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Corona-Pandemie

Hört auf, freie Intensivbetten zu zählen!

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Die Pandemie ist eine Wette darauf, wie gut unser Gesundheitswesen ist.

„Wenn zu viele Menschen gleichzeitig medizinische Hilfe brauchen, wird unser Gesundheitssystem zusammenbrechen.“ Diesen Satz habe ich seit März im Hinterkopf. Es gruselt mich, wenn die passenden Bilder dazu auftauchen: volle Krankenhausflure, an Beatmungsmaschinen hängende Menschen, von Überarbeitung und Verzweiflung gezeichnete Gesichter. Eine dramatische Lage! Niemand möchte sie erleben. Deshalb soll jetzt alles schließen, was Spaß macht. Die Botschaft heißt: Arbeitet! Und geht danach allein nach Hause. Oder, nein, wartet! Am besten macht ihr jetzt alles in euren eigenen vier Wänden. Nur ohne eure Freunde.

Die Pandemie ist auch eine Wette darauf, wie lange und wie oft wir sowas aushalten.

Das Dilemma von heute ist die Ausbeutung seit gestern

Die Frage, die sich „die Gesellschaft“ scheinbar stellen muss, heißt: Bei welcher Wette wollen wir uns lieber verzocken? Beim Gesundheitswesen oder bei der Lebensqualität? Wollen wir riskieren, dass massenhaft Menschen sterben beziehungsweise dauerhaft krank werden? Oder wollen wir riskieren, dass massenhaft Existenzen zugrunde gehen und Menschen psychischen Schaden nehmen?

Wer für dieses Dilemma einfache Lösungen weiß, schreibt sie am besten auf einen Zettel und verbrennt ihn. Ich will nicht mehr hören, dass man angeblich sicher weiß, was jetzt zu tun ist und im Übrigen schon vorher hätte wissen müssen. Was genau macht Besserwisserei besser?

Was mich im Moment wütend macht, ist nicht, dass es ein Dilemma gibt. Das verbuche ich unter der Kategorie Schicksalsschlag. Mich macht wütend, dass es viele gibt, die das eine gegen das andere auszuspielen versuchen. Ich höre sie schon wieder rufen: „So schlimm ist es doch gar nicht! Warum soll ich mich einschränken? Wir haben schließlich das beste Gesundheitssystem der Welt. Außerdem: Die Betten sind doch leer!“

Ja, die freien Betten. Man kann sie so schön zählen und bekommt dabei gleich ein wohliges Gefühl von Sicherheit: Es wird ein Bett für mich geben. Alles wird gutgehen.

Aber die Wahrheit ist: Das schöne Bett allein wird nicht helfen, gesund zu werden. Man kann in einem Bett auch einfach so sterben.

In einem Bericht der EU-Kommission von 2017 steht, dass Deutschland 8 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner:innen hat. Damit ist die Bettendichte EU-weit am höchsten und weitaus höher als in Nachbarländern wie Frankreich mit 6 Betten pro 1.000 Einwohner:innen.

Was wirklich zählt, sind die Menschen, die sich um die Kranken kümmern. Mit ihrem Fachwissen und ihrer Zeit, mit ihren Maschinen und ihren Medikamenten (die bei Covid-19 leider noch nicht besonders viel helfen). Doch die lassen sich viel schlechter zählen. Und wenn man es tut, stellt man fest: Überschüssiges Personal gibt es gar nicht. Da steht eine anklagende Null. Wir haben keine Notreserve an Fachkräften. Und schon gar nicht an Pflegefachfrauen und -männern. Alle, die da sind, arbeiten bereits am Anschlag – und das nicht erst seit Covid-19. Das geht so seit Jahren.

Nur: Bisher war uns das als Gesellschaft irgendwie wurscht. Wir dachten, wir legen uns, wenn es hart kommt, in die vielen kuscheligen, überschüssigen Betten. Und irgendjemand pflegt uns dann, bis wir wieder gesund sind.

