Verstehe die Zusammenhänge

© Getty Images / Ben Sklar

Leben in Amerika

Ja, die USA nerven – aber ich will nicht weg

Autorinnen des Artikels
etwa 15 Min. Lesedauer

„Warum willst du in die USA?“ Diese Frage kennen alle, die irgendwann einmal als Tourist:innen zum Spaß die Vereinigten Staaten besucht haben. Da sitzen die Uniformen der Homeland-Security am Flughafen. Die Sicherheitsbeamt:innen haken mal freundlich, mal hartnäckig nach, was man denn so vorhabe in ihrem Land. Als weißer Mann ohne verräterische Einträge zu Vorstrafen oder mit Stempeln problematischer Reiseziele im Pass konnte ich zum Glück immer leicht diese Hürde nehmen – aber die Frage verfolgt mich trotzdem in den sieben Jahren, die ich nun hier wohne. Nur wird sie mir inzwischen nicht mehr nur von US-Amerikaner:innen gestellt, sondern immer mehr auch von Deutschen daheim. Aus: „Warum willst du in die USA?”, wird dabei ein: „Wie kannst du es nur dort aushalten?“

Besonders in linksliberalen Kreisen hat man in Deutschland den USA gegenüber kritisch zu sein. Egal, wie weit eine Gesprächsrunde in Deutschland auseinander liegt, der Satz „Wollen wir denn hier amerikanische Verhältnisse?“, sorgt in Talkshows und an Stammtischen für einendes und panisches Kopfschütteln. Darauf können sich alle einigen.

Das gilt auch für meine neue Heimatstadt. New York als Weltstadt fasziniert viele, aber die krasse Lautstärke und die zur Marke hochgepimpte raue Oberfläche („If you can make it there, you can make it anywhere!“, das heißt „Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall“) schrecken als Lebensperspektive dann doch ab. Oder wie der ältliche Verwandte eines Freundes nach vier Tagen Besuch in New York zu unserer Verblüffung bilanzierte, Ausrufezeichen hinter jeder Silbe inklusive: „Also ich wüsste nicht (!) ei (!) nen (!) Grund (!), warum man gerne hier wohnen würde.“

Ich habe den Mann nie persönlich getroffen, aber ich würde ihm meine wichtigsten Gründe gerne selbst erklären – und dabei vermitteln, warum er etwas verpasst, wenn er diesem Land und seinen Menschen keinen zweiten Blick gönnt.

Hart sind die Amerikaner als Gesellschaft, aber nicht im persönlichen Gespräch – in Deutschland ist es umgekehrt

All die Härte, die wir aus Nachrichtenmagazinen, Dokumentationen und Sachbüchern kennen, sie ist nämlich nur die eine Seite der Medaille. Abgesehen von den politischen Rahmenbedingungen und Ungerechtigkeiten gibt es die unzähligen persönlichen Begegnungen und da erlebe ich das Land komplett anders.

Die US-Amerikaner:innen sind als Gesamtgesellschaft kalt, aber im Zwischenmenschlichen begeisterungsfähig, warm im Humor und mit Blick darauf, dass sich alle in der Runde wohlfühlen. In Deutschland empfinde ich oft das Gegenteil: Der Sozialstaat ist sicher und intakt, aber wer sich nicht ständig kritisch und analytisch äußert, gilt als oberflächlich. Wer die Dinge und die Menschen gut findet, hat einfach noch nicht genau genug hingeschaut.

Der Humor ist ein Beispiel dafür, dass ich als Deutscher immer noch umlernen muss. Witze, Sprüche und Kabbeleien gehen hier gegen mich und meine Schwächen, nicht gegen die meines Gegenübers. Anstatt zu sagen: „Gestern war ich in der Oper, aber ich weiß ja, bürgerliche Bildung ist nicht so deins. Wie war denn Dschungelcamp?“, wäre hier ein gesellschaftlich akzeptierter Spruch: „Vier Stunden habe ich in der Oper gehockt. Mannmannmann. Es dauert wirklich extrem lang, bis da jemand von links nach rechts über die Bühne geht. Bin ich froh, dass ich heute Dschungelcamp schauen kann.“ Ist das nicht viel angenehmer und in 99 Prozent der Fälle ohnehin lustiger? Ich finde, ja.

