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Corona in Südamerika, Afrika und Asien

Die Corona-Bändiger, die der Westen ignoriert

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Der einjährige Beifuß ist ein unscheinbarer Korbblütler. Seine Blüten sind gelblich und knicken leicht nach unten ab. Wanderer können ihn in trockenen Jahren an den Ufern der Elbe finden. Aber es war das Institut für Angewandte Forschung aus dem afrikanischen Staat Madagaskar, das den einjährigen Beifuß im Frühjahr 2020 als ein Mittel gegen Corona präsentierte.

Die Weltöffentlichkeit war – zu Recht – skeptisch. Selbst Mediziner:innen aus Madagaskar wiesen darauf hin, dass es keinerlei wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des Beifuß gebe und der Kräutertrunk, der den werbewirksamen Namen „Covid Organics” bekam, besonders für Kinder gefährlich sein könne.

Sechs Monate später allerdings konnte eine deutsch-amerikanische Forschergruppe feststellen, dass speziell gezüchtete Beifußpflanzen gegen das Coronavirus wirksam sind. Klinische Studien sollen folgen.

Ungefähr zu der Zeit, als in Madagaskar der Kräutertrunk gegen Corona vorgestellt wurde, erschienen düstere Prognosen in den westlichen Medien. Corona sei eine „tickende Zeitbombe” für afrikanische Länder, bis zu drei Millionen Menschen könnten laut einer Studie auf dem Kontinent sterben, Afrika werde das nächste Corona-Epizentrum werden.

Die schlimmsten Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Nicht alle, aber einige Länder Afrikas haben sich deutlich besser geschlagen als erwartet, genauso wie andere arme Länder Asiens und Südamerikas. Die Mongolei, Vietnam, Uruguay, Senegal und Ruanda etwa sind gemessen an ihrem Pro-Kopf-Einkommen und dem Stand ihres Gesundheitssystems gut durch die Pandemie kommen. Von den Erfolgen der reichen Inselstaaten Taiwan, Island und Neuseeland konnte man viel lesen, von den Erfolgen dieser Länder weniger. Sie sind die unbekannten Corona-Bändiger.

Was diese Länder richtig gemacht haben, ist nur unter Vorbehalten übertragbar: Vietnam etwa ist ein diktatorischer Einparteienstaat, im Senegal liegt der Altersdurchschnitt knapp 30 Jahre unter dem Deutschlands, weswegen viele Corona-Verläufe milder sind. In Ruanda herrscht ganzjährig tropisches Klima mit einer Durchschnittstemperatur von 26,1 Grad Celsius: Die Menschen halten sich mehr im Freien auf.

Eine andere Theorie, warum Menschen in einigen Regionen der Erde mehr schwere Verläufe bei einer Infektion mit dem Coronavirus erleben als in anderen, hat mit einem sogenannten Neandertaler-Gen zu tun. In einer Studie des Max-Planck-Instituts in Leipzig fanden Forscher:innen ein dreimal erhöhtes Risiko für künstliche Beatmung bei Menschen mit dieser Genvariante. Besonders häufig tragen Menschen aus Südasien (etwa jede:r Zweite) und in Europa (etwa jede:r Sechste) diese Genvariante in sich, in Afrika und Ostasien kommt sie jedoch so gut wie gar nicht vor.

Aber Uruguay zum Beispiel, ein Land mit eher alter Bevölkerung, hat es geschafft, die Infektionszahlen über den Winter auf der Südhalbkugel hinweg niedrig zu halten. Und während in der Rosenheimer Inntalhalle am 6. März 2020 noch betrunkene Menschen Arm in Arm das Starkbierfest feierten, hatte die Mongolei ihr Neujahrsfest bereits abgesagt – bevor es einen einzigen bestätigten Corona-Fall im Land gab.

Die fünf Länder (Vietnam, Mongolei, Ruanda, Senegal, Uruguay), die wir gleich vorstellen, hatten keine Wunderwaffe gegen Corona; sie haben mit den gleichen Maßnahmen gearbeitet wie der Rest der Welt. Die Regierungen dieser Länder haben diese Maßnahmen allerdings früh, weitsichtig und konsequent umgesetzt.

