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DIE ANDEREN UND ICH, Folge 5

Treffen mit einem Trans-Mann – wie sehr bestimmt unser Geschlecht, wer wir sind?

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Die anderen und ich
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Die anderen und ich
Wir gehen raus zu Menschen, die wir in unserem normalen Leben wohl nie treffen würden. Um nachzufragen, zuzuhören – und um die Kluft vielleicht ein Stück weit zu überwinden.

11.30 Uhr, Hannover. Till wartet unter dem riesigen Reiterdenkmal direkt vorm Hauptbahnhof, dort hatten wir uns verabredet. Ein leicht untersetzter Typ, etwa so groß wie ich, ein blonder Bart, ein Lächeln: Vor mir steht ein Mann. Ich bin überrascht – aber was hatte ich auch erwartet?

Till Amelung, 36, ist ein Trans-Mann. Bei seiner Geburt wurde ihm das weibliche Geschlecht zugewiesen, so wuchs er auch auf. Heute lebt er als Mann und definiert sich auch so. Ich bin das, was Geschlechterexperten eine Cis-Frau nennen: Mit wurde das weibliche Geschlecht zugewiesen und ich definiere mich entsprechend meines biologischen Geschlechts. Ich bin das, was die sogenannte Mehrheitsgesellschaft die Norm nennt. Till ist das, was als Abweichung gilt.

Nach Hannover bin ich gefahren, um mit ihm über eine Frage zu diskutieren: Wie sehr bestimmt das biologische Geschlecht die Identität eines Menschen? Um diese Frage wird erbittert gestritten: auf Blogs, in sozialen Medien, unter Feminist:innen, zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Trans-Community. Was lange als sicher galt, ist unklar geworden: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?

Vor dem Treffen mit Till hatte ich schon einmal versucht, mit einer Trans-Person über diese Debatte zu sprechen. Ich scheiterte kläglich. Selten zuvor hatte ich so sehr das Gefühl gehabt, falsche, verletzende Fragen zu stellen. Unser Gespräch endete, bevor es richtig begonnen hatte. Schlecht fühlten wir uns beide danach. Von Till erhoffe ich mir ein offeneres Gespräch; er hat viel Erfahrung mit Debatten: Für die Zeitschrift Emma schrieb er kritisch über die eigene Community, mit dem Deutschen Ethikrat diskutierte er, für Zeit Online erörterte er den Shitstorm rund um J.K. Rowling.

Ich: Till, was ist für dich ein Mann?

Till: Eine Person, die sowohl sozial als auch vom Körper her als Mann funktioniert.

Ich: Und das gilt auch für eine Frau?

Till: Ja.

Ich: Also braucht es beides – Selbstdefinition oder biologisches Geschlecht allein reicht nicht?

Till: Genau.

Ich: Aber was ist mit der Idee von sozialem Geschlecht? Genau darum geht es doch in der queeren und der Trans-Community, dachte ich immer: Ich bin das, was ich fühle. Nicht das biologische Geschlecht prägt mich, sondern das soziale Geschlecht prägt meine Identität.

„Selbstkritische Fragen sind in der Trans-Community unerwünscht“

Till: Das soziale Geschlecht ist für mich eine Seite von Geschlecht – aber es gibt eben auch noch eine biologische.

Ich: Als Biologin würde ich sagen: stimmt. Hormone und genetische Anlagen lassen sich nicht gänzlich negieren.

Till: Wir müssen uns einfach der Tatsache stellen, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen nach Frau und Mann aufteilbar ist. Und dann sind da eben noch die Trans- und Inter-Leute. Manche Trans-Personen sagen von sich: „Es hat nie einen Bruch gegeben – alles, was ich getan habe, war immer schon männlich oder weiblich und mein Geschlecht war auch nie biologisch anders.“ Ich finde, das ist eine stark beschönigende Darstellung, sogar eine falsche. Denn damit sagt man ja, es habe keinen Bruch zwischen Körper und Identität gegeben. Das trifft vielleicht auf manche Trans-Personen zu, wenn sie das Glück hatten, sich schon sehr früh selbstbewusst zu vergegenwärtigen, was eigentlich los ist, aber das biologische Geschlecht bleibt ja trotzdem ein Problem. Und viele – ich gehöre zu ihnen – hatten dieses Selbstbewusstsein nicht und sind erstmal rumgeeiert.

