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Corona-Pandemie

Warum das Beherbergungsverbot Quatsch ist – wissenschaftlich erklärt

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Als ich zum ersten Mal vom Pareto-Prinzip hörte, hat mich das ziemlich umgehauen. Bis dahin dachte ich, dass man sich mindestens zu 100 Prozent anstrengen muss, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu bekommen. Doch nach diesem Prinzip, auch bekannt als 80:20-Regel, erzielt man oft schon mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes 80 Prozent des Ergebnisses.

Das Coronavirus verbreitet sich nach allem, was man weiß, nach genau diesem Prinzip: Nur ein Bruchteil der positiv Getesteten treibt das Infektionsgeschehen voran. Unterschiedliche Studien legen nahe, dass 5 bis 10 Prozent der Fälle für 80 Prozent der Ausbreitung sorgen. Das heißt, nur fünf bis zehn von hundert positiv Getesteten stecken andere Menschen an.

In einer Studie aus Indien, die 500.000 Kontakte bei 85.000 bestätigten Fällen nachverfolgte, kam heraus, dass nur 5 Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Übertragungen verantwortlich waren.

Wenn du davon zum ersten Mal hörst, liegt es nicht an dir. In Deutschland reden zwar viele von Superspreader-Ereignissen, aber kaum jemand darüber, warum sie eine so große Bedeutung haben. Sonst wären Politiker:innen wohl auch kaum auf die Idee mit dem Beherbergungsverbot gekommen.

Das Beherbergungsverbot ist aktionistisch

Statt sich in einer Ferienwohnung oder in einem Hotel zu erholen oder eine Geschäftsreise zu machen, müssen derzeit sehr viele Menschen ihre Buchungen stornieren. Das Beherbergungsverbot vieler Bundesländer betrifft circa 10 Millionen Menschen. So viele leben im Moment in einem Risikogebiet, also einem Landkreis oder Stadtbezirk, in dem der Grenzwert von 50 positiv Getesteten auf 100.000 Einwohner:innen in den letzten sieben Tagen überschritten wurde. Im Moment sind das 40 Kreise oder Bezirke, zehn Prozent aller Landkreise. Da die Entwicklung der neu registrierten Corona-Fälle gerade dynamisch steigt, könnten es bald deutlich mehr werden.

Der Widerstand gegen diese Regel ist aber nicht nur deshalb gewaltig. Sollte das Beherbergungsverbot schon bald wieder zurückgenommen werden, wird das kaum jemanden wundern. Denn es ist aus vielen Gründen absurd:

  • Nur das kommerzielle Übernachten ist verboten. Wer bei Freund:innen und Familie unterkommen kann, darf das auch.
  • Alle, die tagsüber reisen und abends zurück ins Risikogebiet fahren, wie zum Beispiel Pendler:innen und Menschen, die einen Tagesausflug machen, dürfen das tun.
  • Reisen in ein Risikogebiet sind nicht reglementiert.

Allein schon das macht das Beherbergungsverbot nur schwer nachvollziehbar. Es verärgert viele Menschen und beraubt Hotelbetreiber:innen und Besitzer:innen von Ferienwohnungen wichtiger Einnahmen.

Das Verbot ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass Politiker:innen wissenschaftliche Erkenntnisse oft nicht genug beachten. Es zeigt auch, dass Regierungen weniger aus den Erfahrungen des Frühjahrs gelernt haben, als sie gerne behaupten.

Das Virus verbreitet sich nach dem Pareto-Prinzip

Das Virus neigt dazu, Cluster zu bilden, also sich nicht gleichmäßig zu verteilen. Dass SARS-CoV-2 zu Clusterbildung neigt, lässt sich mit dem sogenannten Dispersionsfaktor k ausdrücken, kurz: k-Wert. Schon klar, niemand wartet auf noch einen komplizierten Wert. Lange genug haben wir uns schon mit dem R-Wert befassen müssen. Der k-Wert ist aber wichtig.

