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Medien

Deswegen starrt der Westen auf den Nahostkonflikt

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Möglicherweise bist du besessen. Ich schreibe das, weil du gerade freiwillig beginnst, diesen Artikel zu lesen, der davon handelt, warum Leute wie du nicht aufhören können zu klicken, zu kommentieren und zu debattieren, wenn es um den Nahostkonflikt geht.

Vielleicht fühlst du dich jetzt ertappt. Keine Sorge, mir geht es genauso.

Wie viele Artikel sind schon zu diesem Konflikt erschienen? Wie oft haben wir schon über ihn diskutiert? Die Stunden, die wir im Geiste in Gaza, Bethlehem und Tel Aviv verbracht haben, haben wir nicht in unseren Gärten verbracht oder tauchend unter Wasser. Vielleicht wärst du jetzt schon berühmte Rosenzüchterin oder gefeierter Rosenzüchter und ich könnte schon meinen 100. Tauchgang feiern, wenn wir nur von diesem Konflikt ablassen könnten.

Wir starren auf unsere Bildschirme, die gerade zeigen, wie Raketen aus Gaza gen Tel Aviv fliegen, Bomben der israelischen Luftwaffe auf Ziele im Gaza-Streifen fallen, wie sich auf den Straßen jüdische Israelis mit arabischen Israelis prügeln – wir googeln „Nahostkonflikt“, weil wir verstehen wollen, was dort passiert. Als vor ein paar Jahren das Clubgebäude eines mittelmäßigen Jerusalemer Fußballclubs abbrannte, war das deutschen Medien eine Meldung wert. Als eine Kirche in der Jerusalemer Altstadt ihre Wasserrechnung nicht bezahlen konnte, berichtete die britische BBC darüber.

Der Israel-Palästina-Konflikt hat es geschafft, eine eigene Art Relevanz zu produzieren. Was parallel passiert: Wir übersehen andere Konflikte der Welt – im gleichen Maß beschäftigt sich niemand mit dem Jemen-Krieg oder dem Krieg im Norden Äthiopiens.

Vielleicht sind die Medien schuld, mit ihren 24/7-Nachrichtenzyklen, Livetickern und Blitz-Analysen? Die Medien, die Leute immer wieder mit der Nase auf den Nahostkonflikt stoßen? Aber Medien richten sich nach dem Interesse ihrer Leser und Zuschauer – und wir prahlen vielleicht vor unseren Freunden damit, dass wir wirklich umfassende Analysen zum Konflikt in Nagorny-Karabach vermissen würden, aber lesen würden wir die Geschichte dann doch nicht. Dabei gibt es diese Texte.

Es gibt Konflikte, die dauern genauso lang und forderten mehr Opfer

Selbst unsere Vergangenheit ist kein ausreichendes Argument – auch, wenn es so scheint. Wir könnten sagen: „Weil Deutschland für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich ist und der restliche Westen eine wichtige Rolle bei der Gründung Israels spielte, schauen diese Länder auch heute noch auf die Region.“ Das stimmt natürlich, gerade im Falle von Deutschland, aber nicht mit aller Zwangsläufigkeit.

Der Kaschmir-Konflikt in den ehemaligen britischen Kolonien Indien und Pakistan findet weniger mediale Erwähnung, Sri Lankas Bürgerkrieg ebenfalls und über Namibia, in dem deutsche Kolonisten einst 70.000 Menschen ermordeten, hören wir auch nur selten etwas. Die Verantwortung des Westens erklärt unsere Aufmerksamkeit für den Nahostkonflikt also nicht allein.

„Dieser Konflikt dauert schon so lange“, könntest du jetzt einwenden. „Deswegen beschäftigen wir uns damit!“ Wirklich? Der Aufstand der Karen-Rebellen in Myanmar begann 1949, nur ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Krieg. Du könntest womöglich alle israelischen Premierminister in korrekter Reihenfolge aufzählen, aber kaum erklären, wer die Karen eigentlich sind. Könnte ich auch nicht. Es geht hier nicht um Dauer.

„Ständig gibt es Tote!“, wäre ein wichtiges Argument – und es stimmt auch. Im Nahostkonflikt sterben viel zu viele Menschen. Zwischen dem Jahr 2008 und 2020 starben laut Vereinten Nationen 5.800 Menschen in diesem Konflikt. Aber im Jemen waren es seit 2015 rund 230.000 Menschen.

Warum also Gaza statt Garten?