Aber so läuft das in Deutschland schon lange nicht mehr. Betten, ja ganze Stationen müssen regelmäßig gesperrt werden, weil Pflegefachkräfte fehlen.

Planbetten sind keine echten Betten, sondern die maximal mögliche Anzahl an Betten, die ein Krankenhaus haben darf. Krankenhäuser profitieren, wenn die Zahl der Planbetten möglichst groß ist, weil sich daran die Krankenhauszuschüsse der Länder berechnen. Deshalb geben sie in diesen Statistiken mehr Betten an, als sie tatsächlich belegen können. Denn im Klinikalltag müssen häufig Betten gesperrt werden, zum Beispiel weil sie gründlich desinfiziert werden müssen oder wenn ein Zweibettzimmer nur mit einer Person belegt werden kann, weil sie eine ansteckende Krankheit hat. Dann bleibt das zweite Bett frei. Oft bleiben aber auch Betten frei, weil die Stationen unterbesetzt sind. Viele Kliniken melden sich deshalb zeitweise aus der Notfallversorgung ab. Dafür gibt es ein spezielles Meldesystem.

Dass wir den Wert der Pflege oft übersehen, liegt auch an dem Bild, das wir uns von unserem Gesundheitssystem machen. Wir halten es für eines der besten der Welt, weil unsere Notreserve an Betten so beruhigend groß ist. Aber das sagt ja gar nichts über die tatsächliche Kapazität der Krankenhäuser aus. Die entscheidet sich am Dienstplan im Stationszimmer, da wo die Pflegeplanung gemacht wird.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht das deutsche Gesundheitssystem in Sachen Effeizienz auf Platz 25 von 191 Ländern (PDF, Tabelle, Seite 18).

Die Pflegepolitik ist am Ende

Das Bild, das wir von Pflege haben, ist oft das von abgekämpften Frauen, die sich aufopfern für ihren Beruf. Die ihn vielleicht nur deshalb machen, weil sie in jungen Jahren einem Ideal anhingen von überbordender Mitmenschlichkeit: Hände halten, tröstende Worte finden, Essen anreichen, verletzliche Körper und Seelen pflegen. Frauen, die wohl erst dann feststellten, dass sie sich dafür ausbeuten lassen müssen, als sie keine andere Perspektive mehr für sich sahen.

Kein Wunder, dass sich mit so einem altmodischen, sexistischen Bild von Pflege nicht genug Nachwuchs finden lässt.

Was kaum jemand zu wissen scheint: Dieses Bild ist falsch.

Professionelle Pflege ist ganz anders. Professionelle Pflege hält auch mal die Hand oder reicht Essen an, ja. Aber vor allem sorgt sie dafür, dass Behandlung stattfindet. Jede:r, der im Krankenhaus als Arzt oder Ärztin neu angefangen hat, weiß, wie viel er oder sie von den fitten Pflegefachkräften gelernt hat. Ohne sie könnten Mediziner:innen auch deshalb keine gute Medizin machen, weil sie viele praktische Dinge nicht wüssten, viele Handgriffe nicht gelernt hätten.

Wer den Pflegealltag kennt, weiß, dass Selbstausbeutung tatsächlich an der Tagesordnung ist. In den Dienstplänen klaffen Lücken. Und in jeder Spalte findet sich der Eintrag „OP!“. Das Kürzel steht nicht für Operation, es steht für: Ohne Pause. Wenn Kolleg:innen krank sind, werden die Lücken größer und der Eintrag „OP!“ nimmt ähnlich exponentiell zu wie gerade die registrierten Corona-Fälle.