Abgesehen vom Humor erlebe ich oft eine Geselligkeit, die andere einbezieht, dabei aber viel seltener übergriffig wird. Als ich 2014 erst wenige Wochen hier lebte, lud einer der US-Amerikaner in meinem Uni-Kurs einfach den kompletten Kurs zur Superbowl-Party in seine Wohnung ein. Dort angekommen, saßen dort schon 20 seiner „richtigen“ Freunde. Ich war baff, ich hätte niemals noch 25 Leute aus aller Welt, die ich erst ein paar Tage kannte, zusätzlich zu meiner vertrauten Runde eingeladen. Ich hätte tagelang genau überlegt, wem ich verschämt eine halbvertrauliche Einladung zugeraunt hätte. Als ich das meinem Kumpel erklärte, verstand er nicht einmal mein Argument, zuckte mit den Schultern und meinte: „The more, the merrier.“ Je mehr, desto besser.

Selbst beim Schreiben dieser Zeilen springt mein innerer Richter an und will analysieren. Es ist das Lieblingsargument aller Deutschen über die USA: Die Nettigkeit der Amerikaner, sie sei „doch nicht so gemeint.“ Ein „Have a nice day!“ heiße doch einfach nur „Tschüss!“ und ein „How are you?“ eigentlich nur „Hallo!“ Auch das Lächeln im Diner und das Geplauder an der Supermarktkasse seien am Ende doch nicht „echt“, so lautet der Einwand. Nur: Was schert es mich? Was verbessert sich an meinem Gefühlshaushalt, wenn ich ständig diese kleine Mauer aufbaue, anstatt mich einfach auf das Geplauder einzulassen?

Ein Lob für meine neuen Turnschuhe macht mir den halben Tag schöner, eine Einladung zum Superbowl ist die Chance, auch sieben Jahre später noch quer über den Kontinent Freunde zu haben.

„Mir ist die oberflächliche Freundlichkeit der Amerikaner lieber als die gründliche Unfreundlichkeit der Deutschen.“ Dieser Satz ist leider nicht von mir, aber ich sage ihn oft, um solche müßigen Diskussionen zu beenden.

Land of the Free, indeed – Übergriffigkeit ist den Menschen fremd

Im Humor die Person gegenüber zu verschonen, darin liegt aber noch mehr als ein soziales Schmiermittel: Übergriffigkeit im persönlichen Umgang ist den Allermeisten hier sehr fremd. Mein deutsch geprägtes Lösungsdenken mit viel zu wenig Rücksicht auf die emotionalen Befindlichkeiten des Gegenübers hat mir leider zu recht den Spitznamen „No Filter Fahrenbach“ eingebracht und zuletzt auch in der Pandemie einige Freundschaften auf eine harte Probe gestellt. „Hier sind die drei besten Punkte, wie du genau jetzt von daheim deinen Beruf neu strukturieren solltest“, ist nicht besonders gut angekommen in einer Stadt und einem Land, in dem jede:r jede:n einfach sein lässt. Wer seine Gewissheiten über Bord wirft, kann viel mehr Gemeinsamkeiten entdecken oder die Lebensgeschichten der anderen offener ergründen, denn die haben es in diesem Land oft genug in sich.

Im Gegensatz dazu ist für mich der Glaube daran sehr deutsch, dass man ein Gespür für alle anderen habe, ein Wissen davon, was die vermeintlich richtige und effizienteste Art ist, die Dinge zu erledigen. Die Augen sind nicht nur stur aufs Ziel gerichtet, sondern sie sehen auch nur den einen Pfad, den es auf dem Weg dorthin zu befolgen gilt.

Hier hingegen erlebe ich eine viel größere Gelassenheit, man muss zu Beginn noch nicht das Ende mitdenken. Das „Land of the free and home of the brave“ aus der US-Nationalhymne ist eben nicht nur ein Land derjenigen frei von anderen Herrschern, sondern auch im übertragenen Sinne ein Ort für diejenigen, die frei und mutig sind und die andere zu dieser Freiheit auch anregen. Im Land der Einwanderer:innen ist es in Ordnung, sich auszuprobieren und neu zu erfinden. Es schwingt in den Biografien vieler Familien mit, wie schwer es ist, sich etwas aufzubauen. Ich glaube, wer sich einmal selbst mit etwas Neuem aus der Deckung gewagt hat, reicht leichter die Hand und drückt häufiger Unterstützung für all diejenigen aus, die sich überhaupt erst einmal auf den Weg machen.

