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Die anderen und ich, Folge 6

Weltenbummlerin trifft Daheimgebliebenen – wie wichtig ist Heimat?

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Die anderen und ich
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Die anderen und ich
Wir gehen raus zu Menschen, die wir in unserem normalen Leben wohl nie treffen würden. Um nachzufragen, zuzuhören – und um die Kluft vielleicht ein Stück weit zu überwinden.

Mit drei Monaten saß ich das erste Mal an Bord eines Flugzeugs. Strecke: Berlin – Amsterdam – Lusaka. Heute, 24 Jahre später, habe ich in sechs verschiedenen Ländern gewohnt. Je nach Zählweise habe ich neun bis 18 Umzüge hinter mir. Auf die Frage, wo denn meine Heimat sei, reagiere ich je nach Laune mit innerem Augenrollen, Schulterzucken oder Herzrasen.

Peter kann diese Frage sofort beantworten. Seit seiner Geburt vor 46 Jahren lebt er auf demselben Grundstück, das in der dritten Generation seiner Familie gehört. Er war nie länger als ein paar Wochen weg.

Wie wichtig ist es zu wissen, wo man herkommt? Was unterscheidet Menschen, die darauf eine Antwort haben, von denjenigen, denen eine Antwort fehlt?

9.00 Uhr, ein Donnerstagmorgen Mitte September, in einem kleinen Ort in der Nähe von Feuchtwangen, Mittelfranken. Gut abgeschirmt von einer Reihe Kastanien, Erlen und Haselnussbäumen, umgeben von Weihern, liegt der Ort, den Peter sein Zuhause nennt: zwei Familienhäuser, zwei Scheunen und mittendrin der Hofweiher. Peter wohnt schon sein ganzes Leben hier, früher mit seinen Eltern, heute mit seiner Lebensgefährtin und ihren vier Kindern. Die Zufahrt ist gerade eine Baustelle. Peter hat sich drei Wochen Urlaub genommen, um die Auffahrt zu pflastern.

Ich: Ich kann mir nicht vorstellen, mal so viel Geld und Zeit in die Einrichtung eines einzigen Ortes zu stecken. Ich glaube, dann hätte ich Angst, dass ich da hängen bleibe.

Peter: Ist das was Schlechtes?

Ich: Auf Anhieb finde ich die Vorstellung, den Rest meines Lebens an einem Ort zu verbringen, schon ziemlich schlimm. Da verpasst man so viel.

Peter: Also, bei uns ist eigentlich klar, dass wir dableiben. Aber das heißt ja nicht, dass sich nichts verändert. Manchmal überlege ich, was wir aus dem Hof noch alles machen könnten, zum Beispiel wieder eine Landwirtschaft oder auch Ferienwohnungen. Ich kann mir schon noch jede Menge vorstellen für unsere Zukunft. Wer weiß schon, was kommt? Selbst am gleichen Ort.

Peter ist auf dem Hof aufgewachsen – während ich in drei verschiedenen Ländern zur Schule gegangen bin

Peter und ich spazieren über das Grundstück. Wir sind eine Weile unterwegs, das Anwesen hat mehr als 40.000 Quadratmeter, und es gibt eine Menge zu sehen: Wildblumenwiese, Karpfenweiher, Bienenstöcke, Feuerholzstapel aus dem eigenen Wald. An jeder Ecke spürt man die Mühe, die Peter und seine Familie sich geben, um diesen Ort zu einem Zuhause zu machen: an der Fasssauna und Außendusche, an der großen Scheune, in der Peter und ein paar Freunde regelmäßig Konzerte organisieren, an der Hängematte, die an einem Ast über dem Weiher baumelt.

Wir sehen einen Teil von einer Hofeinfahrt, daneben Bäume und in der rechten Bildhälfte einen kleinen Teich

Wir spazieren in Richtung Haus, vorbei an einem Hühnergehege, in dem eine Handvoll Hennen herumstolzieren. Peters Lebensgefährtin, Andrea, sammelt dort gerade die Eier ein. Über eine Terrasse mit Hochbeet, Wildblumen und Sitzecke kommt man in das Haus. Innen riecht es nach frisch gebackenem Kuchen, Tee und Kerzenlicht. In der Küche steht Peters älteste Tochter, Jana. Die 23-Jährige hat gerade einen russischen Zupfkuchen in den Ofen geschoben, Andrea hat Tee gekocht. Peter und ich setzen uns mit unseren Tassen an den Holztisch zwischen Küche und Wohnzimmer.

