Schacht, Schnaps und eine Axt

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Der Garten, in dem die Leichenteile gefunden wurden, liegt ganz hinten. Nummer 97 ist die Parzelle am Ende des siebten und letzten Weges. Verschlossene Eisentüren und eine eineinhalb Meter hohe Hecke versperren Zugang und Sicht. Ein guter Ort, um Dinge zu tun, die niemand bemerken soll.

Bergfrieden heißt die Schrebergartenanlage am Rand der Kleinstadt Sangerhausen in Sachsen-Anhalt. Die Kleingärtner sehen im Norden die Kupferhalde Hohe Linde am Stadtrand. Drehen sie sich um, blicken sie auf den Eingang zum Rosarium, der größten Rosensammlung Europas. Im Sommer hören sie die Grillen und die Kinder vom nahen Freibad. Sangerhausen ist die Rosenstadt.

Am Dienstag, den 3. September 2013, gruben Polizisten den Garten Nummer 97 um und fanden acht Plastiksäcke in einer Fäkaliengrube.

Im „Mordgarten“, wie er in der Stadt heute genannt wird, steht ein weißes Häuschen mit braunem Giebeldach und zugezogenen Vorhängen. Im Garten befinden sich eine rostige Hollywood-Schaukel und ein Tischchen mit vier angelehnten Plastikstühlen.

„Der ist schon vergeben“, ruft die Frau von der Nachbarparzelle.

Schrebergartenanlage Bergfrieden am Rand der Kleinstadt Sangerhausen: Im Sommer hört man die Grillen.

Der Garten auf der anderen Seite des Weges mit dem maroden Gewächshäuschen, der schiefen Leiter und dem auffallend schönen Rosenstrauch, der sei noch zu haben, sagt die Nachbarin. Um die Rosen habe sie sich in der Zwischenzeit gekümmert. In diesem Garten, Parzelle Nummer 99, lagen drei weitere Säcke mit verwesten menschlichen Überresten.

„Ein wunderbarer Mensch“ sei ihre Nachbarin gewesen, sagt die Frau am Gartenzaun, „immer hilfsbereit und nett“. Sie bekam oft Bohnen oder anderes Gemüse aus dem Garten geschenkt. Ihren Mann kannte sie kaum. Der habe eben viel getrunken.

Gerhard hatte schon in seiner ersten Ehe viel getrunken

Die Geschichte von Renate und Gerhard beginnt im Mai 1984. Alte Fotos zeigen Renate rundlich, mit Pausbacken und dunkelbraunem Pferdeschwanz. Gerhard wiegt 120 Kilogramm, hat breite Schultern und ein hervorstehendes Kinn. Als sie sich kennen lernten, hatten beide bereits Kinder und jeder eine gescheiterte Ehe hinter sich.

Renates erster Mann war anderen Frauen zugeneigt, doch das störte sie nicht. Erst als er nach elf Jahren Ehe mit einer anderen Frau zusammenleben wollte, ließen sie sich scheiden.

Gerhard hatte schon in seiner ersten Ehe viel getrunken. Seine Frau reichte die Scheidung ein, nachdem Gerhard sie geschlagen und mit einem Messer bedroht hatte. Den Kontakt zu seinen Kindern brach er daraufhin ab.

Renate wusste davon nichts. Als sie vier Monate zusammen waren, heiratete das Paar im September 1984. Gerhard zog zu Renate nach Rottleberode. Ein Jahr später kam ihr erster gemeinsamer Sohn Daniel zur Welt. In den nächsten Jahren folgten zwei Töchter: Nicole und Sandra.

Rottleberode, ein Dorf im Südharz mit 1.000 Einwohnern, wurde für Renate und Gerhard zur gemeinsamen Heimat. Ein verschlafener Ort mit Schlossteich, Gipswerk und einigen „Fremdenzimmern“ für Wandertouristen, die im Sommer kommen.

In der Schrebergartenanlage „Am Stolberg“ pachteten Gerhard und Renate eine Parzelle. Später zogen sie in die neu gebaute Wohnsiedlung „Domäne“ um, die nur 150 Meter entfernt lag. Der hufeisenförmige Gebäudekomplex besteht aus einem jahrhundertealten Herrenhaus aus Backsteinen und neueren Betonbauten mit Wohnungen und Gewerbe. Gerhard und Renate wohnten über einer Ladenfläche. Aus zwei runden Fenstern sahen sie direkt auf die Kirche gegenüber.

