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Geld und Daten

Die (unheimliche) Macht der Schufa, verständlich erklärt

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Als ich das letzte Mal einen Schufa-Antrag stellen musste, ging das sehr flott und mein neuer Vermieter hat sich auch gefreut. Unheimlich fand ich daran nichts.

Gut für dich! Für andere ist die Schufa das absolut Böse. Wenn man sich die Google-Bewertungen der Schufa durchliest, ist sie wohl eine größere Enttäuschung als Jar Jar Binks für Star-Wars-Fans. Ein paar Beispiele gefällig?

Google-Nutzer Benni schreibt: „Ich könnte weinen, ist dieser Verein doch die Essenz von so vielem, was schlecht und ungerecht ist und der Beweis, dass sich damit wunderbar Geld verdienen lässt.“

„El“ findet: „That's how Mafia works“, das heißt: „Genauso funktioniert die Mafia.“

Und für Ralf sind bei der Schufa alles Verbrecher. Die Petition von Campact „Fiese Tricks der Schufa stoppen“ haben fast 380.000 Menschen unterzeichnet.

„Verbrecher“ klingt aber ganz schön übertrieben.

Das mag sein. Und meistens ist ja etwas schiefgelaufen, bis man mal eine Bewertung auf Google abgibt. Aber die Schufa hatte schon ziemlich verrückte Pläne, die meistens dann scheiterten, nachdem sie an die Öffentlichkeit gelangt waren.

Was für Pläne denn?

Im Jahr 2012 wollte sie zum Beispiel wissen, was du so auf Youtube kommentierst oder auf Facebook postest.

Bitte?

Ja, damals beauftragte die Schufa Wissenschaftler:innen zu prüfen, ob sie öffentliche Informationen aus dem Internet benutzen könne. Die Schufa würde dann aus der Analyse deiner Tweets, Facebook-Einträge, Blogposts, Kommentaren auf Youtube erfahren, wie du gerade drauf bist und was du denkst. Und zwar augenblicklich. Dann wüsste die Schufa zum Beispiel, dass du bei dem nächtlichen Kaufrausch eventuell nicht ganz nüchtern warst. Nach großen Protesten hat das Forschungsinstitut aber die Zusammenarbeit beendet.

Na, zum Glück.

Es geht ja noch weiter. 2020 wollte die Schufa eine Datenbank mit den Vertragsdaten aller Stromkund:innen erstellen. „E-Pool“ hieß das. Die Datenbank hätte alle Verträge enthalten, die Kund:innen je eingegangen waren.

Was ist daran schlimm?

Verbraucherschützer:innen befürchteten: Damit soll der regelmäßige Wechsel zwischen Stromanbietern verhindert werden. Jutta Gurkmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen hat mir am Telefon erzählt: „Wer häufig den Anbieter wechselt, ist nämlich teuer für die Anbieter, die viel Geld in die Akquise investieren und die Kund:innen zwar gerne anwerben, dann aber auch länger behalten.“

Okay. Das war alles?

Nein. Anfang des Jahres wollte die Schufa das Projekt „Check Now“ starten (und zog es, genau, nach Protesten zurück). Dabei sollten Verbraucher:innen der Schufa Zugriff auf ihre Kontobewegungen und Kontosalden für zwölf Monate gewähren. Im Gegenzug könnten Kund:innen mit einem zu schlechten Schufa-Score Handyverträge gewährt werden – quasi eine zweite Chance. Jutta Gurkmann sagt: „Was man aus Ihren Kontobewegungen ablesen kann, das ist kaum zu übertreffen. Da steht alles über Ihre aktuelle Lebenssituation.“

Am Ende, sagt sie, träfen solche Projekte oft die Personengruppen, die es eh schon schwer mit der Schufa hätten. Geflüchtete, Jugendliche oder Alleinerziehende.