Vietnam – In Quarantäne im Militärcamp, trotz Negativtest

95 Millionen Einwohner:innen, 1.346 Fälle, 35 Tote

Unscharfer Rücken eines Polizisten vor der Szene eines abgesperrten Marktes in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi
Schon bei einzelnen Infizierten riegelt die Polizei in Vietnam ganze Straßen ab, wie hier in der Hauptstadt Hanoi

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Lucy Parker war am 2. März 2020 nach Hanoi, Vietnams Hauptstadt, geflogen, um dort ihre Schwester Alice und Freundin Hanna zu treffen. Fünf Tage genossen die Touristinnen ihren Urlaub, dann suchten Regierungsvertreter:innen sie in ihrer Unterkunft auf: An Bord des Fluges VN0054 von London nach Hanoi hatte, gemeinsam mit Lucy, auch eine Corona-Infizierte gesessen.

72 Stunden harren die Freundinnen daraufhin in ihrem Hostel in Ha Long Bay in Quarantäne aus, unterziehen sich immer wieder Gesundheitstests und sehen dabei zu, wie das Hostelpersonal ihre alten Matratzen verbrennt. Das alles dokumentieren sie auf Instagram. Als sie dann das negative Ergebnis ihres Corona-Tests erhalten, machen sie Freudensprünge. Doch trotz negativem Testergebnis müssen die Touristinnen in Isolation bleiben, weitere sieben Tage. Und zwar nicht in der Luxussuite ihres Hostels, sondern in einem Quarantänezentrum des vietnamesischen Militärs.

Den ersten Fall von Covid-19 in Vietnam meldete die Regierung am 23. Januar 2020. Bereits am 27. Januar verkündete Premierminister Nguyễn Xuân Phúc bei einem Treffen mit wichtigen Funktionär:innen, Vietnam würde das Virus „wie einen Feind bekämpfen.“ Am 31. Januar verlängerten Schulen und Universitäten ihre Neujahrsferien, Anfang Februar schloss Vietnam die gemeinsame Grenze nach China, im März initiierte die lokale Verwaltung gezielte Lockdowns in Gebieten mit Corona-Fällen.

In Son Loi, einer Gemeinde in der nördlichen Provinz Vinh Phuc, verordnete die Lokalverwaltung am 4. März einen 20-tägigen Lockdown, nachdem sieben Personen positiv auf Covid-19 getestet worden waren. 10.000 Einwohner:innen mussten in Quarantäne. Zu dem Zeitpunkt waren in ganz Vietnam nur 16 Corona-Fälle bekannt.

Die Stadt Hanoi isolierte vom 6. bis 20. März 61 Haushalte in der Straße Truc Bach, nachdem sich eine Anwohnerin im Ausland mit dem Virus infiziert hatte.

Besonders für Vietnam ist: die Quarantäne. Am 4. Februar bezogen 950 vietnamesische Rückkehrer:innen aus China erstmals zwei Militärbasen außerhalb Hanois für eine 14-tägige Isolation. In den folgenden Wochen schossen weitere solcher Quarantänezentren aus dem Boden, auch in Universitäten oder Hotels: Seit Mitte März schickt Vietnam Einreisende – und alle innerhalb des Landes, die mit einem bestätigten Fall in Kontakt kommen – für 14 Tage in die Militärcamps. Auch bei einem negativen Testergebnis und fehlender Symptome, wie es Lucy und ihren Freundinnen passierte.

Die vietnamesischen Gesundheitsbehörden verfolgen außerdem, anders als viele westliche Länder, auch Kontakte dritten und vierten Grades, nach folgendem Schema: Ermitteln die Behörden eine infizierte Person, genannt F0, suchen örtliche Beamt:innen gemeinsam mit medizinischen Fachkräften und dem Militär deren Kontakte der letzten 14 Tage auf. Direkte Kontaktpersonen, F1, liefern die Behörden bei positivem Testergebnis in ein Krankenhaus ein, bei negativem Testergebnis in ein Quarantänezentrum. Kontakte zweiten Grades, F2, müssen sich 14 Tage lang zu Hause isolieren. Kontakte dritten oder vierten Grades, F3 und F4, werden über die mögliche Infektionskette informiert und dazu aufgefordert, bei Symptomen die Gesundheitsbehörden zu informieren.

1.346 Ansteckungen dokumentierten vietnamesische Behörden seit Beginn der Pandemie, 35 Menschen verstarben an den Folgen von Covid-19 – und das in einem Land mit mehr als 95 Millionen Einwohner:innen.

