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Schule

Hat hier jemand Digitalisierung gesagt?

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Über 100.000 Menschen haben sich den Vortrag von Dennis Austin auf Youtube schon angesehen. Austin ist Softwareentwickler und kein schlechter: Die erste Version von Powerpoint geht auf seine Kappe. Darüber soll er reden, 2016 im Computer History Museum in Kalifornien. Der Slogan des Museums: „Where Computer History lives.“

„Bevor ich über die Erfindung von Powerpoint im Jahr 1984 rede“, sagt der Entwickler zum Publikum, „muss ich erstmal beschreiben, wie damals überhaupt Präsentationen gehalten wurden.“ Eine Reise in die Vergangenheit also.

Man nutzte, so Austin, Overheadprojektoren. Der Computerexperte hat sogar einen dabei! Kurz erklärt er, wie der funktioniert: Eine Lampe leuchtet auf mehrere Linsen, die sich unterhalb einer Glasplatte befinden. Das Licht trifft dann auf einen Spiegel und wird umgelenkt, zum Beispiel zur nächsten Wand. Legt man jetzt eine Folie auf die Glasplatte und schreibt etwas darauf (das geht sogar mit bunten Stiften!), erscheint das Geschriebene an der Wand.

Genial!

„Sie waren nicht besonders teuer, nahezu jede Schule hatte sie damals“, sagt er. Diese Nostalgie! Gemeint ist natürlich das amerikanische Damals. 1984 halt.

Man müsste Austin eigentlich eine Forschungsreise nach Deutschland bezahlen, ins deutsche Jetzt, wo die Vergangenheit immer noch Gegenwart ist im Jahr 2021. Staunend könnte er hier durch die Klassenzimmer der Bildungsrepublik forschen, Lehrer:innen dabei filmen, wie sie den An-und-Aus-Schalter suchen, das immer zu kurze Kabel durch den Raum zerren oder minutenlang an der Schärfe drehen, damit zumindest der obere Teil der Folie lesbar ist (wenn der nicht sowieso schon verwischt ist).

Drei von vier Lehrkräften (78 Prozent) setzen den Overheadprojektor hier an allen Unterrichtstagen, regelmäßig oder zumindest in Ausnahmefällen ein. Das hat eine Bitkom-Umfrage ergeben. Wäre nahezu fortschrittlich, wären wir noch im Jahr 1984. Die Umfrage aber stammt von 2019.

Der Overheadprojektor hat eine bemitleidenswerte Entwicklung hinter sich: vom Heilsbringer zum Hassobjekt. Er steht für alles, was schief läuft in Sachen Digitalisierung, für alles, was Deutschland in seiner Bildungspolitik seit Jahren verpasst. Er steht für alles, was noch nicht ist. Einfach, weil er noch steht.

Der Overheadprojektor ist das grell blendende und ratternde schlechte Gewissen der Bildungsrepublik, weil es ihn schon längst nicht mehr geben sollte. Und doch macht er immer noch stoisch das, was wir alle viel öfter tun sollten: Dinge an die Wand werfen.

Andererseits, und das kann man dem Overheadprojektor zumindest zugute halten: Viel falsch gemacht hat er nicht. Seine Geschichte ist auch eine Geschichte der Beständigkeit, der Verlässlichkeit in dieser immer schneller werdenden Welt. Die Proteste der Anti-Atomkraft-Bewegung, den Fall der Berliner Mauer, die Angriffe auf das World Trade Center, eine Karikatur von Donald Trump (zum Beispiel diese Karikatur): Alles das konnten Lehrkräfte am Overheadprojektor mit ihren Klassen besprechen. Auf dem Markt ist der OHP (das muss jetzt sein, ich schreibe hier nicht alle paar Zeilen dieses Wort aus) in Westdeutschland schon seit 1960, also seit über 60 Jahren.

Wahnsinn, was seitdem alles passiert ist. Und vor allem: Was seitdem alles nicht passiert ist.