Das sind eben die Gruppen, die schon mit Armut zu kämpfen haben und denen die Zeit und die Möglichkeiten fehlen, sich gegen die Schufa zu wehren. Die Schufa bildet dabei ziemlich genau die herrschende Ungleichheit in Deutschland ab. Der Norden und die Regionen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit haben tendenziell mehr Probleme mit der Schufa.

Wie vergleichbar die Schufa-Situation in Ostdeutschland und Nordrhein-Westfalen ist, habe ich in diesem Newsletter beschrieben.

Zwei Menschen arbeiten in einem Raum voller Aktenschränke.
Heute auf Festplatten, früher auf Lochkarten: Daten!

Ich zahle immer pünktlich meine Rechnungen und einen Kredit habe ich auch nicht, was habe ich also mit der Schufa zu tun?

2019 haben Firmen durchschnittlich 460.000-mal am Tag Auskünfte von der Schufa bekommen. Über das gesamte Jahr übermittelt die Schufa so 169,4 Millionen Auskünfte und Nachmeldungen, also Aktualisierungen an ihre Kunden. Rein rechnerisch also über jeden Erwachsenen fast drei Auskünfte im Jahr. Die Schufa ist außerdem genauso daran interessiert zu wissen, ob du deine Rechnungen immer pünktlich bezahlst. Damit kann sie sich nämlich auch ein Bild von deiner Zahlungsmoral machen.

Aber geht es nicht darum, die unzuverlässigen Zahler:innen zu finden?

Nicht ganz. Die Schufa-Datenbank ist nicht einfach nur eine Liste mit allen, die mal vergessen haben, Rechnungen zu bezahlen oder Insolvenz anmelden mussten. Es geht um alle, die am Wirtschaftsleben teilnehmen, also ein Konto oder einen Handyvertrag haben oder im Internet auf Rechnung bestellen. Die Schufa ist eine sogenannte Wirtschaftsauskunftei. Das bedeutet, sie sammelt Daten über Akteure aus dem Wirtschaftsleben, Menschen, aber auch Firmen, und versucht daraus, die Kreditwürdigkeit zu ermitteln. Das versucht sie, indem sie Daten aus bisherigen Erfahrungen mit dir als Geschäftspartner:in auswertet. Wie hoch deine Kreditwürdigkeit ist, misst die Schufa mit dem Schufa-Score. Es gibt mehrere: Für einen Hauskredit wird ein anderer Score benutzt als für dein Konto bei Zooroyal.

Warum hat sie denn dadurch „Macht“, wie du im Titel schreibst?

Erst einmal ist wichtig zu verstehen, dass die Schufa die Kreditwürdigkeit als einen Richtwert oder eine Empfehlung versteht. Ihr Markenclaim lautet ja nicht umsonst: „Wir schaffen Vertrauen.“ Die Entscheidungen, ob sie mit dir Geschäfte machen, treffen die Firmen. Aber viele verlassen sich auf die Schufa. Gerade Vermieter verlangen inzwischen fast immer eine Schufa-Auskunft von Wohnungsbewerber:innen.

Ohne positive Schufa also keine Wohnung?

Genau. Das ist der Punkt, an dem sich Mittelschicht und Schufa gewöhnlich berühren: bei der Wohnungssuche. Für viele ärmere Menschen ist die Schufa aber ein ständiger Begleiter. Michael Schwartz weiß das besser als ich. Schwartz ist Schuldnerberater bei der Caritas in Cottbus. Er sagt: „Das ist ein Gespenst im Hintergrund, das immer mitläuft. Viele haben Angst, was ein schlechter Score für sie bedeutet.“ In den meisten Fällen ist es Arbeitslosigkeit, die Menschen in die Schulden treibt. Auf einmal wird man aus seinem gewohnten Leben gerissen und muss ab sofort mit viel weniger Geld auskommen. Stell dir das mit einer Familie vor.

