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Männerüberschuss

Maskulin, nie weggezogen

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Männerüberschuss. Das Wort bezeichnet ein Phänomen: In einer bestimmten Gegend leben überdurchschnittlich mehr Männer als Frauen. Nirgendwo in Europa ist es so stark ausgeprägt wie in Ostdeutschland. In manchen Regionen gibt es bis zu einem Viertel weniger Frauen als Männer.

Vielleicht geht es dir auch so – man hat bei dem Thema mittlerweile so seine Bilder im Kopf. Wenn ich „Männerüberschuss“ höre, denke ich an getunte Autos, die an Tankstellen im Halbkreis stehen, an untervögelte Typen in Thor-Steinar-Klamotten, die auf Tischtennisplatten im Neubaugebiet rotzen, irgendwo zwischen Aschersleben und Zwönitz, die traurigsten Dancefloors des Landes. Dunkeldeutschland. Die Platte hat keine Liebe für dich.

Das Wort selbst ist schon ein Ungetüm. Männerüberschuss. Wir denken an Probleme, die „überschüssige Männer“ verursachen. Menschen, die übrig geblieben sind. „Selbst schuld“, schwingt da immer ein bisschen mit.

Wie andere gesellschaftliche Probleme Ostdeutschlands, ist der Männerüberschuss in den vergangenen drei Jahrzehnten nur im Kontext Rechtsextremismus von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert worden – vor allem wegen des statistischen Zusammenhangs von besonders großen Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien in Regionen mit besonders hohem Männerüberschuss. Man liest dann schon mal in der FAZ von den ostdeutschen „Triebwählern“.

Frauen könnten aus den gleichen Gründen „übrig“ bleiben – tun es aber seltener

Woran wir aber (als Gesellschaft, als Politik) nicht denken: Warum es gerade die Männer sind, die „übrig“ bleiben. Warum sie es sind, die Probleme haben, und wie diese zu lösen sein könnten.

Ganz ähnlich wie beim Zusammenhang zwischen Antifeminismus und Rechtsextremismus wird ignoriert, wie groß der Einfluss von Geschlechterrollen auf dieses Phänomen ist. Frauen könnten aus den gleichen Gründen Nazis wählen wie Männer. Sie tun es aber viel seltener. Frauen könnten aus den gleichen Gründen „übrig“ bleiben. Sie tun es aber viel seltener. Du ahnst es vielleicht schon: Wir reden mal wieder zu viel über Symptome und zu wenig über wirkliche Ursachen.

2007 hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie veröffentlicht, die sich mit den Ursachen und Folgen des Männerüberschusses in Ostdeutschland beschäftigt. Es ist bis heute eine der besten und ausführlichsten Studien zum Thema.

Unterschiede im Bildungsbereich sowie negative Einflüsse stereotyper Geschlechterrollen spielen dabei eine größere Rolle, als ich erwartet hätte. Eine der am häufigsten genannten Erklärungen stellt sich hingegen als falsch heraus: Es liegt wirklich am Arbeitsmarkt.

Junge Männer orientieren sich beruflich nicht um

Der Arbeitsmarkt hat sich in Ostdeutschland seit der Wende für Männer deutlich schlechter entwickelt als für Frauen. Im Osten sind insbesondere klassische Männerjobs im Bergbau, in der Produktion oder im Baugewerbe verloren gegangen, während der von Frauen dominierte Dienstleistungssektor weniger gelitten hat. Das heißt: Eigentlich hätten Männer eher einen Grund, woanders nach einem Job zu suchen. Seit der Wende zogen rund 3,86 Millionen Menschen aus Ost- nach Westdeutschland. Und am Anfang gingen auch vor allem die Männer. Doch schon seit 1991 verlassen durchgängig mehr Frauen den Osten.

Statistik: Die Wanderungsmuster haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert. So verlassen seit dem Jahr 2008 mehr Männer den Osten Richtung Westen, während es bis dahin mehr Frauen waren. Dennoch herrscht in Ostdeutschland noch immer ein starker Männerüberschuss.

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Denn, obwohl die Männerberufe seltener werden, orientieren sich junge Männer beruflich nicht um. Männer – habens schwer, nehmens leicht, singt Grönemeyer (irgendwann musste ich ja mal aus dem Lied zitieren).

„Vor allem in Regionen, in denen früher traditionell männertypische Berufe dominiert haben, sehen auch Eltern höhere Bildungsabschlüsse von jungen Männern oft als nicht notwendig an“, schreiben die Autoren der Studie Steffen Kröhnert und Reiner Klingholz. Das Festhalten an einem traditionellen männlichen Rollenbild durch Eltern, Erzieher und Jugendliche, das vor allem körperlich anstrengende Produktionsberufe als „männlich“ erachtet, hat somit negative Auswirkungen auf das männliche Bildungsniveau. Entscheidender als die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt ist laut den Forschern: „Junge Frauen in den neuen Bundesländern reagieren früher und deutlich zielgerichteter auf den Strukturwandel als Männer.“

Zwar wanderten junge Männer ebenfalls in großer Zahl aus dem Osten ab. Der Männerüberschuss kommt aber vor allem dadurch zustande, dass die Männer, die weggezogen sind, öfter in ihre Heimat zurückkehren. Der Grund: Sie finden sich in der Fremde nicht so gut zurecht. Es fällt ihnen schwerer, Anschluss zu finden in einem neuen sozialen Umfeld.

