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Corona-Krise

Kommen Introvertierte besser durch die Pandemie?

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Seit über einem Jahr geht das jetzt so: ein Leben vorwiegend drinnen, in den eigenen vier Wänden, weniger Menschen, dafür mehr Monotonie. Für die meisten Personen bedeutet das eine enorme Kraftanstrengung – oder?

Viele behaupten, dass sich Introvertierte besser an soziale Distanz und Isolation anpassen als Extrovertierte. Introvertierte würden die Krise „lieben“; sie böte ihnen die seltene Chance, so die These, ihre Stärken auszuspielen.

Aber, Moment mal. Bevor wir uns der Frage zuwenden, ob diese These stimmen kann, müssen wir klären, welche Personen als introviert und welche als extrovertiert bezeichnet werden. Persönlichkeitstheorien zufolge stellt die Extroversion-Introversion-Achse eine der grundlegenden psychologischen Achsen dar, entlang derer sich Menschen unterscheiden. Extrovertierte weisen im Vergleich zu Introvertierten mehr Energie sowie eine höhere Kontaktfreudigkeit auf und verspüren nach sozialer Interaktion eher einen Stimmungsaufschwung. Introvertierte neigen weniger zu solchen Persönlichkeitszügen. Sie gelten eher als schüchtern, nach innen gekehrt, stiller als extrovertierte Menschen. Dafür wird ihnen eine größere Konzentrationsfähigkeit, Ruhe, Einfühlungsvermögen, Beharrlichkeit und Tiefgang zugesprochen. In Deutschland gilt mindestens ein Drittel der Menschen als introvertiert – zum Beispiel auch Angela Merkel. So zumindest bescheinigt es die Apotheken-Umschau.

Es scheint daher intuitiv zu sein, dass es Introvertierten in Zeiten der Lockdown-Isolation besser geht als Extrovertierten. Wissenschaftliche Untersuchungen stellen die Idee aber infrage, dass Introvertierte so viel besser durch den Lockdown (oder besser: die Lockdowns) kommen als ihre Mitmenschen.

Introvertierte erlebten die erste Zeit des Lockdowns als weniger stressig

In der Psychologie wird Extrovertiertheit mit einem höheren Wohlbefinden, einem ausgeprägteren Glücksgefühl und psychischer Gesundheit in Verbindung gebracht. Trotz der sozialen Isolation, die wir während der Pandemie alle erleben, gibt es Hinweise darauf, dass das Wohlbefinden von Extrovertierten während der aufeinanderfolgenden Lockdowns bemerkenswert stabil geblieben ist.

So haben neuere Studien herausgefunden, dass Introvertiertheit in der Pandemie häufiger zu Einsamkeit, Angst und Depression führte. Extrovertiertheit hingegen korrelierte mit geringeren Angstzuständen und einer geringeren Wahrscheinlichkeit, während des Lockdowns an psychischen Problemen zu erkranken.

Diese Ergebnisse wurden durch eine aktuelle Längsschnittstudie unterstützt, die 484 US-College-Student:innen während ihres Sommersemesters 2020 begleitete. Extrovertierte Student:innen erlebten in der frühen Pandemiephase eher eine Verschlechterung der Stimmung, während sich die Stimmung introvertierter Student:innen leicht verbesserte. Interessanterweise kehrte sich dieser Trend mit Fortschreiten der Pandemie um: Jetzt erlebten die introvertierten Studierenden einen Anstieg an Stress, während bei extrovertierten Studierenden der gefühlte Stress etwas nachließ. Insgesamt berichteten die Extrovertierten über eine positivere Stimmung als ihre introvertierten Altergenoss:innen.

In einer Längsschnittstudie wird dieselbe Untersuchung über einen längeren Zeitraum zu unterschiedlichen Zeiten durchgeführt. Die jeweiligen Ergebnisse werden dann miteinander verglichen.

Extrovertierte fällt es leichter, sich emotionale Unterstützung zu organisieren

Bestimmte Lebensstilfaktoren können diese Ergebnisse teilweise erklären. Als sich die Pandemie ausbreitete, fanden selbst extrovertierte Menschen, die allein lebten, Kommunikationsapps wie Zoom und Clubhouse möglicherweise angemessen, um ihr soziales Leben aufrechtzuerhalten.

Ebenso könnten Introvertierte, die den Lockdown anfangs mit einer gewissen Freude begrüßten, bald entdeckt haben, dass das Eingeschlossensein mit Mitbewohner:innen oder der Familie kaum die Einsamkeit bot, die sich für sie angenehm anfühlt.

