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Psychische Gesundheit

Worte, auf die ich verzichten kann, wenn ich depressiv bin

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Wer sich ein Bein bricht und deswegen nicht mehr laufen kann, von dem erwartet keiner, dass er geht. Aber Depressionen werden als Krankheit noch immer nicht ernst genommen. Ich übertreibe nicht, leider. Jeder fünfte Deutsche glaubt, Schokolade würde gegen Depressionen helfen. Das hat eine repräsentative Studie der Deutschen Depressionshilfe ergeben. Fast 80 Prozent meinen demnach, in den Urlaub zu fahren, würde ebenfalls helfen. Und dreißig Prozent denken, dass die Ursache für Depressionen Charakterschwächen seien.

Das ist alles falsch. Depressionen sind eine echte, ernst zu nehmende, medizinische Krankheit mit biologischen und psychosozialen Ursachen. Als ich diese Zahlen gelesen habe, wurde mir zumindest ein Grund dafür klar, warum Depressive sich so oft dumme Sprüche anhören müssen. Es fehlt an Wissen darüber, was eine Depression ist.

Jedes Mal, wenn ich selbst depressiv bin – im Schnitt bekomme ich alle zweieinhalb Jahre einen schweren Schub – höre oder lese ich von Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen Kommentare zu meiner Krankheit. In vielen Fällen sind es Worte, die mir wirklich guttun. Es gibt jedoch auch die andere, destruktive Seite. Im besten Fall sind es gut gemeinte, aber sinnlose Ratschläge, im schlimmsten Fall grenzen die Kommentare an Hass. Dieser Text handelt von diesen Worten.

Antworten, auf die 465 Menschen in Depressionen verzichten können

Ich habe in der Krautreporter-Community eine Umfrage gemacht, in der ich Menschen mit Depressionen gefragt habe, welche Worte sie in einer akuten Phase ihrer Krankheit besonders getroffen haben. Ich erhielt 465 Antworten und täglich bekomme ich mehr. Viele davon schockierten mich so sehr, dass ich beim Lesen Pausen einlegen musste.

Zwischen Klassikern wie: „Reiß dich mal zusammen“ und „denk mal positiv“, fand ich Sätze, bei denen ich nur rätseln konnte, wie diese zustanden kamen. Es ist wichtig, diese Sätze zu lesen und zu verstehen, warum sie nichts bringen, warum sie sogar zerstörerisch sind. Denn wenn wir verstehen wollen, was Menschen in einer akuten Depression hilft, dann sollten wir auch verstehen, was ihnen zusetzt und sie verletzt. Wenn dann eine Person in unserem Umfeld erkrankt, sind wir besser vorbereitet.

Deshalb habe ich mit einer Sprechwissenschaftlerin (mit e!) telefoniert, die erklären kann, wie Menschen argumentieren und die sich mit medizinischer Gesprächsführung beschäftigt: Kati Hannken-Illjes. Und mit Christina Jochim, Vorstandsmitglied der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Sie begleitet psychisch Kranke in Kurz- und Langzeittherapie, sowohl ambulant als auch stationär in der Psychiatrie. Mit beiden habe ich über Sätze gesprochen, die ich selbst bei einem akuten depressiven Schub gehört habe, und die mir die Umfrage-Teilnehmer:innen geschickt haben.

Bevor ich beginne, möchte ich aber eines klarstellen: In diesem Text geht es nicht um Schuld. Ich möchte nicht mit dem Finger auf Angehörige zeigen und sagen: Ihr seid alle doof – und hier ist der Beweis. Dieser Text ist ein Gesprächsangebot. Wenn Angehörige wissen wollen, wie sie Menschen mit Depressionen helfen können, dann gibt es Dinge, die funktionieren. Und es gibt Dinge, die funktionieren nicht.

Wäre es „so einfach“, hätte ich längst meine schlechten Gedanken verscheucht

„Du musst einfach deine negativen Gedanken aus dem Kopf bekommen. Da kann ich dir auch nicht helfen.“ Warum ich auf diesen Satz verzichten kann: Wenn eine psychisch nicht-kranke Person einem Depressiven Sätze sagt, die mit: „Du musst einfach …” beginnen, kommt danach meist nichts Hilfreiches. Denn wäre es so „einfach“, dann hätte ich längst alle meine negativen Gedanken verscheucht.

