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Almanya´da Türkçe Haber

Wir brauchen in Deutschland dringend Nachrichten auf Türkisch – das zeigt Corona

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Anfang März, als die Pandemie Deutschland erreichte, bekam ich so viele Fragen aus meinem Bekanntenkreis über Corona, dass ich nicht mehr mit den Antworten hinterherkam. Fragen wie: „Ich habe gehört, dass es in Berlin Ausgangssperren gibt.“ Oder: „Ich habe gehört, in Wuhan gäbe es eine einzige Person, die Henna auf den Händen trug und sie hat kein Corona bekommen. Stimmt das?“

Also twitterte ich das hier:

https://twitter.com/NalanSipar/status/1238160535377584129?s=20

Und ich fing an, auf meinem privaten Youtube-Kanal Nachrichten auf Türkisch zu Corona zu produzieren. In den ersten 100 Tagen der Pandemie hatte ich bereits 86 Videos zu Corona auf dem Kanal. Mittlerweile habe ich über 16.000 Abonnent:innen. Die Nachfrage nach verlässlichen Informationen in migrantischen Communitys ist riesig.

Drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Viele von ihnen sind noch immer schlecht informiert, wenn es um Corona geht. In diesem Text erkläre ich, was ich in den wahrscheinlich anstrengendsten Monaten meines Lebens gelernt habe: Informationen in der Muttersprache helfen nicht einfach nur vielen Menschen – in einer Pandemie retten sie Leben. Und sie leisten einen Beitrag zur Integration.

1. Je unübersichtlicher die Nachrichtenlage, umso mehr funktioniert Information nach dem Prinzip „Stille Post“

Um zu verstehen, wie Migrant:innen sich über das Pandemiegeschehen informieren, bin ich nach Berlin-Neukölln gefahren und habe mich auf der Straße umgehört. Dieses Video hier könnt ihr erstmal auf euch wirken lassen:

https://www.youtube.com/watch?v=sTU1novPXv0&feature=youtu.be

Meine Umfrage unter Neuköllner:innen ergibt ein facettenreiches Bild: Einige schauen die Tagesschau, obwohl sie nicht jedes Detail sprachlich verstehen, andere das mehrsprachige Angebot der BBC oder der Deutschen Welle. Erwähnt werden auch arabische oder türkische Sender aus den Heimatländern, die jedoch selten Informationen zum Infektionsgeschehen oder den Corona-Regelungen in Deutschland liefern.

Ganz zu Beginn sprach ich mit einem Friseur, der aus dem Irak nach Deutschland gekommen war. Seine Kund:innen, sagte er, stammen aus dem Irak, Iran oder der Türkei. Er sieht es als seine Aufgabe an, die Informationen, die er von seinen Kund:innen bekommt, im Friseursalon an andere weiterzugeben. Das klingt erstmal gut. Aber in Zeiten einer Pandemie und von Fake News kann es auch bedrohlich sein.

Denn wer schonmal in einem Friseursalon saß und den Unterhaltungen dort lauschen konnte, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass solche Unterhaltungen nach dem Prinzip „Stille Post“ verlaufen. Am Ende weiß keiner, was eine richtige Information war und was Fake News.

Wie zuverlässig Medienhäuser aus den Heimatländern über Deutschland berichten, wirft sowieso ein großes Fragezeichen auf.

2. Fake News verbreiten sich schneller als das Coronavirus

Schützen türkische Gene vor dem Coronavirus? Ihr findet die Frage lustig?
Dann kennt ihr diese türkische Nachrichtensendung nicht:

https://www.youtube.com/watch?v=cPZepBy5GQM

Der Titel dieser Sendung von HaberTürk TV, einem der großen Medienhäuser, lautet: „Schützen türkische Gene vor dem Coronavirus?“ Das klingt für euch eventuell seltsam, kann aber für eine Bevölkerung potentiell tödlich enden, wenn Menschen glauben, sie wären durch ihre Gene vor einer Pandemie geschützt. Kleiner Einschub an dieser Stelle: HaberTürk ist einer der vielen türkischen Sender, in dem sogenannte Expert:innen sich innerhalb von 90 Minuten zu allen Themen, von US-Wahlen bis zu Gebärmutterhalskrebs äußern. Insofern ist die Qualität dieser Sendungen mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Gleichwohl werden sie viel geschaut.

Andere Fake News wie „Methanol heilt COVID-19 Patienten“, die in den sozialen Medien herumgingen, führten im Iran tatsächlich zu hunderten Todesfällen, wie der britische Independent berichtete.

