© Getty Images / Sascha Schuermann

Demoskopie

Wahlumfragen werden spektakulär überschätzt

Autorinnen des Artikels
etwa 8 Min. Lesedauer

Spitzenpolitiker:innen haben viel mit Pferden gemeinsam. Genauer gesagt mit Rennpferden. Beide befinden sich in einem Wettkampf, der laufend beobachtet und kommentiert wird. Auch das Vokabular ähnelt sich: „Der Hengst Wiener Walzer ist an der Spitze“, sagt der Kommentator dieses Pferderennens. Friedrich „Merz geht offiziell ins Rennen“, titelt der Spiegel, „Laschet legt zu“, kommentiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland den Wettkampf und schließlich „überholt“ Baerbock den Hengst, äh, Robert Habeck.

Diese Art der politischen Berichterstattung nennt man Horse-Race-Journalismus. Wie bei einem Pferderennen geht es nur noch darum, wer gerade vorne liegt und wer am Ende gewinnt. Und je näher eine Wahl rückt, desto mehr Umfrageergebnisse und Rankings werden veröffentlicht.

Der Begriff Horse-Race-Journalismus kommt aus dem Amerikanischen. Dort wurde diese Form der Berichterstattung zuerst beobachtet. In den USA, aber auch in Deutschland hat Horse-Race-Journalismus in den vergangenen Jahrzehnten extrem zugenommen. Das ist problematisch: Je mehr Horse-Race-Journalismus, desto weniger weiß die Bevölkerung über tatsächliche Inhalte. Dafür steigt die Politikverdrossenheit, wie diese Studie zeigt.

„CDU-Umfrage-Debakel ohne Ende.“

„Grüne in Umfragen vor Union: Was heißt das für Deutschland?“

„Kanzlerkandidat Söder? Die Skepsis überwiegt bei einer kleinen Umfrage in Rhön-Grabfeld.“

„Umfrage in Ulm: Was halten die Ulmer von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin?“

In den vergangenen Monaten wurden wir geradezu erschlagen von Prozenten, Abstimmungen und Umfragewerten. Eine großartige Zeit für die Demoskopie – eine schlechte Zeit für guten Journalismus und politische Inhalte. Wer ist beliebter: Annalena Baerbock oder Robert Habeck? Wen findet die Bevölkerung besser: Markus Söder oder Armin Laschet? Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, brachte seinen tiefen Respekt vor der Demoskopie zum Ausdruck, als er forderte, bei der Entscheidung über den Kanzlerkandidaten den Umfragen mehr Gewicht zu geben.

Umfrageergebnisse sind ein schlechtes Argument

Beliebtheitswerte und Umfragehochs verdrängen Inhalte und Meinungen, Umfragen ersetzen die echten Bedürfnisse von Wähler:innen. Die Demoskopie wird gerade spektakulär überschätzt.

Politiker:innen holen Umfragen nur dann hervor, wenn sie ihnen gerade nutzen. Stehen sie gerade schlecht da, werden sie nicht müde zu wiederholen, dass Umfragen ja noch keine Wahlergebnisse sind. Das stimmt. Warum werden sie dann so oft als solche behandelt?

Journalist:innen nutzen Umfragen, um eine Behauptung mit einem vermeintlichen Beweis zu untermauern. Martin Schulz von der SPD, der 2017 Bundeskanzler werden wollte, war zwischenzeitlich Deutschlands beliebtester Politiker, ein „König der Umfragen“. Im gleichen Artikel schreibt die Autorin: „Unbestritten ist, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel durch seinen Rückzug Platz für eine echte Alternative zu Angela Merkel geschaffen hat.“ Das war im Februar 2017, Martin Schulz hatte zwei Wochen zuvor seine Kandidatur verkündet. Unbestritten? Echte Alternative? Das sah die Bevölkerung am Wahlabend 2017 anders. Medien schreiben Umfragen häufig geradezu prophetische Eigenschaften zu. Aus einem temporären Meinungsbild wird eine „echte Alternative“, aus einer Umfrage wird ein Fakt.

Umfragen sind nicht per se schlecht und meistens werden sie von seriösen Wissenschaftler:innen erstellt. Sie erwecken aber einen falschen Eindruck. Die exakten Prozentzahlen wirken, als seien die Ergebnisse ein Abbild der Gesellschaft. Man könnte denken: Wenn die SPD in der Sonntagsfrage 15 Prozent erreicht, dann würden tatsächlich 15 Prozent der Deutschen SPD wählen. Ist aber nicht so. Denn Umfragen sind fehleranfällig und ungenau.

