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Hartzen, wo andere Urlaub machen

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Benny und Hagen stammen aus Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden betreiben die Seite „Memelenburg“ auf Instagram. Dort posten sie Memes (solltest du vor 1985 geboren sein: quasi die Internetvariante des Witzebuches). Zum Beispiel solche.

Dort leben, wo andere Urlaub machen. Oder, wie man in Mecklenburg-Vorpommern sagt: „Hartzen, wo andere Urlaub machen.“ Darum geht es auf „Memelenburg“: arrogante Tourist:innen, das alkoholgeschwängerte Dorfleben, die Weggezogenen, überhebliche Westdeutsche.

Okay, du fragst dich immer noch, was genau diese Memes eigentlich sind? Hier habe ich über den Ort geschrieben, aus dem die meisten von ihnen stammen.

Es ist ein Sammelsurium von allem, worüber wir Journalist:innen schon lange schreiben – auch ich bei Krautreporter. Nur: Mit ihrem Memes erreichen Benny und Hagen, beide Anfang 20, über 14.000 Menschen, die meisten davon sind jung. Sie erreichen diejenigen, die nicht explizit politisch sind, die aber das Gefühl haben, dass ihre eigene Heimat nicht fair behandelt wird. Und sie erzeugen bei ihnen etwas, das man „Ostbewusstsein“ nennen könnte. Deswegen möchte ich mit ihnen sprechen. Ein Gespräch über Verrat, Privatstrände und eine Gegend, in der ein „Gegen-Homophobie“-T-Shirt ausreicht, um Freundschaft zu schließen.


Benny, Hagen, wo kommt ihr her?

Benny: Wir kommen beide aus kleinen Dörfern an der Seenplatte. Mein Dorf hat ungefähr 100 Einwohner, das von Hagen sogar fast 150 Einwohner. Inzwischen wohnen wir aber beide dort nicht mehr. Ich bin nach Neubrandenburg gezogen, mit 64.000 Einwohnern die nächstgrößere Stadt. Und Hagen ist schon so ein Verräter.

Hagen: Ja, ich bin vor drei Jahren nach Berlin gezogen, um Gamedesign zu studieren. Ich sitze also gar nicht mehr an der Quelle.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Memeseite über Mecklenburg-Vorpommern zu machen?

Benny: Das war auf der Fusion. Morgens, nach dem Aufstehen, haben wir überlegt, dass wir das ja vielleicht tun könnten. Abends, besoffen, haben wir schon ganz laut geschrien: Wir machen auf jeden Fall eine Memeseite und das wird die beste im Leben! Wir hätten also gar nicht mehr sagen können, wir machen es nicht, weil es alle unsere Freunde schon gehört hatten.

Hagen: Als wir ein paar Tage später wieder einigermaßen geradeaus gucken konnten, haben wir es einfach ausprobiert und am Anfang so ein paar überspitzte Jokes über die ganzen blöden Drogen-Leute auf der Fusion gemacht. Offensichtlich haben wir damit einen Nerv getroffen. Jedenfalls hatten wir nach einer Woche schon 6.000 Abonnenten.

Ihr kommt aus einer der beliebtesten Urlaubsregionen Deutschlands. Auf eurer Seite tauchen aber ständig Memes gegen Touristen auf. Hasst ihr die so sehr?

Hagen: Also, wir wachen jetzt nicht morgens auf, denken „scheiß Touris“ und gehen abends ins Bett und denken „scheiß Touris“.

Ein Screenshot von einem Meme: "Was man als Tourist in MV machen kann: --> Es verlassen!"

Screenshot: Memelenburg

Benny: Die Küstenregion und die Seenplatte sind halt voll mit denen. Und das ist für Jugendliche schon ein Problem: Die eigenen Diskotheken und Kneipen werden abgebaut und haben Schließzeiten, zu denen es ruhig sein muss. Wenn gleichzeitig das nächste Luxushotel an den Strand gebaut wird, macht uns das schon wütend.

Hagen: Aus den Hotels und Ferienwohnungen kamen auch immer die Beschwerden, wenn wir mal mit Freunden abends durch die Stadt gezogen sind oder vor der Kneipe standen. Da droht die Stadt sofort mit Sperrstunden. Aber was sollen wir denn machen? Wir leben halt da.

Aber die Touristen bringen ja auch das Geld. Ohne die sähe Mecklenburg-Vorpommern vermutlich nicht so aus wie jetzt.