Ich: Du sagst selbst, man könne dich in der Trans-Community nicht leiden. Wieso?

Till: Weil ich selbstkritisch Fragen stelle an die Community, die dort von vielen als diskriminierend empfunden werden. Es fehlt völlig an einem kritischen Diskurs unter Trans-Leuten. Der würde aber allen dabei helfen, ein gesünderes Verhältnis zum Trans-Sein zu entwickeln.

Ich: Erfährst du mehr Diskriminierung aus der eigenen Community als von Cis-Personen wie mir?

Till: Diskriminierung ist das falsche Wort. Aber ich habe mehr Probleme mit der Trans-Community und mit queer-feministischen Leuten als mit Cis-Personen.

Es sind unter anderem solche Aussagen, für die Till von der Trans-Community hart angegangen wird. Er wurde von Aktivist:innen schon als rassistischer Rechtspopulist beschimpft, als „gefährliches trojanisches Pferd“ oder als einer, der die „Konversionstherapie“ propagiere, also die Umpolung von Trans-Personen.

Till und ich, wir haben uns zum Shoppen verabredet. Weil Klamotten der Welt etwas darüber erzählen, wer man ist. Also laufen wir jetzt durch die Fußgängerzone, Tills Ziel für heute: ein Pullunder plus Unterwäsche. „Ich gehe gerne in Einkaufszentren“, sagt er, „da fühle ich mich inspiriert.“ Also rein in den C&A-Laden, zweiter Stock, Herrenabteilung. Till ist ein schneller Käufer, nach zwei Minuten hat er einen Fünferpack neue Männerslips in der Hand, als hätte er nie etwas anderes gekauft.

Till: Früher, also bevor ich mich als Mann geoutet habe, war ich als Goth unterwegs. Wenn man mit geschlechtlichen Bekleidungsregeln hadert, ist Goth eine gute Sache: Weil es erstens unisex ist und weil du dich zweitens Erwartungen entziehst.

Ich: Heute lebst du als Mann. Aber wo würdest du deine sexuelle Orientierung verorten?

Till: Eigentlich müsste ich sagen, ich bin bi, aber ich fühle mich seit geraumer Zeit stärker zu Männern hingezogen. Hast du mal überlegt, ob du dich zu Frauen hingezogen fühlen könntest?

Ich: Ich denke oft: „Oh, das hier ist eine tolle Frau!“ Aber nicht in einem sexuellen Kontext, nein. Ist es schwierig für dich, jemanden zu daten?

Till: Ich habe seit acht Jahren Sex mit homosexuellen Männern. Und doofe Reaktionen in den einschlägigen Dating-Apps kommen vielleicht zweimal im Jahr vor. Aber dann haben die Leute das Profil nicht richtig gelesen. In den Schwulen-Saunen oder so habe ich auch keine Probleme, da sagt niemand: „Iiiih!“ Ich lebe in einem Dorf bei Hannover, da ist natürlich die Auswahl begrenzt. Nicht so wie in Berlin.

Ich: Naja, in Berlin ist es auch nicht einfacher vielleicht. Die Leute können sich so schlecht entscheiden, wegen des vermeintlichen Überangebots. Hast du einen Partner?

Till: Nein, momentan nicht.

Ich: Ich auch nicht. Ich wollte aber eigentlich etwas ganz anderes fragen, ich weiß bloß nicht, wie, weil die Frage einen so intimen Bereich betrifft.

Till: Frag einfach.

Ich: Okay. Können wir über deine Transition sprechen? Also wie du körperlich ein Mann geworden bist?

Till: Ende 2008 habe ich mit der Hormontherapie begonnen. Da war ich 24. Vorher habe ich zwei Therapien gemacht. Meine erste Therapie war freiwillig, zweimal sechs Wochen in der Psychiatrie. Mir war es wichtig, ein altes Trauma zu bearbeiten, bevor ich die Transition in Angriff nehme. Die 18-monatige Begleittherapie, die man in Deutschland im Rahmen der Transition durchlaufen muss, habe ich teilweise parallel zur ersten gemacht, aber ambulant.

Ich: Ich stelle mir diese Entscheidung, Hormone zu nehmen, wahnsinnig schwer vor. Du kannst das ja nicht mehr rückgängig machen.

