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Verschwörungsmythen

Was ich über Corona-Verschwörungen gelernt habe

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etwa 10 Min. Lesedauer

Gerade standen sie wieder zu Tausenden im Berliner Regierungsviertel und demonstrierten gegen die Corona-Maßnahmen. Manche sangen dabei in kreischendem Tonfall die deutsche Nationalhymne, der Effekt war angenehm wie ein Fingernagel, der sehr lange über eine Tafel kratzt.

https://twitter.com/tilsteff/status/1329002442374213633

Verzweifelte Freund:innen und Bekannte leiteten mir derweil Social-Media-Nachrichten weiter, die man ihnen geschickt hatte. Darin wurde angesichts der Reform des Infektionsschutzgesetzes eine Wiederkehr des Dritten Reiches ausgerufen. Vor einer Corona-Diktatur hatten meine Freund:innen und Bekannten keine Angst. Sondern davor, dass immer mehr ihrer Mitmenschen nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben schienen.

Die Autor:innen dieser hetzerischen Botschaften schüren unter anderem damit Angst, dass sie den juristischen Begriff der Ermächtigungsgrundlage, bei dem die Legislative der Exekutive Befugnisse einräumt, mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 gleichsetzen, mit dem die gesetzgebende Gewalt an Hitler überging. Das ist Quatsch. Mehr dazu hat Mimikama, ein Verein, der Falschmeldungen im Internet aufdeckt.

Die Sorge kann ich gut verstehen. Da sind ja nicht nur die hetzerischen und wirren Botschaften auf Whatsapp und Telegram. Es liegt schon ein besonderer Wahnsinn darin, dass ausgerechnet Menschen, die NS-Verhältnisse befürchten, es okay finden, dass die rechte Szene die sogenannten Corona-Proteste längst gekapert hat. Auch ich möchte deswegen manchmal mein Gehirn in den vorzeitigen Ruhestand schicken.

Andererseits fasziniert mich dieses Phänomen. Gut, ich bin auch eine, die Google-Bildersuchen zu Krankheiten macht. Ich schaue also oft gerade dann hin, wenn sich andere abwenden. Ich denke aber auch, dass die Frage, wie Menschen mit (Falsch-)Informationen umgehen, eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit ist. Und Verschwörungserzählungen sind ein Aspekt davon, mit dem wir noch viel zu tun haben werden.

Ich bin mit diesem Interesse nicht alleine. Mein Artikel aus dem Sommer, wie Spiritualität und Verschwörungsmythen zusammenpassen, hat extrem viele Leser:innen gefunden. Viele haben sich gewünscht, dass ich mehr zu diesem Thema schreibe. Ich habe das nicht vergessen. Vier Dinge weiß ich an diesem Punkt: Erstens, es gibt guten Grund, die Verschwörer:innen einfach zu ignorieren. Zweitens, es gibt guten Grund, sie sehr ernst zu nehmen. Drittens, es gibt keine einfache Erklärung dafür, warum Menschen Verschwörungserzählungen glauben (aber es gibt Hinweise). Und viertens, es gibt Hoffnung.

Warum wir Verschwörer:innen einfach ignorieren können

Verschwörungsgeschichten sind nichts Neues und wer ein Fan davon ist, kann sich aussuchen, woran er rumrätseln möchte. Diese Dokumentation etwa prüft die sieben größten Verschwörungsmythen der Geschichte: von der Mondlandung bis zum Tod von Prinzessin Diana oder 9/11. Auch Propaganda und Desinformation gab es schon immer, hingegen nie ein goldenes Zeitalter der Wahrheit und der Fakten, wie der Historiker Yuval Noah Harari hier beschreibt: „Homo sapiens ist eine postfaktische Spezies, deren Macht davon abhängt, Fiktionen zu schaffen und daran zu glauben. Seit der Steinzeit dienten selbstverstärkende Mythen dazu, menschliche Kollektive zu einen.“

