Leben in der Pandemie

Lockdownlyrik

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etwa 5 Min. Lesedauer

„Dieser Gedichtband ist zufällig entstanden“, schreibt der Dichter und Initiator des Buches #Lockdownlyrik, Fabian Leonhard, im Februar 2021. „Anfang Januar 2021, mitten im zweiten ‚harten‘ Lockdown, war das Leben genauso fad wie in den Monaten zuvor. Das Jahr endete fad und das neue blieb fad. Soweit der Stand der Dinge. Aus dem Gefühl heraus, etwas ändern zu wollen, startete ich in den ersten Tagen des Jahres auf Instagram einen Aufruf: Leute! Schreibt unter #lockdownlyrik Gedichte zur aktuellen Situation und ich reposte sie! Let’s go!“

Krautreporter veröffentlicht eine Auswahl der Gedichte, weil diese auf kreative Weise ein Gefühl fassbar machen, das viele Menschen mittlerweile nur allzu gut kennen: Corona-Erschöpfung. Die neue und mittlerweile zur Gewohnheit gewordene Monotonie des Alltags, das Alleinsein, Zoom-Fatigue, Stress zuhause, finanzielle Sorgen, Angst vor dem Virus, unsichere Perspektiven und der Mangel an freudvollen Ereignissen: All das umschreibt der Begriff Corona-Erschöpfung. Und all das umschreiben die Gedichte der #Lockdownlyrik. Jede:r konnte Leonhards Aufruf folgen und Gedichte einreichen, egal ob Lyrikerin, Elektriker, Mutter oder Schriftstellerin. Leonhard nennt das Ergebnis „eine Art kollektives Lyriktagebuch unserer Gesellschaft im Pandemiealltag.“


Stefanie Kasimir

Deutschland.
Ein Winterdrama

in einem Akt:

Die Aufführung
ist abgesagt.


Dilara Streil

Seit März bin ich

seit märz bin ich
verrückt
wie auf einem
viel zu langen trip
und meine gedanken
wilde raubtiere
oder müde wolken,
das wechselt
alle paar sekunden,
bin gefangene
in den vier wänden
meines wahnsinns,
will nichts mehr
als wieder was erleben
und doch ist
wovor ich mich
am meisten fürchte
das richtige leben


Felix Wetzel

wellenbrecher

wir bleiben zuhause
nehmen die masken ab
legen uns ins bett
verschlafen miteinander die angst
hören techno aus der brust
hundertzwanzig hearts per minute
tanzen auf dem balkon
lieben uns in den armen
und fangen an uns irgendwann zu fragen
was wir jemals da draußen gesucht haben


René Krüger

Lockdownprofiteur

mein Leben war schon
vor dem lockdown
wie im lockdown
insofern bin ich
lockdownprofiteur
auf einmal geht’s
der ganzen Welt
ganz genau wie mir


Heinrich Ueberall

Wie geht’s, wie steht’s?

Man fragt mich, wie es steht
In diesen wilden Zeiten
Und auch noch wie’s mir geht
Beim vielen Zeit vertreiben
Nun ja, mir geht es prima,
Les’ Mann, Camus und Zweig
Mach Sport und Sauerteig
Und rette auch das Klima
Lern’ Hindi, Lyra, Stricken
Vielleicht fehlt mir die Nähe.
Doch all das ist nicht wahr, denn
Ich
Log da und
Lag da und
Lockdown.


Karolina Wolters

Lockdownstatement einer Mutter

Nachmittags um vier
schrieb eine Freundin mir:
„Rotkarierte Baumwollhose.
Ravioli aus der Dose.
Haare wieder nicht gekämmt,
da bis 14 Uhr gepennt.
Langweilig ist mir, und zwar sehr.
Sehe keine Menschen mehr.
Versuche mich zu motivieren,
etwas Neues zu kreieren.“
Als ich diese Nachricht sah,
war ich neidisch, ist ja klar.
Ich kenn keine Langeweile,
ich bin dauernd nur in Eile.
Virtuelles Klassenmeeting,
für’s Büro ins Online-Greeting,
Verarzte Puppen, bastle Feen,
denn Freunde können wir nicht sehen.