„Ich habe nicht mehr so viel gefroren“

Till: Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich merkte: „Okay, ich muss diese Erfahrung jetzt machen und schauen, wie es mir damit geht. Wenn es mir nicht gut geht, setze ich die Hormone wieder ab.“ Ich habe mich damit dann aber gut gefühlt.

Ich: Wie nimmt man diese Hormone? Sind das Tabletten oder Spritzen?

Till: Es gibt mehrere Applikationsformen, ich habe mich anfangs für ein Gel entschieden, weil da kein Hormon-Depot drin ist, das sich nach und nach abbaut und das ich im Falle des Falles erst über mehrere Wochen aussitzen muss.

Ich: Also hast du schon den sicheren Weg gewählt?

Till: Ja, irgendwie schon.

Ich: Woran hast du gemerkt, dass dein Körper sich verändert?

Till: Ich habe nicht mehr so oft gefroren. Weil man mir anfangs eine zu hohe Dosis an Hormonen gegeben hatte, spürte ich nach kurzer Zeit eine seltsame Unruhe, Muskelkrämpfe, alles sehr unangenehm. Man muss erst mal herausfinden, was die richtige Dosierung ist.

Ich: Wie lange musst du Hormone nehmen?

Till: Bis an mein Lebensende, man ist nicht irgendwann einfach fertig.

Ich: Hast du dir auch die Brust abnehmen lassen, durch eine Operation?

Till: Ja, nach sechs Monaten Hormontherapie, das verlangt die Krankenkasse als Nachweis. Für mich war das ein erleichternder Schritt. Ich fühlte mich viel stimmiger mit meinem Körper. Und seitdem brauche ich auch keinen Abbinder mehr.

Ich: Keinen was?

Till: Einen Abbinder. Die drei Jahre vor der Brust-OP trug ich ein Kompressionsshirt, um meine Brüste unsichtbar zu machen. Jeden Tag habe ich das angezogen und nur zuhause abgenommen.

Ich: Puh, das klingt sehr anstrengend. Würdest du heute sagen, du bist ein Mann?

Till: Ja. Ich kann mich heute so akzeptieren, wie ich bin. Ich kann mich gut finden. Es gab eine Phase während der Transition, in der ich gemerkt habe, dass die Menschen mein Äußeres nicht zuordnen können. Es war erschreckend zu merken, wie feindselig die Leute dir dann gegenüberstehen. Einmal lief ich durch die Fußgängerzone an einer Mutter vorbei, die ihr kleines Kind dabei hatte, das mich groß anschaute und fragte: „Mama, ist das ein Mann oder eine Frau?” Und die Mutter guckte mich böse an, weil sie, glaube ich, dem Kind gern eine eindeutige Antwort gegeben hätte. Aber sie konnte mich eben nicht zuordnen. Nach zwölf Monaten etwa wurde ich auf der Straße als Mann wahrgenommen.

Ich: So schnell?

Till: Bei manchen geht das teilweise noch schneller.

„Ich bin ich – es hat halt ne andere Verpackung“

Ich: Wow! Schwer vorstellbar für mich. Wie hat dein Umfeld reagiert, als du gesagt hast: „Ab morgen bin ich Till“?

Till: 95 Prozent meiner Leute waren okay damit. Die fanden mein Outing als Mann plausibel. Weil sie so auch für sich erklären konnten „Ach so, deswegen gab es an den und den Stellen Probleme!“ Aber diese Umgewöhnung, die Monate, in denen ich zunächst ohne Hormone auskommen musste, die waren schon mühsam.

Ich: Wie viel von der alten Person, von deiner Identität als Frau, ist heute noch vorhanden? Man wird ja kein komplett neuer Mensch.

Till: Ich würde sagen: Ich bin ich – es hat halt ne andere Verpackung. Die Erfahrungen, die ich vor der Transition gemacht habe, bleiben ja.

Ich: Lässt sich die Sehnsucht, jemand anderes sein zu wollen, durch die Geschlechtsangleichung stillen?