Zwar gibt es Befürchtungen, dass das Internet und soziale Medien Verschwörungserzählungen heute eine Kraft und eine Reichweite ermöglichen, die es so noch nie gab. Und in einer Intensität, mit der unser Gehirn womöglich nicht fertig wird. Aber es bleibt eine offene Frage, ob diese Art Erzählungen vor dem Internet wirklich weniger einflussreich waren. Wie die Politikwissenschaftler Joseph E Uscinski und Adam M Enders hier schreiben: „Denken Sie zum Beispiel an die antikommunistische Rote Angst des 20. Jahrhunderts, die Illuminaten-Paniken des frühen 19. Jahrhunderts oder die Hexenprozesse des 17. Was wir jetzt mit COVID-19 sehen, ist nichts Neues.“

Klar ist auch, dass zumindest Corona-Verschwörer:innen immer noch einen ziemlich kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen, der überproportional laut ist und entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommt. Mit größter Wahrscheinlichkeit erledigt sich dieses besondere Scheibchen menschlichen Wahnsinns spätestens dann von selbst, wenn das Virus unter Kontrolle ist. Zwar wissen wir nicht, wann das der Fall sein wird, trotz der vielversprechenden Meldungen zu Impfstoffen, wie meine Kollegin Silke Jäger in diesem Artikel erklärt. Aber der Zustand, den wir jetzt haben, wird vorbeigehen.

Warum wir Verschwörer:innen ernst nehmen sollten

Verschwörungserzählungen sind dann gefährlich, wenn Extremist:innen damit dauerhaft ihr Publikum erweitern. Seit einigen Monaten nutzen rechte Gruppierungen Corona-Mythen für ihre eigene Propaganda, indem sie gemeinsame Ziele mit anderen Menschen inszenieren, wie Widerstand gegen die Schutzmaßnahmen: Daher das seltsame Phänomen, dass Reichsbürger, Rechtsextreme und Hippies gemeinsam demonstrieren. Die Soziologin Nora Pösl, die über die Zusammenhänge von Esoterik, rechten Ideologien und Verschwörungstheorien forscht, schreibt in diesem Artikel, die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen zeigten „auf eindrucksvolle und erschreckende Weise, wie stark die Zusammenhänge zwischen angeblichen alternativen Heilmethoden, Esoterik, Verschwörungstheorien und rechten Ideologien sind. (...) Personen, welche der Homöopathie oder anderen alternativen Heilmethoden zugeneigt sind, teilen häufig rechtspopulistische Quellen, antisemitische Verschwörungstheorien oder rassistische Inhalte.“

Auch populistische Politiker:innen können Verschwörungserzählungen zu ihrem Vorteil nutzen, wie der Politikwissenschafter Eirikur Bergmann in diesem Podcast beschreibt. Zum Beispiel die Erzählung vom „Großen Austausch“, ein politischer Kampfbegriff der Neuen Rechten. Demnach gibt es einen geheimen Plan, um weiße Menschen im Westen durch nicht-weiße Immigrant:innen zu ersetzen.

Michael Ballweg, der Gründer der Initiative Querdenken 711, die die größten Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen in Deutschland organisiert, soll bei der ersten Corona-Demonstration im August den Slogan der amerikanischen Verschwörer-Bewegung QAnon benutzt haben: „Where we go one, we go all“ („Dort, wohin einer geht, dorthin gehen alle“).

QAnon ist eine bizarre Verschwörerbewegung, die 2017 in den USA entstanden ist. Ihre Sympathisanten nennen sich selbst „Truther“ – Wahrheitssuchende. Sie glauben unter anderem, führende demokratische Politiker:innen würden einen Kinderporno-Ring betreiben, reiche Geschäftsleute würden ihr Leben verlängern, indem sie Kinderblut tränken und der „Deep State“, die Macht hinter den Mächtigen, wolle alle Menschen versklaven. Donald Trump gilt ihnen als Erlöser. Der lässt sich von den QAnon-Anhängern auch gerne unterstützen und sagte über sie: „I’ve heard these are people who love our country.“

Der britische Guardian hat eine Zeitleiste der Gewalttaten zusammengestellt, die mit Qanon in Verbindung gebracht werden.