Fake News verbreiten sich schneller als das Virus – jenseits von sprachlichen Hürden. Sie klingen spannend, geben Leser:innen eine emotionale Bestätigung für Verschwörungstheorien und regen zum Teilen an.

3. Voll die Marktlücke: Fast drei Millionen Türkeistämmige, aber kein einziges bundesweites Informationsangebot

Als ich im März darüber twitterte, wie schlecht der Wissensstand der türkischsprachigen Bevölkerung zu Corona sei, hatte ich Glück. Das Gesundheitsministerium reagierte und wir kooperierten für ein Aufklärungsvideo über das Coronavirus und Fake News. Das Video war auf Türkisch und hatte deutsche Untertitel. Es wurde allein auf Twitter mehr als 250.000 Mal angesehen.

Und seitdem gibt es einige Entwicklungen, die Hoffnung machen. Mittlerweile werden die Video-Botschaften der Bundeskanzlerin mit türkischen Untertiteln angeboten. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung informiert auf Türkisch und anderen Sprachen über die Pandemie. Und es gibt die Corona-Warn-App auf Türkisch. Auch die Stadt Berlin, in der ich lebe, hat auf ihrer Homepage einige Informationen zu COVID-19 in mehreren Sprachen veröffentlicht.

Nur: Weder die Angebote der Bundesregierung noch die des Landes Berlin konnten mit der Geschwindigkeit der tagesaktuellen Geschehnisse mithalten. So kam oder kommt es noch vor, dass Informationen in verschiedenen Sprachen erst einige Tage später zur Verfügung stehen. Und: Viele Migrant:innen wissen nicht, dass es diese mehrsprachigen Angebote gibt. Ich glaube, staatliche Institutionen sollten sich viel aktiver um die Aufmerksamkeit dieser Zielgruppe bemühen.

Mittlerweile gibt es auch deutsche Medien, die auf Türkisch über das Coronavirus berichten, zum Beispiel Radio WDR Cosmo oder die türkische Redaktion der Deutschen Welle. Ich arbeite selbst in den genannten Redaktionen und kann sagen: In Zeiten der Pandemie wurden ihre Grenzen bei der Berichterstattung deutlich. Das WDR-Radio ist zwar eine gute Quelle, sendet aber nur in NRW und Berlin, die Deutsche Welle richtet sich an Menschen in der Türkei. Auch einzelne private Nachrichtenmedien, wie der Spiegel, die Berliner Zeitung und Zeit Online haben türkische Angebote versucht, an denen ich beteiligt war. Die Abrufzahlen waren nicht besonders hoch. Und die Angebote wurden eingestellt.

Fazit: Wir brauchen bundesweite Nachrichten auf Türkisch und es ist kein Paradox, dass die Angebote trotz des hohen Bedarfs nicht gut angekommen sind. Denn: Die Zielgruppe weiß vermutlich gar nicht, dass Berlin.de oder der Spiegel Informationen auf Türkisch liefern. Wer Tomaten kaufen will, geht auch zum Supermarkt und nicht zum Baumarkt.

4. Als Influencer erreicht man die Community schneller und effizienter

Einmal schrieb mir eine junge türkeistämmige Mutter auf Facebook, dass sie in einer Facebook-Gruppe von Deutsch-Türken ein Foto von einem Merkzettel gesehen habe. Der sah aus wie ein Benachrichtigungszettel von DHL und darauf stand: „Wir waren für die Impfung hier, konnten Sie aber nicht zu Hause vorfinden.“ Auf ihm war ein Symbol der Weltgesundheitsorganisation abgedruckt. Offenbar war der Zettel Teil einer Fake-News-Kampagne.

Seitdem ich in den sozialen Medien auf Türkisch über Corona berichte, habe ich immer wieder solche Nachrichten geschickt bekommen. Ich habe dann recherchiert, den Betroffenen eine Nachricht geschickt, einen Screenshot von diesem Gesprächsverlauf gemacht und das dann nochmal mit allen geteilt. Vielleicht war dieser direkte Austausch mit ihnen auch ein Grund dafür, warum meine Videos bei der Community besser ankamen als die Videos vom Spiegel, die ich mit Ferda Ataman gemeinsam moderiert habe. Diesen direkten und auch sehr persönlichen Austausch kann ein großes Medienhaus mit seinen sich immer wieder abwechselnden Social-Media-Redakteuren nicht leisten.