Till: Nein. Man muss akzeptieren, dass man nicht so geboren wurde, wie man sich fühlt, also mit dem entsprechenden Körper. Ich habe eine Hörbehinderung und Diabetes; das hat mir vielleicht dabei geholfen, mein Trans-Sein als weiteren Aspekt von Nicht-Perfektsein, als Form einer Abweichung hinzunehmen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich für diesen Ansatz schief angeschaut werde von anderen aus der Trans-Community.

Ich: Was meinst du damit?

Till: Alle in der Community bemühen sich, Trans-Sein nicht mit Krankheit in Verbindung zu bringen. Für mich ist mein Trans-Sein aber eine weitere Ausprägung von chronischer Erkrankung oder Behinderung. Die anderen aus der Community können damit aber nichts anfangen. Die sagen sofort: „Trans ist doch keine Erkrankung! Auch keine Behinderung!“ Man will sich ganz normal als Frau sehen oder ganz normal als Mann. Ich persönlich verstehe das nicht.

Ich: Warte, wenn ich sagen würde: „Trans ist eine Behinderung!“, dann würdest du sagen: „Ja, ist es“?

Till: Schon, ja. Ich finde das aber gar nicht schlimm. Mein Weg zum Mannsein ist einfach ein anderer gewesen als bei einem Cis-Mann, ein abweichender. Für mich ist der Begriff „Behinderung“ einfach nicht als etwas Negatives gesetzt.

Ich: Aber kannst du nicht verstehen, dass andere Trans-Personen sich verletzt fühlen, wenn man ihnen sagt: Du hast eine Behinderung, weil du trans bist?

Till: Naja, wenn man sich mit Cis-Menschen vergleicht, wird einem immer bewusst, was man nicht hat und der Vergleich mit Behinderung würde das bestätigen und Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Das kann verletzend sein. Ich sage stattdessen, man muss einfach hinnehmen, dass man nie Cis sein wird.

Mittlerweile sind wir raus aus C&A und drin bei Peek & Cloppenburg. Wir steuern die Hemdenabteilung im Erdgeschoss an. Mal bei den Rabatten gucken. Till ist ein Hemdenfan, „seit der Transition, also seit mit der Hormonbehandlung die Fettverteilung am Körper anders eingesetzt hat“, erklärt er mir. Aufgrund einer anderen Hormonzusammensetzung verteilt sich Körperfett bei Männern anders als bei Frauen. Till und ich gehen die Hemden durch; bunte, geblümte, karierte, aber die passende Größe ist nicht dabei. Also rauf in den zweiten Stock, Herrenabteilung, die Hoodies abchecken. Vor einem rosafarbenen bleiben wir stehen. „Den find ich irgendwie gut“, sagt Till, „aber in dem Teil seh ich doch aus wie Miss Piggy!“ Kurz überlegt er, ob er es wagen soll.

„Ich hab mir eine männliche Mimik und Gestik antrainiert“

Till: Jetzt könnte ich mir so einen Pulli tatsächlich vorstellen, aber ganz am Anfang, nach der Transition, hätte ich mich das nicht getraut.

Ich: Wieso nicht?

Till: Weil das meinem Passing schadet, hätte ich gedacht.

Ich: Deinem was?

Till: Meinem Passing, also der Art und Weise, wie mich andere als Mann wahrnehmen. Den Begriff benutzte zuallererst Harold Garfinkel, ein amerikanischer Soziologe. Der hat mal eine Studie durchgeführt und sich sehr genau angeschaut, wie es einer Trans-Frau gelingt, als Frau zu leben, obwohl sie nicht als solche geboren wurde. Er hat sie in seiner Forschung sehr detailliert beobachtet, über einen längeren Zeitraum und im Rahmen dieser Arbeit eben den Begriff des Passings eingeführt.

Ich: Wieso würdest du dir eine bestimmte Verhaltensweise aneignen?

Till: Weil es vermeintlich weibliche und männliche Verhaltensweisen gibt und ich ja als Mann wahrgenommen werden wollte.

Ich: Hast du dir eine andere Mimik oder Gestik antrainiert?

Till: Ja, ich habe mich durchaus damit beschäftigt. Und erstmal versucht zu verstehen, wo sind die Unterschiede? Welches Verhalten führt dazu, auf bestimmte Art und Weise eingeordnet zu werden? Zum Beispiel die Sprechweise: Die ist einfach bei Männern anders als bei Frauen. Männer bewegen sich auch anders durch den öffentlichen Raum: Sie weichen anderen weniger aus. Als Frau bin ich früher auf der Straße viel öfter ausgewichen; Männern wird auf der Straße ausgewichen, Frauen nicht.

