© Getty Images / Joe Raedle

DIE WAHL IN DEN USA IM JAHR 2020, KURZ ERKLÄRT, Folge 5

Warum Trump noch immer beliebt ist – und die Wahl gewinnen kann

Autorinnen des Artikels
etwa 6 Min. Lesedauer
Die Wahl in den USA im Jahr 2020, kurz erklärt
5 Folgen
Die Wahl in den USA im Jahr 2020, kurz erklärt
Nach dem überraschenden Wahlsieg Donald Trumps und nach dreieinhalb anstrengenden Jahren im Amt gibt es viele Befürchtungen und noch mehr offene Fragen zu den US-Wahlen am 3. November.

Schlaumeier, die über Filme und andere Kunstwerke sprechen, lassen gerne den Begriff von der „Suspension of Disbelief“ fallen, zu deutsch die „Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“. Klingt etwas überdreht, folgt aber einer einfachen Idee. Egal ob Zauberlehrling, Geheimagentin oder drachenreitende Königin: Wer eine Serie schaut oder ein Buch liest und dabei die ganze Zeit ruft, dass das ja alles nicht sein könne, weil es völlig unrealistisch sei, wird niemals von dieser Geschichte etwas Neues lernen oder von ihr unterhalten werden können.

Diesen kleinen Umweg musste ich nehmen, weil viele Deutsche, von meiner US-amerikanische Warte aus, gerade vor den TV-Nachrichten sitzen und nicht glauben können, was sie da sehen: „Es kann doch gar nicht sein, dass so viele Menschen in den USA immer noch zu Donald Trump halten!“

Und es stimmt ja auch: Seine Corona-Politik bekommt schlechte Noten, viele Menschen sagen, er habe sich bei seiner eigenen Erkrankung verantwortungslos verhalten und schließlich hat sein aggressives Verhalten im ersten TV-Duell dazu geführt, dass zumindest aktuell Joe Biden den Umfrage-Vorsprung auf Trump weiter ausbauen konnte. „Die Amerikaner haben Trump ungefiltert erlebt und sich mit Grauen zurückgezogen“, fasst der zugegebenermaßen eher linke Atlantic zusammen.

Und dennoch: Menschen unterstützen Donald Trump, gewinnen kann er die Wahl immer noch. Gut eins zu fünf stehen seine Chancen, ähnlich wie eine Runde russisches Roulette.

Die Inhalte sind auf seiner Seite: Trumps Politik ist beliebt, sogar sein Rassismus

Vieles von dem, was Trump als seine Politik verkauft, kommt bei den Leuten an. Er vermarktet seine Ideen aggressiv, auch wenn deren Umsetzung oft halbberzig ist. Die Durchführungsverordnungen, die er gibt, enthalten meist nur Absichtsbekundungen statt praktischer Vorschriften. Die daraus folgenden fertigen Gesetze, die schließlich den Kongress durchlaufen, sind häufig weichgespülter, erklärt die Washington Post. Aber er hat auch echte politische Erfolge vorzuweisen, die jeder für sich eine wichtige Wählergruppe zufriedenstellen.

Die reichen Eliten und Unternehmer:innen freuen sich über eine großzügige Steuerreform, ohne die dadurch stark wachsenden Staatsschulden zu hinterfragen. Von abgeschafften Umweltschutzvorschriften, geringeren Budgets für Aufsichts- und Kontrollbehörden und gestrichenen Regulierungen profitiert Trump gleich doppelt: Die Unternehmen steigern ihre Profite und der breiten Bevölkerung verkauft er die Maßnahmen als erfolgreichen Bürokratieabbau.

Gläubige und Konservative heißen wiederum Trumps Kurs gut, die Gerichte mit ihresgleichen zu besetzen. So hat zum Beispiel Marjorie Dannenfelser von der Anti-Abtreibungsorganisation Susan B. Anthony List bei The Daily frohlockt, dass sie nie damit gerechnet hätte, in Trump einen solch „Pro Life“-Präsidenten und Abtreibungsgegner zu finden. Seit Jahrzehnten sei die Chance nie so groß gewesen, im Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche endlich zum Ziel zu kommen.

Bleiben schließlich noch die vor allem männlichen Enttäuschten der Arbeiterklasse. Denen gibt Trump rassistische Einwanderungs- und Abschieberegeln, er beteuert seine Liebe für Polizei und Militär – und er bedient geschickt eine generelle Elitenfeindlichkeit, die besonders in ländlicheren Gegenden herrscht, wo sich die Menschen von den wirtschaftlich viel stärkeren Küsten abgehängt fühlen.

