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Ein Jahr Digitalunterricht

Das falsche Bild vom Corona-Schuljahrgang

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Wer Kinder hat, die noch zur Schule gehen, muss in den vergangenen Monaten irgendwann Panik bekommen haben:

„Wir gehen ganz stark davon aus, dass wir in ein, zwei Jahren erleben werden, wie Drittklässler weder richtig lesen können, noch die Buchstaben oder die Zahlen richtig kennen“, sagt Arche-Chef Bernd Siggelkow in der Süddeutschen Zeitung.

„Bei Schülern wächst die Gefahr, keinen Schulabschluss oder zumindest den angestrebten Abschluss nicht mehr zu erreichen. Das bedeutet massiv verschlechterte Zukunftschancen“, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger.

Und der Spiegel titelt: „Der Schulausfall wird zur Billionen-Bombe.“

Viele benutzen jetzt dieses Wort: Corona-Jahrgang. Um das zu beschreiben, was an den Schulen gerade passiert. Der Corona-Jahrgang: eine Schülergeneration, die in dieser Pandemie durch die Lockdowns so viel verpasst, dass sie die Lernrückstände ein Leben lang nicht mehr aufholen wird. Ein Horror-Szenario, für die Schüler:innen und ihre Eltern.

Aber gibt es diesen Corona-Jahrgang wirklich? Welche Studien liegen dazu vor? Was wissen wir noch nicht? Wie berechtigt ist die Panik? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir herausfinden, wie gut der Distanzunterricht in Deutschland ist. Wie groß die Lernrückstände bisher sind. Und wie gut wir Schüler:innen helfen, die eine Zeit lang weniger gelernt haben als ursprünglich geplant.

Was wir über den Distanzunterricht wissen

Wie viel die Schüler:innen in Deutschland während des Lockdowns lernen, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, wie gut die technische Ausstattung ist, bei Lehrkräften und bei Schüler:innen. Oder davon, ob die Lehrer:in schon mal eine Fortbildung zum digitalen Unterrichten besucht hat. Aber auch davon, wie viel Zeit die Schüler:innen zuhause überhaupt damit verbringen, zu lernen. Und wie gut der Distanzunterricht ist.

Aber der Reihe nach. Fangen wir an mit verlorener Unterrichtszeit. Eine Umfrage des Ifo-Instituts unter der Leitung des Bildungsökonomen Ludger Wößmann hat für den ersten Lockdown ermittelt: Während des Distanzunterrichts hat sich die Zeit, die Schulkinder mit schulischen Aktivitäten verbringen, von durchschnittlich 7,4 auf 3,6 Stunden täglich halbiert. Einen großen Unterschied zwischen Akademikerkindern und Kindern von Nicht-Akademiker:innen gab es dabei – entgegen der Befürchtungen – nicht.

Aber: „Man kann nur darüber spekulieren, in welcher Weise die geringere Lernzeit zu Lerneinbußen führt“, sagt der Bildungsforscher Kai Maaz, er leitet das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Denn: Selbst, wenn Kinder und Jugendliche normalerweise 7,4 Stunden pro Tag in der Schule sind – wie viel dieser Zeit verbringen sie dort wirklich mit „schulischen Aktivitäten“? Unterricht kann sehr kurz und total gut sein. Oder mühsam lang und total lahm.

Kommen wir also zum zweiten Punkt: die Unterrichtsqualität. Während des ersten Lockdowns hatte laut Ifo-Befragung mehr als die Hälfte der Schüler:innen (57 Prozent) seltener als ein Mal pro Woche gemeinsamen Online-Unterricht, nur sechs Prozent täglich. In einer anderen Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Auftrag der Onlinelernplattform Simpleclub 1.000 Schüler:innen weiterführender Schulen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren befragt: 44,5 Prozent bewerteten den Distanzunterricht als „mittelmäßig“, knapp ein Viertel gab sogar an, „sehr zufrieden“ zu sein, „nicht zufrieden“ war ein knappes Drittel. 60 Prozent der Befragten zwischen 17 und 19 Jahren meinte, die Wissensvermittlung gestalte sich aktuell problematisch.