Ich: Gab es in deiner Mannwerdung eine Art Schlüsselmoment, in dem es klick gemacht hat und du plötzlich wusstest: „Ich bin ein Mann“?

Till: Nein, es gab über die Jahre mehrere kleine Schritte. Als ich mit 18, 19 Jahren auf die ersten Begriffe rund um sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität traf, in Lesbenforen zum Beispiel. Es ging aber für mich zunächst um meine sexuelle Orientierung, also um die Frage, zu welchem Geschlecht fühle ich mich hingezogen? Da war ich erstmal froh, den Begriff Lesbe überhaupt zu hören. Aber wie ich selbst sein wollte, das war eigentlich schon männlich. Und da merkte ich natürlich: „Hier funktioniert was nicht, die Dinge fühlen sich nicht richtig an.“ Ich konnte dieses Gefühl aber zunächst nicht verorten.

Ich: Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Weil jede und jeder sucht ja gerade im Teenager-Alter nach Orientierung.

Till: In Kinder- und Jugendgruppen hatte ich meinen Platz gefunden als jemand, der viel liest, der hilfsbereit ist. In so typischen Mädchen- und Jungs-Gruppen war ich eher am Rande platziert und habe zugeguckt. Weil ich mich in solchen Gruppen nicht wirklich einfinden konnte.

Mittlerweile haben wir die Hoodies hinter uns gelassen, mal sehen, was es in der Sportabteilung sonst noch so gibt. Vor einem weißen Stapel T-Shirts mit dem glänzenden Logo der „NASA“ bleiben wir beide verzückt stehen.

Ich: Ich war so ein Weltraumgirl in der frühen Pubertät, also ich fand alles, was mit dem All zu tun hatte, total spannend! Den Film „Apollo 13“ hab ich bestimmt fünfmal geguckt, ich wollte ziemlich lange Astronautin werden.

Till: Mich hat das Thema Weltraum auch total fasziniert! Tut es immer noch. Ich hab mich auch viel mit Weltraumgeschichte beschäftigt.

Ich: Ich hatte ein Buch mit allen Sternbildern drin. Manchmal saß ich nachts auf unserer Terrasse und habe mir die Sternbilder angeguckt. Das hatte aber auch mit dem Nachbarsjungen zu tun, muss ich zugeben. Der hatte ein Teleskop und in den war ich verknallt. Irgendwie niedlich, oder? Ziemlich unerfüllte Liebe, damals. Wann warst du zum ersten Mal verliebt?

Till: Mit 14, 15 – in meine damals beste Freundin.

Ich: Oh Gott, ausgerechnet?! Schwierige Kombi. Hast du das damals selbst überhaupt verstanden, dass du in sie verliebt warst?

Till: Nee, so richtig nicht. Auf dem Schulhof hatte ich früh gelernt, dass „Lesbe“ oder „Schwuchtel“ Schimpfwörter sind. Und Vorbilder von Personen, die so fühlten, gab es auch nicht für mich. Ich habe mich ziemlich geschämt für meine Gefühle.

Ich: Hast du deiner besten Freundin jemals deine Liebe gestanden?

Till: Nee. Bis ich ungefähr 18 war, war ich in sie verliebt. Obwohl ich natürlich schon merkte: „Oh, sie steht aber auf Jungs. Und das bin ich eben nicht.“

Wir erinnern uns an die Zeit der Pubertät, an die Neunziger- und Nullerjahre: Buffalo, G-Star, Hose mit Schlag. Dazu nicht wissen, wie die Dinge laufen. Ich: Spätzünderin. Till: früh entwickelt, Pubertät ab zehn. Aber für die Mädchensachen interessierte er sich schon damals nicht. Dann doch lieber Weltraum, Fußball, Bücher. Eine Freundin schleppte ihn in den Ferien trotzdem mit zum Handarbeitskurs – zum Computerkurs musste er dann allein latschen.

Ich: Wann hast du wirklich zum ersten Mal gedacht: „Vielleicht bin ich ja trans?!“ Ich meine, wir kommen beide vom Dorf – da muss man ja erstmal mitkriegen, dass es so etwas wie Trans-Sein überhaupt gibt.