Ich: Es ist wahnsinnig gemütlich hier.

Peter: Der Hof war immer unsere Oase. Als Kinder erlebten wir hier die vollkommene Freiheit. Nur schwimmen lernen mussten wir halt mit drei oder vier Jahren, falls man mal in den Weiher gefallen ist (lacht).

Ich: Wow, das klingt sehr idyllisch.

Peter: Schon, ja. Ich bin hier groß geworden. In diesem Haus mit meinem Bruder und unseren Eltern, gleich nebenan die Großeltern. Unsere Oma, die war die Liebe in Person, so eine Oma, wie man sie sich in Märchen vorstellt. Immer für einen da und auch immer ein Stück Schokolade im Schrank.

Ich: Ich habe die Kinder, die von ihren Großeltern von der Schule abgeholt wurden, immer sehr beneidet. Das ging bei uns nicht, das hat mich schon genervt als Kind.

Peter: Ja?

Ich: Schon, ja. Ich bin erst in Frankreich in den Kindergarten gegangen. Meine französische Oma hat zwar im gleichen Land gewohnt, aber im Speckgürtel von Paris, und wir waren im Norden, bei Lille. Und die anderen Großeltern haben in der Nähe von Berlin gewohnt. Dann sind wir nach Wien gezogen, da waren dann gar keine Großeltern mehr. Naja, gestört hat es mich erst, als ich gesehen habe, dass das bei meinen Freunden anders ist, dass einige von der Oma abgeholt werden oder da mal den Nachmittag verbringen.

Peter: Ich habe viel Zeit bei meiner Oma verbracht. Immer, wenn meine Cousins zu Besuch waren oder mal die Mama schlecht drauf war (lacht). Das war einer der Vorteile. Mein Kindergarten war im Nachbardorf, nicht mal zwei Kilometer von hier. Und meine Schulen kaum weiter, zuletzt in Dinkelsbühl, das sind nur 15 Kilometer von hier.

Ich: Meine Schulen waren in Frankreich, Österreich und Kanada. Die zu besuchen, schafft man leider nicht an einem Tag.

Das unterscheidet „Anywheres“ und „Somewheres“

Mein Vater hat lange für das französische Außenministerium gearbeitet. Drei Monate nach meiner Geburt ist ihm meine Mutter für eine Stelle nach Lusaka gefolgt, in die Hauptstadt von Sambia im südlichen Afrika. Von da ging es nach Frankreich, wo meine Schwester auf die Welt kam, und nach Österreich, wo ich eine französische Schule besuchte. Als ich 10 war, trennten sich meine Eltern. Mein Vater wurde nach La Réunion versetzt, ich blieb mit meiner Mutter in Wien. Es hatte uns dorthin verschlagen, aber wir hatten dort keine Wurzeln.

Mein Leben lang habe ich die Frage „Woher kommst du?“ gehasst. Frankreich? Deutschland? Wien? Jede Antwort fühlt sich falsch an. Europa? Das stimmt, ist aber unpräzise und prätentiös. Seit einiger Zeit merke ich, dass ich mir eine einfache Antwort auf diese Frage wünsche. Ich glaube: Menschen, die wissen woher sie kommen, wissen auch genauer, wer sie sind. Als ich das erste Mal mit Peter telefonierte (der Mitglied bei Krautreporter ist), empfand ich Neid (wow, was für ein idyllisches Leben). Gleichzeitig wusste ich, dass ich so ein Leben niemals führen könnte. Dieser innere Konflikt begleitet mich schon mein ganzes Leben - dem muss ich nachgehen, dachte ich.

Es gibt eine soziologische Theorie über Menschen wie Peter und mich. Ich bin eine „Anywhere“, er ist ein „Somewhere“. Die Begriffe stammen vom britischen Autor David Goodhart: Somewheres, „Irgendwo-Menschen“ wie Peter, sind fest an einem Ort verwurzelt. Sie haben dort Freunde, Familie, Verbindungen, sind im Verein engagiert, man kennt sie. Anywheres, also „Überall-Menschen“ wie ich, wohnen meist in der Großstadt und sind so wenig verwurzelt, dass sie jederzeit umziehen könnten, und das auch ziemlich häufig tun.