Es ist ein Teil meiner Depression, dass ich permanent versuche, meine düsteren Gedanken zu verbannen, dies aber nicht funktioniert. Im Gegenteil, das macht die Sache nur noch schlimmer. Der Zusatz „Da kann ich dir auch nicht helfen”, setzt in diesem Fall noch einen drauf. Denn, erstens, sagt die andere Person mir damit, dass sie scheinbar besser als ich weiß, was zu tun ist. Und, zweitens, zieht sie sich aus der Situation. Das Schlimmste an diesen Worten war, dass sie, als ich sie hörte, von meinem damals besten Freund kamen, als ich in der Klinik war – und er sich danach einfach nicht mehr meldete.

Ganz ähnlich klingen die Worte: „Stell dich nicht so an.” Neben: „Reiß dich zusammen”, ist es der häufigste Satz, den sich die Teilnehmer:innen meiner Umfrage in einer depressiven Episode anhören mussten. „Es gibt ein wichtiges kulturelles Bild”, sagt Hannken-Illjes. „Wir ziehen alles durch. Nur die Harten kommen in den Garten, mal die Arschbacken zusammenkneifen. Das ist ein wichtiges Motiv, das durchaus produktiv sein kann. Auf diese Situation passt das einfach nicht.” Christina Jochim sagt: „Nach wie vor verstehen Menschen nicht gut, was Depressionen sind. Und was ich nicht verstehe, das wische ich eher weg und vermeide. So entstehen Sätze wie: ‚Stell dich nicht so an, ist alles nicht so schlimm.‘ Das ist ein Bewältigungsmechanismus der Angehörigen, die selbst hilflos sind.”

„Hey, weißt du was, Jesus liebt dich.“ Warum ich auf diese Worte verzichten kann: Als ich vor ein paar Monaten auf Facebook über meine Depressionen schrieb, bekam ich eine Nachricht mit diesem Satz. Der Absender war überzeugter Christ und meinte, mich bekehren zu müssen. Selbst wenn diese Worte gut gemeint sind, bringen sie mir in meiner Situation überhaupt nichts. Denn sie führen in meine Problematik eine Glaubensfrage ein, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht lösen kann und will. Außerdem habe ich den Eindruck, dass jemand meine schwierige Situation ausnutzt, um zu missionieren. Was die Person nicht wusste, ist, dass ich selbst jahrelang Christ war – mich aber vor drei Jahren bewusst dagegen entschieden und diesem Weltbild komplett entsagt habe. In meiner Depression kann ich auf diese Worte definitiv verzichten, denn selbst wenn es stimmt, dass Jesus mich liebt, warum bin ich denn dann in dieser schwierigen Situation? Ich weiß es bis heute nicht.

„Das ist Einbildung“, signalisiert, nicht ernst genommen zu werden

Das Gegenteil einer Aufforderung, an Jesus zu glauben, ist der folgende Satz, den Marnie in meiner Umfrage zitierte: „Das bildest du dir alles nur ein.“ Die Sprechwissenschaftlerin erklärt: „Eigentlich weiß nur man selbst wirklich, was in einem vorgeht. Mit so einem Satz gibt die Person vor, es besser zu wissen. „Einbilden suggeriert, dass hier jemand nicht ganz zurechnungsfähig ist. Das bedeutet für die Betroffenen: Egal, was ich sage, die Person nimmt mich sowieso nicht ernst. Das zerstört die Gemeinsamkeit, weil ich als Betroffene:r dann gar nichts mehr sagen kann.“ Christina Jochim spricht hier von Invalidierung und Validierung. „Validierung ist die Fähigkeit, meinem Gegenüber zu vermitteln, das dessen Empfindungs- und Sichtweisen erstmal nachvollziehbar sind. Das heißt nicht automatisch, dass ich damit einverstanden bin. Viele Betroffene erleben jedoch Invalidierung. Sie fühlen sich nicht gut und bekommen dann direkt oder indirekt vermittelt, dass ihr Empfinden nicht in Ordnung ist.“

„Antidepressiva? Damit finanzierst du Big Pharma!” Warum ich auf diese Worte verzichten kann: Ab und zu bekomme ich diesen Satz auf Insta zu hören – und das nervt. Seit meinem ersten Klinikaufenthalt 2010 nehme ich Antidepressiva. Sie ermöglichen mir eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Seit ich die Medikamente schlucke, ist meine Neigung zu starken Trauergefühlen eindeutig zurückgegangen. Es ist also nicht hilfreich für mich, wenn man mir sagt, ich würde fragwürdige Pharmaunternehmen finanziell unterstützen, wenn ich Medikamente nehme, die mir helfen. Andererseits kann ich auf diesen Satz überhaupt nichts Sinnvolles erwidern, denn in einer Depression bin ich schlicht nicht in der Lage, über komplexe Themen zu diskutieren. In besonders schlimmen Phasen kann ich nicht einmal sprechen.