Doch können wir den Zahlen des autoritären Regimes trauen? Ja, meint Peter Girke, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Hanoi, in einem Skypegespräch. Die Regierung, so sein Eindruck, sei in der Corona-Pandemie „ungewöhnlich transparent“ gewesen. „Es wurde nie versucht, den Ernst der Situation totzuschweigen.“

Bereits am 9. Januar warnte das vietnamesische Gesundheitsministerium die Bevölkerung vor dem neuartigen Virus. Am 23. Februar veröffentlichte das Ministerium gemeinsam mit berühmten Musiker:innen und Sänger:innen sowie dem Tänzer Quang Đăng das Lied „Jealous Coronavirus“ (übersetzt: Eifersüchtiges Coronavirus). Ein echter Ohrwurm, der eine Tiktok-Challenge auslöste, es ins US-Fernsehen schaffte und in vietnamesischen Supermärkten, Krankenhäusern und Schulen hoch und runter lief. Das Lied klärt über die Gefahr durch das Virus auf, zeigt wichtige Hygienemaßnahmen und appelliert an den Zusammenhalt der Bevölkerung.

Die Originalversion auf Vietnamesisch hat mehr als 66 Millionen Youtube-Klicks.

https://www.youtube.com/watch?v=wGoodWEtV8c

Doch Vietnams transparentes Vorgehen rief auch Datenschützer:innen auf den Plan: Auf einer Webseite veröffentlichte die Regierung Namen, Adressen und Telefonnummern von Infizierten. Die Bevölkerung sollte so mögliche Infektionsketten besser nachvollziehen können. In einem Fall lief das aus dem Ruder: Patientin Nummer 17 hatte das Virus Anfang März nach einer Europareise in die Hauptstadt Hanoi gebracht und Maßnahmen wie eine Meldepflicht und Quarantäne ignoriert. Als die Regierung ihren Namen bekannt gab, war sie in sozialen Medien Beschimpfungen ausgesetzt. Die Regierung listet Fälle zwar weiter auf der Webseite auf, veröffentlicht mittlerweile aber keine persönlichen Daten mehr.

Trotz des harten Durchgreifens der vietnamesischen Regierung: Laut einer Umfrage des deutschen Meinungsforschungs-Start-ups Dalia Research gaben im März 62 Prozent der vietnamesischen Bevölkerung an, sie seien mit der Pandemie-Antwort ihrer Regierung zufrieden. 13 Prozent der Teilnehmer:innen fanden sogar, der Staat würde zu wenig gegen die Verbreitung des Virus tun.

Eine Erhebung des britischen Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov kam zu ähnlichen Ergebnissen: Im November meinten demnach 92 Prozent der Vietnames:innen, die Regierung habe in der Pandemie bisher „gut“ oder „einigermaßen gut“ gehandelt. Nur im August gab es einen Knick in den YouGov-Umfragewerten – damals brach im Urlaubsort Da Nang die dritte Corona-Welle aus.

Die vietnamesische Bevölkerung sei da pragmatisch, sagt Peter Girke: „Die Einsicht, dass individuelle Entbehrungen für das Wohl einer Gesellschaft notwendig sein können, ist in Vietnam weit verbreitet.“ Das macht sich bezahlt: Seit dem 2. September gibt es keine Neuansteckungen innerhalb der Bevölkerung mehr. Restaurants und Bars sind seit dem Herbst wieder offen, Hochzeiten werden gefeiert, Konzerte finden statt. Reisen innerhalb Vietnams sind erlaubt und Hotels geöffnet. „Das kann sich aber von einem auf den anderen Tag ändern“, so Girke. Sobald ein neuer Fall unter den Einwohner:innen bestätigt wird.

Mongolei – Die Lehrer gaben Schulunterricht über das Fernsehen

3,2 Millionen Einwohner:innen, 699 Fälle, 0 Tote

Eine Gruppe Kinder sitzt mit einem älteren männlich gelesenen Familienmitglied in einer Jurte vor dem Fernseher in welchem Unterricht läuft.
Vom Fernseher lernen – für Schüler:innen in der Mongolei war das wegen des Coronavirus eine Zeit lang normal

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In der Mongolei gibt es eine besondere geologische Eigenart: den Mobicom-Hügel. So nennen die Mongolen im Volksmund Erhebungen in der weitläufigen Landschaft, auf denen sie Handy-Empfang haben. Diese Hügel mussten mongolische Schüler, die außerhalb der großen Städte wohnen, seit dem Januar 2020 regelmäßig aufsuchen, um ihre Hausaufgaben machen zu können. So berichten es die beiden Asienwissenschaftler:innen Ines Stolpe und Tümen-Očiryn Erdene-Očir.