Für sich genommen sind diese Einzelpositionen noch nicht einmal mehrheitsfähig, aber für diejenigen, denen eines dieser Themen wichtig ist, ist das dann oft wahlentscheidend. Die gesellschaftlichen Teilgruppen erhalten durch die für sie wichtigen Einzelaspekte eine „Permission Structure“, einen Grund, um vor sich selbst ihre Stimme für Trump zu rechtfertigen. Häufig argumentieren sie in Interviews nach dem Motto: „Eigentlich mag ich sein Twittern und Kinder in Käfigen nicht, aber: die US-Botschaft in Jerusalem/die Wirtschaft und der Aktienmarkt/sein Einsatz gegen Abtreibung …“

Das System ist auf seiner Seite: Wahlleutegremium und die Unterdrückung von Minderheiten helfen Trump

Diese Politik könnte Trump aber nicht umsetzen, wenn das Politik-System der USA wirklich demokratisch wäre. Drei Aspekte daran kommen ihm besonders zugute. Er hatte 2016 rund drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton bekommen und nur durch das Wahlleute-Gremium, das den Stimmen aus ländlichen Gegenden ein größeres Gewicht gibt, den Sieg davon getragen. Dieses grundsätzliche Ungleichgewicht ist Trumps erster Vorteil.

Hinzu kommt als zweiter Punkt, dass Minderheiten in den USA wie in vielen anderen Ländern auch, weniger wählen und sich aus dem politischen Prozess verabschiedet haben.

Ein Grund dafür: Wer in Parlamenten kaum ähnliche Menschen sieht, ist weniger politisch engagiert

Der dritte Vorteil aber ist eine Besonderheit in den USA, stark getrieben von den Republikanern: Sie bauen vielerorts Hürden auf, die nicht-weißen Minderheiten die Stimmabgabe erschwert. Da wird beispielsweise die Zahl der Wahllokale in Gegenden mit besonders hohem Schwarzen-Anteil so zusammengestrichen, dass diese oft stundenlang zur Stimmabgabe anstehen müssen, erklärt die Washington Post.
In elf Bundesstaaten dürfen mehr als zehn Prozent der Schwarzen überhaupt nicht wählen, weil sie einen Eintrag im Strafregister haben – wer einmal verurteilt wurde, verliert dort sein Wahlrecht auch dann, wenn die Strafe abgesessen wurde. Das Sentencing Projects hat errechnet, dass 5,2 Millionen Menschen im wahlberechtigten Alter von dieser Regelung betroffen sind.

Die Mythen des Landes sind auf seiner Seite: Ein Selfmade-Underdog, der es allen zeigt

Bleibt noch ein dritter wichtiger Grund für Trumps Beliebtheit und da hat Autorin Fran Lebowitz es gut raus, den Finger in die Wunde der US-Gesellschaft zu legen. 2016 hat sie nach der Wahl an einem Gesprächsabend von Vanity Fair Sätze gesagt, die mir hängengeblieben sind.

„Trump entspricht dem Bild eines armen Menschen von einem reichen Menschen. Sie sehen ihn. Sie denken: „Wenn ich reich wäre, dann hätte ich auch so eine fantastische Krawatte. Warum sind meine Krawatten nicht aus 400 Morgen Polyester?“ All das Zeug, das er dir in seinem Haus zeigt, die goldenen Wasserhähne – wenn du im Lotto gewinnen würdest, wären die genau das, was du kaufst.“

Sie hat da einen guten Punkt: Es gibt in den konsumorientierten USA mehr zur Schau getragenen Reichtum als in Deutschland. „Self-Made-Millionäre“ der Marke Trump sind beliebte popkulturelle Figuren und ein Ziel für viele, das auch Politik erklären kann. Klar finden viele Menschen Steuern in der Theorie gut, weil sie Straßen und die Polizei bezahlen – aber wenn sie selbst erst einmal Millionär sind, dann werden sie ja auch von niedrigen Steuern profitieren, also sorgt doch der Typ mit den niedrigen Steuern am Ende schon jetzt für einen größeren persönlichen Vorteil, wenn man selbst erst einmal soweit ist. Immer wieder ist Trumps Team bedacht zu betonen, wie hart er arbeitet, wie fantastisch es ist, dass ein angeblicher Milliardär, der eine politische Karriere gar nicht nötig gehabt hätte, sich für einen solchen Posten hergibt.

Für viele Gegner mag das nicht nachvollziehbar sein: Wie kann Trump die Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie so gut spielen, dass ihm die Menschen glauben, er hätte es als Underdog allein durch harte Arbeit nach ganz oben geschafft? Davon, dass Vater Fred ihm laut New York Times nach heutiger Bewertung mehr als 400 Millionen Dollar Vermögenswerte überlassen hat, wollen sich die Fans ja nicht verunsichern lassen.

Womit wir beim letzten und schließlich wirklich etwas küchenpsychologischen Punkt wären: Dem Phänomen der kognitiven Dissonanz, im politischen Kontext erklärt bei Psychology Today. Menschen wollen im Einklang mit ihren einmal getroffenen Entscheidungen leben und versuchen, Reue zu vermeiden. Das Eingestehen eines Fehlers fällt uns schwer. Und das gilt anscheinend auch für Wahlentscheidungen.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Bent Freiwald, Fotoredaktion: Martin Gommel.

Prompt headline