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Länder in Afrika und bestimmten Teilen Asiens

Der blinde Fleck der Corona-Berichterstattung

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In einer globalen Pandemie ist es normal, dass wir auch in andere Länder schauen, um uns gute Strategien abzugucken. Auf Krautreporter blickten wir zum Beispiel nach Südkorea oder Japan. Auch der „schwedische Weg“ war in deutschen Medien immer wieder Thema. Aber was ist eigentlich mit all den anderen Ländern? Den Ländern des globalen Südens, für die viele beim Ausbruch von Covid-19 schlimme Szenarien vorausgesagt haben? Den Autor Indi Samarajiva aus Sri Lanka ärgert, dass Medien aus Europa und Nordamerika Erfolge dieser Länder weitestgehend ignorieren. Wir haben seinen Debattenbeitrag auf die Seite geholt und in den Anmerkungen (das kleine „i“) durch weiterführende Links ergänzt. Wer tiefer ins Thema einsteigen will, sollte unser Dossier zu den Ländern lesen, die arm sind und Corona im Griff haben.


Die New York Times veröffentlichte Mitte Juli eine Serie von Fotos, die zeigen, wie Thailand alles richtig macht – Masken, Abstand, Tests – und betitelte sie mit „No One Knows What Thailand Is Doing Right“ (Niemand weiß, was Thailand richtig macht). Hallo Rassismus.

Die Menschen in Thailand arbeiten bis heute intensiv daran, Covid-19 mit Hilfe des öffentlichen Gesundheitswesens zurückzudrängen. Doch statt das anzuerkennen, fragte die New York Times, ob es am Blut der Thais liegt. Wir leben im Jahr 2020 und sprechen von orientalischer Blutmagie. Im Ernst:

Gibt es eine genetische Komponente, die das Immunsystem von Thais und anderen Menschen in der Mekong-Region resistenter gegen das Coronavirus macht? Oder ist es eine Art Alchemie all dieser Faktoren, die dieses Land mit 70 Millionen Menschen isoliert hat?
New York Times

Das ist buchstäblich Rassismus. Anstatt sich anzusehen, was die Thais gemacht haben, fragen sie, was in deren Adern fließt. Weil die Thais unmöglich nur kompetent sein können, muss es Alchemie sein. Diese Art der Berichterstattung ist schrecklich, und sie ist kein Einzelfall, sondern die Regel.

Kürzlich schrieb die New York Post: „Wissenschaftler können sich das rätselhafte Fehlen von Coronavirus-Ausbrüchen in Afrika nicht erklären.“ Doch, sie können es, gewöhnlich liegt es am öffentlichen Gesundheitssystem. In Afrika gibt es hervorragende Wissenschaftler:innen. Das würden selbst sie in der westlichen Welt wissen, wenn sie denen jemals Visa für Konferenzen erteilt hätten.

Das ist einfach Rassismus, und die Berichterstattung im Westen läuft zu oft so: Sie schreiben reichen und weißen Nationen wie Deutschland oder Neuseeland Handlungsfähigkeit zu. Alle, die ärmer oder dunkler sind, haben lediglich Glück. Aber das ist nicht wahr. Ärmere Nationen haben besser abgeschnitten als die reichen, weil sie im Bereich der öffentlichen Gesundheit starke Leistungen erbracht haben. Weil sie zusammengearbeitet haben. Weil sie früh reagiert haben.

Das sind alles Lektionen, die es wert sind, gelernt zu werden. Aber der Westen lernt nichts dazu. Ausnahmsweise bringt dieser Rassismus uns im globalen Süden nicht um. Wir leben. Dieses Mal bringt er sie um.

Die reale Welt sieht anders aus

Wenn die New York Times oder andere westliche Medien über die Welt schreiben, sprechen sie nicht über die ganze Welt. Sie meinen die weißen Menschen oder im gleichen Atemzug die Reichen.

Der New-York-Times-Journalist David Leonhardt zum Beispiel stellt sich die Welt im Jahr 2022 vor und schreibt nur über Amerika. Einige großzügigere Schreiber:innen beziehen Europa in die Welt ein und bezeichnen Europas Covid-Antwort als ausgezeichnet. Aber das ist sie nicht. Um einen Vergleich zu bemühen: Sie ist eine brennende Mülltonne neben einer brennenden Mülldeponie. Der Rest der Welt dämmt diese Virus-Krankheit tatsächlich ein. Aber das sieht man nicht, wenn man nur Weiß sieht.

