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Medien in der Pandemie

„Manchmal habe ich den Fernseher angeschrien“

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Als die Pandemie losging, habe ich meine Kolleg:innen gewarnt, dass sich die Berichterstattung jetzt eine Weile lang anfühlen wird, als seien wir im Krieg. „Es wird kein anderes Thema mehr geben“, sagte ich. Und: „Es wird sich zeigen, wie dick oder dünn der Lack der Zivilisation ist.“

An manchen Stellen war er dicker, als ich befürchtet hatte. An anderen dünner, als ich mir hätte vorstellen können. Viel dünner.

Ich erinnere mich sehr gut an den Nachmittag im Januar 2020, als mir klar wurde, was da auf uns zukommt. Ich saß bei mir zuhause mit dem Handy auf dem Sofa und habe Twitter gelesen. Und sah auf einmal die Tweets der Wissenschaftler:innen aus aller Welt, einen nach dem anderen. Sie schrieben, dass es jetzt an der Zeit sei, die Bevölkerung zu informieren. Sie könnten noch nicht sagen, was passieren würde, aber das Virus gerate außer Kontrolle. Die ganze Welt müsse sich darauf vorbereiten.

Es war wie eine Tsunami-Warnung. Mehrere Stunden saß ich auf dem Sofa und las diese Tweets. Ich bin sehr gegen Alarmismus. Aber mir war klar, dass es ernst war.

In meinen ersten Texten war ich trotzdem noch optimistisch. Ich dachte, wir kriegen diese Pandemie in Deutschland ganz gut hin, wenn wir zusammenhalten und uns vorbereiten, aber nicht in Panik verfallen.

Wenn du über eine Pandemie berichtest, lebst du in einer anderen Welt als diejenigen, die aus den Nachrichten von ihr erfahren. Weil du früher abschätzen kannst, was passieren wird. Ich habe nach den Stunden auf Twitter mit meiner Familie einen Großeinkauf gemacht und einen Zettel an den Kühlschrank geheftet, darauf die Telefonnummern von Apotheken, des Gesundheitsamts, der Arztpraxis und des Notrufs. Ich blieb Zuhause zum Arbeiten, auch mein Mann ging bald ins Homeoffice. Das hat mir Sicherheit gegeben. Aber es war auch ein surreales Gefühl. Draußen ging das Leben noch ganz normal weiter. Auf dem Markt standen die Menschen nah beieinander und schwatzten wie immer. Nur bei einigen konnte ich sehen, dass sie vorsichtig waren. Dass sie die Lage ernst zu nehmen begannen.

Nicht Solidarität, sondern Verteilungskampf

Dann kam der erste Lockdown im März und auf einmal stimmte die Realität vor meinem Fenster mit der meiner letzten Wochen überein. Die Menschen wurden sehr vorsichtig. Es war viel von Zusammenhalt und Solidarität die Rede. Die Stimmung im Land kam mir fast ehrfürchtig vor. Ich hatte an diesem Punkt schon meine Zweifel.

Die Klopapierkäufe fand ich noch ganz lustig. Dass manche Leute Desinfektionsmittel aus Kliniken klauten, deutlich weniger. Aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein paar Monate später Menschen auf die Straße gehen und dagegen protestieren würden, dass sie sich in einer Pandemie einschränken müssen, um andere zu schützen.

Der Punkt, an dem ich wirklich merkte, wie dünn der Lack der Zivilisation war, kam Ende März 2020. Ich hatte in einem Artikel geschrieben, dass den Menschen, die in Krankenhäusern, Altenheimen und Hausarztpraxen heilen und pflegen, viel zu wenig Schutzkleidung zur Verfügung stand. Kaum FFP2-Masken, oft noch nicht mal genug einfache OP-Masken, keine Desinfektionsmittel, selbst Handschuhe waren ein Problem. Ich schrieb darüber, dass wir diese Menschen zwangen, sich dem Virus auszusetzen, ohne, dass sie sich selbst schützen konnten. Was erstens menschlich hochproblematisch ist. Zweitens arbeitsrechtlich. Und drittens dafür sorgt, dass sich das Virus erst recht verbreitet.