Ein Overheadprojektor in einer Berufsschulklasse im Jahr 1978.
Alle verlassen irgendwann die Schule, nur er bleibt: ein Overheadprojektor in freier Wildbahn, hier in einer Berufsschulklasse im Jahr 1978.

Wer aus Ostdeutschland kommt, regt sich vielleicht schon über meine Westdeutschland-zentrierte Schreibweise auf. In der ehemaligen DDR hat man dem OHP zumindest etwas Coolness zugestanden; dort hieß er Polylux. Selbst ein Fernsehmagazin wurde danach benannt, wegen der „erhellenden Funktion“ des Geräts. Wow.

Hergestellt wurde der Polylux in der DDR seit 1969 vom volkseigenen Betrieb VEB Polytechnik in Frankenberg bei Karl-Marx-Stadt. Pro Jahr baute das Nachfolgeunternehmen bis zur Wende durchschnittlich 27.000 Geräte, die sie auch in die Sowjetunion exportierten. Im Jahr 2004 waren es noch 6.000 Geräte pro Jahr.

Ich bleibe trotzdem bei der westdeutschen Bezeichnung. Das Werk in Frankenberg sieht nämlich mittlerweile so aus:

Der ehemalige Sitz der Firma Polytechnik in Frankenberg. Eine Ruine.
Der ehemalige Sitz der Firma Polytechnik in Frankenberg.

Was seit der Erfindung des Overheadprojektors auch passiert ist: Eine Noch-Nicht-Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Jahr 2001 als frisch gewählte Vorsitzende der CDU zum Thema Internet sagt: „Auch wir werden in diesem Bereich eine kleine Bildungsoffensive brauchen.“ Die allerdings war dann so klein, dass kaum jemand sie mitbekommen hat. Hier ein Zeitstrahl:

Digitalisierung an deutschen Schulen. Von 1970 bis 2020, jeweils mit einem Overheadprojektor als Symbolbild für den stagnierenden Fortschritt.

Zu diesem Zeitstrahl beigetragen hat auch der ewig lange Streit um den sogenannten Digitalpakt Schule. Den hatte sich eigentlich schon die ehemalige Bildungsministerin Johanna Wanka von der CDU überlegt, damals, vor sechs Jahren, also eigentlich schon viel zu spät. Dann folgte ein Hin und Her zwischen Bund und Ländern. Seit 2019 ist klar: Fünf Milliarden Euro bekommen Deutschlands Schulen für die Digitalisierung!

Heute, zwei Jahre später, ist von diesem Geld kaum etwas bei den Schulen angekommen. Während sich die Bildungspolitik ein Bein nach dem anderen stellt, summt nur einer seelenruhig vor sich hin. Ihr wisst schon, wer. Genau.

Auch deshalb ist der Beziehungsstatus von Lehrkräften zum OHP eher kompliziert. Auf Twitter schreibt mir eine Lehrerin: „Mein erster Schultag im Referendariat endete damit, dass der Feueralarm in der Schule ausgelöst wurde, weil ein Schüler in einem OHP einen trockenen Schwamm einmontiert hatte.“ Andere erzählen mir hingegen, der OHP sei vielseitig einsetzbar: als Beleuchtung zur Weihnachtszeit, als Jackenständer, Ablage für den Beamer oder um das Fenster beim Lüften aufzuhalten.

Immerhin: In Pandemiezeiten wird der OHP damit zum It-Piece des Klassenraums. Also fast. Obwohl: nein, leider immer noch nicht. Auch als Fensteroffenhalter steht er für das, was es in Schulen nicht gibt. In diesem Fall: Luftfilter.

Einen großen Vorteil hat der OHP aber doch: WLAN braucht er nicht. Das gibt es in den meisten Schulen sowieso nicht. Laut der ICILS-Studie von Ende 2019 besuchen ganze 26,2 Prozent der befragten Achtklässler:innen in Deutschland eine Schule, in der sowohl die Lehrkräfte als auch die Schüler:innen Zugang zu einem schulischen WLAN haben. Kurz sacken lassen: 26,2 Prozent. Also gerade mal rund ein Viertel aller Schüler:innen.