Ein überwiegender Teil der befragten Schüler:innen gab allerdings auch an, im Verlauf der Pandemie gelernt zu haben, sich Lernstoff ohne die Hilfe von Lehrkräften anzueignen (69,1 Prozent), sich selbst zu organisieren (68,8 Prozent) und sich eigenständig Quellen zum Finden von Lösungen zu suchen (67 Prozent).

Was wir über Lernrückstände wissen

Eine Gedichtinterpretation mehr oder weniger macht auch in diesem Schuljahr keinen Unterschied. Es geht um tatsächliche Lernrückstände. Von denen könnte man sprechen, wenn sich herausstellt, dass die Schüler:innen jetzt gerade zum Beispiel schlechter rechnen als die Jahrgänge vor ihnen, und zwar systematisch schlechter. Zu dieser Frage ist die Datenlage allerdings dünn, zumindest in Deutschland.

All die Tests und Befragungen, die man machen kann, gehen davon aus, dass Schüler:innen an einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Kompetenzen haben müssen. So ist der Großteil des Schulsystems aufgebaut: Kinder und Jugendliche im gleichen Alter sollen zum gleichen Zeitpunkt das Gleiche können. Lernen im Gleichschritt also.

Manche Schulen sind da deutlich freier; dort suchen sich die Schüler:innen die Inhalte auch in Nicht-Corona-Zeiten zum großen Teil selbst aus. Diese Schulen gehen derzeit oftmals sehr gelassen mit dem Distanzunterricht um. Die meisten Schüler:innen in Deutschland gehen aber auf Schulen, in denen Lernen weniger flexibel und zeitlich enger getaktet ist.

Eine Studie aus Hamburg hat während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 das Leseverstehen und die mathematischen Fähigkeiten untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es durch Corona zu keinen größeren Einbußen kam. Die Kompetenzen der Schüler:innen, die im Jahr 2019 unter normalen Unterrichtsbedingungen getestet worden sind, haben sich nicht sonderlich von denen derjenigen unterschieden, die wegen der Pandemie von zuhause aus lernen mussten. Allerdings: Aus der zweiten Gruppe brachen mehr Schüler:innen als üblich die Aufgaben ab. Und: Schüler:innen, zu denen Lehrkräfte derzeit keinen Kontakt haben, haben wahrscheinlich nicht teilgenommen. Dabei könnten genau diese Schüler:innen am meisten Schwierigkeiten haben.

Die wahrscheinlich größte Studie zu Lernrückständen stammt nicht aus Deutschland, sondern aus den Niederlanden. Die Voraussetzungen dort waren eigentlich optimal: Es gab nur einen (im Vergleich zu anderen EU-Staaten) kurzen Lockdown (acht Wochen) und die technische Ausstattung der Schüler:innen und Lehrkräfte war ziemlich gut. Im Gegensatz zu der Hamburger Studie kommt die Untersuchung von 350.000 niederländischen Schüler:innen (Klassenstufe vier bis sieben) zu dem Ergebnis, dass der Corona-bedingte Lockdown zu deutlichen Einbußen in der Lernentwicklung geführt hat. Auch hier ging es wieder um Leseverstehen, Rechtschreibung und Mathematik. Am stärksten sind Rückstände bei Schüler:innen aus Familien mit einem eher bildungsfernen Hintergrund, die Verluste bei ihnen sind bis zu 55 Prozent größer.

Die Autor:innen schreiben: „Der durchschnittliche Lernverlust entspricht einem Fünftel eines Schuljahres, also fast genau dem Zeitraum, in dem die Schulen geschlossen blieben. [...] Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Schüler während des Lernens von zu Hause aus nur geringe oder gar keine Fortschritte gemacht haben und legen nahe, dass die Verluste in Ländern, die weniger auf das Lernen von zu Hause aus vorbereitet sind, viel größer sind.“ Gut vorbereitet war Deutschland nicht.