Benny: Ja, voll. Aber vieles wird nicht für uns, sondern für die Touristen gebaut. Es gibt da ein Beispiel aus Waren (Müritz). Die haben im vergangenen Jahr einen Strand richtig schön hergemacht. Dann kaufte ein Hotel in der Nähe den Strand angeblich und stellte ein Schild da hin: „Der Zugang zum Strand ist nur für Hausgäste.“ Das hat zum Glück exakt zwei Tage gehalten. Aber allein solche Versuche sind doch scheiße. Oder in Neubrandenburg, wo darüber diskutiert wir, Jugendlichen das Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit zu verbieten.

Ein Screenshot von einem Meme mit einer Szene aus Two and a Half Man, in der ein Junge von seinem Vater im Regen vergessen wurde.

Screenshot: Memelenburg

Hagen: Tja, wir bringen wahrscheinlich einfach nicht so viel Geld wie Beate und Thorsten aus Wuppertal.

Benny: Das ist ja auch kein Mecklenburg-Vorpommern-Problem. Wir haben uns letztes Jahr den Spaß gemacht, eine ähnliche Memeseite für den Bodensee zu machen. Obwohl wir da noch nie waren. Wir haben einfach die gleichen Sachen auf den Bodensee übertragen. Innerhalb eines Monats hatten wir 1.000 Abonnenten. Zu Weihnachten haben wir das dann aufgelöst und gepostet: Der Bodensee ist doch scheiße, die Müritz viel besser, aber bleibt bloß weg! Ein paar meinten: „Ach die Memes haben trotzdem gepasst.“

Wenn ich mir manche Memes von euch anschaue, bekomme ich schlechte Laune und würde als junger Mensch sofort wegziehen. Ist das das Lebensgefühl in Mecklenburg-Vorpommern?

Benny: Wir vermitteln ein sehr quatschiges Lebensgefühl. Man sollte nicht immer alles so ernst nehmen und nicht vergessen, wie schön wir es eigentlich in MV haben.

Wer liest euch denn hauptsächlich?

Hagen: Die meisten kommen schon aus Mecklenburg, aber aus den größeren Städten, Rostock, Neubrandenburg und Greifswald. Viele Leser kommen aber auch aus Berlin, das sind sicher die ganzen Weggezogenen.

Dabei macht ihr ja sehr viele Memes über die Dörfer, über das Leben in der Provinz. Und ausgerechnet da liest euch keiner?

Benny: Naja, die ziehen ja alle weg, wir bringen dann höchstens die Sachen, an die sich die Leute erinnern.

Warum ziehen die Leute denn weg?

Benny: Arbeiten, studieren oder jemanden kennengelernt.

Hagen: Ich bin ja zum Beispiel auch zum Studieren nach Berlin gezogen.

Benny: Verräter!

Hagen: Aber ich glaube, das hat auch andere Gründe. Ich habe nach dem Abi ganz klassisch ein Auslandsjahr gemacht. Und danach war es mir in Mecklenburg-Vorpommern ein bisschen zu eintönig. Ich wollte einfach mehr.

Ein Meme mit einer Zeitungsüberschrift: MV gibt Impfstoffe für alle frei. Alle weggezogenen "Our Impfstoff" mit einer UDSSR-Flagge im Intergrund

Screenshot: Memelenburg

Benny: Hagen hat total recht. Und das mit dem Verräter ist auch vollkommen übertrieben. Natürlich würde ich mir wünschen, dass mehr Leute hierbleiben. Aber ich kann die Leute, die gehen, total verstehen. Viele, die hier bleiben, haben auch wirklich nichts anderes als Mecklenburg-Vorpommern kennengelernt. Bei denen war das Weiteste halt dieser Ausflug in der neunten Klasse nach Berlin. Ich glaube, die denken sich einfach: „Ich bin hier und dann bleibe ich auch hier.“

Und ihr macht mit euren Memes Werbung fürs Daheimbleiben?

Hagen: Nee, es ist auch nicht meine Aufgabe als junger Mensch Mecklenburg-Vorpommern am Leben zu erhalten.

Benny: Es ist viel mehr Kritik an den Ursachen des Wegziehens. Und für mich vielleicht ein bisschen Werbung fürs Hierbleiben. Nach dem Motto: „Vielleicht können wir das zusammen besser machen. So ungefähr.“

Hagen: Lasst uns alle zusammen arbeitslos sein!

Aber es gibt doch meist viele Ausbildungsplätze. So steht es zumindest immer in den Zeitungen, wenn die Betriebe wieder verzweifelt suchen.