Goodhart hat eine ziemlich attraktive Theorie für eine globalisierte Welt erfunden. Sogar den Brexit und den Wahlsieg Donald Trumps möchte er damit erklären: Goodhart argumentiert, dass eine Kluft entstanden ist zwischen urbanen, erfolgreichen Eliten und abgehängten Landbewohnern, zwischen Verlierern und Gewinnern der Globalisierung. Ich habe da so meine Zweifel, aber Peter und mich treibt dieselbe Frage um: Wie wichtig ist Heimat?

Eine genauere Einführung in Goodharts Theorie mitsamt Kritik hat das Zukunftsinstitut. Die Reporterin Julia Friedrich hat die Spaltung zwischen Somewheres und Anywheres anhand eines Neubaugebiets bei Köln beschrieben. Ihr Text ist im SZ-Magazin erschienen.

Ich: Peter, du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass dein Vater gestorben ist, als du 18 warst, und dass du früh den Hof geerbt hast.

Peter: Ich bin dadurch zu Beginn meines Erwachsenenlebens in einer Form hier festgenagelt worden. Ich muss aber auch sagen: So einen richtigen Drang, fortzugehen, hatte ich nicht. Ich trage es auch dem Schicksal nicht nach, dass ich hier angepflockt war.

Ich: Dabei beginnt bei den meisten mit 18 die Zeit, in der sie das erste Mal umziehen.

Peter: Mein Papa war Lehrer. Bis ich wirklich wusste, was ich will, habe ich ebenfalls Lehramt studiert. In Erlangen, das ist immer noch Mittelfranken. Also ich bin schon zum Studium nicht weit weg gegangen, so dass ich halt auch immer hier auf dem Hof sein konnte, eigentlich jedes Wochenende oder mindestens jedes zweite. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es mir Spaß macht, Internetseiten zu programmieren. Das ist mein Beruf geworden, ich bin jetzt selbstständiger IT-ler. Für den Stundenlohn, den ich da schon während des Studiums bekommen habe, hätte ich viele Stunden kellnern müssen! (lacht)

Ich: Ich habe gekellnert! Also ich war vor dem Studium an nichts gebunden. Letztendlich bin ich nach Berlin gegangen, aber es waren auch Paris, Großbritannien oder Schweden im Rennen. Oder auch Kanada, wenn das nicht so teuer wäre.

Heimat hat viel mit Erinnerungen zu tun

Peter: Kanada klingt auch nach einem absoluten Traumland.

Ich: Ist es auch! Ich bin da mit 15, in der zehnten Klasse, für ein Jahr zur Schule gegangen.

Peter: Mit 15 bist du nach Kanada gegangen? (lacht ungläubig)

Ich: Ja, meine Mutter hat mir vermittelt, dass es dazugehört, für ein Jahr im Ausland auf die Schule zu gehen. Ich habe das schon mit zwölf gewusst. Ich würde immer noch sagen, das war das beste Jahr meines Lebens.

Peter: Echt? Wie kommts?

Ich: Ich habe ein wahnsinnig enges Verhältnis zu meinen kanadischen Gasteltern und meinen beiden Schwestern. Die sind wie Familie für mich. Ich war seitdem noch ein paar Mal in Kanada und es fühlt sich auch nach einem Zuhause an. Einfach, weil ich mich da so wohl gefühlt habe.

Peter: Ich glaube, Heimat hat viel mit solchen Erinnerungen zu tun. Also, Heimat kann es auch ohne Ort geben, aber mit Ort funktioniert es besser. Dass ich so sehr an den Hof gebunden bin, liegt auch daran, dass ich hier so viele Erinnerungen habe. Hier ist so viel passiert. Freud, Leid, Arbeit, Spaß. Diese Erinnerungen hast du ja auch, aber halt an so vielen unterschiedlichen Plätzen. Bei mir sammeln sich diese ganzen Erinnerungen hier. Und die sind für mich auch eine Art Energie.