Hannken-Iljes sagt: „Eine Strategie, die nicht hilft, ist, in den argumentativen Austausch zu gehen. Denn dadurch kommen wir immer weiter davon weg, was die Person mit Depressionen eigentlich braucht. Denn ich kann natürlich darüber diskutieren, was Big Pharma ist. Aber darum geht es ja nicht.“ Ich finde, sie hat recht. Denn ich brauche das Gefühl, gesehen und nicht in eine Diskussion verwickelt zu werden.

Ich „stelle mich nicht an“, ich bin krank

Ein ebenfalls unpassender Kommentar ist: „Das ist die lasche Behandlung der Jugend, stell dich nicht so an.“ Die Person, die diesen Satz in meiner Umfrage nannte, wollte anonym bleiben. Sie erklärte aber, warum der Satz sie so sehr traf: „Er kam direkt von meinem Vater, nachdem ich ihm gestand, dass ich Suizidgedanken habe.“ Christina Jochim erklärte mir: „Was Betroffene brauchen, ist, dass man die Erkrankung nicht infrage stellt, die ja biologische und psychologische Aspekte hat – denn das hat nichts mit Charakterschwäche oder Willensstärke zu tun.“ Das muss leider betont werden, denn wie die Studie zeigt, die ich eingangs dieses Textes erwähnt habe, weiß das ein Drittel der Deutschen nicht.

„Herr Gommel, Sie sind hier nicht im Urlaub!” Warum ich auf diese Worte verzichten kann: 2012 war ich suizidal und musste in die Psychiatrie. In der ersten Visite gab mir der Chefarzt die Hand und sagte diesen Satz. Ich war sprachlos. Denn der Mann unterstellte mir, dass ich den Klinikaufenthalt auf die lockere Schulter nahm und den Ernst der Lage nicht erkannte. Wie sollte ich darauf reagieren? Das Schlimme daran war, dass ich mich auf einmal nicht mehr sicher fühlte, obwohl ich genau das brauchte: Sicherheit. Wenn aber der Chef dieser Station so von mir dachte, was sollte dann als Nächstes kommen? Auch heute, wenn ich diese Worte schreibe, überfällt mich ein leichter Schauder, so tief sitzt dieser Satz. Denn ich war auf diesen Arzt angewiesen und brauchte seine Hilfe, die ich in diesem Moment nicht bekam.

Sprache hat Macht

Genau in diese Kerbe schlägt ein Satz, den Sabine bei der Umfrage einreichte: „Also ICH würde mich ja schämen, wenn meine Wohnung SO aussehen würde.“ Sie schreibt: „Ich hatte mich gerade überwunden, meine Bekannte um Hilfe zu bitten. Das war ein großer Schritt, der mir sehr schwergefallen ist. Nach dem Satz habe ich mich sehr geschämt und frage nun lieber nicht mehr nach Hilfe.“ Hannjken-Illjes erklärt: „Dieser Satz sagt indirekt: Schäm dich. Eigentlich bräuchte die Person das Feedback, dass es in Ordnung war, um Hilfe zu bitten – denn sie hatte sich dazu überwunden. Dass es sich gelohnt hat und jetzt jemand da ist – und das wird hier zunichte gemacht.“ Christina Jochim sieht es so: „Natürlich gibt es auch Menschen, denen das Wohlergehen ihres Gegenübers völlig egal ist, weil sie selbst nur begrenzten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben. Nicht alle Menschen sind empathisch.“