Denn sehr früh und sehr schnell hatte die mongolische Regierung auf den Ausbruch der Corona-Pandemie im benachbarten China reagiert, mit dem sich das Land 4.500 Kilometer Grenze teilt. Lange vor dem 10. März, dem Tag, an dem die Regierung den ersten Covid-19-Patienten im Land bestätigte. In der zweiten Januarwoche wandten sich die Behörden erstmals an die Bevölkerung, ein paar Tage später schlossen sie die Landesgrenzen komplett, verpflichteten die Menschen Masken zu tragen und überlegten sich einen Plan, um die Schüler:innen des Landes weiter unterrichten zu können.

Auf 16 Fernsehkanälen lief fortan der Unterricht, komplett mit Gebärdensprache, es folgten Online-Plattformen und spezielle Radioprogramme, um Kinder in allen Ecken des Landes zu erreichen, das viermal so groß ist wie Deutschland, aber nur 3,2 Millionen Einwohner:innen hat. Ideal war die Situation für die Schüler:innen nicht: Manchen ging der Unterricht zu schnell, andere wohnten so tief in der Steppe, dass selbst der nächste Mobicom-Hügel weit entfernt war.

Aber „bereits in diesem Herbst konnte ein Teil der Ernte der erfolgreichen Präventionspolitik eingefahren werden: Kinder gehen wieder zur Schule, Restaurants, Läden und Fitnessclubs sind gut gefüllt, Popstars und Orchester spielen vor vollen Sälen. Aus dem Alltag der Menschen ist die Pandemie zumindest vorläufig so gut wie verschwunden“, wie Niels Hegewisch, Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ulan-Bator, am 5. November schreibt.

Am 11. November gab die Regierung bekannt, dass sich im Land ein Bürger mit dem Virus angesteckt habe. Das war neu: Zuvor hatten nur Einreisende das Virus in die Mongolei gebracht, verbrachten im Anschluss aber 21 Tage in einer Quarantäneeinrichtung. Patient Zero, ein in der Hauptstadt Ulan-Bator lebender LKW-Fahrer, steckte sich ausgerechnet dort bei einem Zimmergenossen an und trug das Virus nach draußen.

Noch in der selben Nacht verkündete das Notfallkomittee der Mongolei eine Ausgangssperre. Seit dem 12. November dürfen Bürger:innen in Ulan-Bator nur noch das Haus verlassen, um Lebensmittel zu kaufen oder Ärzt:innen und Apotheken aufzusuchen. Es herrscht Masken- und Handschuhpflicht. Wer sich daran nicht halte, erzählt Niels Hegewisch, würde freundlich, aber bestimmt von Polizist:innen auf die Regelungen hingewiesen werden. Der Lockdown hält bis heute an.

Nur 700 Menschen haben sich in der Mongolei offiziellen Zahlen zufolge mit Corona infiziert, niemand starb an Covid-19. Die Regierung habe Infektionszahlen zuverlässig veröffentlicht und sei in der Pandemie den „Weg einer Demokratie gegangen“, sagt Hegewisch. Zwar gebe es in der Mongolei Probleme mit Korruption, doch „Skandale lassen sich hier nicht lange vertuschen.“

Die Mongolei hat zügig reagiert – obwohl sie sich anders als zum Beispiel der Senegal auf ein vergleichsweise gut ausgebautes Gesundheitssystem verlassen kann: In der Mongolei gibt es mehr Intensivbetten pro Kopf als in Dänemark oder Irland. Die Ärztedichte ist höher als in den USA. Die Erfolge der Mongolei nur der geringeren Bevölkerungsdichte zuzuschreiben, ist dabei vermutlich auch falsch. Denn mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in der speziell im Winter von Luftverschmutzung belasteten Hauptstadt Ulan-Bator.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie sieht einen Zusammenhang zwischen hohen Feinstaubwerten und Luftverschmutzung durch Abgase und der Sterblichkeit bei Covid-19-Infektionen. In Deutschland könnten 26 Prozent der Covid-19-Todesfälle mit schlechter Luftqualität zusammenhängen, in Nordamerika 17 Prozent. Die Forscher:innen schließen aus den Daten, dass Verschmutzungspartikel ein Co-Faktor bei der Verschlimmerung der Krankheit sind. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass sowohl Feinstaub als auch das Coronavirus die innerste Schicht der Gefäße angreift und Entzündungen auslösen kann. Vor allem langanhaltende Belastung durch Luftverschmutzung greift die Gefäße an, begünstigt Schädigungen von Herz und Lunge und erhöht somit das Risiko für einen schweren Covid-Verlauf.

