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Zweite Welle

Die Fallzahlen steigen wieder – was passiert jetzt mit den Schulen?

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„Alle Situationen, in denen viele Menschen eng zusammenkommen und wenig Luftaustausch geschieht“, schrieb meine Kollegin Silke Jäger vergangene Woche, „können in Kombination mit einem hochinfektiösen Menschen zu Superspreader-Ereignissen werden“.

Die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut warnen regelmäßig vor solchen Situationen. Man solle ihnen – wann immer möglich – fernbleiben!

Wenn du Lehrer:in bist, hast du dich gerade vielleicht schon vor Lachen an deinem Käsebrot verschluckt. Sorry. Schon klar: Eine Klasse mit 30 Schüler:innen, die keine Maske tragen, ist wahrscheinlich das Paradebeispiel für eine potenzielle Superspreader-Situation. Deshalb, und weil die Infektionszahlen rasant steigen, ist die Stimmung gegenüber den Kultusminister:innen in der Öffentlichkeit jetzt mindestens genauso kühl wie die stoßgelüfteten Klassenzimmer.

Erster Vorwurf: Nach sieben Monaten Corona-Pandemie bestehe die bundesweite Strategie für die Schulen einzig und allein darin, dass Kinder sich halt dick anziehen sollen (lüften auch bei Minusgraden). Zweiter Vorwurf: Die Kultusminister:innen ignorierten außerdem ganz bewusst die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI).

Während Restaurants, Fitnessstudios, Theater und Kinos wieder schließen, läuft in den Schulen alles wie immer, also wie immer seit Corona. Lehrerverbände und Elternvertretungen kritisieren das Festhalten am Regelbetrieb.

Die Herbstferien enden, die Monate, in denen man gerne in Räumen mit dauergeöffneten Fenstern sitzt, sind vorbei. Es ist Zeit für einen kurzen Zwischenstand: Welche Rolle spielen Schulen in der Pandemie? Sollten die Schulen bald wieder schließen? Und welche Maßnahmen sollten die Kultusminister:innen jetzt beschließen? Ein Überblick.

Wir wissen immer noch viel zu wenig

Wer meine letzten Artikel zu den Schulschließungen kennt, weiß: Wenn ich ratlos bin, gebe ich das zu. Was die Rolle der Schulen im Infektionsgeschehen angeht, bin ich es immer noch. Und mit mir auch die Wissenschaft. Immer wieder tauchen einzelne Studien auf, die vermeintlich belegen, dass Schulen die Infektionszahlen nicht in die Höhe treiben. Dann tauchen andere Studien auf, die das Gegenteil nahelegen. In Israel und Tschechien gibt es viele Cluster in Schulen, in Dänemark und Schweden, wo die Infektionszahlen ebenfalls steigen, eher nicht.

Und in Deutschland? Eine Grafik vom RKI aus dem täglichen Lagebericht vom 20.10.:

Eine Grafik des RKI, die anzeigt, wo die Quellen der Infektionen in den einzelnen Kalenderwochen waren. Von Kita bis Altenheime etc.
Quelle: Lagebericht des RKI

Die Ursachen scheinen zunächst generell eher im Privaten zu liegen. Hier kommt ein Aber: Von den 40.000 Fällen können weniger als 4.000 (siehe Grafik) einem Ausbruch zugeordnet werden. Wenn sich Person 1 im Privaten ansteckt, wissen wir immer noch nicht, wo sich diejenige angesteckt hat, die Person 1 angesteckt hat – vielleicht ja in einer Schule?

Im Landkreis Vechta bei Osnabrück gab es nach Ausbrüchen in Schulen und bei Reihentests in Schlachthöfen, in denen viele junge Menschen arbeiteten, einen hohen Anteil asymptomatischer Infizierter: Bis zu 85 Prozent, berichtet Spektrum der Wissenschaft. Schulen könnten in der Statistik also unterrepräsentiert sein, weil Kinder und Jugendliche keine Symptome zeigen.

Eine neue Studie aus Bayern legt genau das nahe: Demnach sind in Bayern bis zu sechsmal mehr Minderjährige mit dem Coronavirus infiziert als bisher offiziell angenommen. Auch hier hatte etwa die Hälfte der positiv Getesteten keine Symptome.

Hier könnt ihr die Studie im Original lesen. Und hier hat der Spiegel die Studie zusammengefasst.