Die weiße Welt erstreckt sich natürlich bis nach Neuseeland, und dort haben sie ihre große weiße Hoffnung gefunden. Aber dort endet die Welt auch. Europa, dazwischen „Hier sind Drachen“ – also unerforschte Gebiete –, und dann Neuseeland.

Ein kleiner Ausflug zu diesen Drachen: „Hic sunt dracones“ ist eine lateinische Redewendung, die auf Deutsch „Hier sind Drachen“ bedeutet. Sie weist auf gefährliche oder unerforschte Gebiete auf alten Seekarten hin. Frühe Weltkarten illustrierten den Raum jenseits der bekannten Welt häufig mit Fabeltieren wie Seeschlangen und Seemonstern. Ein Ausflug zu Wikipedia zeigt, dass sich auch der Chaos Computer Club und das Raumschiff Enterprise dieser Phrase bedient haben.

Übrigens können die Weißen auch Geld sehen, sodass sie die Welt bis nach Südkorea, Japan oder zu den Vereinigten Arabischen Emiraten ausdehnen können. Aber das war es dann auch schon. Das ist das Ende der Welt. Entweder sind die Menschen weiß, reich – oder sie existieren gar nicht.

Dies jedoch ist nicht die Welt. Öffnen Sie einfach eine Landkarte. Die Welt ist voller Menschen, und die Menschen, die sie ignorieren, sind eigentlich die Mehrheit. Wir sind menschliche Wesen, wir existieren, und wir überleben hartnäckig, kompetent, brillant und beharrlich. Den westlichen Medien fehlt buchstäblich der größte Teil der Welt, weil sie strukturell so rassistisch sind, und das bedeutet, dass ihnen auch die meisten Informationen fehlen. Sie verpassen die wahre Geschichte von Covid-19.

Das ist die wahre Geschichte

Die wahre Geschichte ist, dass die sogenannten Entwicklungsländer im Kampf gegen COVID-19 bemerkenswert besser abgeschnitten haben als die reichen und weißen Länder. Die wahre Geschichte beginnt genau dort, wo die westliche Karte endet. Hier sind die Drachen. Wir sind die Drachen.

Die wahre Geschichte ist, dass Länder wie Vietnam und die Mongolei Covid-19 sowas von in den Hintern getreten haben. Die wahre Geschichte ist: Länder wie Ruanda und Ghana haben sich weiterentwickelt und überlebt. Es gibt unzählige Geschichten wie diese – von Sri Lanka bis Trinidad und Tobago. Aber in den westlichen Ländern wissen die Menschen das nicht, weil wir weder reich noch weiß sind. Sie sollten es aber wissen. Denn wir haben Recht. Diese Information könnte ihr Leben retten.

In der Mongolei gab es zunächst keine Covid-19-Fälle. Die Weltgesundheitsorganisation WHO weist für den 15. November 416 Fälle aus, am Coronavirus gestorben ist demnach aber niemand. Ghana (laut WHO 50.018 Fälle mit 320 Toten) setzte erfolgreich auf gepoolte Tests, Drohnen und Appelle der politischen Führung. Sri Lanka (laut WHO 16.191 Corona-Fälle mit 53 Toten) reagierte früh mit einem kompletten Lockdown.

Stattdessen salben die westlichen Medien das weiße Deutschland zum Covid-Vorbild. Sie sollten sich auf Vietnam konzentrieren. Vietnam hat eine etwas höhere Einwohnerzahl als die Bundesrepublik, ist viel weniger wohlhabend und hat einfach besser reagiert. Bis Mitte November sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO in Deutschland 12.485 Menschen in Zusammenhang mit Corona gestorben, im Vergleich zu 35 in Vietnam. Jeden Tag hat Deutschland dreizehnmal so viele Fälle wie Vietnam insgesamt. Warum nicht von den Besten lernen?