Die Sicherheit von Israels Demokratie und die Exotik Palästinas – der Nahe Osten ist ein Reportertraum

Gerade weil der Nahostkonflikt vergleichsweise wenig Opfer fordert. Das liest sich gefühlskalt und berechnend, ist aber eine banale, praktische Voraussetzung für eine intensive Berichterstattung. Israel und Palästina sind fremd genug, um jede Nachrichtenseite und Fernsehsendung mit einem Hauch Exotik und Dramatik zu pfeffern, aber gleichzeitig ungefährlich genug, um diese Beiträge auch zu recherchieren. Wer als westlicher Journalist über den Nahostkonflikt berichtet, darf die Freiheit und Sicherheit der israelischen Demokratie genießen, während er Cowboy-Geschichten im Westjordanland produziert und das Pfeifen der Raketen aus Gaza dokumentiert. Es mag zynisch klingen, aber diese Region ist ein Reporterhimmel. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 480 Reporter:innen sind allein Mitglied der israelischen Foreign Press Association, die Zahl der Journalist:innen vor Ort dürfte in Wahrheit noch viel höher sein. Zum Vergleich: Im Jemen dürften schätzungsweise kaum mehr als 50 Reporter:innen unterwegs sein, darunter fast keine deutschen.

Hinzu kommen noch einmal Tausende fremde Entwicklungshelfer:innen und Aktivist:innen im sogenannten Heiligen Land. Die NGOs vor Ort müssen ihre Daseinsberechtigung immer wieder belegen, deswegen veröffentlichen sie Pressemitteilung nach Pressemitteilung, organisieren Touren und verfolgen Projekte, die von Stadtgärtnern bis zum Graphic-Novel-Workshop reichen. Unterstützt werden die Hauptamtlichen von einer Schar Freiwilliger und Praktikant:innen, meistens gut ausgebildete und gut vernetzte Akademiker:innen aus Düsseldorf und Oslo, Manchester und Seattle.

Ich selbst war ein Produkt dieser NGO-Maschine. Die Herbert Quandt Stiftung finanzierte mir einen sechsmonatigen Aufenthalt, während dem ich studieren und als Journalist arbeiten konnte; eine wunderbare Chance. Ich sehe aber auch, dass ich damit Teil eines größeren Nahost-Komplexes bin, in dem sich politische, kulturelle, religiöse und geostrategische Interessen zu einem riesigen Knäuel verheddern, das unbeirrt durch die Nachrichtenspalten rollen kann und dadurch Aufmerksamkeit von anderen Konflikten abzieht.

5.000 Jahre Geschichte und eine zentrale Lage

Aber diese Aufmerksamkeit hat ja gute Gründe: Jeder Stein in dieser Region ist greifbare, ewige Menschheitsgeschichte. Deswegen wird über die Wasserrechnung einer Kirche berichtet. Weil es nicht irgendeine Kirche ist, sondern die wichtigste der Christenheit. Was in der Grabeskirche geschieht, hallt in brasilianischen Favelas und chinesischen Untergrundkirchen wider und hat schon Weltmächte in den Krieg gezogen. Als der damalige israelische Premierminister Ariel Scharon über den Tempelberg marschierte, zitterte die muslimische Welt vor Empörung. 1967 verfielen selbst die säkularen Zionisten in einen kleinen neo-religiösen Rausch, als israelische Fallschirmjäger die Klagemauer eroberten. Ein Armee-Rabbi blies dort den Schofar, eine Art Trompete, mit dem schon die Mauern von Jericho zu Fall gebracht worden sein sollen – vor 4.000 Jahren. Das kulturelle und symbolische Netz ist dicht gewebt. Jede Handlung kann hier in vielen verschiedenen Facetten schillern, aus sich selbst heraus, ohne externe Dramatisierung. Wenn sich der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet auf einen Eierlikör mit Parteifreunden trifft, schillert: nichts.

Aber die Bedeutung des Nahen Ostens gründet sich nicht nur auf dessen kultureller und religiöser Dominanz, sondern auch auf dessen tatsächlicher geopolitischer Bedeutung. Diese Region war der Hauptbahnhof Afrikas, Europas und Asiens. Wer von einem der drei Kontinente zu einem anderen reisen wollte, kam fast zwangsläufig durch das Land, das heute Israel und Palästina bedecken. Wer es beherrschte, kontrollierte den Zugang zu Ägypten mit seinem fruchtbaren Niltal, den Zugang zu Syrien und dem heutigen Irak und weiter die Handelsrouten nach China und Indien. Mit der Erfindung von Flugzeug, Tanker und Auto hat sich dieses Problem etwas entschärft, aber alle drei brauchen noch Kerosin, Diesel, Benzin, um fortzukommen. Das Öl dafür stammt zwar zu großen Teilen aus den Golfstaaten. Aber global gesehen, ist das alles nur einen Steinwurf von Israel und Palästina entfernt.