Männern fällt es schwerer, soziale Kontakte zu knüpfen

Die Studie des Berlin-Instituts stellte fest: Frauen machen tendenziell andere Erfahrungen, schlagen rasch Wurzeln und fühlen sich sozial besser in der neuen Heimat aufgenommen. Was sich vielleicht am deutlichsten an diesem Fakt ablesen lässt: Ostdeutsche Frauen haben mehr als dreimal häufiger einen Partner aus dem Westen als ostdeutsche Männer eine westdeutsche Partnerin. Das „soziale Klima“ verschlechtert sich, heißt das in der Sprache der Soziologen. Die Stimmung ist scheiße, heißt das für alle Anwesenden – und sie bleibt es. „Grauer Beton, rauer Jargon, auf und davon“, rappt Ronny Trettmann - einer von zahlreichen jungen ostdeutschen Musikern, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben (Kollege Tarek hat eine schöne Playlist dazu erstellt).

Es ist ja nicht nur so, dass wir den drastischen Männerüberschuss in Ostdeutschland als soziales Problem ignorieren. Die ungleichen Geschlechterverhältnisse gleichen sich auch nicht einfach von allein wieder an. Geht man samstagsabends in die eine Disko oder den einen Club in der Stadt oder Nachbarstadt, und es sind hauptsächlich Männer anwesend, wird das keine schöne Nacht.

Carsten Müller, ein Mann, der in Sachsen-Anhalt aufgewachsen ist und in den Neunzigerjahren als Türsteher in Thüringen gearbeitet hat, erklärte mir, dass es für einen angenehmen Abend für alle Gäste einer Party eigentlich nur ein Rezept gibt: „Nichts wirkt disziplinierender auf Männer als die Anwesenheit von Frauen. Je mehr Frauen da sind, desto weniger Stress.“ Heute ist Carsten Müller einer der Leiter des Kulturamtes in Jena.

Historisch gesehen hatten Männer immer die höheren Schulabschlüsse. Erst seit Anfang der Neunzigerjahre ist es anders herum: Die Frauen sind besser gebildet. Eine höhere Qualifikation korreliert fast immer mit einer höheren Bereitschaft, für den Beruf oder ein Studium den Wohnort zu wechseln. Wissen macht flexibel, auch räumlich. Das ist das Offensichtliche. Das weniger Offensichtliche ist: Die Männer in Ostdeutschland bleiben vor allem deshalb „übrig“, weil die Jungs in Ostdeutschland in der Schule benachteiligt werden.

Die Forscher vom Berlin-Institut haben 2015 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung erforscht, ob es Geschlechtsunterschiede beim Lernen gibt. Ihr Fazit: „Es besteht eine erhebliche Benachteiligung junger Männer im allgemeinbildenden Schulsystem der neuen Bundesländer.“

Jungen Männern fehlt es an positiven Vorbildern

Konkret heißt das: Jungen machen seltener Abitur als Mädchen. Jungen werden später eingeschult. Sie können schlechter lesen, bleiben öfter sitzen, bekommen schlechtere Übergangsempfehlungen, brechen die Schule häufiger ohne Abschluss ab, bekommen für die gleiche Leistung schlechtere Noten. Das ist zwar bundesweit so, im Osten aber besonders schlimm.

Ein Grund dafür ist offenbar, dass in Ostdeutschland fast das gesamte Lehrpersonal an Grundschulen weiblich ist. Je höher der Anteil weiblicher Grundschullehrer, desto mehr Jungen finden sich unter den Hauptschülern beziehungsweise den Hauptschulabbrechern – und desto weniger sind sie unter den Abiturienten vertreten, fanden die Forscher des Berlin-Instituts heraus. Ihr Fazit: „Jungen Männern fehlt es an positiven männlichen Vorbildern. Hinzu kommt, dass auch der Anteil alleinerziehender Mütter in den neuen Bundesländern besonders hoch liegt.“

Marcus Wellnhofer ist Direktor einer Grundschule in der sächsischen Provinz. Als einziger Mann an seiner Schule und jüngster im Kollegium. Eigentlich wollte er Lehrer am Gymnasium werden, aber weil in Sachsen der Mangel an Grundschullehrern so extrem ist, blieb ihm keine Wahl: Grundschule oder Umschulen. Spaß macht ihm der Job trotzdem. Er hilft mir am Telefon, die Studienergebnisse einzuordnen. Er sagt, ja, männliche Vorbilder fehlen:

„Meine Schule ist auf dem Dorf. Für viele Kinder ist es ein kleiner Kulturschock, wenn ich etwas Schönes male, singe, oder Theater spiele. Oder wenn wir in Deutsch über Texte mit Gefühlen reden. Sowas kennen die meisten von ihren Vätern oder männlichen Verwandten nicht.“ Als Mann sei er gerade zu Beginn der Star an der Schule gewesen. „Die Aufregung ist dann groß, alle sind geradezu fasziniert. Der Effekt ebbt aber meiner Meinung nach mit den ersten Wochen ab. Alle sind dann daran gewöhnt, dass man der Lehrer ist und alle arrangieren sich mit den Routinen der Lehrerpersönlichkeit.“

Vielleicht ist es also korrekter, wenn man statt von einem Mangel an männlichen Vorbildern von einem Mangel an positiven männlichen Vorbildern spricht.

Wichtiger als das Geschlecht des Lehrers sei seine Persönlichkeit. Und die Tatsache, dass Jungs dann eben doch etwas anders sind als Mädchen. „Im Vergleich zu den Lehrerinnen fällt es mir wahrscheinlich leichter, Konflikte von Jungs zu verstehen. Ich lasse harmlose Reibereien auch mal bewusst laufen, weil ich die Hintergründe dazu eher nachvollziehen kann als eine Kollegin, die das vielleicht schon im Keim erstickt.“

Viele Lehrerinnen in Ostdeutschland wurden in der DDR ausgebildet und haben dort gelernt, mehr auf Autorität und Strenge zu setzen. Autoritäre Erziehung, Angst vor Arbeitslosigkeit, das Gefühl, abgehängt zu sein – all das hat große Auswirkungen auf den Lernerfolg und darauf, wie sich die Kinder später entwickeln und wen sie als Erwachsene wählen. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt im Interview mit Kollege Bent Freiwald sehr eindrücklich:

„Jungs werden öfter geschlagen und härter angefasst. Sie machen auch öfter die Erfahrung zu versagen. Wer bricht die Schule ab, wer leidet häufiger an psychischen Erkrankungen, wer hat Verhaltensprobleme, wer landet in Hilfsprogrammen? Jungs sind da immer in der Mehrzahl. Wenn man im Kindergarten vor die Tür gesetzt wird und Servietten falten muss, weil man sich daneben benommen hat, oder in der Schule vor die Tür geschickt wird: Wer sitzt da in der Regel? Ein Junge. Und das hat Auswirkungen: Je weiter man an den autoritären, rechten Rand schaut, desto mehr Männer findet man.“

Stereotype Vorstellungen von Männlichkeit sorgen mit dafür, dass Jungen häufig schlechter gebildet sind

Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen sind der Hauptgrund für ihre unterschiedlichen Noten, haben die Forscher vom Berlin-Institut herausgefunden. „Mädchen erleben Schule generell positiver als Jungen, und sie sind motivierter zu lernen. Sie investieren mehr Zeit in schulische Dinge und stören seltener den Unterricht.“

Eine große Rolle spielt aber auch das soziale Umfeld. Eltern, Lehrer und ältere Mitschüler transportieren gesellschaftliche Rollenbilder, die Kinder bei der Bildung ihrer Geschlechtsidentität beeinflussen. So entsteht geschlechtstypisches Verhalten. Das Verhalten von Jungen ist dabei häufig schlechter vereinbar mit dem System Schule als das von Mädchen.

Wenn all das aber so ist, warum ignorieren wir Männerüberschuss als Problem? Ich denke, wir stehen in diesem Fall vor einem moralischen Dilemma: Frauen kämpfen nach wie vor um Gleichberechtigung. In medialen wie politischen Diskursen um bestehende Ungerechtigkeiten – zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt – stehen deswegen all die Felder im Fokus, in denen Frauen noch immer diskriminiert werden – und das sind ja nicht gerade wenige. Dieser Fokus führt wiederum dazu, dass die Nachteile, die Männer beziehungsweise Jungen erfahren, in den Hintergrund rücken. Aber ein Nachteil hebt den anderen nicht auf. Und in der Zwischenzeit dürfen sich vor allem die rechtsextremen Parteien als Kümmerer inszenieren: „Seelenfänger schleichen um den Block und machen Geschäft mit der Hoffnung. Fast hinter jeder Tür lauert ein Abgrund. Nur damit du weißt, wo ich herkomm“, rappt Trettmann, der Karl-Marx-Städter.

Die beiden Hauptgründe dafür, warum Männer weniger flexibel auf eine schlechte Arbeitsmarktsituation – oder auf Wandel ganz generell – reagieren konnten und können:

Männer sind also vor allem deshalb „übrig“, weil sie zu Männern erzogen worden sind.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Audioversion: Christian Melchert, Bildredaktion: Till Rimmele

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