Streit um die Schulen

Geht so sichere Bildung?

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Der Streit um die Schulen dauert jetzt elf Monate und bisher ging es vor allem um eine Frage: Schulen auf oder Schulen zu? Dass diese Frage unterkomplex ist, habe ich hier schon mehrfach beschrieben. Sie lässt nämlich keinen Zwischenraum, dabei wäre der so wichtig. Die Frage muss eigentlich lauten: Wie bekommt man die Schulen sicher? Die Pandemie hört ja erstmal nicht auf. 

Gestern erschien eine neue Leitlinie zur Prävention und Kontrolle von Corona-Übertragungen in Schulen, die diese Debatte voranbringen soll. Sie ist besonders, in vielerlei Hinsicht – nur inhaltlich nicht. Wichtig ist sie trotzdem.

Entwickelt haben sie 36 Organisationen, Fachgesellschaften und Institutionen (u.a. das RKI, Lehrerverbände und Forscher:innen) im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, koordiniert von einer der führenden deutschen Public-Health-Expertinnen, Eva Rehfuess von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kommen wir nur kurz zum Inhalt und dann dazu, was die Leitlinie so besonders macht, was wir aus ihr lernen können und welche Rolle sie künftig spielen könnte.

Das steht drin 

  1. Kohorten: Klassen und Jahrgänge sollen je nach Infektionsgeschehen in feste Gruppen eingeteilt und getrennt unterrichtet werden. Grundschüler:innen sollen zuerst in den Präsenzunterricht zurückkehren, Einschränkungen immer erst für ältere Schüler:innen gelten.

  2. Medizinische Masken: Masken sollen grundsätzlich getragen werden, auch bei niedrigem Infektionsgeschehen (Ausnahme dann nur für Grundschüler:innen möglich). Nimmt das Infektionsgeschehen zu, sollen medizinische Masken getragen werden. 

  3. Der Schulweg: Zusätzliche Züge und Busse sollen eingesetzt werden, ein versetzter Unterrichtsstart oder Wechselunterricht die Wege entlasten. Bei hohem Infektionsgeschehen: medizinische Masken in Bus und Bahn.

  4. Musik- und Sportunterricht: Soll wieder stattfinden, aber ohne Singen und Blasinstrumente, Sport (wenn es geht) draußen.

  5. Lüften: Alles wie bisher. Querlüften in den Pausen und alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten. Richtige Lüftungsanlagen können das ersetzen, mobile Lüfter nur ergänzen.

  6. Was tun bei Krankheitssymptomen? Kein Präsenzunterricht bei Fieber, trockenem Husten, Bauchschmerzen, gestörtem Geruchs- oder Geschmackssinn. Bei laufender Nase, gelegentlichem Husten oder Halskratzen dürfen Schüler:innen weiter kommen.

  7. Und was bei einer Infektion? Direkte Kontakte (Sitznachbar:innen) sollen 14 Tage in Quarantäne; alle weiteren Schüler:innen einer Klasse sollen weiter am Präsenzunterricht teilnehmen (wenn Masken getragen und Abstände eingehalten wurden).

Was den Leitfaden so besonders macht

Jetzt könnte man zurecht anmerken, dass das ja wirklicht nichts Neues ist. Welche Rolle Schnelltests bei Lehrkräften und Schüler:innen spielen könnten, wird auch komplett ausgelassen – obwohl sie sehr groß sein könnte. 

Besonders ist vor allem das Zustandekommen der Empfehlungen. Ich habe es oben schon erwähnt: 36 Institutionen, mehr als 50 Fachleute, haben an dem Leitfaden gearbeitet, unter anderem Gesundheitsämter, das Robert Koch-Institut, Lehrerverbände, Eltern und auch: der Bundesschülerrat. Die Schüler:innen wurden in der Debatte sowieso viel zu lange ignoriert. 

