Martin Gommel

Corona-Schuljahr

Ein Jahr Distanzunterricht und der permanente Streit um Freiheit

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Menschen ziehen gerade Bilanzen. Ich auch, denn vor genau einem Jahr und fünf Tagen wurden Deutschlands Schulen zum ersten Mal geschlossen. Was für ein unerfreuliches Jubiläum. Die Versuchung ist groß, ein Zeugnis auszustellen, würde ja auch gut passen: Wie gut haben sich die Kultusminister:innen geschlagen? Welche Noten würden wir ihnen nach einem Jahr Schule in der Pandemie geben? Haben sie genug zusammengearbeitet? Ihre Entscheidungen gut genug erklärt? Alles dafür getan, dass die Schulen sicher sind? Und was ist mit den Lehrer:innen? Wie haben sie diesen maximalen Stresstest bestanden?

Alles sehr verlockend, hilft uns aber kaum weiter. Denn diese Fragen schauen alle zurück, ohne den Blick nach vorn zu schärfen. Deshalb habe ich euch gefragt, was ihr im letzten Jahr über Bildung gelernt habt. Extra nicht, worüber ihr wütend seid, sondern was ihr für die nächsten Monate und darüber hinaus mitnehmen wollt. 384 Leser:innen haben mir geantwortet (sweet!) und wie so oft habe ich etwas gelernt, das ich nicht auf dem Schirm hatte; worum es bei all den Konflikten in den letzten zwölf Monaten oftmals wirklich ging: um eine Neuverhandlung darüber, wie viel Freiheiten wir Schüler:innen, Lehrkräften, Eltern, Kommunen und Ländern im Bildungssystem geben wollen. Je weiter man rauszoomt, desto mehr wird diese Frage zu einer politischen Schlammschlacht, dreckig und unangenehm. Fangen wir aber vorne an.

Die Freiheit der Schüler:innen

„Freiere Zeiteinteilung und freiere Lernformate. Ich bin begeistert, wie selbstorganisiert meine Kinder lernen. Warum geht das nicht häufiger?“, fragt KR-Mitglied Kerstin.


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Ja, warum nicht? Im Sommer habe ich die erste Krautreporter-Umfrage gemacht, die ausschließlich an Schüler:innen gerichtet war. Sie gibt eine erste Antwort: 71,3 Prozent der 167 Teilnehmer:innen sagten, dass sie in der Schule nicht oft genug nach ihrer Meinung gefragt werden. Ein Viertel gab sogar an, dass sie nie (!) nach ihrer Meinung gefragt werden. Dabei wollen sie mitbestimmen. Darüber, was sie lernen: 62 Teilnehmer:innen würden gerne bei der Auswahl der Themen im Unterricht mitentscheiden – und wann sie sich womit beschäftigen.

An einigen Schulen war der Distanzunterricht ein Schritt in diese Richtung. Die Klassenclowns lenken die anderen nicht mehr ab, auch die ruhigeren Kinder kommen einfacher zu Wort. Und wer sich gerade nicht konzentrieren kann, macht halt mal Pause. Ein überwiegender Teil der befragten Schüler:innen gab in einer Umfrage der Lernapp simpleclub an, im Verlauf der Pandemie gelernt zu haben, sich Lernstoff ohne Hilfe von Lehrkräften anzueignen (69,1 Prozent), sich selbst zu organisieren (68,8 Prozent) und sich eigenständig Quellen zum Finden von Lösungen zu suchen (67 Prozent).

Nicht alle Schüler:innen kommen damit klar. Deshalb heißt mehr Freiraum nicht zwangsläufig und immer auch mehr Eigenverantwortung. Es ist eine uralte pädagogische Weisheit: Manche Schüler:innen kann man fliegen lassen – andere müssen an die Hand genommen werden.

Die Freiheit der Lehrkräfte

Oft war der entstandene Freiraum während des Distanzunterrichts gar keine aktive Entscheidung der Lehrkräfte. Nur: Anders war es gar nicht zu schaffen. Manche verlegten den Unterrichtsbeginn von acht Uhr auf „Fangt doch an, wann ihr wollt“. Andere drehten den Unterrichtsspieß einfach um: Jeder lernt in seinem eigenen Tempo und wenn sich alle per Videokonferenz treffen, werden vor allem offene Fragen besprochen.

Das klappt bei manchen Lehrkräften erstaunlich gut, bei anderen eher nicht. KR-Mitglied Rainer schreibt: "Der sogenannte Distanzunterricht bestand (besteht immer noch) im Wesentlichen nur darin, Aufgaben und Arbeitsblätter zu verteilen. Das als Unterricht zu bezeichnen ist eine Frechheit!"

Zwei Antworten hielten sich in meiner Umfrage ungefähr die Waage. 1. Die Pandemie hat gezeigt, wie viel möglich ist. Und 2. Die Pandemie hat gezeigt, wie wenig möglich ist. Auf Deutschland bezogen heißt das: Ein paar Millionen Menschen haben gute Erfahrungen mit Distanzunterricht gemacht, ein paar Millionen schlechte.