Ich: Aber auch die negativen Erinnerungen …

Peter: Ja, aber die positiven Anker sind deutlich stärker. Beim Neurolinguistischen Programmieren gibt es ein Verfahren: Da wird den Leuten gesagt, dass sie sich immer, wenn ihnen etwas Gutes passiert, auf die Schulter klopfen sollen, zum Beispiel. Wenn es ihnen dann schlecht geht, dann legen sie die Hand wieder an diese Stelle und wissen: „In 1.000 guten Erlebnissen habe ich da drauf gedrückt.“ Sobald sie es wieder tun, kommt diese Energie auf einmal zurück und gibt ihnen Kraft. Mit Orten ist es auch so. Wenn du an einem bestimmten Ort einfach total gute Sachen erlebt hast, gehst du da hin, wenns dir schlecht geht, und holst dir das wieder zurück.

Die einen können nicht dableiben, die anderen wollen nicht weg

Peters Lebensgefährtin Andrea setzt sich zu uns an den Tisch.

Blick auf ein Haus, gelegen an einem kleinen Teich. Im Vordergrund wilde Gräser und ein kleiner Weg.

Peter (zu Andrea): Du kennst das auch, gell? (zu mir) Die Andrea kommt aus einem Ort, acht Kilometer Luftlinie von hier. Und sie hat sogar mal versucht, umzuziehen. (Andrea und Peter lachen beide.)

Andrea: Ich wollte mal mit meinem damaligen Freund in den Allgäu ziehen, nicht mal zwei Stunden von hier. Wir hatten schon eine Wohnung, er war schon da. Ich bin mit dem vollen Auto morgens hier weg und hab schon unterwegs gemerkt: „Das geht nicht, das kann ich nicht.“ Und kaum bin ich angekommen, habe ich mich von ihm getrennt. Habe das Auto nicht mal ausgeräumt und bin noch am gleichen Tag zurück hierher. Dabei war mit dem alles in Ordnung! Aber ich konnte hier nicht weg.

Ich: Niemals!

Andrea: Doch, wirklich. Das ist halt Heimat für mich.

Ich: Peter, hast du auch Heimweh, wenn du unterwegs bist?

Peter: Ja, schon. Ich hab schon auch mal überlegt, auszuwandern. Neuseeland oder Australien würden mich schon reizen. Ob ich das aushalten würde ohne unseren Hof, das weiß ich aber nicht.

Ich: Was war denn die längste Zeit, die du nicht da warst?

Peter: Das ist eine sehr gute Frage … Ich war noch nie monatelang weg. Also wenige Wochen, höchstens. Vielleicht drei, vier Wochen, während der Grundausbildung bei der Bundeswehr? Aber auch da hatte ich Glück und wurde nach Feuchtwangen versetzt, da gab es noch eine Kaserne (lacht). Das waren dann immer sechs Stunden Schicht, 18 Stunden frei. Da war ich eigentlich immer zuhause.

Ich: Ich bin vor drei Jahren, mit 21, noch mal zum Studieren für ein Jahr von Berlin nach Kanada gegangen. Und mir ging es dort richtig schlecht. Ich habe die ganze Zeit an Berlin gedacht, obwohl ich in Kanada sein wollte. Und dann meinte meine beste Freundin am Telefon: „Klar, Heimweh.“ Und ich weiß noch genau, wie ich protestiert habe: „Das kann überhaupt nicht sein, ich hatte noch nie Heimweh.“ Und das stimmt, sogar als ich mit 15 alleine in Kanada war, hat mir Wien nicht gefehlt. Und dann mit 21 war ich richtig traurig. Ich hatte da auch gerade meinen damaligen Freund kennengelernt, es lag bestimmt auch daran, aber es war auch Berlin. Das war der erste Ort, an den ich gezogen bin, von dem ich wusste: Hier kann mir niemand vorschreiben, wann meine Zeit dort abläuft. Ich hab gar nicht richtig gecheckt, wie viel mir das bedeutet.

Andrea: Hast du dann nicht dort dein Zuhause gefunden?

Ich: Ich weiß es nicht. Berlin ist der erste Ort, wo ich gerne einen Anker hätte. Ich hätte dort gerne eine Wohnung, damit ich immer wieder zurück kann. Ich kann mir vorstellen, dass Berlin meine Basis bleibt, aber für immer reichen würde es mir auch nicht. Also wenn ich drüber nachdenke, die nächsten 40 Jahre in Berlin zu leben, nee ...

Andrea: Wirds dir dann langweilig?