Warum Menschen 2019 überschuldet waren:
Sonstiges: 20%
Arbeitslosigkeit: 19,9%
Trennung/Scheidung/Tod des Partners 12,5%
Erkrankung/Sucht/Unfall 16,3%
unwirtschaftliche Haushaltsführung 14,3%
Gescheiterte Selbstständigkeit 8,3%
Längerfristiges Niedrigeinkommen 8,7%
Gründe für Überschuldung aus Umfragen in Schuldnerberatungen

Grafik: Krautreporter

Wie findet die Schufa heraus, ob ich kreditwürdig bin?

Aus Daten. Wenn du zum Beispiel ein Girokonto mit Kreditkarte oder ein Konto bei einem Versandhändler hast, weiß das die Schufa. Sie weiß auch, wenn du ein Auto least, einen Kredit aufnimmst oder einen Handyvertrag abschließt. Oh, und woher du deinen Strom bekommst, weiß sie natürlich auch.

Moment, woher weiß sie das?

Sobald du das erste Mal mit einer Firma in Kontakt kommst, die mit der Schufa zusammenarbeitet, und davon gibt es deutschlandweit 10.000, wird ein Profil von dir erstellt. Ein Beispiel: Du bist gerade 18 Jahre alt geworden und möchtest einen Handyvertrag abschließen, sagen wir bei der Telekom. Die ist Mitglied bei der Schufa und macht, bevor der Vertrag zustande kommt, eine Datenabfrage. Weil du aber noch so jung bist, gibt es kein Profil von dir, also erstellt die Schufa eines für dich. Das kannst du auch nicht verhindern. Ab diesem Zeitpunkt bist du Teil der Schufa-Datenbank. Herzlichen Glückwunsch!

Äh, danke.

Ab jetzt fügen alle Firmen, mit denen du Verträge schließt und die Vertragspartner bei der Schufa sind, deinem Konto etwas hinzu. Wenn du bei einem Onlineshop bestellst. Wenn du dein erstes Konto bei der Bank eröffnest. Und ein Leben ohne Konto ist schwer vorstellbar, oder? Außerdem sucht die Schufa selbstständig noch in öffentlichen Registern nach dir, zum Beispiel in den Schuldnerverzeichnissen der Amtsgerichte. Dabei fallen natürlich riesige Datenmengen an. 2019 waren in der Schufa-Datenbank 67,9 Millionen Personen (und sechs Millionen Unternehmen) gespeichert. Rein rechnerisch hat die Schufa also Daten von jedem Erwachsenen in Deutschland.

Je mehr Daten die Schufa über dich hat, desto besser kann sie Aussagen über deine Zahlungsfähigkeit treffen. Das führt dann aber auch zu so paradoxen Situationen, dass eine Person, die einen Kredit – also Schulden – hat, besser bewertet wird, als eine Person, die so etwas nicht hat. Wenn du nämlich einen Kredit hast, kann die Schufa sagen: „Dieser Person hat eine Bank vertraut und hat uns noch nichts Negatives gemeldet.“ Anders gesagt: Wen würdest du eher in deine Wohnung lassen: Den vollkommen Unbekannten aus dem Park oder die Frau aus dem Fahrradladen, wo du immer deine Schläuche kaufst?

Anzahl der Erwachsenen in Deutschland: 69,47 Millionen. Anzahl der Erwachsenen in Deutschland, über die die Schufa keine Daten besitzt: 1,57 Millionen
Schufa Datenbestand

Grafik: Krautreporter

Wie gut kennt mich die Schufa? Was steht in meinem Profil genau?

Dein Name, wo du wohnst und mal gewohnt hast, eine Liste deiner Konten, Kredite, Verträge. Die Schufa weiß, wenn jemand gegen dich eine Zwangsvollstreckung einleiten möchte, weil du eine Rechnung partout nicht bezahlen willst oder kannst. Insgesamt hat die Schufa so eine Milliarde Informationen von Personen und Firmen gespeichert. Aus all diesen Daten macht sie dann den Schufa-Score, eine Zahl von X bis Y, eine Wahrscheinlichkeit, mit der du deine Rechnungen bezahlen wirst.