Viele Lehrkräfte befreiten sich in den letzten Monaten aus alten Zwängen. KR-Mitglied Joanna erzählt: „Die Aussetzung (Abschaffung!) insbesondere kleinlicher Bewertungen (Noten, jede Woche Vokabeltest und so ein Kleinkram) war wirklich befreiend!“ Und Sinja sagt: „Im Moment können Lehrpersonen auch mal etwas ausprobieren ohne, dass es gleich abgelehnt wird. Diese Freiheit der Lehre sollte beibehalten werden. Sonst verbleiben wir in unserem Trott und nichts kann sich ändern.“

Die Freiheit der Eltern

Das Gegenteil von Freiheit sind Pflichten und Verbote. Um eine Pflicht wird seit Corona deutlich mehr gestritten als zuvor: die Schulpflicht. Die gibt es in Deutschland – übrigens im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern – seit 1919. Kinder und Jugendliche sind ab einem bestimmten Alter und bis zu einem bestimmten Alter dazu verpflichtet, in die Schule zu gehen. Im Gegensatz zur Bildungs- oder Unterrichtspflicht dürfen sie nicht zuhause unterrichtet werden. Bis zur Volljährigkeit sind dafür verantwortlich: die Eltern.

Schon vor Corona gab es Eltern, die etwas dagegen hatten. Auch prominente Gegner, wie der Hirnforscher Gerald Hüther. Der sagt, es sei „... das Furchtbarste, das einem überhaupt passieren kann […]“, wenn man junge Menschen fragt, warum sie in die Schule gehen und ihre einzige Antwort auf diese Frage heißt 'Weil ich muss'.“

Seit Corona hat diese Debatte Fahrt aufgenommen. Vor allem in der Frage, ob Schulpflicht auch immer Präsenzpflicht bedeuten muss. Die ist in vielen Bundesländern nach wie vor ausgesetzt. Klar ist: Wenn Präsenzunterricht wieder die Regel ist, wird es auch Eltern geben, deren Kinder im Distanzunterricht besser zurecht kamen, die sich dann fragen: Warum muss mein Kind in die Schule – wenn es ihm doch zuhause so viel besser ging? Ob tatsächlich an der Schulfpflicht gerüttelt wird, hängt vor allem damit zusammen, wie groß die Gruppe dieser Eltern sein wird.

Die Freiheit der Schulen, der Kommunen, der Länder

Wir nähern uns der politischen Schlammschlacht, die ich oben angekündigt habe. Während die Kultusminister:innen weiterhin auf Präsenzunterricht setzen, teilweise unabhängig von der Inzidenz, stellen sich einzelne Schulen dagegen. Das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach in Baden-Württemberg zum Beispiel. In einem Elternbrief kündigt die Schulleitung an: „Wir können es momentan nicht verantworten, dass sich zusammen mit der Kursstufe wieder über 1.000 Schüler:innen auf engstem Raum konzentrieren“. Statt Präsenzunterricht gibt es für die Klassenstufen 5 und 6 dort weiterhin Wechselunterricht. Der Landrat von Schwäbisch Hall, Gerhard Bauer, zog auch die Notbremse: Er untersagte den Präsenzunterricht in seinem Kreis, per Allgemeinverfügung.

Richtig wild wurde es in Dortmund, wo der Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) ankündigte, die Schulen wegen der aktuellen Entwicklung der Corona-Zahlen sofort zu schließen: „Damit wollen wir Zeit gewinnen“. Noch am selben Tag widersprach Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Wenn einer Stadt wie Dortmund mit einer Inzidenz von 72 als einzige Maßnahme das Schließen von Schulen einfällt, dann wird das von meinem Ministerium heute noch abgelehnt!“ Heute, zwei Tage später, liegt die Inzidenz der Stadt bei 91,3 – Tendenz steigend. Und die Stadt hat einen weiteren Antrag auf Distanzlernen beim Land gestellt. Der Streit geht also weiter.

Die Freiheit der Wähler:innen

Sowieso kann Freiraum auch zu wahnsinniger Verwirrung führen. Zum Beispiel, wenn 16 Bundesländer 16 verschiedene Entscheidungen treffen, wann Schulen unter welchen Bedingungen wieder geöffnet werden – obwohl das Virus in jedem Bundesland gleich gefährlich ist. Oder wenn Kultusminister:innen nur einen Tag, nachdem Angela Merkel und die Ministerpräsident:innen verkündet haben, wie es in den Schulen weitergeht, selbst verkünden: Wir machen doch alles anders. Auch dadurch ist ein alter Streit wieder hochgekocht: Wie viel Freiheiten sollten Schulen haben? Sind es nicht die Schulleitungen, die (unabhängig von Corona) am besten wissen, was ihre Schulen brauchen? Wie viel sollten die Landkreise eingreifen? Wie viel die Länder – und was macht eigentlich der Bund? Also: Ist der Bildungsföderalismus noch zeitgemäß oder einfach nur schlecht umgesetzt?

Spätestens hier wird klar, dass Bildung auch bei der Bundestagswahl eine Rolle spielen könnte. Millionen Eltern und Lehrkräfte wurden bildungspolitisiert. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war Bildung (abgesehen von Corona) auf Platz 1 und 2 der wahlentscheidenden Themen. Wenn Bundespolitiker:innen das Thema für ihren Wahlkampf entdecken, könnte das bei der Bundestagswahl ähnlich sein. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat schon mal angefangen. Sie nennt die strikte Trennung der Kompetenzen in der Schulpolitik „aus der Zeit gefallen“.


Redaktion und Schlussredaktion: Tarek Barkouni, Fotoredaktion: Till Rimmele.

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