Allerdings hatte die schnelle Reaktion der mongolischen Regierung noch einen anderen Preis. Die Grenzen sind bis heute geschlossen, und schätzungsweise 11.000 mongolische Staatsbürger:innen im Ausland warten noch immer darauf, wieder in ihr Land zurückkehren zu dürfen.

Ruanda – Die Polizei kontrolliert auf der Straße und in der Luft

12 Millionen Einwohner:innen, 5.872 Fälle, 47 Tote

Straßenszene aus der Entfernung; ein temporärer Checkpoint der Polizei auf der ansonsten leeren Straße, im Vordergrund kontrolliert ein Polizist mit Mund-Nasen-Schutz ein Fahrzeug, im Hintergrund ist ein Polizei Pickup-Truck mit weiteren Kräften zu sehen.
Im April galt in Ruanda eine strenge Ausgangsbeschränkung, die die Polizei kontrollierte

Drohnen mit roten Flügeln, die aussehen wie Mini-Flugzeuge, bringen Medikamente in abgelegene Gegenden. Was klingt wie ein Zukunftsszenario, ist im Corona-Jahr 2020 in Ruanda Routine. Seit 2016 liefern die Fluggeräte der kalifornischen Firma Zipline im „Land der tausend Hügel“ Medizin in Dörfer und Städte, die mit dem Auto schlecht erreichbar sind. Jetzt werden die Drohnen auch genutzt, um Covid-19-Tests zu transportieren, berichtet das Militärmagazin „Africa Defense Forum“. Die Zukunft – in Ruanda ist sie jetzt.

Überhaupt war die Corona-Politik in Ruanda vorausschauend. Schon Anfang Februar mussten alle, die in der Hauptstadt Kigali aus dem Flugzeug stiegen, am Flughafen mit einem Infrarotthermometer an der Stirn Fieber messen lassen und Fragen zu typischen Symptomen von Covid-19 beantworten: Husten, Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen. Auch Reisende, die in die Nachbarländer wollten, wurden kontrolliert. Schnell war spürbar: Die Länder der Region haben Erfahrung im Umgang mit Infektionskrankheiten.

In Ruanda leben 3,1 Prozent der Menschen mit dem HI-Virus, das zu Aids führen kann. Oft kommt es zu einer zusätzlichen Infektion mit der bakteriellen Erkrankung Tuberkulose, die häufig die Lunge befällt. Um den Infektionen entgegenzuwirken, hat die ruandische Regierung schon 1984 ein nationales Aids-Register für Krankenhäuser und Gesundheitszentren eingerichtet. Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation WHO hat Ruanda ein nationales Aids-Programm auf die Beine gestellt. Außerdem arbeiten die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mit dem ruandischen Gesundheitsministerium zusammen, um die Krankheiten einzudämmen. Nach dem Völkermord 1994 hat Ruanda ein gemeindebasiertes Gesundheitssystem aufgebaut, das als eines der besten in Afrika gilt.

Den ersten bestätigten Corona-Fall gab es in Ruanda am 14. März 2020. Vier Tage später erklärte das Gesundheitsministerium auf Twitter, dass einen Monat lang keine internationalen Flüge mehr in Ruanda landen dürften. Eine Woche nach dem ersten Fall kündigte die Regierung einen zweiwöchigen Lockdown an: Homeoffice für Angestellte, die Landgrenzen wurden geschlossen. Zum Vergleich: In Deutschland begannen die ersten Kontaktbeschränkungen etwa zur gleichen Zeit. Den ersten bestätigten Covid-19-Fall hatten wir aber schon Ende Januar.

Der erste Lockdown wurde bis zum 1. Mai verlängert, was bedeutet, dass auch die jährlichen Gedenkveranstaltungen anlässlich des Völkermords im April ausfallen mussten. Ein großer Einschnitt für die Erinnerungskultur des Landes, die normalerweise alljährlich Hutu und Tutsi zusammenbringt.

Bis November zählten die ruandischen Behörden insgesamt 5.872 Fälle und 47 Tote. Die ruandischen Zahlen sind sehr zuverlässig, schreibt die Journalistin Simone Schlindwein per E-Mail, die aus Ostafrika berichtet. Die Labore kämen aus Deutschland und die Laborant:innen seien vom Robert Koch-Institut ausgebildet worden. Zensur sei damit nicht möglich gewesen, das sage auch die deutsche Botschaft in Kigali.

Die Regierung hat im Frühjahr schnell und hart gehandelt. Allerdings produziert das Land selbst kaum Nahrungsmittel und ist auf Importe angewiesen. Insbesondere ärmere Kinder in den Städten hätten nach dem wochenlangen Lockdown gehungert, schrieb die Taz.

