicht gemacht. Aber die, die mit uns geredet und Einsicht gezeigt haben, für die ist das Hausverbot dann meistens verkürzt oder gleich wieder aufgehoben worden. Es geht ja um Respekt. Den bekommt man nicht, indem man der härteste Schläger ist. Irgendeiner ist immer schneller als du. Und Angst und Respekt sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Aber du bekommst Respekt, indem du Regeln in einem Laden nachvollziehbar aufstellst, diese vorlebst und Strafen so aussprichst, dass man auch versteht, warum man bestraft wird. Wenn du den Job gut machst, bist du der Schiedsrichter, das neutrale Element. Aber wenn du scheiße pfeifst, akzeptiert dich auch keiner als Schiedsrichter. Ich meine, wenn du in einen Club gehst, wie nimmst du denn gute Leute an der Tür wahr?

Im besten Fall, indem ich die gar nicht sehe. Freundlich sein ist immer schön, natürlich. Ist immer uncool, wenn man an der Tür angeguckt wird wie: Was willst denn du hier?

Genau. Bei uns im Team hatte deshalb auch jeder seinen Szeneschwerpunkt. Ich hab meist die Tür für die ganzen House- und Technosachen gemacht. Es bringt nichts, wenn du jemanden hinstellst, der mit einer bestimmten Szene nichts anfangen kann, dann kriegt er auch keinen Draht zu den Gästen.

Inzwischen freut man sich ja schon fast drauf, mal wieder abgetastet zu werden.

Die Clubs fehlen, auf jeden Fall. Es wird Zeit, dass es wieder los geht. Die Herausforderungen, vor denen die Clubs eh alle stehen, sind durch die Pandemie noch größer geworden. Überall, wo ein Laden zumacht, wird es schwer, dass wieder ein neuer aufmacht, egal, ob das ein subkultureller oder ein kommerzieller Club ist. Deswegen ist die rechtliche Anerkennung der Clubs als Kulturorte, die jetzt endlich kommt, extrem wichtig. Die Forderung gab es schon seit Jahren, doch bisher ist die gesellschaftliche Relevanz der Clubs nicht so erkannt worden. Aber ohne Clubs bleibt die junge Kultur auf der Strecke. Egal, ob in Jena oder an jedem anderen Ort. Und dafür lohnt sich das Kämpfen noch heute.


Redaktion: Esther Göbel, Alf-K. Heinecke, Ivette Löwer; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert.

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