Zwei Blöcke von meiner Wohnung entfernt gibt es eine Fechtschule, durch deren Fenster ich manchmal den Trainierenden zuschaue. Würde ich heute entscheiden, einen Anfängerkurs zu buchen, wäre vermutlich die Reaktion meiner amerikanischen Freunde: „Wow, das wollte ich auch schon immer mal machen. Erzähl mir bald, wie es ist!“ Dagegen klingt als mögliche deutsche Entgegnung in meinen Ohren nur ein entgeistertes: „Und was bringt dir das, in deinem Alter?“

Meine Antworten wären: Spaß. Neues. Eine Beschäftigung, die nicht der Effizienz dient. Das Gefühl, dass am Ende das Leben dafür da ist, Neues zu erleben, Fehler zu machen, auszuprobieren und zu wachsen. Denn manchmal offenbaren sich die Ziele erst entlang des Pfads. Der Weg entsteht, indem man ihn geht.

So viele Menschen gehören zu den spannendsten zehn Prozent – auf so vielen Gebieten wie nirgendwo sonst

Was diesen letzten Punkt angeht, erlebe ich einen Sonderfall. Ich lebe in der besten Stadt der Welt, um täglich daran erinnert zu werden, wie prall das Leben sein kann.

Egal, wofür man sich interessiert, in New York gibt es Menschen, die zu den weltweit besten zehn Prozent ihrer Zunft zählen. Los Angeles hat die Schauspieler:innen, Washington die Weltpolitik, Dubai und Peking die smarten Industrieaufsteiger:innen, aber in New York kommen sie alle zusammen: stramm motivierte Großkanzlei-Jurist:innen und Wall-Street-Haie, abgedrehte Hipsterfotograf:innen und Kunstaktivist:innen, Corona-Ärzt:innen aus schlimm betroffenen Krankenhäusern und die Spitzengrundlagenforscher:innen an einer der renommierten Universitäten.

Nach einem Gastvortrag an der Journalismus-Uni vor einigen Jahren habe ich daheim einige Namen der besonders aktiv nachfragenden Studierenden gegoogelt. Einer von ihnen kam aus Ägypten und ich wusste von ihm nur, dass er eine Facebook-Seite gegen Polizeigewalt dort gegründet hatte. Was ich nicht wusste, war, was mir das erste Suchergebnis verriet, es war seine Wikipedia-Seite. Sie erklärt, dass in genau dieser Facebook-Gruppe wesentlich der Gedanke entstanden sei, auf den Straßen Kairos gegen Staatsgewalt zu protestieren - möglicherweise auch auf dem Tahrir-Platz? Ich konnte das kaum fassen: Der Mann, der mir in einem neonhellen New Yorker Klassenzimmer mit wachen Augen so interessierte Fragen gestellt hatte, wurde auf seiner Wiki-Seite als einer der wichtigsten Initiatoren der Ägyptischen Revolution bezeichnet. Und ich war sehr dankbar, diesem inspirierenden Menschen begegnet zu sein.

Es ist hier sehr leicht, über Exzellenz zu stolpern – und solche Begegnungen sind dann auch für mich die Aufforderung, die Motivation und letztlich die Erlaubnis, mir selbst Größeres zuzutrauen.

Auch an dieser Stelle noch einmal eine dieser Einwand-Vorwegnahmen: Das Leben hier ist auch nicht immer so teuer, wie der Ruf der Stadt glauben macht. Eines der schönsten Events im Sommer ist Klassikmusik auf Weltniveau im Central Park, viele Vorträge am Abend bieten zumindest eine solide Käseplatte und obwohl „Hamilton“-Musicaltickets in der besten Kategorie 849 Dollar gekostet haben, so gibt es eben auch Dutzende Alternativen. Vor der Pandemie habe ich an einem freien Abend oft gegen 19 Uhr in die Secondhand-Ticketbörsen der Theater und Kulturlocations geschaut, nur um dann manchmal 30 Minuten später dank eines 40-Dollar-Resttickets in dritter Reihe mehrere Stunden lang Denzel Washington beim Theaterspielen zuschauen zu dürfen.