Tatort weiße Laube, mit braunem Giebeldach und zugezogenen Vorhängen.

Gerhard arbeitete nördlich von Rottleberode unter Tage. Die Bergmänner holten aus 300 Metern Tiefe Fluss- und Schwerspat an die Oberfläche. Diese Mineralien brauchten die Sowjets zur Aluminiumherstellung und zur Verarbeitung von Uran.

Männer wie Gerhard waren angesehene Leute, für diesen Ruf sorgte der Arbeiter- und Bauernstaat. „Bergmann, wer ist mehr?“, fragte der ehemalige DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl. Für die Arbeiter wurden in den Städten Wohnbau-Siedlungen aus dem Boden gestampft, daneben entstanden Schrebergartenanlagen, zur Selbstversorgung und zur Erholung nach der Schicht. Die Männer verdienten gut: 1.400 Mark im Monat gab es für jene, die in den Schacht stiegen. Und wer 25 Jahre im Bergbau, davon 15 unter Tage war, hatte Anspruch auf die „Schachtrente“. Viele gingen vorher kaputt.

Die Arbeit war hart, die Gänge waren dunkel, feucht und eng, der Lärm der schweren Maschinen war ohrenbetäubend, es roch nach Diesel. Bei manchen versagte die Lunge wegen der schlechten Luft, andere hatten es mit dem Rücken. Auch Gerhard litt. Doch er hielt durch, 25 Jahre für die volle Rente.

Bergleute erhielten Gutscheine für bis zu sechs Liter Schnaps

Gegen die Beschwerden half der Alkohol. Zusätzlich zum Lohn erhielten die Männer jeden Monat Gutscheine für bis zu sechs Liter Schnaps, die sie in einer nahen Brennerei einlösen konnten. Der Alkohol war die Handelsware der Bergleute. Doch die wenigsten tauschten ihn, sie brauchten ihn für sich. Sie putzten damit Fenster und Autos. Vor allem aber tranken sie ihn.

Auch Renate hatte in der DDR eine ganz ansehnliche Karriere hingelegt. Nach einer abgebrochenen Lehre als Friseurin hatte sie sich zur Wirtschaftskauffrau ausbilden lassen. Sie arbeitete bei der Staatsbank, der FDJ-Kreisleitung und als Betriebsprüferin. In einem Unternehmen für Pyrotechnik wurde sie zur Leiterin für Absatz und Beschaffung befördert. Seit 1986 arbeitete sie in Rottleberode im Büro des Bergbaubetriebs, für den auch Gerhard tätig war.

Der Bergbau hat im Landkreis Mansfeld-Südharz eine lange Tradition. Im historischen Mansfelder Land wurde ab dem 12. Jahrhundert, in Rottleberode ab dem 17. Jahrhundert abgebaut: Eisen, Buntmetalle, Gips und Flussspat. In der DDR boomte der Bergbau.

Dann kam die Wende, und bei den Bergleuten kamen zuerst die Freude und die Hoffnung auf noch bessere Tage. Das gute Gefühl: Wir werden Westen. Dann die Ernüchterung. Ein Bergbaubetrieb nach dem anderen im Osten wurde abgewickelt. Zu marode die Anlagen, zu veraltet die Technik. Kein Absatz mehr, weil die Sowjetunion auseinanderbrach.

Im Bergwerk: Bei manchen versagte die Lunge von der schlechten Luft, andere hatten es mit dem Rücken. Auch Gerhard litt.

1992 wurde auch der Schacht in Rottleberode aufgefüllt. Renate und Gerhard, ihre Kinder waren ein, drei und sieben Jahre alt, verloren ihre Jobs. Renate fand nie mehr eine feste Anstellung. Gerhard ließ sich zum Straßenbauer umschulen und verbrachte die restlichen Jahre bis zu seiner Rente als Leiharbeiter mal da, mal dort, auf dem Bau oder im örtlichen Gipswerk.

Die freien Tage, und davon gab es immer mehr, verbrachte Gerhard im Garten. Wenngleich zwischen Wohnung und Garten bloß 150 Meter lagen, setzte er sich jeden Morgen in den alten, roten Volkswagen. „Weil er zu besoffen war, um zu Fuß zu gehen“, sagt ein ehemaliger Nachbar.