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Aber die jüngsten Ergebnisse stimmen auch mit dem überein, was Psychologen von extrovertierten Menschen erwarten würden, selbst während einer Krise. Viele Theorien wurden vorgeschlagen, um zu erklären, warum ausgerechnet sie scheinbar besser durch den Lockdown kommen: Einige Forscher verweisen auf die Unterstützung, die das größere soziale Netzwerk der Extrovertierten bietet, während andere einen Zusammenhang zwischen Extrovertiertheit und gesunden Aktivitäten hervorheben.

Eine besonders relevante Studie untersuchte kürzlich die Bewältigungsreaktionen von Extrovertierten in Krisenzeiten und fand heraus, dass sie über bessere Strategien verfügen, sich emotionale Unterstützung zu organisieren. Forschungsergebnisse zeigen, dass Extrovertierte oftmals zum Beispiel optimistischer denken.

Extrovertiertheit vs. Introvertierheit sind nicht die einzigen bestimmenden Faktoren

Hinter diesen verschiedenen Erklärungen verbirgt sich ein weiterer übereinstimmender Grundsatz der Psychologen: Die Persönlichkeit eines jeden Menschen ist vielschichtig, und es sind die verschiedenen Kombinationen von Persönlichkeitsmerkmalen, die letztendlich unser Verhalten und unser Wohlbefinden bestimmen.

Nehmen wir die Fünf-Faktoren-Theorie, eine der populärsten Persönlichkeitstheorien: Neben dem Extrovertiert-Introvertiert-Spektrum berücksichtigt diese Theorie noch vier weitere Eigenschaften: Offenheit (offen sein für neue Erfahrungen, Gefühle und Ideen), Gewissenhaftigkeit (organisiert, selbstdiszipliniert und zielorientiert sein), Verträglichkeit (hilfsbereit, kooperativ und gutmütig sein) und Neurotizismus (emotional instabil sein).

Diese Eigenschaften sind es, die ebenfalls eine Rolle spielen in der Frage, wie Menschen auf die Pandemie reagieren und wie gut sie diese händeln können. Warum zum Beispiel sind Extrovertierte besser darin, trotz Lockdowns gesunde Aktivitäten zu wählen, wie etwa zu joggen oder sich ein gutes Essen zuzubereiten? Hier kommt außerdem die Gewissenhaftigkeit ins Spiel, die gesundheitsbezogene Verhaltensweisen begünstigt. Ähnlich verhält es sich mit der Verträglichkeit: Extrovertierte verfügen vielleicht über ein größeres soziales Netzwerk, haben viele Freund:innen und Bekannte. Diese Tatsache wiederum hängt auch mit der „Verträglichkeit“ zusammen, also wie nett Menschen zueinander sind, wie umsichtig sie miteinander umgehen. Diese Faktoren bestimmen dann die Qualität zwischenmenschlicher Bindungen, zeigt diese Studie.

Mit anderen Worten: Extrovertiertheit vs. Introvertiertheit allein ist ein viel zu einfaches Maß, wenn wir über die Reaktion der Menschen auf die Pandemie nachdenken. Wenn es um die Bewältigung eines Lockdowns geht, könnten verschiedene Kombinationen von Persönlichkeitsmerkmalen sehr unterschiedliche Verhaltensweisen nach sich ziehen.

Werte und Normen spielen eine Rolle bei der Krisenbewältigung

Und dann sind da noch unsere Werte und gesellschaftlichen Normen. Auch sie spielen eine Rolle in der Bewältigung von Krisen. Da auch sie unser Wohlbefinden beeinflussen. Wer beispielsweise die Wertevorstellung vertritt, dass Freunde sich umeinander kümmern sollten, wird sich auch in der Pandemie regelmäßig beim anderen melden, egal ob via Zoom, Telefon oder E-Mail. Er oder sie wird sein Netzwerk weiterhin pflegen – und dadurch möglicherweise weniger unter Einsamkeit leiden. Eine materialistische Person andererseits könnte im Lockdown aus Langeweile dazu neigen, impulsives Online-Shopping zu betreiben, das laut einer Studie während der Pandemie zugenommen hat – als Bewältigungsmechanismus für negative emotionale Zustände.

Die beschriebene Persönlichkeitsachse kann also nur ein Maßstab sein bei der Frage, wie wir emotional durch die Krise kommen. Aber vielleicht ja auch ein Antrieb. Denn wer sich der eigenen Muster bewusst wird, kann sich bei anderen das abschauen, woran es einem selbst mangelt – eine Runde Joggen oder mal die lang vermissten Freund:innen anrufen, hat noch nie geschadet. Zufrieden mit sich selbst zu sein aber auch nicht.


Ihren Artikel veröffentlichte die Autorin ursprünglich auf Englisch bei The Conversation. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.


Übersetzung: Lea Schönborn, redaktionelle Bearbeitung: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele

The Conversation
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