Neben dem direkten Austausch spielt sicher die teilweise Preisgabe der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Lebens in sozialen Netzwerken eine Rolle. Die Follower bekommen mit, an welchen Orten ich mich aufhalte, welche Musik ich gerne höre oder wie meine Stimmung an dem Tag ist, wenn ich genervt von der letzten Pressekonferenz eine Insta-Live starte, Zuschauer:innen in die Sendung reinschalte und mit ihnen darüber spreche, wie es ihnen eigentlich geht. All diese persönlichen Austauschmöglichkeiten schaffen eine gewisse Personalisierung. Das ist bei allen Videoformaten wichtig: Identifikation mit einer Person durch Sympathie für sie.

Das klingt erstmal erfolgversprechend, birgt aber auch eine Gefahr. Als einzelne Person kommt man nämlich irgendwann an einen Punkt, bei mir war es der Sommer, an dem man einfach nicht mehr in der Lage ist, jeden Tag Videos zu produzieren. Seitdem schaffe ich die Corona-Updates nur noch wöchentlich und zu wichtigen Anlässen.

Und das ist die Stärke einer Redaktion. Sie können vielleicht nicht so personalisieren, haben dafür aber die nötige Manpower, um nachhaltiger liefern zu können.

5. Nachrichten auf Türkisch fördern Integration. Wer das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung von der Community

Ich habe oft Diskussionen mit Kolleg:innen geführt, die fragten, ob die Menschen nicht lieber Deutsch lernen sollten oder ob türkische Nachrichten in Deutschland nicht die Integration behindern würden. Wer das behauptet, der hat keine Ahnung von den Lebensrealitäten der türkeistämmigen Community. Diese Nachrichten richten sich an vier Gruppen. Lasst sie uns aufdröseln:

  1. Diejenigen, die heute am wenigsten Deutsch sprechen, sind die Gastarbeiter, die seit den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Es ist wohl verständlich, dass diese Menschen, die nur arbeiten und dann zurück in die Türkei wollten, keine Zeit für das Erlernen der Sprache hatten. Dass es damals auch keine Deutschkurse gab, sei nur mal so am Rande erwähnt.
  2. In den 1980er Jahren sind Kurd:innen und linke Türk:innen aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Viele von ihnen hatten Folter oder politische Verfolgung erlebt. Es wird sicher für den einen oder anderen nachvollziehbar sein, dass Traumatisierte ab einem gewissen Alter für das Erlernen einer neuen Sprache auch nicht die besten Startbedingungen haben. Denn nicht jeder hat den Luxus, so wie in der TV-Sendung „Goodbye Deutschland“ auszuwandern.
  3. „Import-Bräute“, also Frauen, die in der Türkei aufgewachsen sind und durch Eheschließung nach Deutschland gekommen sind. Sie können sehr gut Türkisch, dafür aber wenig Deutsch, haben aber Kinder im Schulalter.
  4. Diejenigen, die in den vergangenen drei, vier Jahren nach Deutschland gekommen sind, haben meist Probleme mit der türkischen Regierung. Sie sind an Deutschland extrem interessiert und für den Lebensstil hier aufgeschlossen. Diese Leute sind meistens Akademiker:innen, Journalisten:innen oder Student:innen, die viel von dem freiheitlichen Staat in Deutschland halten. Sie wollen ein Teil dieser demokratischen Gesellschaft werden.

Türkische Informationen über Corona helfen aber auch denjenigen, die schon länger hier leben. Als ich über das Corona-Rettungspaket berichtet habe, bekam ich viele positive Rückmeldungen von meinen Follower:innen, weil sie den Staat als stark und rücksichtsvoll wahrgenommen haben. Als ich jeden Tag über die Zahlen der Infizierten aus dem Robert Koch-Institut berichtet habe, konnten viele einen transparenten Staat erleben. Als die Bundesregierung die Video-Botschaften der Bundeskanzlerin mit türkischen Untertiteln versah, teilten mir einige mit, dass die ruhige Haltung der Kanzlerin ihnen gut tun würde.

Dass all diese Informationen Menschen in ihrer Muttersprache erreicht haben, hat, so würde ich behaupten, zur Integration beigetragen. Denn: Als diese Menschen ihr Herkunftsland aus der Ferne beobachteten, schien dieses bei fast allen soeben genannten Punkten zu scheitern. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls aus den Kommentaren, die unter die Videos geschrieben wurden.

Meine Vision ist es, aus meinem Youtube-Kanal einen wirklich deutsch-türkischen Kanal zu machen, der alle Inhalte in beiden Sprachen zur Verfügung stellt. Dann holen wir nämlich auch die Mehrheitsgesellschaft mit an Bord, die einen direkten Einblick in diese Community bekommen kann. Dazu aber vielleicht ein andermal mehr.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele.

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