Es ist übrigens kein Geheimnis, welche Daten die Schufa über dich sammelt. Du kannst eine Schufa-Abfrage stellen. Die Schufa listet darin detailliert auf, welche Daten sie von dir besitzt und wie hoch (oder niedrig) dein Score ist. Wie sie dazu kommt, steht aber nicht in der Abfrage.

Funfact: Die Schufa hat auch eine sogenannte Compliance-Liste. Auf der stehen Menschen, die öffentliche Ämter ausüben oder ausgeübt haben und Personen, die von Regierungen sanktioniert sind – also zum Beispiel manch russische Oligarchen. Dabei geht es oft um Regeln, die sich große Unternehmen selbst geben, um Geldwäsche oder Korruption zu verhindern.

Okay, es gibt also das Schufa-Profil. Wem hilft das?

Als Wirtschaftsauskunftei sind diese Informationen das Produkt Schufa. Du kannst dir die Schufa wie eine gigantische – eben aus 10.000 Firmen – bestehende Telefonkette vorstellen. Alle in der Kette sagen sich gegenseitig, ob sie dir vertrauen können und ob sie gute oder schlechte Erfahrungen mit dir als Kund:in gemacht haben. Bei der Kreditwürdigkeit geht es nämlich nicht nur um den 200.000-Euro-Kredit für das Eigenheim, sondern eben auch um das 40-Euro-Hemd auf Rechnung aus dem Onlineshop. Immerhin streckt die Firma dabei das Geld vor, wenn sie dir das Hemd schickt, bevor du es bezahlst. Sie gibt dir also einen – zugegebenermaßen kleinen – Kredit. Also fragt der Onlineshop vorher bei der Schufa, ob sie dir vertrauen kann, dass du das Hemd auch bezahlst. Solltest du zum Beispiel insolvent gehen, dann bleibt der Shop auf den Kosten sitzen. Aktuell sind so übrigens fast zwei Milliarden Euro offen und zur Hochphase der Finanzkrise um 2007 waren es sogar über sechs Milliarden Euro. Also fast so viel, wie die Lufthansa als Corona-Hilfen bekommen hat.

Übrigens ist die Schufa nicht die einzige Wirtschaftsauskunftei in Deutschland. Es gibt noch einige wenige andere, aber die Schufa hat einen so großen Marktanteil, dass man hier von einem Quasi-Monopol sprechen kann.

X-Achse Jahre 1999 bis 2020; Y-Achse: Höhe der Schulden in Millionen Euro Eine Kurve, die im Jahr 2006 und 2010 Höchsstände bei über 6 Milliarden Euro hat.
So hoch sind die Schulden von Privatpersonen insgesamt

Grafik: Krautreporter

Das klingt erstmal vernünftig, wer kann denn alles in diese Telefonkette eintreten?

Jede Firma, die ein „berechtigtes Interesse“ daran hat zu überprüfen, ob du kreditwürdig bist, die also ein Risiko eingeht, wenn sie dir Geld vorstreckt oder einen Vertrag mit dir abschließt. Grundsätzlich kann das also so ziemlich jede Firma sein, auch der Dachdecker, der dein Dach neu decken soll und der auf Rechnung arbeitet. Wer genau alles Vertragspartner ist, bleibt allerdings das Geheimnis der Schufa.

Warte mal, ist die Schufa denn keine staatliche Institution?

Nein, das glauben zwar manche Menschen, aber tatsächlich ist die Schufa eine Aktiengesellschaft. Schufa steht übrigens für „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“. Eine Vorgängerfirma der Schufa ist schon 1927 von der Berliner Städtische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (BEWAG) gegründet worden, die damals auch Haushaltsgeräte mit Ratenzahlung verkauft haben. Heute gehören die Anteile der Schufa hauptsächlich verschiedenen Banken, aber auch dem Handel. Die Schufa macht auch ziemlich viel Geld mit der Kreditsicherung. 2019 waren es über 40 Millionen Euro Gewinn, bei 212,2 Millionen Euro Umsatz. Und das alles mit deinen Daten. Fast die Hälfte ihres Umsatzes macht die Schufa mit Auskünften an Banken und Sparkassen, die Geld dafür bezahlen, wenn sie die Daten einer Person abfragen. Ein Teil kommt aber auch von dir, wenn du eine Schufa-Auskunft für 29,95 Euro bestellst, die du an potentielle Vermieter:innen weitergeben kannst.