Till: Mit 19. Nachdem ich die Lesbenforen im Netz entdeckt hatte, wo es zum Beispiel auch „Butches" gab, also sehr männlich aussehende Lesben.

„In der Pubertät haben Bücher mich gerettet“

Ich: Das ist ja relativ spät. Und davor hast du dich einfach die ganze Zeit …scheiße gefühlt?

Till: Genau. Auch sehr allein und unverstanden. Ich war auch nicht einfach in der Zeit; sehr zickig, eben weil ich mich so allein fühlte. Meine geschlechtliche Orientierungssuche war aber nicht der einzige Punkt damals, in dem ich mich unverstanden fühlte. Da kamen mehrere Sachen zusammen. Über die Lesbenforen hatte ich zumindest die Möglichkeit, mich differenzierter auszudrücken, meine Selbsterkenntnis differenzierter zu starten. Die Trans-Geschichte ging damit los, dass ich vor anderen klar signalisiert habe, dass ich keine klassische Frau bin – und auch nicht mit Erwartungen an eine klassische Frau konfrontiert werden will. Zum Beispiel dachte ich: „Okay, andere kleiden sich neutral, das geht, also mache ich das auch.“ Das hat dann zumindest bis zum Abitur funktioniert.

Ich: Was hat dich gerettet in der Pubertät?

Till: Bücher. Ich habe sehr viel gelesen, Ken Follets „Säulen der Erde“ zum Beispiel, da konnte man sich so schön wegträumen. Aber ich habe auch viel ferngesehen. Beides waren Möglichkeitsräume für mich. Klassische queere Literatur, die mich nachhaltig beeindruckt hat, habe ich erst so mit 18 kennengelernt. Bis heute mag ich die „Stadtgeschichten“-Reihe von Armistead Maupin, der beschreibt, wie eine Gruppe homo-, bi-, hetero- und transsexueller Menschen in San Francisco skurrile Geschichten erlebt.

Ich: Ich habe auch viel gelesen in der Pubertät. War eher so ein Nerd-Girl, glaube ich. Auch verschlossen. Hängt vielleicht bei mir mit der Neurodermitis zusammen, ich habe eine chronische Hauterkrankung.

Till: Hast du damit schlechte Erfahrungen gemacht? Also in der Art, wie andere dir begegnet sind?

Ich: Nein, zum Glück nicht. Manchmal hat mich vielleicht auch mal irgendein Kind komisch angeschaut, aber in der Schule zum Beispiel gab es keine Probleme. Trotzdem: Eine chronische Hauterkrankung ist wirklich nicht toll, um es gelinde auszudrücken; es sieht ja jeder sofort, dass mit deiner Haut etwas nicht stimmt. Und dann noch als Mädchen in der Pubertät! Ich war schon sehr komplexbeladen, muss ich zugeben, auch bei mir war Scham ein Thema. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es heute gar keine Rolle mehr spielt.

Till: Hast du die Sache mit deiner Haut selbst als Behinderung aufgefasst?

Ich: Interessante Frage. Habe ich so noch nie drüber nachgedacht. Aber nein, meine Hauterkrankung ist für mich nicht als Behinderung gelabelt. Obwohl sie mich in schlechten Phasen schon sehr behindert hat in meinem Alltag, im wahrsten Sinne des Wortes. Was ich dich aber eigentlich fragen wollte: Wie kamst du in der Zeit mit deinen Eltern klar?

Till: Ich komme nicht aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt; es gab demnach keinen Plan für mich, keine Zielvorgabe meiner Eltern, die ich erfüllen sollte. Sie haben mich alles lesen lassen, was ich wollte, auch alles anziehen lassen. Die waren unterwegs nach dem Motto: „Lassen wir mal laufen.“ Die körperliche Geschlechtsangleichung hat unser Verhältnis eher verbessert. Weil ich anders mit meinen Eltern sprechen konnte, weil es mir besser ging, ich mich nicht mehr so falsch fühlte, auch nicht mehr so zickig war.

Wir kaufen das NASA-Shirt doch nicht, zu teuer. Einmal kurz innerlich seufzen, dann weiter. Nochmal rüber zu den Pullovern. Und jetzt haben wir Glück: Till findet einen Pullunder: schwarz, schlicht – passt. Unser Einkaufsziel damit: erreicht.