Und der Bahnhof ist immer noch gut frequentiert! Seit der Gründung Israels haben sich in dem Land drei Millionen Menschen aus 90 Nationen niedergelassen; die Palästinenser auf der anderen Seite sind durch Vertreibung, ökonomische Not und politische Enge inzwischen dermaßen weit verteilt über den Globus, dass einige Forscher:innen schon von einer „palästinensischen Diaspora“ sprechen. Beide Gruppen, jüdische Einwanderer und palästinensische Auswanderer, leiten die Debatten und Probleme des Landes an die zurückgebliebenen Freunde per Mail, Skype, Twitter und Facebook weiter. Dieses Phänomen ist nicht neu. Der israelische Historiker Tom Segev zitiert in seinem Epos „1967“ aus sorgenvollen Briefen, die Israelis am Vorabend des Sechstagekrieges an ihre amerikanische Verwandtschaft schickten.

Die Konflikte in dieser Region finden sich in ähnlicher Form auch in den Industriestaaten des Westens

Der Immigranten-Staat Israel wirft mit großer Wucht Fragen auf, die sich auch die Staaten des Westens stellen. Hier leben ursprünglich europäische Juden mit jenen aus dem arabischen Raum zusammen, mehr noch stellen christliche und muslimische Palästinenser:innen ein Viertel der Bevölkerung des Staates. Im Süden gibt es Beduinen-Stämme, auf den Golan-Höhen im Norden die Drusen.

Die Gründer von Israel, zumeist europäische Juden, haben den Staat nach westlichem Vorbild modelliert; eine parlamentarische, pluralistische Demokratie. Sie wollten das Land, das in der Mitte der arabischen Welt liegt, zu einem geistigen Bruder der europäischen und nordamerikanischen Länder machen. An diesem Anspruch wird Israel heute noch gemessen. Deswegen ist die Empörung in Europa und den USA so groß, wenn Einwanderinnen aus Äthiopien ohne deren Einwilligung Verhütungsmittel gespritzt worden sein sollen. Eine Demokratie mache so etwas nicht, heißt es dann.

Der amerikanische Journalist Thomas Friedman geht in seinem Buch „From Beirut to Jerusalem“ noch weiter: Er spekuliert, dass die Bürger Europas und Amerikas Israel so genau beobachten, weil Juden mit den zehn Geboten die ersten noch heute gültigen Moralgesetze der westlichen Welt vorgelegt hätten und sich selbst als Vorbild, als Licht unter den Nationen beschreiben. Wenn es dieses Land und Volk nicht schaffe, moralisch einwandfrei zu handeln, so beschreibt Friedman die Logik der anderen, wer dann?

Keine andere Region der Erde vereint so viele Nachrichtenfaktoren

Wir glauben diese Region schon aus der Bibel, den verschiedenen Medien und persönlichen Gesprächen zu kennen. Wir haben Erwartungen, Meinungen, Assoziationen, wir urteilen schnell und scharf. So verstärkt sich die Debatte stetig selbst. Solides (Halb-)Wissen ist das Schmiermittel jeder Debatte: Es senkt die Schwelle zu diskutieren und seine Meinung zu sagen. Dabei bietet der Nahostkonflikt einen Luxus der anderen Konflikten unserer Zeit abgeht: eine klare übersichtliche Trennung zwischen den Gegnern entlang vermeintlicher ethnischer, religiöser und kultureller Linien.

Israelis wie Palästinenser haben es geschafft, zwei starke, glaubwürdige Narrative zu entwickeln, die jeder Witterung durch Fakten standhalten. Sie sind wie breite, antike Säulen auf einem Hügel, an die sich der willige Diskutant anlehnen kann, mit Sonnenbrille und vor der Brust verschränkten Armen, um diese Länder zu betrachten und deren Bewohner:innen nach den Guten und den Bösen zu ordnen. So wird jeder Luftangriff Israels auf den Gaza-Streifen als reine Verteidigung des Landes oder als unnötiger Angriff auf ein diskriminiertes und eingesperrtes Volkes beschrieben. Nur selten lesen wir, dass es beides sein kann und tatsächlich ist: Verteidigung und Angriff.

Aber du hast bestimmt schon bemerkt. „Garten statt Gaza“ war natürlich nur ein überdrehter, rhetorischer Kunstgriff meinerseits, um dich bei der Stange zu halten. Ein sachlich korrekter Vergleich lässt uns fragen: Welche andere Region der Welt könnte die Aufmerksamkeit so lenken, wie es der Nahe Osten seit Jahrtausenden schafft?

Manche Konflikte sind politisch äußerst wichtig, etwa der Konflikt um Taiwan, andere kulturell oder ökonomisch, ich aber kenne keinen Flecken, der für Menschen aus dem Westen in allen Punkten so bedeutend ist wie der Nahe Osten. Vielleicht ist diese Bedeutung nur eingebildet oder konstruiert, der Nahe Osten in Wahrheit ein Ballon, der erst fliegen kann, wenn wir genügend heiße Luft hineingepumpt haben. Aber das ändert nichts am Resultat.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele; Audio: Iris Hochberger

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