Die Daten in Deutschland selbst sagen zunächst gar nicht so viel aus. Aber viel entscheidender, und das ist vielleicht das größte Versäumnis der Wissenschaft bisher: Es gibt noch keine einzige veröffentlichte, bundesweite und repräsentative Bevölkerungsstudie, die die Verbreitung des Virus untersucht hat. Anhand derer wir ablesen können, welche Rolle Kinder und Jugendliche wirklich spielen bei der Verbreitung des Virus, wie viele von ihnen (vielleicht ja ohne Symptome) erkrankt waren oder sind.

Währenddessen beteuert die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), im Deutschlandfunk: „Kinder und Jugendliche sind nicht die Treiber der Pandemie in Schulen“. Ich würde ihr Zitat gerne ergänzen mit: „ ... nehmen wir bisher jedenfalls mal so an“.

Flächendeckend schließen will niemand

Vielleicht war es einer der großen Fehler vom Anfang der Pandemie, so früh die Schulen und Kitas flächendeckend zu schließen. Klar: Vieles von dem, was wir heute wissen, wussten wir damals nicht. Abgesperrte Spielplätze? Betreten verboten? Kommt mir heute absurd vor.

Ein erneutes flächendeckendes Schließen der Schulen (und der Wirtschaft) wollen die Minister:innen auf jeden Fall verhindern. Wer selbst Kinder hat, weiß ganz genau, dass Eltern einen großen Teil der Last der ersten Welle getragen haben. Indem sie ihre Kinder zuhause während der Arbeit betreut und beim Lernen begleitet haben.

Geschlossene Schulen bedeuten mehr Chancenungerechtigkeit und weniger Sicherheit für Kinder aus belasteten Familien. Aladin El-Mafaalani, Soziologe, Bildungs- und Migrationsforscher, sagte im Interview mit dem österreichischen Magazin moment schon im Mai:

„Wenn es nun keine Lösungen für die Schulen gibt, wird sich die Schere im Hinblick auf soziale Benachteiligung so weit auftun, dass wir sie später nicht mehr schließen können. Dann haben wir nicht nur eine Corona-Krise, sondern eine, die eine ganze Generation betrifft.“

Gerade Grundschulen und Kitas sollten deshalb als allerletztes geschlossen werden. Der Schaden wäre immens, der Nutzen unberechenbar und verglichen mit anderen Maßnahmen wahrscheinlich gering. Andere Länder machen es vor: Irland ist gerade wieder in einen Teil-Lockdown gegangen, auch und sogar offiziell, um die Kitas und Schulen weiterhin geöffnet zu halten.

Lokal vorübergehend geschlossen

Dass man flächendeckende Schließungen vermeiden will, heißt natürlich nicht, dass man nicht lokal schließen kann – und sollte? Je nachdem, wie die Infektionszahlen vor Ort aussehen. Anders als in den letzten Tagen zu lesen, zum Beispiel bei der Tagesschau, empfiehlt das RKI aber keine automatischen Schließungen, auch nicht bei einer 7-Tages-Inzidenz von über 50 Fällen pro 100.000 Einwohner:innen.

Das RKI koppelt seine Empfehlung, die Klassen zu halbieren und zwischen Präsenz- und Fernunterricht zu wechseln, zwar auch an diese Zahl, aber auch an die Frage, ob „Infektionsketten vermehrt nicht nachvollziehbar und Quellfälle häufig nicht mehr zu ermitteln seien“, wie Jan-Martin Wiarda bei Riffreporter schreibt. Klingt vage, ist es auch. Soll aber im Grunde ausschließen, dass Schulen wegen eines einzelnen Ausbruchs in einer Fleischfabrik geschlossen werden. Trotzdem: Schon jetzt kommen viele Gesundheitsämter nicht mehr hinterher, auch in Landkreisen ohne Fleischfabrik.

Eigentlich hatte die Kultusministerkonferenz einen Vier-Stufen-Plan für die Schulen beschlossen, je nach Infektionszahlen der jeweiligen Region:

Stufe 1: Ein an die Pandemie angepasster Regelbetrieb (derzeit in den meisten Schulen der Fall).
Stufe 2: Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht und strikt getrennte Lerngruppen.
Stufe 3: Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht.
Stufe 4: Vollständige Umstellung auf Fernunterricht.