Telefonbefragungen sind eine Methode der Vergangenheit

Schon bei der Wahl der Stichprobe passieren methodische Fehler. Die meisten Institute befragen die Bevölkerung per Telefon. Das funktionierte früher hervorragend, als alle Haushalte ein Festnetztelefon hatten und im Telefonbuch standen. Heute wirkt das Vorgehen etwas überholt. Immer weniger Menschen haben ein Festnetztelefon und gerade jüngere Leute sind nur noch mobil erreichbar.

Zwar gibt es inzwischen Methoden, um auch Handynummern in die Datenbanken aufzunehmen. Aber wer auf dem Handy angerufen wird, hat meistens weniger Lust, bei einer Umfrage mitzumachen. Klar, wer gerade Auto fährt oder Erdbeereis isst, will nicht unbedingt zehn Minuten lang erzählen, welche Partei er gerade super findet.

So entstehen Verzerrungen in der Stichprobe – überdurchschnittlich viele alte Personen gegen unterdurchschnittlich viele junge. In der Fachsprache nennt man das Overcoverage bzw. Undercoverage. Die Umfrage gilt trotzdem als repräsentativ, denn die Institute bewerten die Antworten einfach unterschiedlich. Die Antworten der alten Menschen werden „heruntergewichtet“ und die der jungen „hochgewichtet“.

Die Umfrageinstitute verheimlichen ihre Rechenformel

Wie genau die Berechnung funktioniert, verraten die Umfrageinstitute nicht. Das ist so eine Art Geheimzutat. Doch im Gegensatz zu Coca-Cola, deren Geheimrezept schon zu einem Werbegag geworden ist, führt die Heimlichtuerei der Institute zu einer zweifelhaften Intransparenz.

Besonders gut scheinen die Berechnungen auch nicht zu funktionieren. Wären die Ergebnisse exakt, müssten schließlich alle Umfrageinstitute die gleichen Zahlen herausbekommen. Über die Jahre haben sich aber bemerkenswerte Tendenzen herausgebildet. Die Forschungsgruppe Wahlen errechnet für die Union seit Jahren systematisch höhere Werte als andere Umfrageinstitute. Und die SPD kommt in der Statistik von Forsa immer etwas schlechter weg als bei anderen Umfrageergebnissen.

Die Zeit hat schon 2013 versucht, die Neutralität aller Institute zu überprüfen und dafür die Ergebnisse der Sonntagsfrage aller Institute aus 14 Jahren visualisiert.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Infratest dimap hat eine leichte Tendenz zugunsten der SPD, bei Forsa dagegen schnitt die SPD durchschnittlich zwei Prozent schlechter ab als bei den anderen Instituten. Die Forschungsgruppe Wahlen gab den Anteil der CDU zwischen 2005 und 2009 um fünf Prozentpunkte höher an, während sie kleinere Parteien systematisch schlechter bewertete.

Thomas Wind, Geschäftsführer des Instituts für Zielgruppenkommunikation, vermutet, dass die Umfrageinstitute bestimmten Parteien und Medien zu nahe stehen, um objektive Zahlen zu erheben. „Die Institute leben gut von ihren Großkunden“, sagt Wind. Denn jeder Fernsehsender und jede große Zeitung hat ein „Hausinstitut“, das sie seit vielen Jahren zuverlässig mit Zahlen beliefert.

Die Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel befragt die Menschen seit Jahrzehnten für das ZDF, Infratest dimap für die ARD und das Institut für Demoskopie Allensbach erstellt Monatsberichte für die FAZ. Thomas Wind befürchtet, dass deshalb alte Verfahrensweisen gepflegt und Innovationen blockiert werden.

Thomas Wind hat ein Papier zu dem Zusammenwirken von Demoskopie, Medien und Politik geschrieben. Darin fordert er unter anderem, dass Meinungsforschungsinstitute ihre Gewichtungsformeln öffentlich machen sollten. Und Journalist:innen sollten grundsätzlich eine kritische Haltung gegenüber Umfrageergebnissen einnehmen.