Ich: Ich denke halt an die geilen Orte, die es auf der Welt noch gibt, an denen ich unbedingt noch leben will. (Andrea lacht.) Ich mache mir teilweise wirklich Stress, also denke: „Du musst auf jeden Fall noch mindestens zwei Jahre da leben, und an diesem Ort leben, und da ...“ Es gibt so viele Orte, Bolivien vielleicht, oder nochmal Kanada oder Laos, wie schön wäre es, da mal zu leben? Das Gefühl, bald aufzubrechen, ist bei mir wie so ein inneres Hufescharren, das ist für mich das Schönste auf der Welt.

Peter: Aber ist es nicht auch schön, einfach mal irgendwo zu sein?

Ich: Bestimmt, ich kann es mir halt nicht vorstellen, nicht langfristig. Zu wissen, jetzt kommt was Neues, ist mir halt immer wichtiger. Gleichzeitig würde ich mir schon wünschen, einfach mal mit dem Ort zufrieden zu sein, an dem ich bin. Ich würde gerne einen Ort finden, wo ich sage: „Scheiß drauf, dass es noch 100 geile Länder gibt auf der Welt, hier will ich jetzt bleiben.“ Berlin kommt dem bis jetzt am nächsten. Als ich letztes Jahr nach München ziehen musste, um auf die Journalistenschule zu gehen, habe ich wahnsinnig rumgeheult.

Sicherheit und Stabilität stehen Mobilität und Unabhängigkeit gegenüber

12.30 Uhr. Peter und ich fahren nach Dinkelsbühl, knapp 15 Kilometer entfernt. Hier ist Peter schon zur Schule gegangen, hier hat er sein Software-Unternehmen gegründet. Nach einem Spaziergang durch die Altstadt setzen wir uns auf die Terrasse eines Wirtshauses, um dort etwas zu essen. Die Wirtin, Melanie, kennt Peter auch, sie sind in die gleiche Schule gegangen. Außerdem ist Melanies Mann Peters Geschäftspartner.

Ich: In einem der Texte, die ich zu der Theorie der Somewheres und Anywheres gelesen habe, werden die beiden Gruppen unter anderem durch ihre Werte unterschieden. Da hieß es, die klassischen Werte der „Irgendwo-Menschen“ seien Sicherheit und Stabilität, und die der „Überall-Menschen“ Mobilität und Unabhängigkeit.

Peter: Ich weiß nicht, ob Sicherheit und Stabilität für mich so wichtige Werte sind. Ich glaube, das ist eher so etwas, das sich ergeben hat.

Ich: In meinem Fall stimmt das. Mir ist es mega-wichtig, dass ich jederzeit wieder von einem Ort weg kann. Als ich vor dem Umzug nach München eine Pro-Contra-Liste geschrieben habe, stand auf der Pro-München-Seite, dass die Stadt einen deutlich größeren Flughafen hat als Berlin.

Peter: (lacht) Aber ich habe mich gefragt, ob du nicht auch auf der Suche nach deiner Heimat bist. Schon, oder? Weil dann stimmt ja die Somewhere-Anywhere-Theorie nicht so ganz, weil sie sich dann nur dadurch unterscheidet, dass einige Leute ihre Heimat schon gefunden haben und andere nicht.

Ich: Ich weiß gar nicht, ob ich meine Heimat suche. Also phasenweise, aber nicht immer. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für, dass ich mit 24 vier Sprachen fließend spreche, so viel kennenlernen durfte, so viele lustige Reisegeschichten habe. Ehrlich gesagt nervt mich das erst ein bisschen, seit ich weiß, dass es auch anders geht.

Peter: Wie meinst du das?

Ich: In Wien bin ich auf eine Schule gegangen, wo viele Diplomatenkinder waren. Die meisten meiner Freunde hatten ihre Familie in allen Ecken der Erde, da war ich völlig durchschnittlich. Und erst in Berlin war es die Norm, dass meine Freunde ihre ganze Familie im gleichen Land haben. Dass man jedes Jahr an Weihnachten in das gleiche Haus fährt, in dem die Eltern schon ihr ganzes Leben lang wohnen. Viele meiner engsten Freunde haben seit ihrer Kindheit die gleichen Freunde! Und die leben jetzt alle in Berlin und können sich regelmäßig als Freundeskreis treffen. Und seitdem nervt mich, dass meine engsten Bezugspersonen in der ganzen Welt verteilt sind. Meine beste Freundin pendelt zwischen Paris und New York. Wenn wir Glück haben, sehen wir uns zweimal im Jahr. Ich würde gerne einmal in der Woche meine kanadische Gastschwester auf einen Kaffee treffen. Meine französische Oma habe ich 2018 das letzte Mal gesehen. Was das angeht, würde ich auch gerne irgendwo ankommen. Auf der anderen Seite ist es ja jetzt auch zu spät. Selbst wenn ich ab jetzt für den Rest meines Lebens an einem Ort bleibe, sind meine engsten Bezugspersonen trotzdem überall verteilt.