Alle Spiele sind gespielt,
die der Spieleschrank enthielt.
Alle Lieder ausgesungen,
alle Schokis sind verschlungen.
Eingeschlafen sind sie nun
und ich muss für’s Büro was tun.
Fühl mich ausgelaugt und schlapp,
doch koch jetzt noch die Masken ab.


Thomas Gsella

DIE CORONALEHRE

Quarantänehäuser sprießen,
Ärzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fließen –
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht beenden
Das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken vor den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.


Hubertus Koch

kein bock mehr

wieder mal nen tag verschenkt
nehm's mir vor
und mach es nie
ich bin
der moderne mensch
und das
gelebte dystopie

Von meinem iPhone gesendet


Jan Borges

wie gehts?

ich wollte es nicht
doch sie tat es & fragte
ich sagte ‚hängt davon ab‘
doch meinte
‚wie viel fülle durch leere
ich am ende des tages
den kopf seitlich im laken
vergraben halt eben
durch den bildschirm
ertrage‘


Marcel Feldbaum

Corona-Hit

ich lieg mit meiner neurose
und meine neurose mit mir
dort oben leuchten die träume
hier unten stinken wir
das licht bleibt aus
bleib eh zu haus
rabimmel rabammel
plemplem plemplem


Helena Gossmann

Ja – Okay ... Fuck.

Sehnsucht
Nach Kneipen
Nach Partys nach Bier
Ich schreie nach Liebe
nach Küssen und Dir
Nach Sex!
Ekstase!
Eskalation!
Gebt mir die Eskalation!
Stattdessen: Frustration
Fuck, ich möchte nicht mehr!
Sehn mich nach überfülltem Straßenverkehr
Dicht an dicht mit anderen Menschen
Gedrängt in Bussen und Bahnen
Schwitzende Leiber aneinander
Fuck!
Fuck, ich möcht nicht mehr!
Mein Kühlschrank voll, die Wohnung warm! Heul trotzdem rum wegen jedem Scheiß! Oh wow! Ich muss zu Hause sitzen
Muss Chilln, masturbiern und netflixn
Und während andere ackern und schuften
Sehn ich mich nach Dreck
Und billigen Düften. Fuck!


Tom A. Stier

Alte Freunde

Da liegt er nun auf meinem Sofa
von zu viel Freizeit dick und rund
und wenn ich frage: an die Arbeit?
– grinst er nur, mein Schweinehund.
Draußen ist wer vor dem Fenster
ich erbarme mich und irgendwie
schaff ich‘s zur Tür und öffne sie.
Da steht er nun, ich frage mich
wie konnte ich ihn so vermissen
ich tret zur Seite, lass ihn rein
meinen alten Freund, das schlechte Gewissen.


Sibylle Berg

Sonntag auf der Welt

Der Strom ist abgeschaltet.
Die Autos stehen am Himmel.
Wolken liegen auf der Straße.
Eine Flutwelle im Zimmer. Nach fünf Stunden schau ich zur Uhr.
Es sind drei Minuten vergangen.
Sonntag in einer Wohnung.
Irgendeiner. Irgendwo.
Sie sind gleich, die Wohnungen der Einsamen.
In denen kein Telefon klingelt.
Keiner kommt. Der sich freut, dich zu sehen.
Sonntag auf der Welt.
Irgendeiner. Irgendwo.
Sie sind gleich, die leeren Stunden in großen Städten.
Die Zeit angehalten. Du mit dir, und keiner da.
Der sich freut, dich zu sehen.
Auf leeren Straßen.
Gefrorene Vögel in den Ästen.
In einer Welt, die ausgestorben ist.
Es ist zu kalt.
Noch einen zu finden, der meine Hände wärmt.
Etwas Besseres wird nicht mehr kommen.


Linda Krasenbrink

Eigentlich

Ich will das Jahr zurückgeben.
Rücksendegrund: Versäumtes Leben.
Will es mit Klebeband fesseln
und entsorgen im Restmüll.
Aber es passt in kein Paket,
ich habe wohl zu viel erlebt,
gesehen, gefühlt, geträumt,
meinen Kopf mal wieder aufgeräumt,
um die Erinnerungen neu zu gestalten.
Eigentlich,
will ich das Jahr gerne behalten.


Ausgewählt von Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

Der gesamte Erlös des Buches geht an die Berliner Stadtmission, also an die Obdachlosenhilfe.

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