Ich verstehe alle, die es nicht zu solchen Erlebnissen zieht, ich komme aus einer nordhessischen Kleinstadt. Mein Gefühl in solchen Momenten ist aber einfach oft eines der Dankbarkeit: „Wow, so etwas darfst du erleben? So jemanden darfst du kennenlernen?“

Das Land kann sich Begeisterung herbeireden

Aber auch abseits von dieser Faszination für die Großstadt hege ich eine Begeisterung für die Menschen im Land und einige ihrer grundsätzlichen Wesenszüge. „A Country on the Move“ lautet eines dieser Klischees, ein Land, ständig auf dem Sprung. Sechs Stunden Autofahrt gelten als kleiner Ausflug, Reisen werden (auch bedingt durch nur zwei Wochen Jahresurlaub) auf einige wenige Tage angesetzt und Mietverträge laufen über zwölf Monate. Danach wird neu verhandelt. In dieser Rastlosigkeit zeigt sich das Suchende von all den seit Jahrhunderten hier zusammenkommenden Einwander:innen.

Schon in der Verfassung, an der Stelle, wo in Deutschland die „Würde des Menschen“ vorangestellt wird, geht es hier im ersten Satz um die „selbstverständliche Wahrheit“, dass alle Menschen von ihrem Schöpfer „unveräußerliche Rechte“ bekommen hätten, „darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Wie schön das ist: Es geht nicht darum, das Glück schon zu erleben, sondern es noch suchen zu dürfen – ein Land auf dem Sprung.

Ich treffe hier Menschen, die darüber nachdenken, wie sie etwas dazugewinnen. In Deutschland treffe ich Leute, die darüber nachdenken, wie sie etwas nicht verlieren.

Das, was oft als knallharter Individualismus wahrgenommen wird, ist auch ein Antrieb. In dem Glauben, in jeder Lebenslage die eigenen Verhältnisse gestalten zu können, liegen eine Unschuld und Kindlichkeit, die mich ansprechen. Ein energisches „Amazing!“ mag mich verschrecken, aber darin steckt auch die Fähigkeit, Gefühle erst einmal zu behaupten und damit auch ein wenig ins Leben zu holen.

In der Netflix-Serie „Somebody Feed Phil“ reist Moderator Phil Rosenthal auf der Suche nach gutem Essen durch die Welt und ist dabei ein ums andere Mal voller kindlicher Begeisterung. Auf einem Restaurantdach in Marrakesch beginnt in einer Szene der Muezzin zu singen und seine Augen weiten sich. „Dieser Moment ist besonders für mich!“, sagt er zu den beiden Inhabern. „Ihr seid neu für mich, aber ich mag euch beide sofort. Das Essen ist großartig. Und jetzt diese Magie der Stimmen von überall zu hören, das ist in meinem Leben einzigartig. Ich hatte noch nie so ein Erlebnis.“ Sein Lächeln in dieser Sekunde zeigt, wie glücklich ein Leben sein kann, wenn man nicht ständig die eigene Ausgebufftheit unter Beweis stellen muss.

Die Wunden sind tief, aber immerhin liegen sie offen

All diese Gefühle sollen nicht die vielen Gründe in Frage stellen, weshalb es sich lohnt, die USA abzulehnen. Die immense Vermögensungleichheit zählt genauso dazu wie die Tatsache, dass einer von tausend schwarzen Männern durch Polizeigewalt im Einsatz stirbt. Die Fehleinschätzung frustriert, Krankenversicherung nicht als Recht zu sehen, sondern als weitere Möglichkeit, Solidarität zu verweigern. Für viel Leid sorgt der unerschütterliche Exzeptionalismus des Landes mit seiner verheerenden Idee, ein weltweit einzigartiges Land zu sein und nicht zu merken, dass seit einigen Jahren vollkommen untypisch für eine Industrienation die Lebenserwartung sinkt. Die Debattenkultur in großen Teilen der Öffentlichkeit ist katastrophal. Und zuletzt hat Corona mit einer absurden Debatte über Masken als Einschränkung individueller Freiheitsrechte gezeigt, wie sich ein ganzes Land entscheidet, einfach noch eine Krise wegzudrängen. Das Denken lautet: „Mich wird es schon nicht treffen, ich will lieber Thanksgiving feiern.“

Und so steht das Land Anfang März bei mehr als 500.000 Covid-Toten, in den am schlimmsten getroffenen Countys ist jeder 120. Mensch an den Folgen des Virus gestorben. Und die Menschen betrachten es einfach neben der Opioid-Krise durch Schmerzmittelabhängigkeit (50.000 Tote jährlich) und neben den Waffentoten (30.000 pro Jahr, inklusive Suiziden) als noch ein weiteres Lebensrisiko.