Zuletzt schrie Gerhard nur noch rum und brach Streit vom Zaun

Geringe Mengen Alkohol sollen gut sein für das Herz. Wer aber über fünf Jahre mehr als eine halbe Flasche Schnaps pro Tag trinkt, geht das Risiko ein, dass sein Herz versagt. Gerhard trank bis zu viermal so viel. Ärzte empfahlen ihm eine Bypass-Operation. Ein Chirurg öffnete seinen Brustkorb, entnahm dann eine Arterie und setzte sie am Herzen wieder ein. Als er nach gut einer Woche aus dem Krankenhaus kam, war sein Herz wieder gut durchblutet. Gerhard trank weiter.

Mit dem Alter wurde er schwerhörig. „Das kam vom Schacht“, sagt ein ehemaliger Kumpel. Renate empfahl ihm ein Hörgerät, doch ihr Rat interessierte ihn schon lange nicht mehr. Über 25 Jahre hatte er den Lärm der schweren Maschinen ertragen. Nun ertrug er die Konsequenzen, das war ihm lieber.

Er habe zuletzt nur noch rumgeschrien, sagen die Nachbarn. Mit anderen Gärtnern stritt er über zu hohe Hecken, mit Freunden stritt er, weil er beim Schach verloren hatte. Eine Zeit lang soff er mit einem Saufkumpan aus dem Dorf eine Kiste Bier am Tag, bis er sich auch mit ihm zerstritt.

Als er nach gut einer Woche aus dem Krankenhaus kam, war sein Herz wieder gut durchblutet. Gerhard trank weiter.

Renate trug Gerhard Schnaps, Bier und Zigaretten hinterher. Wenn ihm was nicht passte, wurde er laut und grob. „Alte Schlampe, räum hier mal auf.“ Immer wieder schlug er sie, mit einer Tasse, mit einem Knüppel oder einem Bierglas. Die Veilchen und Platzwunden verdeckte Renate mit Schminke, oder sie trug eine Sonnenbrille, damit die Verletzungen niemandem auffielen.

Seine Kinder schlug Gerhard nie, er beschimpfte sie nur, häufig ohne Grund. Nachdem sie kurz nach der Jahrtausendwende ausgezogen waren, vermieden sie den Kontakt zu ihrem Vater. Sandra, die Jüngste, machte eine Ausbildung in Norddeutschland. Nicole zog in eine eigene Wohnung in Sangerhausen. Einzig Sohn Daniel, der in der Bundeswehr im nahen Bad Frankenhausen diente, saß manchmal noch am Mittagstisch. Er verachtete seinen Vater.

Um den Haushalt kümmerte sich Renate. Auch das gemeinsame Giro-Konto verwaltete sie. Gerhard schnitt Hecken, reparierte das Häuschen oder saß einfach nur da. Ab und zu schlief er auch im Schrebergarten. „Das war seine Oase, die hielt er immer in Schuss“, sagt ein ehemaliger Freund. In der DDR, als ein Kilo Gurken im Supermarkt noch sechs Mark kostete, ließ sich mit dem Gemüse aus dem Schrebergarten ein Leben finanzieren. Vorräte konnten an Sammelstellen gegen Geld eingetauscht werden. Doch nach der Wende war der Supermarkt zum übermächtigen Konkurrenten geworden.

Renate besserte ihre Hartz-IV-Bezüge mit Nebenjobs auf

Gerhard war egal, woher die Scheine kamen, er brauchte Schnaps und Gartenwerkzeug. Wenn Renate ihn auf Geldprobleme ansprach, fauchte er sie an, sie sei verschwenderisch und könne nicht mit Geld umgehen. Renate bekam Hartz IV. Das reichte nicht. Sie suchte sich Arbeit. Nicht einfach, nach 15 Jahren ohne feste Stelle. Für ein halbes Jahr konnte sie im Laden unter ihrer Wohnung aushelfen, zwei bis drei Stunden pro Tag, für 85 Euro im Monat, immer „zur vollsten Zufriedenheit“, sagt ihr Chef, ein Plüschtierhändler. Renate half ihm beim Vertrieb. Sie packte Teddybären und Kuschelhasen in Kartons.

Gerhard schnitt Hecken, reparierte das Häuschen oder saß einfach nur da.

Außerdem pflegte sie eine Freundin, die nach einem Hirnschlag im Koma gelegen hatte. Die Frau war alleinstehend und auf Hilfe angewiesen, als sie aus dem Spital nach Hause kam. Für 200 Euro im Monat kochte Renate zwei Jahre lang Essen und wusch Kleider.