Nachdem die Maßnahmen im Mai gelockert wurden, gab es aber zum Beispiel im Juni noch einmal einen zweiwöchigen Lockdown in der Hauptstadt Kigali. Außerdem gelten nach wie vor nächtliche Ausgangssperren zwischen 21 und 5 Uhr sowie eine Maskenpflicht in öffentlichen Räumen. Die Landesgrenzen bleiben weiterhin größtenteils geschlossen, weil benachbarte Länder wie Tansania mit weit höheren Infektionszahlen kämpfen.

Die ruandische Bevölkerung ist mit einem Durchschnittsalter von 19,4 Jahren ziemlich jung – das könnte einen Effekt auf die Krankheitsverläufe haben, vermuten afrikanische Wissenschaftler:innen wie der Immunologe Christian Happi, der die nigerianische Regierung berät (hier im Interview mit dem Fluter.

Die Schulen und Universitäten mussten in Ruanda im März schließen. Seit Mitte Oktober dürfen sie graduell wieder öffnen. In der Zwischenzeit haben die Schulen neue Klassenräume gebaut und Waschbecken mit automatischen Seifenspendern in den Gängen aufgestellt, damit die Schüler:innen Abstand wahren und die Hände regelmäßig waschen können. Sie müssen im Unterricht außerdem Alltagsmasken tragen, schreibt das ruandische Magazin Taarifa.

Inzwischen sind Drohnen in Ruanda nicht nur als fliegende Apotheken unterwegs. Die ruandische Polizei benutzt auch kleinere Drohnen, die mit Kameras ausgestattet sind. So kontrollieren die Polizist:innen aus der Ferne, ob die Menschen zum Beispiel auf vollen Marktplätzen ausreichend Abstand halten. Die Drohnen haben oft auch Lautsprecher, Bildschirme oder kleine Tafeln, um Informationen über die Corona-Maßnahmen zu verbreiten.

Auch Marokko, Tunesien, Ghana und Südafrika verwenden Drohnen, um zu überprüfen, ob die Corona-Maßnahmen eingehalten werden.

Aber die Drohnen zeigen auch, dass die ruandische Regierung den Kampf gegen das Coronavirus militarisiert hat. Das sagt auch die Ostafrika-Reporterin Simone Schlindwein. In einem Artikel im JS-Magazin schreibt sie: „Von heute auf morgen marschierten zehntausende Polizisten und Militärs auf den Straßen auf. Sie errichteten Straßensperren und schickten die Passanten und Autofahrer nach Hause. Die Regierung reagierte auf die Pandemie quasi mit einer militärischen Mobilmachung.“ Die Bevölkerung habe damit aber kein Problem, sie sähe darin eher einen Vorteil.

Senegal – Alle sollen sich angesprochen fühlen

15,8 Millionen Einwohner:innen, 16.027 Fälle, 332 Tote

Vor dem Sitz der Vereinten Nationen in Senegals Hauptstadt Dakar ziert seit dem Frühjahr ein Graffiti die Mauer. Es zeigt eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz, eine Hand, die ein Taschentuch greift und eine zweite, die einen Flüssigseifenspender betätigt. Daneben sind zwei Hände zu sehen, die eingeseift werden, und ein Junge, der sich in die Armbeuge niest. Außerdem stehen Anweisungen auf dem Bild: Taschentuch in einen Mülleimer werfen, einen Mundschutz tragen, sich regelmäßig mit Wasser und Seife die Hände waschen, in die Armbeuge husten und niesen, wenn kein Taschentuch da ist, Desinfektionsmittel benutzen, Social Distancing wahren. Es ist ein Kunstwerk der senegalesischen Streetart-Gruppe RBS Crew. Aber es ist auch eine Anleitung für das Verhalten in der Coronakrise.

Im August hat die US-Zeitschrift Foreign Policy den Senegal als zweitbestes Land im Umgang mit der Corona-Pandemie eingestuft – direkt hinter Neuseeland. Das liegt auch an der hervorragenden Kommunikationspolitik der senegalesischen Regierung. Das Gesundheitsministerium hält die Bevölkerung per Facebook über aktuelle Zahlen und Maßnahmen auf dem Laufenden. Im Frühjahr wandten sich die Behörden per Livestream jeden Morgen um 10 Uhr direkt an die Bevölkerung.