Vielleicht hätte ich nicht einen Kommentar als Form für diesen Text wählen sollen, vielleicht hätte ich neutraler berichten müssen. In jedem Fall haben mir die Reaktionen auf den Text gezeigt, dass den meisten ziemlich egal war, was in den Krankenhäusern passierte. Ich wurde gefragt, warum ich überhaupt darüber schreiben würde. Jemand würde sich schon um das Problem kümmern; so sei nun mal der Job von Leuten im Krankenhaus. Das ist, als würde man sagen, es sei normal, wenn Feuerwehrleute sterben, weil sie ohne Schutzkleidung Brände löschen müssen.

Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass wir als Gesellschaft nicht zusammen in dieser Pandemie sind, dass es einen Scheiß um Solidarität geht. Sondern um Verteilungskampf. Wer ist als Erster dran? Wie viele Menschenleben können wir opfern?

Nach dem Erscheinen dieses Artikels war ich drei Tage lang aufgebracht. Ich erlebe und verarbeite so etwas sehr körperlich. Ich konnte schlecht schlafen, hatte keinen Appetit und keine Lust mehr auf Sachen, die mir sonst Spaß machen. Rausgehen mit dem Hund zum Beispiel. Das ist okay, ich halte nichts davon, mich von meinen Gefühlen abzuschotten. Irgendwann ist das dann verarbeitet. Manches wird aber auch nie gut. Der Teil meines Inneren, der sich noch ein bisschen Naivität leistet, wird durch solche Erlebnisse kleiner. Das ist nicht unbedingt schlimm. Traurig macht es mich trotzdem.

Nicht einfach auf Expert:innen verlassen

Schreiben ist für mich auch ein Bewältigungsprozess. Ich sortiere Geschehenes, verstehe Dinge besser. Es hilft mir, die Schächtelchen ins Regal zu stellen. Beschriften, abhaken, ablegen, ins Archiv.

Um über die Pandemie berichten zu können, musste ich mir ein Netzwerk aus Expert:Innen bauen, das mich aus erster Hand informiert. Wissenschaftler:innen, denen ich zutraue, dass sie gut arbeiten und die mich auf die richtigen Studien hinweisen. Dabei hat mir die Arbeit anderer erfahrener Wissenschaftsjournalist:innen geholfen. Und ein Dienst namens Science Media Center, dort nehmen verschiedene Expert:Innen zu jeweils einer Frage Stellung und man wird mit den neuesten Erkenntnissen aus den Wissenschaften versorgt. Das hilft beim Einordnen. Auch Twitter hat eine sehr große Rolle gespielt, weil man über Twitter in die internationale Community der Wissenschaftler:innen einsteigen kann. So kam ich oft schneller auf die relevanten Informationen als durch eine Literaturrecherche in den medizinischen Datenbanken. Und in der Pandemie kommt es auf Schnelligkeit an. Das haben wir, glaube ich, alle gelernt.

Natürlich kann man sich nicht nur auf die Aussagen von Expert:innen verlassen. Man muss an die Quellen gehen. Und die Arbeiten, auf die sie sich beziehen, nachprüfen. In der Pandemie sind viele Dinge publiziert worden, die es vielleicht in normalen Zeiten nicht an die Öffentlichkeit geschafft hätten. Erkenntnisse entwickeln sich auch weiter. Beim Thema Masken haben wir das alle erlebt.

Was ich am Anfang der Pandemie über Masken geschrieben habe, würde ich jetzt nicht mehr sagen. Zur Frage, ob Masken vor dem Virus schützen, gab es auch in der Wissenschaftscommunity eine große Diskussion. Wir haben zu keinem Erreger richtig gute wissenschaftliche Erkenntnisse dazu, wie gut Masken vor einer Infektion schützen. Das liegt daran, dass die Studien, die das wirklich belegen würden, extrem schwierig durchzuführen sind. Um das im Labor zu überprüfen, müsste man Versuchspersonen vorsätzlich in einen Sars-Cov-2-Nebel stellen und sie mit anderen vergleichen, die nicht diesem Nebel ausgesetzt waren. Das geht natürlich nicht. Aber selbst wenn das möglich wäre, sagt es noch nichts darüber aus, wie eine Maske im Supermarkt schützt.