Das ist einfach so erlaubt?

Das Interessante ist: Du erlaubst es selbst. Jedes Mal, wenn nicht-öffentliche Daten an die Schufa übermittelt werden, unterschreibst du dafür. Bei Online-Händler:innen ist das dann meist ein winziger Haken, bei Verträgen eine Seite voller Text in Schriftgröße 8. Natürlich musst du nicht unterschreiben, aber dass du dann weiter einkaufen kannst oder dein:e Bankberater:in weiter mit dir über ein Konto spricht, ist unwahrscheinlich. Übrigens gibt es in den meisten Ländern der Welt solche Scoring-Systeme, in den meisten sind es wie in Deutschland Privatunternehmen, die Gewinn erwirtschaften. In den Niederlanden hingegen ist die Stichting BKR ein gemeinnütziges Unternehmen.

Wie kann denn aus meinen Daten eine Zahl werden?

Tja, auch das ist Geheimnis der Schufa. Grundsätzlich funktioniert der Schufa-Score aber über einen Algorithmus. Der berechnet für jedes Profil einen Wert zwischen 0 und 10.000 Punkten. Je mehr Punkte du hast, desto besser. Mit 9.936 Punkten würdest du in der dritten von 14 Kategorien landen. Eigentlich gut oder? Dass du damit aber schon ein „zufriedenstellendes bis erhöhtes Risiko“ besitzt, ist für viele Firmen genug, um keinen Vertrag mit dir abzuschließen. Algorithmen klingen erstmal sehr aufregend, kompliziert und nach Informatik, sind meist aber viel einfacher, als man sich das vorstellt. Bei solchen Verfahren reichen oft Grundrechenarten.

Also Plus- und Minus-Rechnung?

Füge noch Multiplikation hinzu und du bist sehr nah dran. Ein Beispiel: In Österreich hat die Regierung versucht, mit so ähnlichen Algorithmen zu berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Arbeitslose einen Job finden und ihn für mindestens drei Monate behalten. Dafür haben sie bestimmte Merkmale zusammengerechnet. Positive Merkmale, also zum Beispiel ein abgeschlossenes Studium, wurden addiert, während negative Merkmale, also zum Beispiel, wer Kinder betreuen musste, subtrahiert wurden. Die Merkmale waren unterschiedlich viel wert. In Österreich hat zum Beispiel das Merkmal, über 50 Jahre alt zu sein, einen sehr starken Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden.

Welche Dinge sieht denn die Schufa als positiv und negativ an?

Positiv ist „vertragsmäßiges Verhalten“, wie es die Schufa selbst schreibt. Also eigentlich jedes Mal, wenn du mit einem Vertragspartner einen Vertrag eingehst, also zum Beispiel einen Kredit aufnimmst und abbezahlst. Negativ dagegen alles, was passiert, wenn du gegen deine Verträge verstößt – oder woanders so viele Schulden machst, dass sie in öffentlichen Verzeichnissen auftauchen. Wenn ein Mensch Privatinsolvenz anmelden muss, weil er oder sie nicht mehr aus den Schulden herauskommt, dann veröffentlichen die jeweiligen Gerichte das. Wenn du negativ auffällst, dann bekommst du ein sogenanntes Negativmerkmal. Eine Privatinsolvenz wäre übrigens ein „hartes“ Negativmerkmal und Ausschlusskriterium für die meisten Firmen, die mit der Schufa zusammenarbeiten. Weiche Negativmerkmale sind Forderungen, die mehrfach angemahnt worden sind und von den Firmen an die Schufa weitergeleitet wurden. Das schreiben die ja auch auf ihre Mahnungen. Aus all den Daten, deinem vertragsmäßigen Verhalten, und den Negativmerkmalen errechnet die Schufa dann eine Wahrscheinlichkeit.