„Ich frag dich ja auch nicht, wie es mit deinen Eierstöcken geht“

Ich: Ich wollte nochmal auf den Beginn unseres Gesprächs zurückkommen. Da sagtest du, in der Trans-Community fehle es an einem selbstkritischen Diskurs. Wieso?

Till: Ich mache inzwischen die Gendertheorien dafür verantwortlich. Also Judith Butler, die Idee, Geschlecht sei nur sozial konstruiert und immer Ausdruck eines Machtgefälles, womit auch schon die Opfer feststehen. Das ist das Basisprinzip innerhalb der Trans- und queeren Community, dann liest man sich hier noch ein paar Blogartikel an und dort noch ein paar Tweets und zimmert sich daraus ein Weltbild zusammen, das meistens sagt: „Ich werde hier gerade diskriminiert!“ Ich glaube, Judith Butler hat auf die Community gewirkt wie Koks.

Judith Butler ist Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley. Ihre Schrift „Gender Trouble“ von 1990 hatte einen sehr starken Einfluss auf die Geschlechterforschung. Butler argumentiert, vereinfacht gesagt, die Art und Weise, wie wir uns geschlechterkonform verhalten, wird nicht durch die Biologie bestimmt, also durch das biologische Geschlecht, sondern entsteht durch soziales Verhalten.

Ich: Haha, super Satz: „Judith Butler wirkt wie Koks!“

Till: Du lachst jetzt, aber diese ganze fluide Geschlechterbegrifflichkeit, die verwässert Vieles und schafft auch neue Irritationen. Ich bin für einen binären Geschlechterbegriff, also Frau/Mann, ich will auch zu einem engeren Trans-Begriff zurück, der sagt: „Trans sind die Leute, die Geschlechtskörper-Dysphorie empfinden, also ein körperliches Unwohlsein mit dem eigenen Geschlecht.“ Ob die Leute dann sagen, sie machen eine Geschlechtsangleichung oder nicht, das ist eine rein persönliche Entscheidung. Aber für mich muss Geschlechtskörper-Dysphorie der Ausgangspunkt sein, um „trans“ definieren zu können.

Ich: Ich war ja tierisch nervös vor unserem Gespräch. Weil ich bei jeder Frage gedacht habe: „Kann ich das nun so sagen oder ist das diskriminierend?” Zum Beispiel die Sache mit der Geschlechterbegrifflichkeit. Gibt es Fragen, die du von Cis-Leuten absolut nicht hören willst?

Till: Naja, wenn wir uns nicht speziell zu diesem Interview verabredet hätten, sondern beispielsweise neue Arbeitskollegen wären, würde ich es völlig Banane finden, wenn du mich sofort nach meiner sexuellen Orientierung fragen würdest oder nach meinem Genitalstatus. Das geht einfach niemanden etwas an. Ich würde dich ja auch nicht fragen: „Wie gehts mit deinen Eierstöcken?“

Wir fahren die Rolltreppe runter, lassen Peek & Cloppenburg hinter uns und gehen noch einen Kaffee trinken. Till schleppt mich in die „Holländische Kakaostube“, ein bekanntes Café direkt in der Innenstadt von Hannover. Vorne an der Kasse zuckrige Torten in der Glasvitrine, an den Wänden nordisch weiß-blaue Vertäfelung, an den Tischen Senioren-Grüppchen. Ich beobachte, ob uns jemand beobachtet. Aber niemand nimmt uns besonders wahr.

Ich: Gab es für dich einen Punkt, an dem du die Transition mal bereut hast?

Till: Ich mache mir manchmal Sorgen um die Langzeitfolgen der Hormonbehandlung. Da fehlt es an Langzeitstudien. Aber mein gewähltes Geschlecht steht für mich nicht zur Debatte.

Ich: Was sagst du zu dem Fall Keira Bell? Eine junge Frau aus England, die schon in der Pubertät hormonell behandelt wurde, weil sie damals sagte, sie wolle ein Mann werden. Heute bereut sie diesen Schritt, aber die körperlichen Veränderungen lassen sich teilweise nicht rückgängig machen. Bell hat die Klinik verklagt, die sie damals behandelte. Sollte man aus ihrem Fall etwas Generelles ableiten – oder ist sie ein Einzelfall?