Ein Land weiter: Belgische Forscher:innen werteten standardisierte Grundschultests der vergangenen fünf Jahre aus und verglichen die Ergebnisse mit dem Corona-Jahr. Sie schreiben: „Wir stellen fest, dass die Schüler des Jahrgangs 2020 in allen getesteten Fächern erhebliche Lernverluste erfahren haben.“ Und weiter: „Schulen mit einer stärker benachteiligten Schülerpopulation haben größere Lernverluste erfahren.“

Vergleichbare Studien aus Deutschland gibt es bisher nicht. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung bemängelte im Januar fast jede dritte Lehrkraft bei mehr als der Hälfte der Schüler:innen Defizite. Laut der Umfrage betreffe das besonders Förderschüler:innen. Hier bestätigt jede zweite Lehrkraft (54 Prozent) bei mehr als der Hälfte der Schülerschaft Defizite.

Wie schlecht wir Lernrückstände bisher aufgeholt haben

Wir wissen also noch nicht, ob und wie genau sich die Corona-Monate auf die Zukunft der Schüler:innen in Deutschland auswirken werden. Aber vielleicht helfen historische Erfahrungen mit Schulschließungen etwas weiter. Im Jahr 1990 gingen Lehrer:innen im belgischen Landesteil Wallonien über Monate hinweg in einen Streik. Danach blieben wallonische Schüler:innen deutlich häufiger sitzen und machten häufiger schlechtere Abschlüsse als im Landesteil Flandern, wo es keine Streiks gab.

Auch in Deutschland gibt es Erfahrung mit Lernrückständen. Bis 1964 fingen die neuen Schuljahre nicht in allen Bundesländern zum 1. August an. Um die Bundesländer anzugleichen, kam es in Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Saarland, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu zwei sogenannten Kurzschuljahren.

Diese Generation hat tatsächlich weniger Geld verdient und schlechtere Jobs bekommen als viele Altersgenoss:innen, die nicht vom Kurzschuljahr betroffen waren. Die wenigen Monate weniger Schulzeit ihr Lebenseinkommen beeinflusst, das haben Bildungsökonomen berechnet. Das Minus liegt im Schnitt bei fünf Prozent ihres gesamten Lebenseinkommens.

Auch für Corona stehen große Zahlen im Raum. „Schulausfall kostet zukünftige Generationen bis zu 3,3 Billionen Euro“, schreibt der Spiegel. Ludger Wößmann, der Bildungsökonom, der diese Zahl berechnet hat, geht auch hier davon aus, dass das Lebenseinkommen bei den „Corona-Schüler:innen“ 4,5 Prozent geringer sein wird. Die Berechnungen nehmen an, dass die Schüler:innen derzeit tatsächlich weniger lernen als die Jahrgänge vor ihnen, so wie es die niederländische Studie nahelegt. Und dass wir es nicht schaffen, etwaige Rückstände jemals auszugleichen.

Lehrkräfte berichten, dass sie manche Schüler:innen seit Wochen nicht erreichen. Eine Erzieherin erzählte mir im Dezember: „Ab vier Uhr nachmittags verkümmern die Kinder. Und wenn die nicht in die Schule gehen, dann verkümmern die den ganzen Tag.“

Diese Aussage liest sich erschreckend, klar. Sie ist es auch. Man muss sie aber differenziert betrachten, das ist wichtig. Denn die Erzieherin sagt nicht: Es verkümmern alle Kinder. Sondern die zehn Kinder, die sie auf einer Brennpunktschule betreut.