Peter: Das soziale Netzwerk ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich geblieben bin. Ich habe Freunde, die ich seit der Kindheit kenne. Mit einem Grundschulfreund mache ich heute noch zusammen Musik. Und gerade, wenn mal viel reist, ist es aufwändiger, ein solches Netzwerk zu pflegen.

Ich: Auf jeden Fall. Wenn ich regelmäßig Kontakt mit allen Leuten halten würde, die mir wichtig sind, aber nicht in Deutschland leben, würde ich nur noch an meinem Handy hängen. Und weniger schlafen, wegen der Zeitzonen.

14.00 Uhr, am Friedhof im Nachbarort: Peter ist zu einer Beerdigung eingeladen. Ein 86-Jähriger ist gestorben. Seine Familie hat Peter gebeten, einer der vier Sargträger zu sein. Vielleicht 60 Leute stehen vor der offenen Aussegnungshalle, vor der der Pfarrer eine Grabrede hält. Fast der gesamte Ort hat sich hier versammelt, sie stehen in kleinen Gruppen zusammen, fast alle singen oder murmeln die Kirchenlieder mit. Ich denke: Wer weiß, wo ich mal begraben werde – und aus wie vielen Ländern Leute wohl anreisen müssten, um zu meiner Beerdigung zu kommen.

Danach sind Peter und ich mit dem Pfarrer verabredet. Peter ist Mitglied im Kirchenvorstand.

Ich: In wie vielen Vereinen bist du eigentlich, Peter?

Peter: Ich bin Mitglied im Kirchenvorstand und spiele im Posaunenchor. Für mich ist das eine Art, der Gemeinde etwas zurückgeben, weil mir daran liegt, dass das Leben hier für alle angenehm ist. Das stärkt das Heimatgefühl enorm. Das ist Lebensqualität.

Pfarrer: Thomas Mann hat mal gesagt: „Wo ich bin, da ist die Welt.“ Das beschreibt das hier ziemlich gut. Der Mittelpunkt ist hier. Das ist ein ganz kleiner Kosmos, in dem alle miteinander verbunden sind, in dem man alles übereinander weiß. Jeder hier weiß zum Beispiel, wer Peters Opa ist, der Herbert.

Peter: Ja, der kam ursprünglich aus einem Ort im heutigen Polen. Und hat es hier in Franken als Preuße erstmal schwer gehabt. Und trotzdem ist er einige Jahre später Bürgermeister geworden, weil er es geschafft hat, die Leute hier für sich zu gewinnen. Und einige der Geschichten kennen die Leute halt noch immer.

Ich: Was denn für Geschichten?

Peter: Der hat sich zum Beispiel ein Pferd als Zugtier gekauft. Das war damals, in den 1960ern einigermaßen teuer im Vergleich zu den Ochsen, die die anderen genutzt haben. Da haben sich die anderen Bauern erstmal ziemlich lustig gemacht, aber der Opa hat dann angefangen, das Pferd zu dressieren. Früher fuhren die Bauern jeden Morgen die Milch zum Milchauto im Dorf, das sie dann zur Molkerei brachte. Jeden Morgen hin und zurück, das hat mindestens eine halbe Stunde gedauert. Der Opa hat dann dem Max, dem Pferd, beigebracht, den Karren alleine zu ziehen. Er hat ihm eine Ledertasche mit Zucker um den Hals gehängt und der Max ist mit dem Karren ins Dorf gelaufen. Der Milchmann hat die Milch abgeladen, die leeren Kannen zurückgestellt und Max den Zucker gegeben und zurückgeschickt. Und der Opa konnte in der Zwischenzeit schon mal was anderes machen, in der Scheune arbeiten, zum Beispiel.

Ich: Das ist ja geil! Und sowas wissen die Leute noch heute?

