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Geld regiert die Welt – ich erkläre, wie, Folge 2

Ist mein Geld bald weniger wert?

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Geld regiert die Welt – ich erkläre, wie
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Geld regiert die Welt – ich erkläre, wie
Bei Wirtschaftsfragen verknotet sich dein Gehirn? Keine Sorge, das lässt sich ändern. In dieser Serie beantworte ich eure Fragen zur Finanzwirtschaft.
02
Ist mein Geld bald weniger wert?

Hi Rebecca,

die Frage ist mir gar nicht peinlich, aber ich verstehe es noch nicht richtig.

Die Dotcom-Blase und die Finanzkrise 2008 waren jeweils Blasen. Als dann der Auslöser kam, wurde das Geld knapper (Kurse sanken) und das ließ die Blase platzen. In beiden Fällen wurde das Problem durch noch mehr Geld „gelöst“, indem der Zinssatz der Zentralbank gesenkt wurde. Jetzt kann an der Schraube nicht mehr gedreht werden. Warum kam es nicht zur Inflation? Wann, wenn überhaupt, kommt es zur Inflation (Bedingungen, nicht genauer Zeitpunkt)?

Die Dotcom-Blase bezeichnet eine Spekulationsblase rund um Computer- und Internetunternehmen in den 1990er Jahren. Ab circa 1995 stiegen deren Preise an den Börsen in schwindelerregende Höhen, allein im Jahr 1999 bei manchen Unternehmen um 1.000 Prozent. In dieser Zeit konnten schwammige Ideen oder ein .com am Namensende reichen, um Investoren zu überzeugen. Im Jahr 2000 platzte die Blase, die Preise für Internetunternehmen an der Börse fielen rapide. Insbesondere Privatpersonen verloren dabei Vermögen, das sie vorher in die Unternehmen investiert hatten.

Gruß, Klaus


Lieber Klaus,

es gab Zeiten, da konnte man mit dem Thema Inflation Wahlen gewinnen. Die MAGA-Hüte der 1970er Jahre waren rote Buttons, auf denen WIN gedruckt war, was für „Whip Inflation Now“ stand, auf Deutsch etwa: „Schlagt die Inflation jetzt“. Der damalige US-Präsident Gerald Ford versuchte in einer riesigen PR-Kampagne, Menschen zu animieren, diese Buttons zu tragen und so zu zeigen, dass sie sich persönlich am „Kampf gegen die Inflation“ beteiligen wollten. Selbst der Beatles-Musiker George Harrison, der ihn im Weißen Haus besuchte, bekam einen Button in die Hand gedrückt.

Die US-Bürger:innen sollten ihr Geld sparen, statt auszugeben und weniger Lohnerhöhungen fordern. So hoffte Ford, dass die Preissteigerungen verlangsamt werden würden. Die Kampagne kam bei vielen Menschen nicht gut an, manche trugen die Buttons verkehrt herum am Revers – aus WIN wurde NIM, kurz für „No Immediate Miracles“, zu Deutsch: „Keine unmittelbaren Wunder“. Die Inflationsrate sank nicht, die US-Bürger:innen wählten Ford nicht ein zweites Mal zum Präsidenten. Mehr Infos zu dieser Zeit gibt es in dieser Podcast-Folge von Planet Money.

Ein roter Button mit weißen Buchstaben, auf dem WIN und darunter
Mit roten Buttons gegen die Inflation – hat nicht so gut funktioniert

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Ich muss gestehen: Für mich hört sich das sehr weit weg an. Als Deutsche sollte ich ja wegen der Hyperinflation im Deutschland der Zwanzigerjahre angeblich eine Urangst vor Inflation verspüren. Aber obwohl ich die Gruselgeschichten aus dieser Zeit kenne, als ein Kilo Roggenbrot 5,6 Milliarden Reichsmark kostete, muss ich mir immer wieder kurz ins Gedächtnis rufen, warum genau Inflation nochmal ein Problem ist. Das ist auch kein Wunder, wenn man sich die deutsche Inflationsrate seit meiner Geburt anschaut: In meinem Geburtsjahr 1993 lag sie für Deutschland noch bei 4,5 Prozent, hat aber seitdem nie mehr drei Prozent überstiegen. In den Industrieländern ist die Inflationsrate seit Jahren niedrig. Aus dieser Perspektive gab es in den vergangenen Jahrzehnten schlicht drängendere Probleme als Inflation – die Klimakrise zum Beispiel.

Auch in den Ländern des Südens ist die Inflationsrate im Schnitt gesunken. Trotzdem gibt es dort Länder, deren Bewohner:innen unter hoher Inflation oder sogar Hyperinflation leiden. In Venezuela lag die Inflationsrate 2019 bei 19.900 Prozent, in Simbabwe bei 255 Prozent und in Argentinien, dem Iran, Sudan und Südsudan um die 50 Prozent, schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF). Die Gründe dafür sind im Einzelnen kompliziert, grob zusammengefasst bewegen sie sich zwischen „jahrelangem Missmanagement“ der Politik, Abhängigkeit von Rohstoffen und anderen Ländern.