Daher musste ich überlegen: Was haben wir von anderen Pandemien gelernt? Warum tragen Leute im OP oder beim Zahnarzt Masken? Können Stoffmasken schützen? Und wie kommuniziere ich das, wo muss ich vorsichtig sein mit Formulierungen? Zu sagen “Stoffmasken verhindern im Einzelfall eine Ansteckung.” wäre zum Beispiel falsch. Aber “Je mehr Leute eine Stoffmaske tragen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich das Virus unter denen, die sie tragen, verbreiten kann.” ist richtig. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Das ist für Laien manchmal schwer zu verstehen und deswegen laufen die Diskussionen so oft aus dem Ruder. Weil es tatsächlich auf diese Nuancen ankommt. Kein:e Wissenschaftler:in hat gesagt, dass Stoffmasken eine Ansteckung verhindern. Vielleicht haben es Politiker:innen gesagt oder Leute im Internet geschrieben. Und so entstehen schnell Missverständnisse und falsche Annahmen.

Ich habe zeitweise pro Woche 40 E-Mails gekriegt, in denen mir Videos und Texte mit vermeintlich alternativen wissenschaftlichen Aussagen geschickt wurden. Nach dem ersten Lockdown im Frühsommer 2020 war das extrem – zu der Zeit, als auch die Querdenker-Demos anfingen. Es gab sehr viel Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, auch Personen wie Sucharit Bhakdi bekamen viel Gehör. Er und andere sind in der Wissenschaftsszene aber nicht als Corona-Experten anerkannt. Manches, was sie gesagt haben, hat zwar einen wahren Kern. Aber sie haben daraus schräge Schlüsse gezogen. Viele aus der Querdenker-Szene neigen dazu, hinter Allem böse Absichten zu sehen, einen Plan. Das vereinfacht natürlich komplexe Dinge. Und hilft, die Illusion aufrecht zu erhalten, alles im Leben selbst bestimmen zu können: Einfach gegen den Plan demonstrieren, fertig.

Manchmal habe ich den Fernseher angeschrien

Was mich richtig aufgeregt hat in der ganzen Zeit, war das Fernsehen. Immer wieder habe ich vergessen, dass Talkshows Unterhaltungssendungen und keine Informationsformate sind. Manchmal habe ich den Fernseher angeschrien, wenn dort Politiker:innen saßen und offensichtlich entscheidende Fakten über das Virus nicht erklären konnten oder selbst nicht verstanden haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an Wolfgang Kubicki (FDP), der aus einem mir nicht ersichtlichen Grund immer wieder in Talkshows saß, in denen es um Corona ging. Er hielt zum Beispiel die Diskussionen über die Mutationen im Winter für „lustig, aber falsch“. Das zeigt, dass er sich mit der Materie gar nicht auseinandergesetzt hat.

Ich habe mich auch darüber geärgert, dass vor der Tagesschau ständig Werbung für ein wirkungsloses Mittel gegen Reizdarm gezeigt wurde, statt dass es jeden Tag konkrete, hilfreiche Informationen für Bürger:innen gab. Die Kommunikation der Politik fand ich in dieser Pandemie so schlecht, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Wir wurden mit Appellen zugeschüttet, aber wer hat zum Beispiel konkret erklärt, warum die Corona-App wichtig ist? Eigentlich sollte man in einer Pandemie solchen Informationen gar nicht entkommen können. Du musst nachts aufwachen und sie aufsagen können. Oder nehmen wir Armin Laschets Aussage, dass man den Leuten einen Anreiz geben muss, sich testen zu lassen, und sie deswegen nur nach einem negativen Schnelltest einkaufen lässt. Eine wichtige Information wird nicht ordentlich erklärt, nämlich warum ein Antigen-Test dir nicht alles über dein persönliches Risiko sagen kann, angesteckt zu sein. Die Politik traut den Menschen einerseits nicht zu, dass sie sich selbst und freiwillig für regelmäßige Tests entscheiden, verpflichtet sie aber auch nicht dazu – außer diejenigen, die noch nicht wählen dürfen. Ich vermisse da das Rückgrat. Und die Solidarität mit jungen Leuten. Sie bringen gerade die größten Opfer.