„Früher gab es auch keine Depressionen.” Warum ich auf diese Worte verzichten kann: Das ist nicht der Anfang eines Gesprächs, in dem es um das Für und Wider der Diagnostik psychischer Krankheiten in der Menschheitsgeschichte gehen soll. Stattdessen unterstellt man mir, dass ich mich heute zurücklehne und mich auf meiner Diagnose ausruhe, wohingegen es Menschen früher auch schlecht ging, diese aber keine bequeme Diagnose bekamen. In einer gesunden Phase meines Lebens würde ich fragen: „Wie meinst du das?” Oder, wenn ich keine Lust auf eine Diskussion habe: „Doch, Depressionen gab es auch früher, Punkt.” Wenn ich aber depressiv bin, dann verletzt mich dieser Satz, weil er mir abspricht, dass ich eine echte Krankheit habe. Das triggert Schamgefühle und bestätigt mich in den depressiven Gedanken wie: Ich übertreibe. Oder: Ich bin ein Schwächling.

Ähnlich abwertend klingt ein Satz, den Uli zu hören bekam: „Kein Wunder, dass du dich einsam fühlst, so bist du echt nicht auszuhalten“. Hannken-Illjes: „Das ist Devaluierung. Dich mag eh keiner, und wenn du dich auch noch so verhältst, wird dich auch keiner mögen. Außerdem schwingt mit: Du hast es selbst in der Hand, Freunde zu haben und dass Menschen nett zu dir sind. Und damit sie nett zu dir sind, musst du dich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Die sind nicht einfach so nett zu dir – und ich übrigens auch nicht.“ Christina Jochim sagt: „Sprache hat Macht. Was ich höre, hat Einfluss auf das, was ich fühle. Das beeinflusst, was ich denke und das wiederum bestimmt, was ich fühle – und das wiederum hat Einfluss auf das, wie ich handele.“ Ich finde den ersten Satz der Psychologin wichtig, deshalb möchte ich ihn hier wiederholen: Sprache hat Macht. Manchmal mehr, als uns bewusst ist.

Auch Angehörige leiden

Depressionen sind nicht nur für Erkrankte eine Herausforderung, die bis in den Suizid führen kann. Christina Jochim erklärte mir, dass Angehörige manchmal wirklich schwer nachvollziehen können, wenn eine Person, die sie klug, attraktiv und sympathisch finden, negativ von sich denkt und spricht. Und die noch dazu alles sehr stark auf sich bezieht und in Katastrophen denkt, was bei einer depressiven Episode häufiger vorkommt. „Manchmal sind aufmunternde Sätze ein missglückter Versuch, Trost zu spenden, wenn sie nicht mit Validierung einhergehen“, meint Jochim. Das heißt: Angehörige sollten das Leid der depressiven Person anerkennen, nicht nur aufmuntern.

Heißt das, wir müssen Menschen mit Depressionen grundsätzlich anders behandeln? Jein, meint Jochim. Ja, besondere Umstände brauchten einen besonderen Umgang, Aufmerksamkeit und Empathie. Gleichzeitig ist es aber wichtig, ein Stigma nicht zu verstärken. Wenn Angehörige versuchen, die depressive Person in Watte zu packen, besteht die Gefahr, dass sich Angehörige damit überfordern – und sich letztlich auch zurückziehen. Vorsichtig müssen wir sein, wenn eine Person suizidgefährdet ist. Denn dann kann ein verletzender Kommentar für die erkrankte Person lebensgefährlich werden, so Jochim.

Alle haben ein Recht auf ihre Gefühle – auch die Angehörigen

Was mich an meiner Umfrage besonders berührt hat, ist, wie genau sich die Betroffenen an die Wortwahl erinnern können – und wie klar sie sehen können, was sie daran verletzt hat. Wir alle kennen Worte, die uns vor vielen Jahren schwer getroffen haben und die uns heute noch beschäftigen. Sprache, wir erinnern uns, hat Macht. Sie kann unterstützen oder verurteilen, helfen oder das Leben schwerer machen.

Wir Betroffenen haben ein Recht auf unsere Gefühle. Ein Recht darauf, verletzt zu sein. Das gilt aber auch für Angehörige. Denn sie tragen in vielen Fällen unsere Erkrankung mit, und das ist alles andere als einfach. Es kann furchtbar sein, in eine Depression zu rutschen. Es kann aber genauso schlimm sein, machtlos und verunsichert mitanzusehen, wie es der Person immer schlechter geht, die man liebt. Es ist nicht einfach, krank zu sein. Es ist aber manchmal auch nicht einfach, gesund zu sein.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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