Seitdem 1991 der Grundsatz aufgegeben wurde, dass mit Krankenversorgung keine Gewinne erwirtschaftet werden dürfen, verschlechtert sich die Lage ständig. Die Krankenhäuser müssen das, was sie für den laufenden Betrieb brauchen, selbst erwirtschaften – egal ob sie einem Unternehmen gehören oder der öffentlichen Hand. Das allein ist zwar ambitioniert, aber vielleicht sogar machbar. Was allerdings so nicht mehr klappt, sind Neuanschaffungen und Modernisierungen. Dafür sollen eigentlich die Länder zahlen – wenn die Häuser nicht privatisiert sind. Doch die ducken sich weg und sind froh, dass sich die Kritik auf die Privaten konzentriert.

Die Kombi aus Gewinnstreben und Sparzwang wird im Gesundheitswesen auf dem Rücken der Pflege ausgetragen. Flächendeckende Lohnerhöhungen bringen meist nicht viel mehr auf dem Konto und sind selten. Mickrige Prämien für Mehrarbeit in der Pandemie gab es nur nach zähem Ringen – und noch nicht mal für alle, die sie verdient hätten.

Die Menschen, die in der Pflege arbeiten, fühlen sich seit Jahren übersehen. Obwohl sie schon lange laut sind. Schon lange sagen, dass es so nicht weitergeht. Die schon wie viele Male gestreikt haben und wie viel Male nichts erreicht haben damit? Erst, wenn die Intensivmediziner:innen darauf hinweisen, dass Betten und Beatmungsgeräte allein niemanden gesund machen, kommen die Artikel. Auch dieser hier hätte schon vor Jahren geschrieben werden können. Und dann alle Jahre wieder, mehrmals.

Die Pflege hat kein Mitspracherecht in der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens. Dafür wären Pflegekammern nötig. Allerdings ist die Pflegegemeinschaft darüber zerstritten, ob man Pflegekammern wirklich braucht. In einigen Bundesländern gibt es sie, aber in Niedersachsen wurde der Beschluss vor Kurzem sogar wieder zurückgenommen. Hauptzankapfel ist wohl die verpflichtende Mitgliedschaft.

Die Politik weiß Bescheid. Sie sieht tatenlos zu und behauptet, sie könne nichts tun wegen Tarifautonomie und so. Dabei durchschauen alle, die sich mit dem Gesundheitswesen auskennen, die Strategie dahinter: Überkapazitäten abbauen, unrentable Krankenhäuser schließen, Krankenkassenbeiträge niedrig halten. Das Sterben der Krankenhäuser überlässt man dem Markt, damit man wegen stabiler Kassenbeiträge trotzdem wiedergewählt wird.

In Deutschland soll sich die Politik nicht in Gehaltsverhandlungen zwischen den Vertreter:innen der Arbeitnehmer:innen (oft Gewerkschaften oder Berufsverbände) und Arbeitgeber:innen (oft Verbände) einmischen. Die Partner:innen sind bei den Verhandlungen autonom und können flächendeckende Vereinbarungen, sogenannte Tarifverträge, miteinander abschließen. Dieses Prinzip nennt sich Tarifautonomie.

Die vielen Betten, die wir jetzt für den Notfall da haben, sind die, die übrig geblieben sind vom Überlebenskampf der Krankenhäuser. Die Pflegefachfrauen und -männer, die dabei kaputt gespart wurden, können wir leider nur schlecht zählen. Sie bleiben unsichtbar, weil sie in andere Berufe geflohen sind.

Wir zahlen jetzt alle, weil Pflegefachkräfte zu wenig verdienen

Ja, wir müssen jetzt wohl von oben verordnete Kontakteinschränkungen erdulden und um unsere geliebte Szenekultur fürchten. Modellrechnungen verheißen nichts Gutes. Wenn sich der Anstieg der (bestätigten) Neuinfektionen weiter so beschleunigt, wie er es seit circa fünf Wochen tut, laufen die Krankenhäuser nicht nur in drei Wochen voll, sondern ab da für mehrere Wochen über. Wer kann das wollen?