Benny: Ja klar, die Scheißjobs sind meistens frei. Also, nicht die Jobs an sich sind kacke, sondern die Bezahlung und die Bedingungen. Ich kriege in meiner Ausbildung als Erzieher zum Beispiel gar kein Gehalt. Ansonsten kannst du halt nur irgendwas im Tourismus machen. Koch zum Beispiel. Aber auch da ist die Bezahlung scheiße und die Arbeitszeiten genauso. Klar bleiben da die Plätze frei. Ich kann schon verstehen, wenn die Leute dann sagen, bevor ich sowas mache, beantrage ich Hartz IV.

Ein Screenshot mit einem Meme: Ein weinender Junge und "Beim Bewerbungen schreiben" im Hintergrund ein grinsender Mann "Angebote außerhalb von MV"

Screenshot: Memelenburg

Hagen: Es gibt hier auch für die Weggezogenen nichts. Die werden ja nicht denken: „Ach, eigentlich war es doch ganz schön in Mecklenburg. Ich glaub, ich versuch mal mit meinem Bachelor of Arts irgendwas beim Fischer in meinem Heimatdorf zu bekommen.“ Die Infrastruktur ist auch ein Problem. Ich habe keinen Führerschein und für mich wäre es die Hölle, jetzt in meinem Dorf zu leben. Es kann doch nicht sein, dass ich auf meine Mutter oder einen Bus angewiesen bin, der alle zwei Stunden kommt. Und zur Haltestelle muss ich noch zweieinhalb Kilometer laufen.

Das heißt, wenn man auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern groß wird, dann ist man eigentlich nur mit den Leuten aus dem eigenen Dorf befreundet?

Hagen: Ich glaube, es kommt immer ein bisschen aufs Alter an. Bis man 16 war, konnte man ja sowieso nur sehr schlecht aus dem Dorf weg. Als die Leute dann mobiler wurden und ein Moped hatten, hat sich das dann auf einen 10- bis 15-Kilometer-Radius ausgedehnt.

Eine Meme: "Ey wer fährt heut Abend eigentlich?!" Dorfkinder anne Busse um 15 Uhr: "EMERGENCY MEETING" aus dem Computerspiel Among Us

Screenshot: Memelenburg

Benny: Es war auch immer geil, wenn wir uns mit mehreren Leuten getroffen haben. Da kamen auch mal zehn Motorräder zusammen, auf denen saßen prinzipiell zwei Leute und ein Kasten Bier. Und ein paar hatten vielleicht sogar noch ein Zelt auf dem Rücken. Die Motorräder waren vollgepackter als mein Auto heute.

Hagen: Naja, man kann ja dann mit 40, wenn man Kinder gemacht hat und seine Ruhe vor der Stadt haben will, zu den Nazis aufs Dorf ziehen.

Nazis auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Ist das nicht auch ein ziemliches Klischee?

Benny: Die sind nicht mehr geworden, aber auch nicht weniger. Aktuell zeigen die Leute das nur offener und kleben ihre dämlichen schwarz-weiß-roten Flaggen aufs Auto oder hängen sie in den Garten. Ich glaube, das Durchschnittsdorf hat schon einige Nazis und viele Leute, die das nicht interessiert. Da kommen bei Kreisliga-Spielen auch mal Affenlaute, wenn da ein schwarzer Spieler auf dem Feld steht.

Wie seid ihr damals damit umgegangen?

Benny: Also, das waren ja nie politisch engagierte Leute, sondern halt ... Trottel. Von denen hat auch heute niemand etwas mit Politik oder so zu tun. Aber damals? Ehrlich? Wir haben mit denen gesoffen. Was blieb uns denn anderes übrig? Die saßen ja in der eigenen Schulklasse. Die einen waren dann scheiß Nazis und wir die scheiß Zecken. Wobei, um als Zecke zu gelten, hat es schon gereicht, Ausländer NICHT zu hassen. Am Ende haben wir trotzdem miteinander getrunken, da kam man gar nicht drum herum. Sonst wären wir alleine gewesen. Aber das würden wir heute natürlich nicht mehr machen.

Hagen: Das war aber auch sehr unreflektiert. Das waren alles Leute, die wir von kleinauf kannten. Damals haben wir auch nicht daran gedacht, einfach den Kontakt abbrechen zu können oder sogar zu müssen.

Benny: Wir waren auf Partys, wo antifaschistische Musik lief und im nächsten Moment hat plötzlich wer was Rechtes angemacht. Im Nachhinein finde ich das schon krass.

Ein Meme: "Wenn man sich als Kind mit den anderen Kindern aus dem Dorf gestritten hat. "Fuck you and i'll see you tomorrow!"

Screenshot: Memelenburg

Habt ihr euch denn allein gefühlt?