Till: Ich bin eher der Ansicht, man sollte sich zusammensetzen und schauen, ob sich ein grundsätzliches Problem aus ihrem Fall erkennen lässt. Keira Bell ist nicht die einzige, die ihre Transition bereut. Sie hat aber den Mut zu klagen; andere, die bereuen, sehen das tatsächlich als persönliches Versagen an.

Ich: Kennst du viele Personen, die sagen, die Transition war ein Fehler?

Till: In Zahlen kann ich das nicht beziffern, aber ich würde schon sagen, dass die Zahl derer, die bereuen, zugenommen hat. Ich verfolge das über die sozialen Medien und über Medienberichte. Die Geschichten von De-Transitionen, die ich gefunden habe, kreisen um Frauen, die früh in der Pubertät sexualisiert wurden und davon verstört waren, manchmal sogar sehr schlimme sexuelle Gewalt erfahren haben. Andere wiederum litten unter schweren Essstörungen, Borderline und dann gibt es auch Mädchen, die nicht geschlechtskonform waren und kurz vor einem homosexuellen Coming-out standen. Es gibt junge Frauen, die denken, eine Transition sei eine schnelle Lösung ihres Problems, und die sich dann auf die falsche Fährte begeben.

Ich: Das ist eine sehr provokante These.

Till: Ja, das ist mir bewusst. Den Gedanken, die Äußerung „Ich bin trans“ könnte falsch sein, lässt die Trans-Community nicht zu.

Ich: Warum nicht?

Till: Viele aus der Community haben vielleicht die Erfahrung nicht verwunden, dass von außen Zweifel an ihre Entscheidung herangetragen wurden. Und eine eigene selbstkritische Sicht passt nicht mit dem politischen Bestreben zusammen, die staatlichen Bedingungen für eine Transition zu lockern, beispielsweise die Therapiepflicht abzuschaffen. Der Fall Keira Bell zeigt aber, dass es sehr sinnvoll sein kann, vor einer Transition eine Therapie zu machen, sich auch gewisse Fragen noch einmal stellen zu lassen. Es geht in der Community um eine Vergewisserung der eigenen Haltung – nicht um ein wirkliches Hinterfragen und Überprüfen. Dem widerspreche ich vehement. In Schweden beispielsweise wäre es fast dazu gekommen, dass 12-Jährige eine Personenstandsänderung machen können, also ihren Namen und ihr eingetragenes Geschlecht gerichtlich ändern können, und 15-Jährige eine geschlechtsangleichende Operation, beides ohne Einwilligung der Eltern. Ich finde das unverantwortlich.

In Deutschland gibt es das Transsexuellengesetz, kurz TSG, das regelt, wann jemand seinen Vornamen ändern darf und festlegt, unter welchen Bedingungen auch das eingetragene Geschlecht geändert werden kann.

Ich: Was müsste deiner Meinung nach denn offen angesprochen werden?

Till: Wir müssten ein Dilemma klar benennen: Dass es in einer bestimmten Lebensphase Überkreuzungen gibt zwischen Trans-Jugendlichen und -Kindern, aber auch Mädchen mit Pubertätskrisen und mit präsexuellen Kindern. Ich kenne viele homosexuelle Männer, die gesagt haben, vor ihrem Outing dachten sie, sie müssten ein Mädchen werden. An diesem Punkt wäre eine ehrliche Selbstreflexion umso wichtiger.

Ich: Du hast dir offenbar sehr viele selbstkritische Fragen gestellt. Vielleicht kannst du deswegen so offen und entspannt über das Trans-Sein sprechen?

Till: Ich bin bis heute froh darüber, dass ich in den ersten beiden Jahren meines Studiums eine Traumatherapie gemacht habe. Dort habe ich gelernt, auch für mich die Verantwortung zu übernehmen, nicht mehr das Opfer zu sein. Diese Opferhaltung hat schon damals in aktivistischen Kreisen an meiner Uni die Diskussion bestimmt, dabei macht diese Haltung nichts besser – im Gegenteil: Man nimmt sich jede Aussicht, die eigene Zukunft selbst gestalten zu können.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele

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