Verschwörungserzählungen können uns egal sein, solange sie nur in den Köpfen der Menschen stattfinden, kritisch wird es, wenn sie echte Wirkung auf das Handeln von Menschen haben. In den USA kann man beobachten, was passiert, wenn eine Verschwörerbewegung zur politischen Kraft wird. Bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen hat die QAnon-Anhängerin Marjorie Taylor Greene einen Sitz im Bundestaat Georgia gewonnen.

Auch in Deutschland wächst der Einfluss von QAnon, bei den Corona-Protesten sieht man die Fahnen der Bewegung. Querdenker Michael Ballweg allerdings hat bei der Wahl für das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart im ersten Wahlgang nur 2,6 Prozent der Stimmen bekommen. Am 29. November will er für den zweiten Wahlgang antreten.

Warum Menschen Verschwörungsmythen glauben

Es gibt keine einfache Erklärung dafür, warum Menschen Verschwörungsmythen glauben. Ich habe drei Hinweise gefunden:

  • Angst. Menschen suchen nach Erklärungen für Ereignisse, die ihnen so viel Angst machen, dass sie diese nicht als zufällig akzeptieren können. Verschwörungserzählungen machen die Welt überschaubar und vereinfachen komplexe Zusammenhänge. Nora Pösl erklärt es so: „Durch einen schwarz-weiß-Dualismus wird ein klares Feindbild konstruiert, welches für alle sozialen und persönlichen Probleme und Ängste verantwortlich gemacht werden kann. Das damit einhergehende Gefühl, hinter die Kulissen zu schauen und die angeblich wahren Zusammenhänge zu erkennen, kann eine Bewältigungsstrategie gegen die eigene Ohnmacht sein. Und es kann zu einem Überlegenheitsgefühl gegenüber den Personen führen, die nicht an die Verschwörungstheorien glauben, da diese laut dieser Denkweise die ‚Wahrheit‘ nicht erkennen würden.“

  • Offenheit. Einen der interessantesten Gründe dafür, dass manche Menschen anfälliger für Verschwörungen sind als andere, hat die Journalistin Paula Scheidt schon vor drei Jahren gefunden. Sie hat versucht zu verstehen, warum immer mehr ihrer Freund:innen dem Schwurbel verfallen und hatte beim Wälzen neuropsychologischer Fachzeitschriften die Erkenntnis, dass einer der besten Charakterzüge ihrer Freund:innen sie in die Irre führt. „Die Fähigkeit zu divergentem Denken ist eine Komponente der Kreativität. Sie erlaubt, über konventionell gültige Kategoriengrenzen hinweg zu assoziieren“, zitiert sie in ihrem Artikel „Meine verirrten Freunde“ den Neuropsychologie-Professor Peter Brugger. „Einfach gesagt: Kreative können sich Dinge vorstellen, auf die andere gar nicht kommen. Wer zudem sehr empathisch ist, vermag sich in die merkwürdigsten Motive hineinzuversetzen. Alles Weitere hängt von der Neugierde ab – Gleichgültige geben sich zufrieden, Wissbegierige wollen mehr“. Das heißt natürlich nicht, dass du nicht kreativ oder neugierig bist, wenn du nicht an Verschwörungsmythen glaubst. Sondern, dass eine eigentlich positive Charaktereigenschaft, nämlich eine Offenheit gegenüber alternativen Ideen und Perspektiven, manche Menschen auch empfänglicher für Verschwörungen macht.