Heute lebt die Freundin alleine in ihrem kleinen Eckhaus an der Hauptstraße. „Ich hatte ihr vertraut“, seufzt sie. Es ist Sonntag, ZDF-Fernsehgarten, „Aber bitte mit Sahne“ und „Verdammt, ich lieb dich“. Seit Renate weg ist, bringt ihr der Pflegedienst das Essen, erzählt sie, für 2,90 Euro unter der Woche und für 3,50 Euro am Wochenende, was günstig sei. Vor ihr liegt ein Schnipsel aus der Bild-Zeitung, aus der sie vom Drama erfahren hat: „Der Garten des Grauens.“ Daneben ein persönliches Fotoalbum. Ein Bild zeigt Gerhard bei einem Fest. Er greift zur Schnapsflasche.

Die Frau, 71 Jahre alt, Seidenbluse, schwarz gefärbtes Haar, runde Brille, sagt, die Renate sei wohl kaufsüchtig gewesen, so viele Schulden, wie die überall hatten. Über Gerhard habe sie sich nicht beklagen können. Er habe Holz gesägt für sie, war ruhig, habe seine Versprechen immer gehalten und war lustig. „Er hat mich immer wieder zum Lachen gebracht“, sagt sie und reicht eine Videokassette mit Aufnahmen von ihren Geburtstagsfeiern.

Renate veruntreute 3.500 Euro

Viele von ihren Freunden lernten Renate und Gerhard im Garten kennen. Die Freundin mit dem Hirninfarkt war eine der besten. Sie vertraute den beiden so sehr, dass sie Renate ihre Bankkarte zum Geldholen gab. Nach etwa zwei Jahren stellte sie fest, dass Renate mehr Geld abgehoben hatte und die Kontoauszüge verschwinden ließ. Dann bemerkte sie: Eine Trauerkarte für eine Freundin mit 30 Euro kam nie an. Eine Bestellung beim Gartenhändler über 365 Euro war mit gefälschter Unterschrift gezeichnet worden. Insgesamt fehlten 3.500 Euro.

Der Betrug war der eine, die Androhung zur Zwangsräumung ihrer Wohnung der andere Grund, weshalb Renate und Gerhard Ende 2008 Hals über Kopf aus Rottleberode flüchteten. Zwischen 4.000 und 5.000 Euro Mietschulden hatten sie angehäuft, hatten sich Geld von Freunden geliehen und sie um Geld betrogen. Zurück ließen sie lediglich den alten, roten VW, der ohne Nummernschild in der Tiefgarage stand. Renate und Gerhard gingen nicht weit, sie blieben im selben Landkreis, dreißig Minuten Fahrt sind es von Rottleberode nach Sangerhausen, doch ihre früheren Freunde sahen sie nie wieder.

Zurück ließen sie lediglich den alten, roten VW, der ohne Nummernschild in der Tiefgarage stand.

Sangerhausen, 30.000 Einwohner, Kupferschieferbergbau von 1199 bis 1990, Arbeitslosenquote 15 Prozent, ist nicht nur als „Rosenstadt“, sondern auch als „Hauptstadt der Arbeitslosen“ bekannt. Von der ehemaligen Industrie ist kaum etwas übrig: Neben dem Bergbau haben nach der Wende auch Maschinenfabrik, Starkstromanlagenbauer und Bierbrauerei dichtgemacht. Größter Arbeitgeber ist heute die Fahrradfabrik Mifa, erst kürzlich vor der Insolvenz gerettet.

Gerhard und Renate wohnten in einer Dreizimmerwohnung im Wohngebiet Othaler Weg, einer Plattenbausiedlung etwas außerhalb. Nicole, die ältere der beiden gemeinsamen Töchter, lebte ein paar Häuser weiter. Renate und Gerhard pachteten den Schrebergarten Nummer 97 im Bergfrieden.

Die Plattenbausiedlung mit 2.200 Wohnungen war die Vorzeigegegend der Stadt, als sie kurz vor der Wende für die zuziehenden Bergleute gebaut wurde. Heute gilt sie in der Stadt als verrufene Gegend. Es werde geklaut, gepöbelt, gesoffen, heißt es. „Fuck the Cops“ hat jemand an eine Betonmauer gesprayt, an einer Hauswand steht „Arschlöcher“. Viele Hartz-IV-Empfänger wohnen hier und ehemalige Bergleute, sogenannte Schachtrentner wie Gerhard.