Peter: Ja, und auch viele andere vergleichbare Dinge. Mein Opa war hier Bürgermeister, mein Vater war Lehrer und Musiker. Beide kannte man hier und schätzte sie. Ich glaube, ich habe Zeit meines Lebens dadurch so etwas wie „Vorschusslorbeeren“ gehabt, ein Vertrauen der Leute, selbst wenn sie mich persönlich noch gar nicht so gut kannten. Und diese Erfahrung motiviert wiederum mich, mich hier auch einzubringen. Damit meine Kinder irgendwann vielleicht meine Vorschusslorbeeren ernten können und ihren festen Platz in der Gemeinschaft haben.

Pfarrer: Gleichzeitig motiviert es natürlich die Kinder, etwas zurückzugeben. Nach dem Motto: „Das hat schon mein Papa so gemacht.“ Das hält die Leute hier. Das Regionale spielt hier eine viel größere Rolle. Das merkt man zum Beispiel auch an den Dialekten.

Ich: Wie meinen Sie das?

Pfarrer: Das sind hier sprachliche Mikrogebiete, in denen sich jeder dialektisch verorten kann. Es gibt auf einem kleinen Gebiet 20 verschiedene Begriffe für Kartoffel! Hier sagt man eigentlich Erdbirne. Ein bisschen weiter südlich heißt es Grumbire oder Krombire. Je nachdem, was man sagt, wissen die Leute, wo der andere herkommt. Sogar, wenn es nur zwei Kilometer Unterschied sind!

Ich: Das ist lustig, ich bin nämlich völlig dialektresistent. Also, ich habe jahrelang in Wien gelebt und trotzdem kann ich den Dialekt so gar nicht. Ich kann natürlich alles verstehen, aber sprechen … Wenn ich da den Mund aufgemacht habe, wussten die Leute sofort, dass ich keine Wienerin bin. Das war auch echt unangenehm. Gleichzeitig benutze ich Worte aus so vielen Dialekten, dass man, glaube ich, gar nicht einordnen könnte, wo ich herkomme. Sogar wie ich spreche, ist heimatlos.

Der Hof meiner Oma war der einzige Ort, wo ich traurig war, wenn wir wegfahren mussten

16.00 Uhr. Zurück auf Peters Hof. Dort sind inzwischen die drei jüngsten Kinder aus der Schule zurückgekommen. Der 15-jährige Johann räumt mit einem kleinen Bagger den restlichen Bauschutt aus der Auffahrt, während Emma (17) und Liam (10) die neu eingesetzten Pflanzen gießen. Als Peter nach ein paar Minuten von einer Erledigung zurückkommt, setzen wir uns mit einem Kaffee an einen Tisch vor dem Haus, Andrea kommt auch dazu.

Andrea: Ich glaube, Kinder sorgen dafür, dass man an einem Ort bleibt. Oder wenn man die eigenen Eltern vor Ort hat, ist es einfach, selbst dort verwurzelt zu bleiben.

Ich: Meine Eltern sind ja auch mit uns beiden umgezogen. Aber das stimmt schon, ich weiß auch noch, dass meine Mama oft gesagt hat, es wäre einfacher, wenn sie ihre Eltern hier hätte. Also, uns mal für einen Nachmittag zu den Großeltern zu geben, hätte es einfacher gemacht, uns großzuziehen.

Andrea: Die Jana wurde jeden Tag von einem anderen Familienmitglied aus dem Kindergarten abgeholt. Und für die Kinder ist das halt auch ein Geschenk, die lieben das. Das ist wichtig.

Ich: Ich liebe meine Familie auch sehr, aber ich fand es völlig normal, meine Großeltern nur einmal im Jahr zu sehen.

Andrea: Man kriegt halt kein richtiges Verhältnis, wenn man sich nur so selten sieht, denke ich.

Ich: Naja, ich würde schon sagen, dass ich zu meiner Familie ein richtiges Verhältnis habe. Ich weiß natürlich nicht, ob es ein „Familien“-Verhältnis ist, aber was ist da schon der Maßstab?

Andrea: Aber würdest du deine Kinder genauso aufziehen, wie du aufgewachsen bist?

Ich: Das frage ich mich wirklich oft. Grundsätzlich mega-gerne. Immer neue Leute, neue Sprachen, viel reisen ... Aber ich sehe auch all die Nachteile. Zum Beispiel denke ich oft daran, dass ich in den nächsten Jahren oder auch langfristig nicht in der gleichen Stadt wie meine Mutter leben werde. Und das nervt mich schon, wenn ich dann daran denke, dass da vielleicht mal Kinder sind und ich sie dafür gerne in der Nähe hätte. Denkt ihr, eure Kinder bleiben hier?