Was mich dabei aufregt, ist aber schon wieder dieser Gestus der Alternativlosigkeit. Zum Schließen der Gaststätten und Hotels, der Sportstätten und Theater hätte es Alternativen gegeben. Damit hätte man aber spätestens im Frühsommer anfangen müssen.

Wer ist eigentlich dieser „man“, von dem ich rede? In Deutschland gibt es kein Institut, das sich für unser Gesundheitswesen stark macht: keine Konzepte für Gesundheitsbildung – auch nicht für Prävention – keine zielgruppengerechten Infokampagnen, zum Beispiel mit einem Hashtag #MaskeStattLockdown, Plakate in türkischer, arabischer und englischer Sprache in allen Städten, Werbespots vor der Tagesschau, Anzeigen in allen Zeitungen. Das Geld für Public-Health-Expert:innen und Kommunikationsprofis fehlt angeblich genauso wie das für angemessene Bezahlung der Pflege.

Ich habe keine Angst davor, dass Weihnachten ausfallen muss. Ich brauche diese Angst auch nicht, um zu begreifen, dass eine generelle Maskenpflicht, diesen Shutdown wahrscheinlich hätte verhindern können. Ich finde es verlogen, diesen wohl nötigen Wellenbrecher damit zu begründen, dass ich dann in vier Wochen Geschenke auspacken darf. Ich will den wahren Grund hören. Aus dem Mund der Politiker:innen: Dieser Shutdown wird nötig, weil ein Ansturm von Covid-Patient:innen in unseren Kliniken dafür sorgen wird, dass niemand mehr sicher sein kann, ob sein Schlaganfall, sein Herzinfarkt oder sein Autounfall medizinisch versorgt werden kann. Weil die zusätzlichen Pflegefachkräfte, die wir auf den Covid-Stationen brauchen, an anderer Stelle fehlen werden. Weil alle, die krank werden, Lücken in Dienstpläne reißen, die jetzt schon nicht mehr gefüllt werden können. Deshalb der Aufruf, jetzt alle planbaren Operationen zu verschieben und Betten freizuhalten. Diejenigen, die sich Tag und Nacht und am Wochenende und, ja, auch an Weihnachten, um die Kranken kümmern, können ihre Zeit und ihre Kraft an nur jeweils einem Bett einsetzen. Ist das schon überall angekommen?

Solidarisch zu sein, heißt nicht nur, mit denen solidarisch sein, die zur Risikogruppe für einen schweren Covid-Verlauf gehören. Auch für diejenigen, die morgen aus anderen Gründen Behandlung brauchen, heißt es Abstand halten, Hände waschen, Alltagsmaske tragen, Lüften, Warn-App benutzen (nicht nur installieren). Dass alle mitmachen wollen, weil sie verstehen, dass es Sinn ergibt – dafür hätte „man“ mehr tun müssen.

Nun also wieder Shutdown.

Der kommt nicht, weil das Gesundheitswesen zusammenbricht. Der kommt, weil die Medizinprofis zusammenbrechen, vor allem die Pflegefachfrauen und -männer. Da, wo sie fehlen, ist die Sollbruchstelle unseres gar nicht mal so weltbesten Gesundheitssystems. Hört ihnen zu, wenn sie auf der Straße rufen: Pflegt euch doch selbst! Sie meinen dich und mich und uns alle. Damit wir verstehen, dass sich ohne unseren Aufschrei nichts ändern wird an ihrer Situation.


Hinweis eines Lesers: Über die Plattform match4healthcare können Krankenhäuser und andere Institutionen aus dem Gesundheitswesen qualifizierte Helfer:innen suchen. Dort sind circa 10.000 Fachkräfte und Medizinstudent:innen registriert, die im Notfall einspringen könnten (Stand 30. Oktober 2020). In diesem Interview erzählt der Gründer, wie die Plattform entstanden ist und wie sie funktioniert.

Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel

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