Hagen: Auf dem Dorf war es schon schwierig, Linke kennenzulernen. Jeder Antifa-Sticker auf der Heckscheibe war schon was Besonderes und hieß meist, dass das Auto aus der Stadt kam – meist Berlin. Da war sowas ja auch vollkommen normal, aber für uns waren solche Sticker krass. Überhaupt mal jemanden mit der gleichen Gesinnung zu treffen.

Benny: Wir saßen mal mit 15 oder 16 in einem McDonald’s und da kam jemand mit einem T-Shirt, auf dem stand: „Gegen Homophobie“. Eigentlich das Normalste der Welt. Aber wir sind direkt zu dem hin. „Ey, du bist gegen Homophobie, das ist ja cool, wir auch.“ Wir haben uns dann einfach mit dem fremden Typen zusammengesetzt. Das reichte schon.

Es gibt mit Feine Sahne Fischfilet und Zugezogen Maskulin Bands, die nicht mehr vom Leben in der Stadt singen, sondern eben ihre Jugend auf dem Dorf verarbeiten. Gibt es ein neues Gemeinschaftsgefühl in der Landjugend?

Hagen: Als ich das erste Mal Zugezogen Maskulin gehört habe, dachte ich, dass viele der Sachen, die da beschrieben werden, voll auf mich zutreffen. Das war krass für mich. Da hatten Leute, kluge Leute, mein Leben beschrieben. Und das machen wir mit den Memes vielleicht auch ein bisschen – natürlich nicht so lyrisch und in heruntergebrochener Form. Aber vielleicht ein bisschen in die Richtung.

Benny: Das hier ist ja kein abgeschotteter Raum. Es gibt auch Fridays for Future in Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt durchaus eine linke, aufgeklärte Grundstimmung in der Jugend, die es in der älteren Generation nicht gibt. Es gibt aber eben auch sehr viele alte Leute in Mecklenburg-Vorpommern. Die Jungen fühlen sich nicht vertreten. Dadurch verhärten Fronten.

Aber es gibt ja sogar eine Gemeinsamkeit, die ihr in euren Memes erwähnt: das Ostdeutschsein.

Benny: Manche legen da auch ein bisschen viel Wert drauf. Wenn jemand Ostdeutschland in Fraktur auf den Unterarm tätowiert hat, finde ich das schon komisch. Ja, okay, wir sind Ossis und wir zeigen das auch. Also, lieber Ossi als Wessi. Aber lieber Mecklenburger als Ossi.

Ein Meme mit der Szene aus Shining in der die Hauptfigur durch die Tür bricht. Darauf: "Wessis sobald sie sehen, dass Eigentumswohnungen in der Innenstadt gebaut werden."

Screenshot: Memelenburg

Hagen: Dieser Hype ist gefühlt aber auch erst in den vergangenen zwei Jahren gekommen: so Leute wie Finch, die das Ostdeutschsein total abfeiern. Da geht es aber auch viel um eine Gegenbewegung zu den Vorurteilen über die Ronnys aus Dunkeldeutschland. Warum auch nicht?

Finch ist ein Rapper aus Frankfurt (Oder), der zum Beispiel so etwas rappt wie: „Nur die Ossis können feiern ohne Ende; so wie damals noch vor der Wende; mit Gehacktes, Doppelkorn und ein paar Bier; das werden die Wessis wohl nie kapiern.“

Ihr habt jetzt das vermeintlich Asoziale betont, den Proll-Ronny. Andere sprechen da von Ost-Identität und wollen Ungleichheiten anprangern.

Benny: Ach, ich glaube, das ist das Gleiche. Das eine ist halt schlauer ausgedrückt als das andere. Das ist beides ein Anprangern von Problemen und kann beides funktionieren.

Hagen: Viele wollen sich da nicht so den Kopf drum machen. Die sehen einfach nur, dass es ihnen selbst nicht so gut geht und denen drüben besser, obwohl die Mauer schon seit 30 Jahren weg ist. Die haben schon aufgegeben, weil sich ja sowieso nichts mehr ändert.

Okay, letzte Frage: Wie viel cooler ist Mecklenburg-Vorpommern als sein Ruf?

Benny: Supercool! Bessere Natur als alle anderen Bundesländer, in der man viel machen kann (wenigstens da). Bessere Lage als alle anderen Bundesländer (an der Ostsee). Bessere Mentalität, als alle anderen Bundesländer (entspannt und quatschen nicht viel drumrum). Und wir haben den schönsten und größten See Deutschlands (der Bodensee stinkt und zählt nicht). Außerdem sind bei uns alle so schön bodenständig und bescheiden.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele

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