Peter: Der Hof wird halt immer ein Zuhause für sie bleiben. Schau mal, das gerade (er zeigt zu seinen Söhnen, die mit zwei Minibaggern der Baufirma in der Auffahrt rumfahren) sind halt die Erlebnisse, die sie ihren Lebtag nicht mehr vergessen werden. Und die sie für immer mit dem Ort hier verbinden werden.

Ich: Das hatte ich früher auch mit dem Hof von meiner Oma. Da waren wir im Sommer immer relativ lange. Das war der einzige Ort, wo ich traurig war, wenn wir wegfahren mussten. Und wenn wir nicht da waren, dachte ich immer, das sei meine Heimat. Inzwischen glaube ich das nicht mehr, weiß aber auch nicht, was meine Heimat ist.

Peter: Ist dir das wichtig?

Ich: Kommt drauf an, manchmal ja, manchmal nein. Ich denke da viel drüber nach. Früher, wenn ich mich in einem Land nicht zugehörig gefühlt habe, habe ich halt immer gedacht „Naja, das liegt halt daran, dass du hier nicht herkommst, in Deutschland oder Frankreich fühlst du dich bestimmt zuhause.“ Und als ich dann nach Deutschland gezogen bin, hatte ich eine totale Identitätskrise, weil ich mich immer noch genauso fremd gefühlt habe wie früher. Also hier war auch nichts mit Zuhause oder Heimat. Ich kann mich mit Deutschland genauso wenig identifizieren wie mit Österreich. Jetzt bleibt nur noch Frankreich, wenn das auch nicht klappt, habe ich wohl kein Heimatland (lache).

Peter: Ich denke, Heimat hat nicht viel mit einem Land zu tun. Oder nur zum Teil. Das ist eher ein Hybrid-Produkt. Eben eine Kombination aus mehreren Dingen, Familie, Erinnerungen, soziales Netzwerk ... Das ist für mich viel regionaler. Heimat ist für mich dieser Hof und das Dorf, Deutschland würde ich da erstmal gar nicht nennen.

Andrea: Heimat hat auch viel mit Seelenverwandschaft zu tun. Wo kann ich mich mit der Mentalität identifizieren und so weiter. Das muss nicht der Ort sein, wo du geboren bist oder einen Pass hast.

Ich: Das ist ein echter Konflikt mit mir selbst, mal will ich unbedingt wissen, wo ich herkomme, mal ist es mir völlig egal. Es ändert doch eigentlich nichts, oder? Wo ich herkomme, macht mich ja auch nicht zu dem Menschen, der ich bin.

17.00 Uhr. Peter bringt mich zum Bahnhof. Auch, als ich spätabends wieder in Berlin ankomme, denke ich noch über meinen Tag in Mittelfranken nach. Ich empfinde ein bisschen Neid auf Peters Leben: auf das schöne Anwesen, das enge soziale Netz, vor allem aber auf die Gewissheit, mit der er auf die Frage antworten kann: „Wo kommst du her?“

Vor unserem Treffen war ich mir sicher, dass die eigene Identität zu einem großen Teil davon bestimmt ist, wo die eigenen Wurzeln liegen. Doch der Tag bei Peter hat mir gezeigt, dass ich vielleicht auch ein bisschen Angst davor habe, mich darauf festzulegen, wo meine Heimat ist. Heimat ist genauso ein Hybrid wie Identität. Wurzeln machen nur einen kleinen Teil davon aus. Und es macht wohl auch einen Teil meiner Identität aus, keine festen Wurzeln zu haben.

Im Moment antworte ich in Vorstellungsrunden auf die Frage „Wo kommst du her?“ mit „Berlin“, der Einfachheit halber. Das ist zwar nicht völlig richtig, aber es fühlt sich zum ersten Mal auch nicht völlig falsch an, und es provoziert keine Nachfragen. Die Frage nach meiner Heimat kann ich zwar noch nicht beantworten – aber vielleicht muss ich auch fürs Erste lernen, das einfach zu akzeptieren.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotos: Pia Saunders; Bildredaktion: Till Rimmele.

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