Die Studien aus den Niederlanden und Belgien deuten schon an, dass der Distanzunterricht auch in Deutschland Auswirkungen haben wird. Das kann auch niemanden überraschen, mitten in einer weltweiten Pandemie. Aber: Wenn wir alle Schüler:innen gemeinsam betrachten, von der ersten zur 13. Klasse, zoomen wir raus, obwohl wir reinzoomen müssten. Nicht auf die einzelnen Jahrgänge müssten wir schauen, nicht auf die einzelnen Schulen, auch nicht auf die einzelnen Klassen – sondern auf die einzelnen Schüler:innen. Dann wird auch klar: Entgegen des Trends, den die oben genannten Studien nahelegen, wird es nicht allen Schüler:innen durch den Lockdown schlecht gehen – manche werden vielleicht sogar vom ihm profitieren. Weil sie in der Schule ständig gestört oder gemobbt wurden, und jetzt von dem direkten Kontakt zur Lehrkraft profitieren. Weil sie selbstständiger geworden sind oder weil sie sich bei Zoom öfter am Unterricht beteiligen.

Von einem „Corona-Jahrgang“ zu sprechen, der alle Schüler:innen Deutschlands wie eine einzige Klasse betrachtetet, ergibt deshalb wenig Sinn. Dieser Begriff macht alle gleich, obwohl sie nicht gleich sind. Er trübt den Blick auf das, was wichtig ist.

Was wir gerne verdrängen

Eine Befragung des Nationalen Bildungspanels vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe zeigt, „dass die Kinder mit hoher Lesekompetenz und hoher Anstrengungsbereitschaft besser mit dem Lernen zuhause zurechtkamen.“

Die Basis dafür wurde aber vor Corona gelegt, nicht erst in den vergangenen zwölf Monaten. Kultusminister:innen präsentieren Präsenzunterricht gerne als die Lösung aller Probleme; die Rückkehr zum Status quo ist ihr Ziel. Dabei war der Status quo ziemlich unfair. Leistungsschwache Kinder waren auch vor Corona fast immer arme Kinder. Warum? Ein paar Beispiele aus Berlin:

Vertretungsstunden: An Grundschulen, an denen 70 Prozent der Schüler:innen aus armen Haushalten kommen, wurden von 2010 bis 2017 14,6 Prozent aller Schulstunden vertreten. An privilegierten Schulen nur zehn Prozent. An sozial benachteiligten Sekundarschulen fallen im Schnitt bis zu drei Prozent der Stunden komplett aus, an den privilegierten Schulen sind es nur zwei Prozent.

Schüler:innen aus armen Haushalten sind in Berlin lernmittelbefreit, das heißt sie bekommen Schulbücher und ähnliches vom Land gestellt, weil die Eltern sich den Eigenanteil nicht leisten können. Der Tagesspiegel hat die Unterschiede zwischen benachteiligten und privilegierten Schulen zusammengefasst.

Quereinstiege: Der Anteil von Quereinsteiger:innen ist an Grundschulen mit über 70 Prozent Kindern aus armen Haushalten 2,3-mal so hoch wie an Schulen mit Kindern aus privilegierten Familien. Bei ersteren waren 6,4 Prozent des Kollegiums Quereinsteiger:innen, bei letzteren 2,7 Prozent.

Überhaupt schafften vor Corona im Schnitt gerade einmal 50 Prozent der Schulen in Berlin eine hundertprozentige Abdeckung, hatten also genug Lehrkräfte, um alle Schulstunden zu unterrichten. Bei sozial benachteiligten Grundschulen schafften nur 35 Prozent der Schulen die volle Abdeckung, bei privilegierten Grundschulen waren es 55 Prozent.

Bildungsforscher Kai Maaz sagt: „Wir hatten auch schon vor Corona das Problem, dass wir Schüler in der neunten Klasse haben, deren Kompetenzen noch auf Grundschulniveau sind. Die Frage ist, wie groß diese Gruppe nach Corona sein wird und wie groß die Lerneinschnitte sein werden.“ Klar ist: Es kommt auch aufs Alter an. Schüler:innen in der Oberstufe werden nicht so stark betroffen sein wie Schüler:innen, die gerade in der ersten oder zweiten Klasse sind. Maaz: „Wer Defizite im Lesen, Schreiben und Rechnen hat, für den öffnen sich andere Bildungswelten auch seltener.“

Also doch ein verlorener Corona-Jahrgang? „Ich halte diese Bezeichnung für nicht gerechtfertigt“, sagt Kai Maaz. „Die Zahlen wie Billionen-Verluste haben für mich eine nachrangige Bedeutung. Ziel sollte sein, keine Panik zu verbreiten, und dabei helfen sie uns nicht weiter.“ Die Überlegung muss also sein: Was können wir tun, damit genau das nicht passiert?