Die internationale Vergleichsstudie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) testet Kinder auf computer- und informationsbezogenen Kompetenzen. Verantwortlich ist die „International Association for the Evaluation of Educational Achievement“ (IEA), ein unabhängiger internationaler Verbund wissenschaftlicher Institutionen für Bildungsforschung.

Manchen Lehrkräften fällt es heute noch schwer, den OHP ohne Probleme zu bedienen, trotz der 60 Jahre Eingewöhnungszeit. Ich selbst hatte einen Lehrer, der sich wohl schon zu sehr an Smartboards gewöhnt hatte. Eine mit dem OHP an die Wand gestrahlte Grafik füllte er dort selbstbewusst mit Edding aus. Für ihn überraschend: Er schaltete den OHP aus, das Geschriebene blieb. Mist. Heute darf er sich der Schule nicht mehr nähern (das aber hatte andere Gründe).

Alltag für den OHP: monoton, einsam, strahlt nicht

Aber seien wir ehrlich: Wie oft haben die OHP schon einwandfrei funktioniert? Rattern (lieber Abstand halten), Wackelkontakt (lieber Geduld mitbringen), Dreck auf der Glasplatte (lieber nicht mit Spucke verwischen), Lehrer:innen, die in Dinner-for-One-Manier immer fast, aber nie wirklich über das gespannte Kabel fallen – all das: Alltag.

Die richtig modernen Schulen haben den OHP natürlich schon längst überwunden und durch sogenannte Dokumentenkameras ersetzt. Zumindest in einem ihrer 40 Klassenräume. Die Dokumentenkameras werden mit einem Beamer verbunden und funktionieren dadurch, naja, wie ein Overheadprojektor. Nur Folien braucht man nicht. Deshalb ist es für Lehrkräfte deutlich einfacher, Schüler:innen ihr Heft wegzunehmen, unter die Dokumentenkamera zu schieben und der ganzen Klasse zu zeigen, dass Claudia Aufgabe 6 falsch gelöst hat (das kannst du besser, Claudia!).

Am Ende ist es natürlich relativ egal, wie eine Lehrkraft etwas präsentiert. Wie immer gilt: Guter Unterricht wird durch den OHP nicht schlecht und schlechter Unterricht durch Smartboard oder Beamer nicht gut. Bevor es dazu kommt, müssen die Overheadprojektoren allerdings sowieso erstmal aussterben. Vielleicht ja in den nächsten 60 Jahren – immerhin nehmen 90 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland die aktuelle Situation als Chance für die digitale Bildung wahr.

Für die Overheadprojektoren dieser Republik haben sich die vergangenen Monate sowieso kaum von unseren Erfahrungen unterschieden: Monoton und einsam stehen sie auch heute noch in den verlassenen Klassenzimmern, warten, bis sie wieder strahlen können. Wie wir alle. Einziger Unterschied: Wir stehen oder besser liegen halt zuhause rum.

Vielleicht ist das der Anfang vom Ende des OHPs. Vielleicht amüsiert sich im April 2080 ein deutscher Softwareentwickler bei einem Vortrag des Deutschen Computerspielemuseums und zeigt mit einer Dokumentenkamera alte Bilder von Overheadprojektoren.

Aber Moment! In der Medienwissenschaft gibt es ein Gesetz (genannt: Rieplsches Gesetz), das besagt: Wenn ein Medium wie der OHP erstmal etabliert ist (und das kann ja wohl niemand bestreiten), wird er auch von neuen Instrumenten, die dazu kommen, nicht vollkommen ersetzt oder verdrängt werden. So richtig aussterben wird er demnach nicht.

Vielleicht wird der Overheadprojektor also mit der Zeit den Status von Plattenspielern und Vinylsammlungen des Bildungsbürgertums erreichen: Lehrer:innenkinder sammeln die alten Foliensammlungen ihrer Eltern und projizieren bei der WG-Party Lückentexte als Kunstinstallation an die Wand mit der abgerissenen Tapete. Nach dann 120 Jahren getaner Arbeit wäre es dem Overheadprojektor ja zu gönnen. Ehre, wem Ehre gebührt.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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