Warum zu viel Inflation ein Problem ist – und zu wenig auch

Für alle, die wie ich noch nie hohe Inflationsraten erlebt haben, kurz zur Erinnerung: Die Inflationsrate misst, wie viel teurer Produkte in einem Jahr in einem Land im Durchschnitt werden, wie viel Euro du also brauchst, um Brötchen, das neueste I-Phone oder ein Bahnticket kaufen zu können. Oder andersrum gesagt: wie viel weniger ein einzelner Euro wert ist.

Warum ist das ein Problem? Ein Beispiel: Nehmen wir an, Ute Müller hat ihr ganzes Leben für die Rente gespart und sich sehr vorbildlich früh mit Altersvorsorge beschäftigt – und dann steigt die Inflationsrate auf zehn Prozent. Ute kann ihrem Geld förmlich dabei zusehen, wie es jeden Tag weniger wert wird und sie damit mehr und mehr in die Altersarmut rutscht.

Zu viel Inflation ist also schlecht, weil es Erspartes entwertet. Zu wenig Inflation ist aber auch nicht gut, weil dann die Wirtschaft in eine Rezession rutscht. Im Euroraum liegt die angestrebte jährliche Inflationsrate bei knapp unter zwei Prozent.

Was die meisten Menschen über Inflation zu wissen glauben, stimmt nicht

Doch wann kommt es zu solch einer Geldentwertung? Fangen wir mit der Theorie an, die in deiner Frage mitschwingt und die mir auch meine Wirtschaftslehrerin in der Schule beigebracht hat. Es kommt zur Inflation, wenn auf einmal sehr viel mehr Geld im Umlauf ist – weil dann jedes einzelne Stück Geld weniger wert ist. Ich finde bis heute, dass das zunächst sehr plausibel klingt. Die Sache hat nur einen Haken: Nach dieser Theorie müssten die Preise seit 20 Jahren massiv steigen.

Diese Quantitätstheorie ist eine der Grundannahmen im Monetarismus. Der einflussreichste Vertreter des Monetarismus war Milton Friedman, der wichtigste Theoretiker des Neoliberalismus und Lieblingsfeind aller Kapitalismuskritiker:innen von der Sozialdemokratie bis zur Linkspartei. Er glaubte, der Staat solle die Geldmenge kontrollieren und ansonsten alles dem Markt überlassen, inklusive Schulwesen und Sozialversicherungen.

Denn wie du richtig geschrieben hast, reagieren die Zentralbanken seit den Nullerjahren auf jede Krise (sei es eine weltweite Pandemie, eine Vertrauenskrise beim Euro oder Banken, die pleite gehen), indem sie massenhaft Geld ins System pumpen. Trotzdem liegt die Inflationsrate in der Eurozone seit 2013 unter den anvisierten zwei Prozent.

Zentralbanken sind für die Geldpolitik in einem Land oder Währungsraum zuständig, daneben geben sie die Münzen und Geldscheine aus. Das Hauptziel vieler Zentralbanken ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Also darauf zu achten, dass die Inflationsrate nicht allzu stark steigt, aber auch nicht zu niedrig ist. Dafür drehen sie traditionell an dem sogenannten Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank leihen können.

Seit den Nullerjahren spielen Zentralbanken auch eine große politische Rolle. Die Leitzinsen halten die Europäische Zentralbank (EZB) und das amerikanische Federal Reserve System (kurz Fed) dabei seit Jahren niedrig, weshalb sie zu weiteren Instrumenten greifen: Sie können auch Staatsanleihen kaufen mit Geld, das sie aus dem Nichts erschaffen. Der damalige Chef der EZB, Mario Draghi, hat in der wohl wichtigsten Rede seiner Karriere mitten in der Eurokrise 2012 gesagt, die EZB werde tun, „whatever it takes“, also was immer es koste, um den Euro zu retten. So hat er die Finanzmärkte beruhigt und den Euro stablisiert. Zu Beginn der Corona-Krise hat die amerikanische Zentralbank Fed sogar Anteile von Unternehmen gekauft, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Wer sich mit Wirtschaft beschäftigt, kommt um Psychologie nicht herum

Wie kann das sein? An dieser Stelle möchte ich an etwas erinnern, was man nicht oft genug sagen kann: Die Wirtschaftswissenschaft gehört zu den Sozialwissenschaften. Und in denen lassen sich keine Naturgesetze finden, die immer gelten, so schön das auch wäre. (Die Welt wäre so viel einfacher!) Aber Inflation ist nunmal nicht wie Schwerkraft, die immer wirkt, solange wir uns auf der Erde befinden. Nicht alle Menschen machen mit ihrem Geld das Gleiche – während ein Apfel nach den Gesetzen der klassischen Mechanik vom Baum fällt. Aber das Handeln von Menschen ist die Grundlage jeder Sozialwissenschaft.