Eine Deutschlandkarte mit den Insolvenzverfahren 2020 pro 10.000 Einwohner:Innen. In Bremen und Niedersachsen gab es die meisten Insolvenzverfahren pro 10.000 Einwohner:innen.
Anzahl der Insolvenzverfahren 2020 pro 10.000 Einwohner:innen

Grafik: Krautreporter

Und woher weiß man, welche Merkmale wichtiger sind als andere?

Erfahrung. Die Schufa sammelt seit 1952, dem Gründungsjahr in ihrer heutigen Form. Daraus berechnet sie ein Modell, um die jeweiligen Merkmale zu bewerten. Wenn in der Vergangenheit also zum Beispiel das Merkmal „Person A hat viele Handyverträge“ besonders oft zu Zahlungsschwierigkeiten führte, dann wird die Schufa ihr Modell verändern und das Merkmal „viele Handyverträge“ stärker gewichten. Wie genau die Schufa ihren Algorithmus gewichtet, ist allerdings ebenfalls ihr Geheimnis, weil es ihre Geschäftsgrundlage ist. Sie wirbt damit, dass ihr Modell genauer ist als das ihrer Konkurrenten.

Die Schufa hat offensichtlich eine Menge Geheimnisse.

Deswegen gab es sogar einen Versuch, den Algorithmus zu knacken. 2018 hat die Initiative Open Schufa dazu aufgerufen, ihnen anonymisiert die Daten zu schicken. Ihre Idee war folgende: Wenn genügend Menschen ihre Auskünfte spenden, dann könnten sie daraus Schlüsse ziehen, wie der Algorithmus rechnet. Ein bisschen so wie im Mathematikunterricht, wo die Lösung der Gleichung in der Aufgabe bekannt war und man das x herausfinden sollte.

Hat das funktioniert?

Nicht so richtig. Ich habe mit Lorenz Matzat telefoniert. Er hat an dem Projekt mitgearbeitet und mir erklärt, dass sie zwar Einblicke, aber für eine genauere Untersuchung nicht genügend Daten bekommen hätten. Außerdem sei es nicht gelungen, genügend Datenspenden von solchen Personen zu bekommen, die schlechte Bewertungen von der Schufa haben. Trotzdem konnten sie zusammen mit dem Spiegel herausfinden, dass es bestimmte Risikofaktoren gibt. Junge Männer sind zum Beispiel viel häufiger negativ bewertet als der Rest der Bevölkerung. Ein 23-jähriger Mann wird von der Schufa erstmal anders bewertet als eine 45-jährige Frau. Außerdem hat, wer oft umgezogen ist, nach Ansicht der Schufa wohl ein höheres Ausfallrisiko.

Ist eine Ungleichbehandlung wegen meines Geschlechts nicht verboten?

Nein, zwar gibt es das Gleichbehandlungsgesetz, dass so etwas eigentlich nicht erlaubt, aber das greift bei der Schufa nicht, solange die Ungleichheit statistisch belegt wird. Und in der Vergangenheit waren es anscheinend oft junge Männer, die Rechnungen nicht bezahlt haben.

Okay, was ich bisher verstanden habe: Ich habe viel mit der Schufa zu tun, auch wenn ich meine Rechnungen immer pünktlich bezahle. Und besonders gute Ideen hat die Schufa auch nicht immer.

Eigentlich ist es ja eine gute Sache, dass Banken und Firmen ihr Risiko vermindern wollen und sich gegenseitig vor Betrüger:innen warnen wollen.

Es gibt einige Aber, die das Scoring-System generell zu einem Problem machen. Erstens: Auch die Schufa macht Fehler. Zwar gibt es einen Ombudsmann. Außerdem verspricht die Schufa, falsche Daten unkompliziert zu löschen. Aber den Fehler muss man erstmal kennen und der Schufa dann auch noch erklären, dass sie ihn gemacht hat.