Drei Punkte helfen, um Umfragen besser einzuordnen

Wer einfach nicht wegschauen kann, wenn die Tagesschau mal wieder die aktuellsten Umfrageergebnisse präsentiert, der sollte an drei Dinge denken. Erstens, Umfragen sind Momentaufnahmen, zweitens haben die Zahlen einen Fehlerkorridor von mehreren Prozentpunkten und drittens gibt es einen großen Anteil Unentschlossener.

Gerade, wenn sich eine Partei oder ein:e Politiker:in auf einem „Umfragehoch“ befindet, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass es sich nur um eine Momentaufnahme handelt. Zum Zeitpunkt der Befragung, also ein paar Tage vor der Veröffentlichung, fanden viele Menschen beispielsweise Karl Lauterbach gut. Das heißt aber nicht, dass sie ihn vier Wochen später immer noch gut finden.

Klingt banal, aber Umfrageergebnisse werden viel zu oft wie Prognosen behandelt. Sie wirken wie ein vorläufiges, feststehendes Ergebnis. Dabei sagen die Befragten nur, wen sie wählen würden, wenn Wahl wäre. Es ist eine theoretische Antwort von knapp Tausend Befragten, die gerade an ihr Telefon gegangen sind, als das Umfrageinstitut angerufen hat. Menschen ändern ihre Meinung, manchmal sehr kurzfristig. Bis zur nächsten Wahl können etliche Dinge passieren. Vielleicht erhöht sich die Rente, vielleicht kommt ein Skandal ans Licht oder eine Pandemie bricht aus. Und Präferenzen für bestimmte Politiker:innen oder Parteien ändern sich grundlegend.

Immer ein paar Prozentpunkte rauf- oder runterrechnen

Umfragen haben immer einen Fehlerkorridor, die tatsächlichen Zahlen können also um einige Prozentpunkte abweichen. Dieser Korridor lässt sich berechnen und hängt von der Zahl der Befragten und vom Ergebnis ab. Ein Beispiel: Angenommen, für eine Umfrage werden 2.000 Menschen interviewt: Was mögen Sie auf ihrer Pizza am liebsten? Zehn Prozent antworten: Ananas. In diesem Fall heißt das, dass der tatsächliche Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent 1,3 Prozentpunkte über oder unter den zehn Prozent liegt. Das ist eine statistische Berechnung, die von der Größe der Stichprobe und dem erhobenen Prozentwert abhängt.

Der Fehlerkorridor ändert sich mit dem Ergebnis. Angenommen, nicht zehn Prozent, sondern 50 Prozent mögen Ananas auf Pizza (okay, es ist ein unrealistisches Beispiel), dann liegt der Fehlerkorridor bei plus/minus zwei Prozentpunkten. Die wenigsten Medien kennzeichnen diesen Fehlerkorridor in ihren Grafiken – so entsteht der Eindruck, die Ergebnisse seien in Stein gemeißelt. Für den Alltag reicht es aus, gedanklich ein paar Prozentpunkte rauf- oder runterzurechnen.

Unentschlossene und Nichtwähler:innen tauchen in den Umfragen nicht auf

Für die Sonntagsfrage werden Tausende Bürger:innen wöchentlich gefragt, wen sie wählen würden, wenn kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre. Viele Medien veröffentlichen die Ergebnisse vor allem kurz vor einer Wahl. Was in den Ergebnissen nicht auftaucht: Viele wissen gar nicht, was sie wählen wollen. Im August 2017, nur einen Monat vor der letzten Bundestagswahl, hatte sich knapp die Hälfte der Wähler:innen noch nicht entschieden. Und etwa 24 Prozent gingen überhaupt nicht wählen.

Die Sonntagsfrage erweckt den Eindruck, als wüssten, sagen wir 21 Prozent der Wahlberechtigten, dass sie CDU/CSU wählen werden. Dabei sind es 21 Prozent derjenigen, die sich bereits entschieden haben – das ist ein wichtiger Unterschied. Es unterschlägt nämlich, dass sich Mehrheitsverhältnisse noch deutlich verschieben können.

Umfragen sind nämlich keine Wahlergebnisse und Demoskopie ist nicht unfehlbar. Das sollten sich vor allem Medien immer wieder in Erinnerung rufen. Politik ist auch ohne Horse-Race-Attitüde spannend.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Audioversion: Christian Melchert; Fotoredaktion: Till Rimmele

Prompt headline