Falls du die Angaben der Fallzahlen suchst, ab wann welche Stufe eintritt – es gibt sie nicht. Das kann jedes Bundesland selbst entscheiden. Im oberbayerischen Berchtesgadener Land sind Schulen und Hotels im Zuge des Teil-Lockdowns bereits wieder geschlossen. Dort liegt die 7-Tage-Inzidenz aber auch bei 270 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner:innen.

Sich mal ordentlich Luft machen

Wann immer es geht, bleiben die Schulen also geöffnet. Hier kommt eine deutsche Spezialität ins Spiel. Was für uns irgendwie normal ist, scheint in anderen Ländern erwähnenswert. Mittlerweile hat sogar der Guardian darüber berichtet, wie toll die Deutschen lüften können:

Ein Screenshot eines Artikels aus dem englischen Guardian über die deutsche Gewohnheit, zu lüften.

Cool. Aber je kälter es draußen ist, desto weniger Spaß macht Lüften. Die Alternative: Luftfilteranlagen im Klassenraum, um die Aerosol-Belastung zu senken. Der Atmosphärenforscher Joachim Curtius von der Goethe-Universität in Frankfurt hat mobile Luftfilteranlagen getestet. Sein Ergebnis: „In einem typischen Klassenzimmer konnten in einer halben Stunde 90 Prozent der Aerosole entfernt werden.“ Das berichtet die Tagesschau.

Die Tagesschau berichtet auch von einer Monitor-Recherche, nach der acht Bundesländer keine Anschaffung der Geräte planen. Es sei zu teuer (zwischen 1.000 und 3.000 Euro pro Klassenzimmer) und wissenschaftlich nicht erwiesen. Das hat einige Landesregierungen aber nicht davon abgehalten, sie selbst zu nutzen. Das Staatsministerium Baden-Württemberg zum Beispiel stelle sie in der Kantine auf, „zum Schutz der Beschäftigten oder bei größeren Terminen zum Schutz der Teilnehmenden“. Tjoa.

Einige Bundesländer wechseln jetzt den Kurs und erwägen den Einsatz auch in Schulen. Nordrhein-Westfalen hat dafür gerade 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. In den meisten Klassenzimmern wird es aber in den nächsten Monaten dreimal pro Stunde für Einige bitterkalt – dank Stoßlüften (ist billiger).

Einmal Zahlen, bitte!

Wie schon gesehen: Mit den Infektionszahlen ist es so eine Sache und mit den Infektionszahlen an Schulen ist es noch schwieriger. Es wäre die Aufgabe der Kultusministerien, diese Zahlen regelmäßig zu veröffentlichen. Das ist schwierig und hängt auch von der Arbeit der Gesundheitsämter ab. Trotzdem: Wir erreichen bald Monat acht der Pandemie und die Kultusminister:innen sammeln nach wie vor nirgendwo gebündelt, wie viele Fälle es an Schulen eigentlich gibt.

Was aber auch in fast allen Ländern fehlt: Die Angabe, wie viele Schulen und Klassen eigentlich gerade jetzt in Quarantäne sind. Baden-Württemberg geht jetzt voran und stellt diese Zahlen täglich online. Wer aber einen Überblick über ganz Deutschland haben will, muss sich derzeit auf eine engagierte Lehrerin auf Twitter verlassen, die versucht, die Fälle auf ihrer #Coronakarte zu sammeln.

Die Maske aufrecht erhalten

Eine Empfehlung des RKI ignorieren die Kultusminister:innen (bisher) aber noch. Nämlich die, ab einer 7-Tages-Inzidenz von 35 Fällen regional eine Maskenpflicht für alle Erwachsenen in Schulen und alle Schüler:innen ab der fünften Klasse einzuführen. In Berlin und Schleswig-Holstein zum Beispiel soll die Regel nach den Herbstferien bereits gelten. Ab einem Wert von über 50 soll das sogar auf Grundschüler:innen ausgeweitet werden. Das gilt in den meisten Ländern aber nach wie vor nicht.

Am Freitagmittag trafen sich die Minister:innen zur Videokonferenz. Einen gemeinsamen Beschluss gab es aber wieder nicht – weil nicht alle Bundesländer an der Schalte teilnehmen konnten.

Vielleicht ist das die größte Sicherheit, die Eltern und Lehrkräfte derzeit haben: Das Virus verhält sich zwar in ganz Deutschland gleich, die Kultusminister:innen aber in jedem Bundesland anders.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Silke Jäger; Bildredaktion: Rico Grimm.

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