Zweitens: Der Score täuscht eine hohe Genauigkeit vor und wird sogar mit zwei Nachkommastellen angegeben, verlässt sich dabei aber teilweise auf wenige Datenpunkte.

Ein Mann steht vor einer Datenverarbeitungsmaschine aus den 60er Jahren.
Computer sind für die Arbeit der Schufa unersetzlich.

Moment, das sind viele Dinge auf einmal.

Fangen wir bei Punkt eins an: Die Schufa macht Fehler. Wenn man die Google-Bewertungen der Schufa analysiert und sich in sozialen Netzwerken umschaut, dann bekommt man schnell das Gefühl, jedes Profil der Schufa ist eigentlich falsch. Das ist natürlich übertrieben. Der Ombudsmann der Schufa, aktuell der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier, gibt jährlich einen Bericht ab. 2019 hat er der Schufa in 31 Fällen bescheinigt, einen Fehler gemacht zu haben. Eine niedrige Quote, die aber natürlich nur auf Beschwerden beruht. Die Stiftung Warentest hat aber zum Beispiel Mitte 2020 beschrieben, wie ausgerechnet einer Finanzjournalistin nach einem falschen Schufa-Eintrag ein Dispositionskredit und die Kreditkarte gekündigt wurden. Geklärt war die Sache auch nur nach wochenlangem E-Mail-Verkehr und nachdem die Autorin sich als Journalistin offenbart hatte. Ein Energieunternehmen hatte über eine Inkassofirma eine negative Meldung an die Schufa geschickt. Obwohl die Journalistin dort niemals Kundin war.

Na gut, das klingt tatsächlich schlecht. Und was ist mit der Genauigkeit?

Wie gesagt basiert der Schufa-Score auf einem Algorithmus und am Ende steht eine Wahrscheinlichkeit, wie hoch der Zahlungsausfall ist. Die Schufa gibt diese Zahl mit zwei Nachkommastellen an, was enorm genau wirkt. Lorenz Matzat von Open Schufa findet das irreführend. Aus den Datenspenden konnte die Initiative erkennen, dass die Schufa selbst aus Profilen mit nur drei Informationen solche genauen Scores errechnet. Es sei fraglich, ob das für eine zuverlässige Aussage reichen würde.

Das ist ja nicht das einzige Problem, das Kritiker:innen mit der Schufa haben. Gerade Datenschützer:innen sehen vieles sehr kritisch, was die Schufa macht. Eine private Firma, die Daten von fast jedem Erwachsenen hat, der sich nicht dagegen wehren kann? Für sie ist das ein Alptraum.

Aber abschaffen kann man die Schufa doch nicht einfach.

Das will auch fast niemand. Klar gibt es immer wieder Petitionen und man kann sicher diskutieren, wie sinnvoll eine Auskunftei überhaupt ist. Immerhin sagt die Schufa selbst, dass gerade mal zehn Prozent der Menschen in ihrer Datenbank ein oder mehrere negative Merkmale haben. Der überwiegende Anteil der Menschen zahlt also eigentlich immer zuverlässig.

Den meisten Kritiker:innen der Schufa stoßen aber die Geheimnistuerei und die Datensammelwut der Schufa auf. Lorenz Matzat schlägt anstelle der Schufa einen gemeinnützigen Verein und Wahlfreiheit vor: „Was spricht denn dagegen, dass ich mich entscheiden kann, mich von diesem Verein, der seinen Algorithmus und die Merkmale offenlegt, prüfen zu lassen, anstatt von der Schufa?“ Die Schufa sei als Monopolist aber nur daran interessiert, ihr Monopol auch zu halten. Ein Monopolist mit ziemlich schlechten Google-Bewertungen, aber vermutlich ziemlich gutem Schufa-Score.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audio: Christian Melchert und Iris Hochberger

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