© Martin Gommel

Corona und Ostdeutschland

In Sachsen gewinnt gerade das Coronavirus

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Manchmal haben unsere Texte eine kurze Haltbarkeit. Plötzlich stimmt das, was wir geschrieben haben, nicht mehr und wir müssen uns wieder auf die Suche nach Erklärungen machen. Das muss nicht immer heißen, dass wir zuerst falsch lagen. Aber, dass es eben manchmal anders kommt, als wir uns das wünschen. So geht es mir gerade mit Corona im Osten.

Im Oktober habe ich noch einen Text über das Coronavirus in Ostdeutschland geschrieben. Damals, die Zeit kommt mir unendlich lang vor, war das Virus in den östlichen Bundesländern deutlich weniger verbreitet. Stattdessen waren Nordrhein-Westfalen und Bayern besonders betroffen. Und halb Deutschland fragte sich: „Was läuft da im Osten besser?“ Es gab viele Überlegungen. Die meisten Theorien – meine auch – drehten sich um die geringere Bevölkerungsdichte, die ebenfalls geringere Mobilität und den höheren Altersdurchschnitt. Gut, den Kommentar, dass das Virus in Ostdeutschland auf Gegner, nicht auf Opfer träfe, gab es auch, aber am Ende waren sich die meisten doch einig: Die ostdeutschen Bundesländer sind nicht immun, sie sind einfach später dran.

Seit einigen Wochen ist es soweit. Während ich diesen Text schreibe sind unter den Landkreisen mit den höchsten Inzidenzwerten die ersten sieben in Ostdeutschland, davon fünf in Sachsen. Jeder einzelne Landkreis hat einen 7-Tage-Inzidenzwert von mindestens 550. Mit jeder Neuerkrankung wandelte sich die Frage von was da besser laufe zu „Warum trifft es Sachsen so schlimm?“

Leider gab es auch recht schnell eine vermeintliche Erklärung: Die Corona-Leugner im Osten seien eben besonders stark. Begleitet wurde die Aussage oft mit Berichten von der B96, wo seit Wochen sonntags Menschen standen, darunter auch viele Rechtsextreme, und auch mit Reichskriegsflaggen gegen die Corona-Politik protestierten. Die Bilder der eskalierten Corona-Demonstration in Leipzig, ein Bericht im WDR-Magazin Monitor aus Bautzen und ein zögernder Ministerpräsident in Sachsen taten ihr Übriges. Der Osten war mal wieder abgestempelt.

Dort wo die AfD stark ist, wütet auch das Virus besonders schlimm

Seit kurzem kursiert dazu ein Bild im Internet. Es zeigt die 7-Tage-Inzidenz neben den Wahlergebnissen der AfD. Tatsächlich zeigen sich auf den ersten Blick viele Überschneidungen. Wo die AfD stark ist, ist das Virus besonders verbreitet. Die Partei ist in der Corona-Krise lange kaum aufgefallen, dazu waren die Meinungen unter den Funktionären zu unterschiedlich. Erst in den vergangenen Wochen sind die Corona-Leugner:innen in der AfD lauter. Ist also die AfD schuld an den hohen Fallzahlen?

Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena hat das überprüft und festgestellt: Es gibt eine Korrelation zwischen Hotspots und AfD-Hochburgen. Als Beispiele nennt der Direktor des IDZ Matthias Quent Bautzen, Hildburghausen und das Erzgebirge. Nun ist es wichtig, dass Korrelation nicht Kausalität ist, also ein Zusammenhang erklärt nicht zwingend Phänomene. Die Forscher:innen haben aktuell nur Thesen: So könnten Funktionäre der AfD als Vorbilder in den Regionen wirken, in denen sie besonders stark ist. Quent schreibt auch: „Es ist naheliegend, dass soziale und politische Orientierungen Einfluss in Sozialräumen sowohl auf Wahlergebnisse als auch auf die Verbreitung von Corona nehmen und dabei rechter Populismus und Extremismus den Zusammenhalt und die Bekämpfung der Pandemie gefährden.“ Der Tagesspiegel hat die ersten Ergebnisse des IDZ hier aufgeschrieben.

Trotzdem, so räumt er auch ein, sei es natürlich möglich, dass auch die Bevölkerungsstruktur für die jetzt sehr starke Verbreitung des Virus verantwortlich sein könnte. Das, was vorher Schutz war, die ältere Bevölkerung, die weniger Kontakt mit anderen hat, ist nun ein Problem. Da der Altersdurchschnitt in den östlichen Bundesländern höher ist, gibt es auch mehr Risikopatient:innen. Also diejenigen mit einem schwereren Verlauf, die mit Symptomen zum Arzt gehen, getestet werden und damit in die Statistik fallen. Ist das Virus einmal in ausreichender Zahl über die Grenzen, trifft es auf eine anfällige Bevölkerung. Genau das könnte nach dem Sommer passiert sein, als kaum noch Einschränkungen galten.

Ein anderer Faktor für die traurige Situation in Sachsen könnte auch die hohe Auslastung der Altenpflegeheime sein. Die ist in Sachsen an vielen Stellen über 95 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil an der Bevölkerung, der gepflegt werden muss, hier auch überdurchschnittlich hoch. In vollen Pflegeheimen verbreitet sich das Virus natürlich besonders stark.

Wie bei meinem letzten Beitrag, gilt aber auch diesmal: Vermutlich spielen alle Faktoren eine Teil-Rolle. Zusätzlich gibt es Gründe, die wir nicht beachten oder (noch) nicht verstehen. Denn selbst in Corona-Vorzeigeländern kann die Situation jederzeit kippen.


Redaktion Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke

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