All das gibt es. Aber, zumindest sind diese Konflikte und die Zerrissenheit sichtbar. Die Menschen in diesem Land sind nicht nur wortwörtlich oft auf dem Weg, sondern oft auch im übertragenen Sinn.

Im Jahr 1860 schrieb die New York Tribune vom „Great American Experiment“, bis heute fällt dieser Begriff häufig in der politischen Debatte. Viele verstehen darunter den Gedanken, dass eine Nation rund um geteilte Ideale entstehen könnte und nicht auf Basis einer gemeinsamen Herkunft. Das „Experiment“ betont aber auch das Vorläufige in jeder Entwicklung der USA. Es wird darum gestritten, wohin das Land gehen soll – lauter und frustrierender, als ich das häufig in Deutschland erlebe, aber dadurch auch ehrlicher und mit einem sehnenderen Streben nach einer Vision. Die Wunden sind tiefer, aber sie liegen offen.

Denn in vielen dieser Kritikpunkte hat auch Deutschland noch Hausaufgaben zu machen, aber es kehrt die Konflikte eher unter den Teppich. Ein türkischstämmiger Kanzlerkandidat liegt in Deutschland in weiter Ferne. Studie um Studie zeigt, wie das Land in Sachen Aufstiegschancen und sozialer Mobilität unter dem OECD-Durchschnitt bleibt. Auch in der Klimadebatte gibt es ein öffentliches Bild, das die Menschen gerne selbst von sich zeichnen, während in der Realität mehr Autos als je zuvor registriert wurden und die Wohnfläche pro Person nicht gerade umweltfreundlich immer größer werden.

Glaubt nicht mir, glaubt Nico

Zum Schluss noch ein Geständnis: Das Schreiben dieses Artikels ist mir nicht leichtgefallen. Er kam mir wie ein Minenfeld vor: zu persönlich, zu oberflächlich in seiner berechtigten Kritik an den USA, zu blind dafür, dass ich als weißer Europäer es sehr leicht habe, mich auf die schönen Seiten der Vereinigten Staaten zu konzentrieren.

Ich habe während der Recherche den Barista in meinem Lieblings-Coffeeshop nach seiner Liebe zum Land gefragt. Er ist Grafikdesigner aus Argentinien („Nico, like the Velvet Underground“, hat er sich mir einmal vorgestellt, während ich auf solche Vergleiche immer antworte: „Christian, like the Religion“) und seit Pandemiezeiten ein erschütternd enger sozialer Kontakt in die Außenwelt für mich. Ich dachte, er lacht mich aus dafür, die Plaudernorm am Morgen mit so einer großen Lebensfrage zu brechen. Aber ohne Zögern sagte er: „Ich mag es hier, weil ich hier keine Angst habe, dass mir jemand diese Blumenkübel da draußen klaut, während ich mit dir rede. Und ich mag es, dass ich nach der Schicht da drüben in die Bank gehen kann und sie gibt mir einfach das Geld, das ich vor zwei Wochen eingezahlt habe.“

Neben seinen Worten war mir auch eine andere Lektion wichtig. Weil ich davon ausging, dass ihm die Frage unangenehm sein könnte, hätte ich sie ihm beinahe nicht gestellt und damit einer freundlichen Seele die Gelegenheit genommen, mich zu überraschen.

Wie leicht es möglich ist, sich selbst auf diese Art jeden Tag ein bisschen herauszufordern, und einfach sich die Inspiration in den Alltag einwebt, wegen einer zwischenmenschlichen Begegnung doch jetzt verdammt noch mal etwas über die Staatskrise in Argentinien zu lernen, weil es mir am Ende etwas über die Welt um mich herum erzählen könnte. Da ist es wieder: dieses Pralle, dieses Verbundene – und für mich die Antwort auf die Frage, warum ich immer noch hier bin.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

Prompt headline