  • Soziale Medien (eben doch). Laut einer Studie des Londoner King’s College gibt es Hinweise darauf, dass Menschen, die ihre Nachrichten vor allem aus sozialen Medien beziehen, eher an Verschwörungserzählungen glauben – und auch eher Lockdown-Regeln brechen. Außerdem spielen die Algorithmen sozialer Netzwerke Nutzer:innen immer noch mehr Verschwörungsinhalte zu, wenn sie sich einmal damit beschäftigt haben. Die Forscher:innen des King’s College sehen aber keinen Beweis dafür, dass soziale Medien an sich Nutzer:innen anfälliger für Verschwörungstheorien machen. Menschen sind nicht einfach hilflose Opfer der Informationen, die sie zu sehen bekommen. Bobby Duff, einer der Autoren der Studie, sieht das Problem in einer „toxischen Mischung aus bereits vorhandenen Überzeugungen und irreführenden Informationen.“ Besonders anfällig scheinen dafür Skeptiker:innen des Medizinbetriebs zu sein, wie Nora Pösl schreibt: „Wenn Personen sich mit Alternativmedizin beschäftigen und alternativen Heilmethoden zugeneigt sind, ohne die angeblichen Wirkprinzipien wissenschaftlich zu hinterfragen, kann es langfristig wahrscheinlicher sein, dass sie durch algorithmische Empfehlungen in Communitys geraten, bei denen ein geschlossenes esoterisch-verschwörungstheoretisches Weltbild und eine grundsätzliche Wissenschaftsfeindlichkeit vorliegt.“

Es gibt Hoffnung

Leider ist es ziemlich mühsam, Personen, die bereits an Verschwörungserzählungen glauben, davon abzubringen. Zwei wirksame Gegenmittel habe ich trotzdem gefunden: In dem Podcast, den ich oben erwähnt habe, sagt die Psychologin Karen Douglas, dass Fakten vor allem präventiv helfen: „Wenn Sie den Menschen wissenschaftlich korrekte Informationen vorlegen, bevor sie der Verschwörungstheorie ausgesetzt werden, dann hat diese Theorie nicht so viel Einfluss auf die Einstellung der Menschen. Wenn man es andersherum macht und den Leuten erst die Verschwörungstheorie und dann die richtigen Informationen vorlegt, bleibt der Verschwörungsglaube eher erhalten.“

Douglas' Einschätzung macht klar, wie wichtig es ist, gute Informationen und verlässliche Quellen zu teilen. Menschen mit Verschwörungstendenzen schimpfen ja gerne pauschal auf „die Mainstreammedien“ (und vergessen dabei natürlich, dass kaum ein Medium mehr Mainstream ist als Facebook, wo Verschwörer:innen bevorzugt ihre Informationen bekommen). Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, anderen zu erklären, welchen Medien und Journalist:innen ich vetraue und warum. Die knallharten Verschwörer:innen kriegt man damit nicht, aber diejenigen, die einfach nicht wissen, wo sie gute Informationen bekommen.

Des Weiteren verbreiten sich Verschwörungsinhalte signifikant schlechter, wenn soziale Netzwerke Inhalte überprüfen und moderieren, wie eine Studie der Universität Harvard zeigt gezeigt hat, für die Forscher:innen Twitter, Facebook und Reddit betrachtet haben. Allerdings machen die Plattformen diesen Job bisher nicht gut genug: „Wir stellten fest, dass eine große Anzahl von Verschwörungstheorien unmoderiert blieb.“

Twitter ist darin mittlerweile etwas besser geworden, wie man an den Trump-Tweets der letzten Zeit sieht, die öfter mal so aussehen:

https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1328361451497664512?s=20

Eine Frage bleibt

Die Frage, die für mich offen bleibt, ist diese: Was macht Menschen gegen Falschinformationen immun? Oder zumindest immuner? In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind genug Menschen, die alle Kriterien Verschwörungsgläubiger erfüllen, die ich oben genannte habe: Sie haben Globuli im Regal und gehen zu Heilpraktiker:innen, holen sich ihre Nachrichten aus sozialen Medien und denken kreativ. Trotzdem impfen sie ihre Kinder, tragen Masken und würden niemals auf eine Querdenken-Demonstration gehen.

Was haben diese Menschen, das Verschwörer:innen fehlt? Ich habe bisher keine Antwort auf diese Frage und suche weiter danach. Ist ihr Vertrauen in die Politik oder die Wissenschaft weniger kaputt? Wenn ja, warum? Sind sie zufriedener mit ihrem Leben? Haben sie bessere Erfahrungen mit Medien gemacht? Wenn du dazu Ideen hast oder Antworten kennst, schreibt mir an theresa@krautreporter.de


Redaktion und Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Till Rimmele.

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