Wenn es um Senegals Strategie geht, taucht auch immer wieder diese Zahl auf: 7 pro 100.000 Einwohner:innen. So viele Ärzt:innen gibt es im Land laut Weltgesundheitsorganisation WHO. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 483 pro 100.000 Einwohner:innen. Die senegalesische Regierung ist sich dieser prekären Lage bewusst – und wollte deshalb möglichst schnell die Verbreitung des Coronavirus in den Griff bekommen. Am 15. März gab es erste Reisebeschränkungen, die Schulen mussten für drei Wochen schließen, öffentliche Versammlungen waren einen Monat lang verboten. Am 23. März erklärte die Regierung den Ausnahmezustand. Ende März gab es 175 bestätigte Covid-19-Fälle. Im Mai wurden die Maßnahmen wieder gelockert – und die Infektionszahlen stiegen. Im August gab es neue Maßnahmen: Maskenpflicht in geschlossenen Räumen, keine größeren Versammlungen in öffentlichen Räumen, insbesondere in Dakar.

Trotz der wenigen Ärzt:innen hat die senegalesische Regierung im Mai allen Covid-19-Patient:innen ein Bett in einem Krankenhaus oder Gesundheitszentrum versprochen – selbst bei einem milderen Verlauf, schreibt NPR. Es sollte sogar genug Platz für die Kontakte von bestätigten Fällen geben. Als im Juli zu Viele erkrankten, änderte die Regierung die Strategie und konzentrierte sich auf schwere Fälle und auf die Pflege im eigenen Zuhause für mildere Fälle, schreibt die Informationsplattform Devex.

Obwohl die Arztdichte gering ist, haben sich senegalesische Forscher:innen schon früh Gedanken darüber gemacht, wie sie dem Virus begegnen können. Wichtig dürfte gewesen sein, dass die Bevölkerung des Senegals im Schnitt unter 20 Jahre alt ist. Aber die Erfahrung mit mehreren Cholera-Ausbrüchen und dem Ebolavirus haben auch geholfen. Zwar gab es im Senegal selbst nur einen einzigen Ebola-Fall. Aber die Mediziner:innen wissen durch die Epidemien, dass sie schnell handeln müssen. Insbesondere das Pasteur-Institut in Dakar hat sich gut vorbereitet, berichtete die britische BBC. Im Februar sei es eins von nur zwei Laboren in ganz Afrika gewesen, das auf das Coronavirus testen konnte.

Der Christian Drosten des Senegal heißt Amadou Alpha Sall. Der Virologe leitet das Pasteur-Institut und hat gemeinsam mit der britischen Firma Mologic zwei Tests entwickelt, die die Menschen zuhause verwenden können: einen Corona-Test und einen Antikörper-Test.

Ende November zählte die WHO insgesamt 16.027 bestätigte Covid-19-Fälle im Senegal. 332 Menschen sind mit oder an dem Virus gestorben. Wie verlässlich diese Zahlen sind, ist nicht ganz klar. Im Moment läuft im Senegal eine Antikörperstudie, um mehr über das Coronavirus und seine Verbreitung vor Ort herauszufinden.

Aber die senegalesische Regierung hat wie viele andere afrikanische sehr schnell reagiert, um sich auf einen möglichen Covid-19-Ausbruch vorzubereiten. Es gibt ein Gesundheitsnotfall-Koordinationszentrum, das schon im Januar begonnen hatte, eine Strategie gegen das Coronavirus zu entwickeln.

Womöglich noch wichtiger ist aber, dass die Regierung sich Mühe gibt, alle Menschen im Land mitzunehmen: „Man muss die Gemeinschaft mit Hilfe von Medien, religiösen Gruppen, Dorf- und Gemeinschaftsführern einbeziehen“, sagt John Nkengasong, Virologe und Geschäftsführer der Africa Centres for Disease Control and Prevention.

Viele senegalesische Künstler:innen beteiligen sich seit Monaten daran, die Bevölkerung über wichtige Maßnahmen zu informieren. Nicht nur vor dem UNO-Gebäude sind neue Corona-Graffiti entstanden, sondern auch an vielen anderen Orten in der Millionenstadt Dakar. Der Musiker Youssou N’Dour hat ein Lied veröffentlicht, das an Alltagsmasken und Händewaschen erinnert. Er gilt als einer der erfolgreichsten Künstler:innen Afrikas.

https://youtu.be/qwT19-up78M

Uruguay – Die Menschen schränken sich freiwillig ein

3,5 Millionen Einwohner:innen, 4.988 Fälle, 73 Tote

In Uruguay gibt es eine Redewendung, die den Vorteil des Landes in der Pandemie gut beschreibt: „Wir hatten das Glück, in die Zeitung vom Montag schauen zu können“, sagt Marcelo Umpierrez. Das Land wusste früh Bescheid. Der Fotograf aus Uruguay erinnert sich genau an die schockierenden Bilder aus Bergamo oder Madrid, die im Frühjahr 2020 auch in Südamerika über die TV-Schirme flimmerten. Uruguay selbst erreichte das Virus im März, an einem Freitag, dem 13.