Um den Ruf der Siedlung aufzubessern, wurde die Siedlung vor einigen Jahren in „Am Rosarium“ umbenannt, auf dass der Glanz der Rosenausstellung von nebenan abfärben möge. Sangerhausens Einwohner empfinden das als Hohn. Die Fassaden sind kahl, der Putz in den Treppenhäusern bröckelt ab. Aus einigen Fenstern hängen ein paar Deutschlandfahnen. Es sind die einzigen Farbtupfer.

Sangerhausen: Die Fassaden sind kahl.

Renate und Gerhard lebten nun von den 1.200 Euro, die es für ihn pro Monat gab – der Lohn für 25 harte Jahre Arbeit unter der Erde. „Schachtrentner“ gelten in Sangerhausen als Leute, die ausgesorgt haben. „Wenn die mal weg sind, dann sieht’s hier düster aus“, sagt ein alter Sangerhäuser. Die rund 3.000 Schachtrentner haben Kaufkraft, bringen die Wirtschaft voran. Die 9.000 Arbeitslosen nicht.

Renate baute sich in der Siedlung ein neues Leben auf. Sie lernte Freunde kennen, sie arbeitete an der Grundschule, die zur Siedlung gehört, sie kaufte modische Kleider und ließ sich den Pferdeschwanz abschneiden. Sie lernte einen Mann kennen.

Auch im neuen Schrebergarten geht es nur um Schnaps

Gerhard bekam das wohl nicht mit. Er verbrachte die Tage wie zuvor schon in Rottleberode: mit Schnaps im Schrebergarten. Zwei Flaschen zu 0,7 Liter trank er jeden Tag, dazu rauchte er zwei Schachteln Zigaretten. Falls die eingekaufte Menge nicht reichte, schickte er Renate. Kontakt zur Familie wollte er nicht. Als die jüngste Tochter mit ihrem Freund und dem neugeborenen Enkel zu Besuch kam, sagte er, diesen „Quiekwanst“ wolle er in seiner Wohnung nicht haben.

Das Videoband der ehemaligen Freundin mit dem Hirnschlag zeigt ein Geburtstagsfest vor 17 Jahren. Zehn Menschen sitzen gedrängt um einen kleinen Wohnzimmertisch, darauf viele Schnaps- und Bierflaschen. Es ist eine Sauforgie. Kinder sitzen mit am Tisch. Gerhard trinkt, er schielt und lallt, hat dunkle Augenringe, die Uhr zeigt Viertel nach zwölf. Renate sitzt still und unscheinbar daneben. Immer, wenn die Kamera auf sie gerichtet ist, lacht sie hämisch, macht den Vogel über Gerhards Kopf oder spielt mit seinen Haaren. Die Gastgeberin verteilt den nächsten Kurzen. „Kopf zur Mitte!“, rufen sie. „Weg isser!“ Gerhard hat seinen Einsatz verpasst. „Der weiß ja gar nicht, wo hinhalten“, sagt Renate. Gerhard trinkt. „Wo das Schwänzchen hinhalten, das weiß ich dann wieder.“ Um 0.21 Uhr küsst Gerhard Renate.

Auf dem Videoband ist noch eine zweite Aufnahme, sechs Jahre später. Diesmal ist es ein Sechzigster, ein Abend auswärts mit Tanz, Gedichten und Einlagen der Gäste. Gerhard und Renate sitzen sich gegenüber, doch Gerhard unterhält sich nur mit seinem Kumpel schräg vis-à-vis. Renate sitzt mit verschränkten Armen da. Er trinkt Bier, sie Orangensaft. Kurz bevor sie gehen, steht er auf und nimmt ihre Hand, sie tanzen zu „Glory, Glory Hallelujah / His truth is marching on ...“

Um 0.21 Uhr küsst Gerhard Renate.

Foto: privat

Im September 2009 sind Renate 61 und Gerhard 65 Jahre alt. Sie sind nun genau 25 Jahre verheiratet. Ob sie den Tag der Silberhochzeit noch gemeinsam erlebten, weiß man nicht. Genauso wenig weiß man, ob sich das Tatgeschehen, wie es vor Gericht dargestellt wird, tatsächlich so zugetragen hat.