Das allein ist bemerkenswert. Viel transparenter als die Leitlinie geht es kaum: Bei jeder Maßnahme kann man sehen, wie viele der Beteiligten dafür gestimmt haben, wie viele dagegen und wie viele Stimmberechtigte sich enthalten haben. Die Teilnehmer:innen waren sich immer zu mindestens 75 Prozent einig. Außerdem wägt der Leitfaden bei jeder Maßnahme zwischen Nutzen und Schaden ab und benennt mögliche Bedenken.

Ein Screenshot aus dem Leitfaden mit einer tabellarischen Ansicht dazu, wie die Entscheidung zustande kam.
Für jede Maßnahme wird aufgelistet, wie die Entscheidung zustande kam.

Zu jeder Maßnahme ist in dem Papier vermerkt, wie gut die Studienlage, wie evident also die Empfehlung derzeit ist (insgesamt flossen rund 40 internationale Studien ein). Eigentlich sollte die Qualität der Evidenz in vier Stufen eingeteilt werden: sehr niedrig, niedrig, moderat und hoch. Nur: besser als „niedrig“ war die Evidenz bei keiner der Maßnahmen – die Studienlage ist in den meisten Fällen erschreckend dünn.

Das zeigt uns schon, was wir auch aus dieser Leitlinie lernen können: Nach einem Jahr mit immer wieder geschlossenen Schulen, Streits um die Wiedereröffnung und Phantomstreits über mögliche Treiber der Pandemie wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie sichere Schulen aussehen könnten. Der Leitfaden ist evidenzbasierte Unkenntnis. Oder nach Sokrates: Wir wissen, dass wir kaum etwas wissen. Das Bittere ist ja eigentlich, dass es elf Monate gedauert hat, so viele Menschen an einen Tisch zu bringen und eine Leitlinie zu entwickeln. Aber vielleicht ist das derzeit das Beste, was wir haben. Das ist wichtig für jede Debatte, die wir über Schulen führen; in denen wird nämlich oft behauptet, dass doch alles ganz klar sei – ist es nicht. 

Was jetzt? 

In der Leitlinie steht nicht, ab welcher Inzidenz welche Maßnahmen gelten sollen. Sie verweist aber auf das RKI – das hatte schon vor Monaten ab einer 7-Tage-Inzidenz von über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner:innen Wechselunterricht empfohlen. Hat sich nur kaum ein Kultusminister dran gehalten. Vielleicht wird das jetzt anders.

Morgen trifft sich die Bundeskanzlerin wieder mit den Ministerpräsident:innen. Auch Kitas und Schulen werden wieder eine große Rolle spielen. Angekündigt wurde ein langfristiger Plan. Die neue auch Leitlinie ist kein großer Wurf, aber sie könnte wichtig werden. Denn während in den Beratungsrunden der Kanzlerin und Ministerpräsident:innen lange keine 50 Fachleute angehört werden können und wichtige Perspektiven fehlen (Bundesschülerrat, Bildungsforscher:innen, Soziolog:innen etc.), liefert der Leitfaden eine Einschätzung mit Konsens. Er ist wenig konkret und er ist auch nicht der verbindliche Plan, auf den wir alle warten: klare Stufen für den Weg aus dem Lockdown und klare Ziele.

Aber: Leitlinien sind in der Medizin dazu gedacht, Ärzt:innen bei Entscheidungen zu helfen. Diese Leitlinie ist besonders, weil sie sich nicht an Mediziner:innen richtet, sondern an Lehrkräfte, Schulämter und Minister:innen. Am Prinzip ändert sich aber nichts.

Deshalb muss ein richtiger Plan sowieso von den Ministerpräsident:innen und Kultusministerien kommen. Wäre langsam Zeit. Vor allem, wenn sie sich – wie heute bekannt wurde – für eine schrittweise Öffnung der Schulen ab dem 15. Februar aussprechen


Schlussredaktion: Susan Mücke.

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