Noch am selben Tag verhängte die Regierung den Gesundheitsnotstand, lässt Grenzen, Parks und Schulen schließen und Umpierrez‘ Heimatstadt, der mondäne Luxusbadeort Punta del Este, verwandelte sich in eine Geisterstadt: „Die Menschen hatten regelrecht Panik.“ Und sie blieben zuhause. Freiwillig.

Anders als im Nachbarland Argentinien gab es keine obligatorische Ausgangssperre. Und anders als Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spielte Uruguays frisch gewählter Präsident Luis Lacalle Pou die Pandemie auch nicht als „kleine Grippe“ herunter, sondern setzte auf Wissenschaft. Kaum ist das Virus im Land, stehen schon eigens entwickelte Tests zur Verfügung, jeder Infektionsfall wird genau nachverfolgt, für den schnell aufgelegten Corona-Hilfsfonds kürzt der Präsident sich, Minister:innen und Abgeordneten die Gehälter. Das Erfolgsrezept Uruguays ähnelt dem Deutschlands am Beginn der Pandemie: auf Wissenschaft setzen, sehr früh gezielt testen, Kontakte nachverfolgen, kombiniert mit einer Bevölkerung, die ihrer Regierung genug vertraut, um sich freiwillig einzuschränken.

Zwei weiblich gelesen Personen trinken Mate Tee auf einer Mauer an der Atlantikküste
In Uruguay gab es im Gegensatz zu den Nachbarländern im Frühjahr keine verpflichtende Ausgangssperre, weil die Menschen sich freiwillig einschränkten

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Dabei setzte die Regierung einen Test ein, der im Land selbst entwickelt worden ist. Das war der Schlüssel, um die Ausbreitung von Corona früh und schnell stoppen zu können. Während andere Länder in Lateinamerika auf dem Weltmarkt mit den reichen Nationen um Tests und Labormaterialien konkurrieren mussten, konnte Uruguay so früh mit der Kontaktverfolgung beginnen.

Dabei ist in Uruguay nur jeder 20. Test positiv. Was wiederum dafür spricht, dass die Zahlen aus dem Land sehr verlässlich sind. Schließlich würde eine Regierung, die das Ausmaß der Pandemie vertuschen will, schlicht weniger testen, so wie es auch mal US-Präsident Donald Trump ins Spiel gebracht hatte.

Uruguay zählte Ende November 5.511 nachgewiesene Fälle und 75 Verstorbene. Schulen, Geschäfte, Restaurants sind längst wieder offen. Die Rede ist vom „Wunder Uruguays“, den bisherigen Erfolg verdankt das Land dabei aber auch einem natürlichen Vorteil – und der Vorgängerregierung. Zum einen leben in Uruguay auf einer Fläche halb so groß wie Deutschland gerade mal 3,5 Millionen Menschen, es gibt kaum extreme Armut wie in anderen Ländern Lateinamerikas. In Armenvierteln ist die Versorgung mit Wasser und Strom garantiert, dazu kommt ein funktionierendes staatliches Gesundheitssystem. Die soziale Ungleichheit ist die geringste in ganz Südamerika – ein Erbe des Mitte-Links Bündnisses Frente Amplio.

Doch die Wirtschaftskrise infolge der Pandemie trifft nun auch Uruguay hart, gerade in den Urlaubsorten der Atlantikküste: Journalist Umpierrez lebte in den Vorjahren davon, die Luxusferien und Eskapaden der Reichen und Schönen Argentiniens und Brasiliens in Punta del Este zu dokumentieren, nun sind die Grenzen bis auf wenige Ausnahmen geschlossen. Mehr als 50 Hotels hätten bereits dichtgemacht. Derweil steigen die Infektionszahlen nun auch in Uruguay an. Erstmals gab es mehr als 100 Neuinfektionen an einem Tag: „Die Menschen werden nachlässiger“, sagt Umpierrez. Währenddessen stellte die rechtsliberale Regierung den Haushalt für die nächsten Jahre vor. Gekürzt werden soll ausgerechnet in den Bereichen, die Uruguays Erfolg ausmachen: Löhne, Wissenschaft und Soziales.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele

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