Gerhard zieht die Axt, doch Renate schlägt zu und zerteilt die Leiche

An einem dieser Tage sagt Renate, sie wolle sich trennen. Zwei Tage lang spricht Gerhard nicht mit ihr. Dann steht er betrunken mit einer blauen Plastiktüte im Wohnzimmer. Renate fragt, ob er etwas zu essen wolle. Gerhard greift in die Tüte, zieht eine Spaltaxt heraus, geht auf Renate zu, hält die Axt über seinem Kopf wie zum Angriff, doch knallvoll wie er ist, stürzt er und fällt bäuchlings auf den Boden, die Axt auf den Teppich. Renate nimmt die Axt auf und schlägt ihm acht Mal von hinten auf den Kopf und in den Nacken. Dann geht sie mit ihrem Hund spazieren.

Als sie zurück ist, teilt Renate in den nächsten drei Tagen Gerhards Leiche mit einer elektrischen Säge und, weil das nicht gut funktioniert, mit einem Cuttermesser in elf Teile. Sie packt sie in blaue Plastiksäcke, legt diese vorne in den Korb ihres Rades und fährt, am Abend, wenn es dunkel wird, den kurzen Weg durchs Wohngebiet zu ihrem Schrebergarten. Dort versteckt sie acht Säcke in der Fäkalgrube und drei in einem Plastikfass. Als das Fass später gestohlen wird und die Säcke eines Morgens im Garten herumliegen, legt sie diese in eine Ecke des Gartenhäuschens und wirft eine Plastikplane drüber.

Ihre Kinder spielen mit den Enkeln im Garten.

Renate sagt ihren Kindern und Bekannten: Ihr Mann habe sie verlassen und sei zu seinem Bruder ins Erzgebirge gezogen. Sie fälscht seine Unterschrift und lässt sich seine Schachtrente auf ihr Konto überweisen – 52.800 Euro in vier Jahren.

Gerhards abgemeldeter VW steht noch immer in der Tiefgarage in Rottleberode. Der Vermieter traut sich nicht, ihn zu entsorgen.

Niemand fragt nach Gerhard.

Doch dann suchte die Tochter nach dem Vater

Dreieinhalb Jahre später will Sandra, die Jüngste, wissen, wo ihr Vater ist. Sie ruft 87 Männer mit seinem Namen an. Der Onkel im Erzgebirge, zu dem Gerhard angeblich eines Tages ins Auto gestiegen ist, ist blind. Er fährt kein Auto. Sandra gibt eine Vermisstenmeldung auf.

Renate tauscht den Teppich im Wohnzimmer aus.

"Unter Kumpels spricht man nicht über private Sachen. Ich erzähle ja auch nichts aus meiner Ehe."

Zweimal kommt die Polizei vorbei, zweimal lügt Renate. Beim dritten Mal sagt sie die Wahrheit. Da graben die Polizisten bereits im Garten.

Mord, heißt es in Sangerhausen. Totschlag, präzisiert man in Halle, Raum 141 des Schwurgerichts.

Sechs Jahre sind zu viel, sechs Jahre sind zu wenig

Bild-Zeitung, 6. September 2013: „Tochter Nicole (27): ‚Meine Mutter ist weder eiskalt noch gierig. Im Gegenteil. Sie hat viel zu lange zu meinem Vater gehalten, obwohl er sie schlecht behandelt hat.‘“

Hedwig, gute Freundin: „Am Ende haben sie sich richtig gehasst. Aber ich weiß ja nicht, was in der Ehe passiert ist.“

Christa, Schrebergartennachbarin: „Manchmal trug sie eine Sonnenbrille, vielleicht hatte sie ein Veilchen drunter, aber wir haben nie was mitbekommen.“

Ulli, Kumpel und ehemals bester Freund von Gerhard: „Unter Kumpels spricht man nicht über private Sachen. Ich erzähle ja auch nichts aus meiner Ehe.“

Sechs Jahre Haft seien zu viel, sagt ein Wohnungsnachbar. Sechs Jahre seien zu wenig, sagt der Kumpel.

Tochter Nicole verlässt den Othaler Weg, zieht 300 Kilometer Richtung Westen und nimmt den Mädchennamen ihrer Mutter an.

Sandra, die Jüngere, beerdigt am 29. April 2014 ihren Vater an ihrem Wohnort in Thüringen.


Bilder: Tobias Kappel.