Die Bürger:innen wurden nicht ordentlich in die Corona-Bekämpfung eingebunden. Auch ich fühlte mich manchmal behandelt wie die letzte Deppin, die Regeln befolgen soll, aber nicht zu verstehen braucht. Als Bürgerin hat mich das angefasst und beleidigt. Meine Familie ist schon total genervt von mir. Meine Tochter sagt, „Mama, kannst du nicht mal aufhören über Politik zu schimpfen?“

Menschen werden zu schnell abgestempelt

Mir ist in dieser Pandemie vieles unter die Haut gegangen, aber das teilweise extreme Misstrauen, das den Medien entgegengebracht wurde, hat mich relativ kalt gelassen. Ich muss mich nicht für Kritiker:innen anstrengen, die „Lügenpresse“ rufen. Ich denke, Menschen, die nachdenken, fällen solche Pauschalurteile nicht. Ich habe versucht, mich in der Kommunikation auf solche Menschen zu konzentrieren. Natürlich wurden mir Dinge vorgeworfen mit denen ich schwer zurecht komme. Vorwürfe wie „Ihr plappert doch nur alles nach, was die anderen machen“, oder „Wieso seid ihr so unkritisch der Politik gegenüber?!“ Ich habe immer gedacht: „Okay, das ist ein Riesen-Missverständnis.“ Ich habe nie gesagt, dass ich die Maßnahmen befürworte. Manchmal habe ich sie für sinnvoll gehalten, manchmal nicht. Dazu habe ich aber fast nichts gesagt. Ich habe die Maßnahmen oft erklärt, aber vor allem die Erkenntnisse der Wissenschaft. Denn genau das ist als Medizinjournalistin mein Job.

Es ist aber ein Symptom dieser Zeit, dass jede:r eine Meinung zu einer Sache hat; man soll entweder für etwas sein – oder dagegen.

Der Brexit hat mich gut auf die Corona-Pandemie vorbereitet

Ich glaube, die Erschöpfung, die viele nach mehr als einem Jahr Pandemie spüren, hat auch mit dieser verkorksten Kommunikation zu tun. Ich kenne das aus einem anderen Kontext: Aus dem Brexit. Als es damit ernst wurde, habe ich noch in London gelebt. Der Brexit war eine harte Schule, die mich aber gut auf die Corona-Pandemie vorbereitet hat. Die Erfahrung, wie eine Gesellschaft sich in Lager spaltet. Irgendwann haben meine britischen Freunde zum Brexit nur noch geschwiegen. Sie sagten:„ Wir haben uns so schwer darüber gestritten, es hat unser Land sehr verändert, Freundschaften und Familien zerstört. Wir können nicht mehr über den Brexit reden.“

Ich sehe und befürchte das zumindest ansatzweise auch jetzt, in Deutschland, in der Pandemie. Wie schnell Menschen abgestempelt werden, wenn sie ungeschickt formulieren oder Sätze sagen, die den Verdacht erwecken, dass sie auf der falschen Seite stehen. Ein Beispiel ist der Satz “Wir müssen mit dem Virus leben”. Der kommt sehr häufig aus der Querdenker-Ecke. Immer, wenn mir das jemand sagt, antworte ich ja, das wird wahrscheinlich so kommen. Aber bis dahin hätte ich gerne, dass möglichst viele geimpft sind und ein Medikament, das die Krankheit zumindest abmildern kann. Und bis wir das nicht haben, hilft mir dieser Satz nicht. Er ist kein Argument, um jetzt Maßnahmen abzuschaffen, die uns schützen. Trotzdem kann es sein, dass diese Feststellung auf lange Sicht stimmt. Weil wir es nicht schaffen werden, dieses Virus ganz loszuwerden. Das Problem ist, dass wir noch nicht einmal mehr darüber reden können. Wenn dieser Satz fällt, werden Leute sehr schnell abgekanzelt und in die Querdenker-Ecke geschoben. Ich nenne das „in Hashtags denken“.

Angst ist ein nützliches Gefühl

Ich sehe das auf allen Seiten, dieses Phänomen, das man nicht mehr zuhört, sondern auf Schlagworte reagiert. Auch beim Thema Impfen. Es kann doch sein, dass jemand Angst oder Zweifel hat, die Technologie nicht versteht oder sich sorgt, dass sie ihm schadet. Ich finde, das sind total berechtigte Fragen. Warum soll man die denn nicht stellen dürfen, ohne gleich als Impfgegner:in abgestempelt zu werden? Als Wissenschaftsgegner:in? Das treibt die Leute dahin, sich positionieren zu müssen – und das ist ein Problem.