Der andere Liebling der Weißen ist Neuseeland (laut WHO 1.645 Falle mit 25 Toten), das ausgezeichnet reagiert hat, aber auch der abgelegenste Ort der Erde ist. Unterdessen gibt es Länder, die eine gemeinsame Grenze mit China haben – wie die Mongolei – und dennoch überlebt haben. Und dicht besiedelte Nationen in Afrika wie Ghana, Senegal oder Ruanda, die alle gut abgeschnitten haben. Wie ist das möglich?

Ein kleines Beispiel: Die WHO schreibt, dass in afrikanischen Ländern mehr als 100 Patente angemeldet wurden im Zusammenhang mit Corona. Sie schreibt weiter: "Subsahara-Afrika ist die Region mit der größten Anzahl von Volkswirtschaften, die die Erwartungen gemäß ihres Entwicklungsstandes übertreffen." Hier schaut sich die BBC das westafrikanische Senegal genauer an.

Das Schlimmste ist, dass unzählige Artikel elenden Misserfolgen wie Schweden gewidmet wurden, als ob es irgendwie ein Modell wäre. Ein Modell wofür? Seine Leute, seine Wirtschaft und seinen guten Ruf gleichzeitig zu verlieren? Mitte November meldete die WHO für das skandinavische Land 177.355 Corona-Fälle mit 6.164 Toten.

Echte Vorbilder in der Karibik oder in Afrika werden ignoriert, während Menschen über die Frage diskutieren, ob nicht jede:r einfach die Krankheit bekommen sollte. Ganz ehrlich – was zur Hölle läuft da falsch? Die Krankheit bekommen? Wenn arme Nationen sie schlicht zeitweise eliminiert und weitergemacht haben? Es gibt eine wahre Geschichte, die sich auf der ganzen Welt abspielt. Aber die westlichen Medien können sie nicht sehen, weil sie die Welt so eng definieren.

Die Welt muss man als ganze Welt betrachten

Wir im Globalen Süden werden ständig durch beschönigende Umschreibungen aus der Welt ausgeschlossen. Sie sprechen von der „entwickelten“ Welt oder der „industrialisierten“ Welt oder den „fortschrittlichen“ Nationen. Aber was bedeutet das? Wie entwickelt sind diese Länder, wenn sie kein öffentliches Gesundheitswesen haben? Wie industrialisiert sind sie, wenn sie keine Tests und Schutzausrüstungen zur Verfügung stellen können? Wie fortgeschritten sind sie, wenn ihr Volk nicht einmal eine Maske tragen will?

Diese Wörter sind jetzt nur noch nackte Euphemismen für reich und weiß. Es sind Codewörter für Rassismus und Klassendenken. „Fortgeschrittene“ und „entwickelte“ Menschen sind von Covid-19 voll erwischt worden.

Wir sind fortgeschritten. Wir sind entwickelt. Wir sind die Welt

Um eurer eigenen Gesundheit willen: Seht uns. Informiert euch darüber, wie ein frühes, aggressives Vorgehen in der Mongolei verhinderte, dass dort das Coronavirus lokal übertragen wurde. Erfahrt mehr darüber, wie Ghana gepoolte Tests einsetzte, um das Beste aus den knappen Ressourcen zu machen.

Pooling ist ein simpler Trick: Man bündelt die Abstriche mehrerer Testpersonen und analysiert zum Beispiel statt fünf individueller Proben eine Sammelprobe. Fällt der Gruppentest negativ aus, spart man sich den Material- und Zeitaufwand für die Einzeltests. Ist er positiv, führt man zusätzliche Tests mit den zurückbehaltenen Proben durch. Mehr über Vor- und Nachteile dieses Testverfahrens sind im Ärzteblatt zu lesen.

Ich verstehe, dass die westlichen Medien daran gewöhnt sind, uns als Katastrophengebiet zu betrachten, aber das hat uns zum „Master of Desaster“ gemacht. Arme Nationen haben fast einheitlich schnell und entschlossen reagiert. Wir haben ihnen viel zu zeigen, wenn sie die Scheuklappen von ihren Augen nehmen.


Dieser Text ist im September 2020 in englischer Sprache bei Medium erschienen. Wir haben ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors übersetzt.


Übersetzung: Vera Fröhlich; Redaktion: Belinda Grasnick; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele.

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