Worauf es jetzt ankommt

Es werden jetzt auch radikale Lösungen diskutiert. In der Zeit schlägt die Journalistin Jana Hensel vor, das Schuljahr einfach zu wiederholen – und zwar für alle. Im Spiegel schlägt Bildungsforscher Marcel Helbig vor, das Schuljahr zu verlängern, bis Weihnachten – auch für alle.

Was diese Vorschläge gemeinsam haben: Auch sie behandeln die Schüler:innen gleich. Dabei gibt es Schüler:innen, die in den vergangenen Wochen so gut und ungestört lernen konnten wie nie zuvor. Und Kinder, die den Namen ihrer Klassenlehrerin mittlerweile nicht mehr wissen.

Während und nach Corona wird es auf das Gegenteil ankommen: Ungleiches ungleich behandeln. Darin ist unser Schulsystem allerdings ziemlich schlecht.

Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani sagt: „Die Ursachen für Ungleichheit haben nichts mit Schule zu tun. Nirgendwo werden Kinder so gleich behandelt wie im Unterricht. Das ist schön. Aber indem man unterschiedliche Kinder gleich behandelt, reproduziert man ihre Ungleichheit.“

Das heißt: Es geht nicht darum, diesen einen Corona-Jahrgang zu retten. Es geht darum, denen zu helfen, die es schon vor Corona schwer hatten – und jetzt noch schwerer. Wir können natürlich für jeden weiteren Tag im Lockdown hochrechnen, wie viel Lebenseinkommen die Schüler:innen jetzt wieder verloren haben. Wichtiger ist es aber, jede Schülerin und jeden Schüler einzeln anzuschauen. Wenn dann herauskommt, dass einzelne von ihnen eigentlich weiter sein sollten, kann das bei den Jüngsten bedeuten: sich auf Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren, die berühmte Entschlackung des Lehrplans. Auf außerschulische Bildungsanbieter und Nachhilfeangebote zurückgreifen. Dafür brauchen diese Schulen Geld. Nicht alle Schulen, sondern die Schulen mit Schüler:innen aus ärmeren Verhältnissen. Die, die schon vor Corona unter schlechteren Bedingungen gearbeitet haben.

Dann können sie sich vielleicht auch Maßnahmen leisten, die nachgewiesenermaßen helfen, wie das Programm „Rock your life!“, ein 2008 von Unistudent:innen gegründetes Mentoringprogramm, das mittlerweile in 42 Städten in ganz Deutschland läuft. Die Student:innen begleiten die Acht- und Neuntklässler:innen als Pat:innen beim Übergang in die berufliche Ausbildung oder auf ihrem Weg in die schulische Oberstufe. Die meisten der Schüler:innen kommen von Hauptschulen oder vergleichbaren Schulformen in ärmeren Stadtteilen. Eine Langzeitstudie des Ifo-Instituts hat vergangene Woche gezeigt: Das hilft! Ein Jahr nach dem Programmstart haben sich die Schulnoten in Mathe, die Geduld und die Sozialkompetenzen verbessert.

Noch einfacher ist es, in Grundschulen und Ganztagsschulen zu investieren, das heißt in die Orte, an denen ungleiche Startchancen am besten ausgeglichen werden können. Nicht für die nächsten ein oder zwei Jahre, um die Folgen der Pandemie auszugleichen. Sondern ab jetzt und für immer, das wäre dann Problembekämpfung und Prävention in einem, als neuer Status quo. Der bisherige ist sowieso unfair.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotoredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Christian Melchert

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