Was, wenn ein Mensch noch in einer Phase ist, in der er oder sie seine oder ihre Position erst noch sucht? Dann ist es sinnvoll und hilfreich, dieser Person zu sagen, dass das okay ist. Ihm oder ihr neutrale Infos zu geben, mit denen sie sich ein Bild machen kann. Und dann zwei Tage später nochmal zu reden. Ich verstehe nicht, was daran gefährlich sein soll.

Viele haben sich in den letzten Monaten gegen Panikmache gewehrt. Es stimmt, Panik hilft nicht weiter (einmal habe ich selbst Panik bekommen). Aber Angst ist etwas anderes. Ich finde es richtig, vor so sowas wie diesem Virus Angst zu haben. Das ist nicht böse oder schlecht oder ein Zeichen von Schwäche. Es ist angemessen, sich davor zu fürchten, dass man sich ansteckt. Man kann erstens nicht wissen, ob man zu denjenigen gehört, die einen schweren Verlauf haben. Und zweitens nicht abschätzen, wen man ansteckt – ob es für jemanden ernste Folgen hat, wenn man auf seine eigene Freiheit besteht.

Ja, das ist immer noch nicht wie bei Ebola. Ich denke, der Wert der Warnung wird heute von vielen nicht richtig gesehen. Die Warnenden werden diskreditiert, indem man aufzählt, in welchen Punkten sie früher vielleicht schon einmal falsch lagen. Das wird dann als Begründung für das Fazit genommen, man könne ihre Aussagen und Warnungen einfach ignorieren. Der Wert der Warung ist aber ein anderer: Es geht nicht darum, ob alles genauso eintritt, wie es vorausberechnet wird. Modelle zeigen verschiedene Szenarien und ordnen den Szenarien Wahrscheinlichkeiten zu. Das hilft uns, unser Verhalten anzupassen und das schlimmstmögliche Szenario zu verhindern. Wir können froh sein, wenn es besser kommt, als befürchtet.

Den Punkt „nach der Pandemie“ wird es nicht geben

Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch und lache gern. Beim Thema Corona bin ich zur Berufspessimistin geworden. Wenn es wirklich so ist, dass sich 20 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht impfen lassen wollen oder können – zu diesem Ergebnis kommen manche Befragungen –, bleibt ein Reservoir dieses Virus bestehen, wenn die Schutzmaßnahmen fallen. Dann werden sich erstens die Ungeimpften alle anstecken. Das sind 16 Millionen Menschen in der düstersten Variante, manche gehen auch nur von zehn Prozent aus. Immer noch acht Millionen Menschen in Deutschland, die das Virus weitergeben können. Zum Vergleich: Bisher haben sich knapp vier Millionen nachweislich angesteckt. Auch wenn viele Ältere und Vorerkrankte schon geimpft sind, kann das Virus so immer noch beträchtlichen Schaden anrichten.

Ich zucke deswegen immer zusammen, wenn ich die Formulierung „nach der Pandemie“ höre. Es wird nicht den einen Punkt geben, an dem sie auf einmal vorbei ist. Ganz bestimmt ist dieser Punkt nicht der, an dem alle, die in Deutschland geimpft werden wollen, tatsächlich geimpft sind. Viele meinen ja, dass wir dann Herdenimmunität haben werden. Ja, vielleicht. Aber vielleicht lässt sich das Virus auch immer nur für eine gewisse Zeit mit Impfungen zurückdrängen. Mutationen sind ein Problem. Dass es zwischen Tier und Mensch Ansteckungen geben kann, auch. In Dänemark haben sie die Nerze, die eine mutierte Form des Coronavirus an Menschen übertragen könnten, wieder ausgegraben, weil die Viren ins Grundwasser sickern und nicht klar ist, was das bedeutet. Vor allem aber ist es weiter so, dass sich das Virus auch unbemerkt verbreiten kann. Das ist eine Eigenschaft, die es extrem schwer macht, das Virus einzudämmen oder gar loszuwerden. Das könnten wir nur dann schaffen, wenn wirklich genügend Menschen immun oder zumindest teilweise immun sind. Also nicht nur die Menschen in Deutschland, sondern die gesamte Weltbevölkerung. Ob das jemals der Fall sein wird?


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele

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