Und deshalb kommt man nicht um Psychologie herum, wenn man sich mit Wirtschaftsthemen beschäftigt. Je nachdem, was für eine Inflationsrate Menschen wie du und ich erwarten, verhalten wir uns anders. Wenn du glaubst, dass es nächstes Jahr deutlich teurer wird, ein Haus zu kaufen, wartest du nicht lange, sondern kaufst es wahrscheinlich so schnell wie möglich. Aber wenn du davon ausgehst, dass die Preise ungefähr gleich bleiben, hast du es weniger eilig und sparst dir vielleicht lieber ein bisschen mehr Startkapital zusammen. Wenn sich alle so verhalten, beeinflusst das die Preise und damit die Inflationsrate.

Viele eher konservative deutsche Ökonom:innen glauben, dass sich allein mit diesem psychologischen Faktor erklären lässt, warum die Inflationsrate so viel niedriger ist, als ihre Modelle vorhersagen. Ihre Antwort auf deine Frage wäre also: Weil die Inflationsrate in den vergangenen Jahren niedrig war und jüngere Menschen wie ich keine Angst vor Inflation haben, kommt es auch nicht dazu – einfach, weil wir als Verbraucher:innen nicht glauben, dass es dazu kommt. Und uns demnach auch nicht so verhalten. Auch wenn es aufgrund der Geldmenge eigentlich anders hätte kommen müssen.

Viele andere Ökonom:innen aber überzeugt diese Argumentation allein nicht. So sind im Laufe der niedrigen Inflationsraten immer mehr Wissenschaftler:innen in ein anderes Lager übergelaufen: dem des Post-Keynesianismus. In dieser Theorie ist neben der Psychologie nicht die Geldmenge, sondern die Lage am Arbeitsmarkt entscheidend. Die Argumentation dahinter: Wenn die Arbeitslosigkeit niedrig ist, können Gewerkschaften höhere Löhne aushandeln, und weil sie mehr Geld auf dem Konto haben, sind die Menschen eher bereit, mehr Geld auszugeben. Was wiederum die Preise steigen lässt.

Soweit die Grundannahme. Gewerkschaften hatten es in den vergangenen Jahrzehnten allerdings nicht leicht. Durch die Globalisierung können Unternehmen bei Gehaltsverhandlungen immer sagen: Ihr wollt fünf Prozent mehr Lohn? Dann gehen wir halt in ein anderes Land, in eines, wo es keine starke Gewerkschaft gibt und wo auch die Lohnnebenkosten geringer sind! Dazu übernehmen Roboter Arbeiten, die früher Menschen gemacht haben. Das alles sind langfristige Veränderungen, die sich nicht einfach so zurückdrehen lassen.

Es gibt natürlich noch mehr Faktoren, die eine Inflationsrate beeinflussen. Dabei spielen auch die Rohstoffpreise eine Rolle. Die Inflationsrate ist so niedrig, seitdem der Ölpreis in sich zusammenfiel. Das war 2014.

Kann der Staat problemlos Schulden machen, wenn die Inflation so niedrig ist?

Von der Höhe der Inflationsrate hängt übrigens auch ab, inwiefern Staatsschulden ein Problem sind. Denn je niedriger die Inflationsrate, desto weniger Zinsen müssen Staaten für ihre Schulden zahlen. Tatsächlich bezahlen Investoren den deutschen Staat seit 2019 dafür, ihm Geld leihen zu können! Oder, in Fachsprache: Die Zinsen für deutsche Staatsanleihen sind negativ.

Innerhalb der Wirtschaftswissenschaft tobt schon seit einiger Zeit eine erbitterte Debatte zwischen zwei Lagern. Auf der einen Seite stehen Ökonom:innen, die darauf vertrauen, dass die Inflationsrate mittelfristig niedrig bleibt. Sie sagen: Es ist wichtig, dass Deutschland die niedrigen Zinsen nutzt, um etwas gegen den Klimawandel zu tun oder in die Digitalisierung zu investieren, um sich für die Zukunft zu wappnen. Andere Wirtschaftswissenschaftler:innen fürchten sich vor einer zu hohen Staatsverschuldung und davor, was passiert, wenn die Zinsen wieder steigen. Zu diesem Thema habe ich auch mal einen Text geschrieben.

Im Dezember hat der Economist in einem Leitartikel die Frage gestellt, ob die Inflation nach Corona nicht doch zurückkommen wird. Seitdem debattiert das Wirtschaftslager darüber. Ich glaube nicht, dass die Inflationsrate bald wieder zu einem Thema wird, das etwa den Ausgang der Bundestagswahl im Herbst bestimmen könnte. Denn an den strukturellen Faktoren, die ich oben beschrieben habe, hat sich wenig geändert. Und selbst die Autoren des Artikels halten es für unwahrscheinlich, dass die Inflationsrate langfristig steigt. Oder wie sie ganz am Anfang schreiben: „Economists love to disagree, but almost all of them will tell you that inflation is dead“, das heißt Ökonom:innen lieben es, unterschiedlicher Meinung zu sein, aber fast alle werden dir sagen, dass die Inflation tot ist.



Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele

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