Bei ihm gilt: Je kleiner er ist, desto höher ist die Streuung. Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt erklärt den k-Wert so: „Eine Seuche ist eben kein Uhrwerk, das einem gleichmäßigen Takt gehorcht. Sie ähnelt eher einem Busfahrplan, der verspricht, dass alle zehn Minuten ein Bus kommt, und dann wartet man 30 Minuten und es kommen drei auf einmal.“ Je unregelmäßiger die Streuung ist, desto kleiner ist der k-Wert. SARS-CoV-2 hat einen relativ kleinen, nämlich circa 0,1. Das heißt, das Coronavirus neigt zu Überstreuung: Superspreading.

Maßnahmen, die helfen sollen, das Infektionsgeschehen zu bremsen, müssten sich also genau auf solche Situationen konzentrieren, in denen es – statistisch gesehen – ein hohes Risiko für Ansteckungen gibt. Sie müssten sicherer gemacht werden. Und wenn das nicht geht, müssten wir auf sie verzichten bis es einen Impfstoff gibt. Am liebsten freiwillig.

Das Robert-Koch-Institut hat vor Kurzem einen Bericht veröffentlicht, der erklärt, wo sich die meisten Menschen im Frühjahr angesteckt haben. Das waren vor allem Pflegeheime, Krankenhäuser, private Haushalte und der Arbeitsplatz. Allerdings stammen die Daten aus einer Zeit, in der Kontakteinschränkungen galten und sind deshalb nicht gut übertragbar auf unseren aktuellen Alltag.

Besser auf die Superspreader-Ereignisse konzentrieren

Im Moment sind sowohl der Grenzwert von 50 neuen Fällen in einer Woche pro 100.000 Einwohner:innen als auch die Kontaktverfolgungsstrategie von der Kapazität der Gesundheitsämter her gedacht. Beides soll dafür sorgen, dass wir ein möglichst gutes Bild davon haben, wo sich das Virus gerade ausbreitet. So wollen wir die Kontrolle über das Infektionsgeschehen behalten.

Die Journalistin Zeynep Tufekci erklärt in diesem sehr lesenswerten Artikel beim Onlinemagazin The Atlantic, warum es sinnvoller sein kann zu fragen, woher die Infektion kommt als zu fragen, wer sich alles angesteckt haben könnte. Dieser Trace-Back-Ansatz war zum Beispiel in Japan recht erfolgreich. Dort hatten Wissenschaftler:innen schon sehr früh gesagt, dass das Coronavirus zur Clusterbildung neigt und sich darauf konzentriert, Cluster zu finden und sie daran zu hindern, noch größer zu werden, sich also zu Mega-Clustern zu entwickeln.

Wir benutzen in Deutschland zwar den Begriff Superspreader-Ereignis, aber zu oft wird nicht erklärt, warum diese Ereignisse für die Pandemiekontrolle entscheidend sind. Viele denken dann als erstes an Schlachthöfe und schlechte Wohnbedingungen der unterbezahlten Leiharbeiter:innen. Das ist richtig. Aber es gibt noch viel mehr Superspreader-Ereignisse: große Feiern, Klassenräume mit Fenstern, die sich nicht öffnen lassen, das Gedränge an Bahnhofsschaltern, wenn ein Zug ausfällt. Kurz, alle Situationen, in denen viele Menschen eng zusammenkommen und wenig Luftaustausch geschieht, können in Kombination mit einem hochinfektiösen Menschen zu solchen Ereignissen werden.

Zu einer sinnvollen Strategie gehört, diese Situationen besonders ernst zu nehmen. Um Infektionen vorzubeugen, sind für Menschenansammlungen einfache Verhaltensregeln gut. Wir kennen diese Regeln alle: Abstand halten, Hygiene beachten, Atemschutzmaske tragen und lüften: AHA+L. Die Politik arbeitet mit diesen Verhaltensregeln, die einer Analyse zufolge in elf europäischen Staaten 3,1 Millionen Corona-Tote verhindert haben könnten.

Allerdings sind viele Menschen unsicher, wann sie sich für welche Verhaltensregeln entscheiden sollen. Da kommt jede:r zu etwas anderen Einschätzungen.

Was wir uns merken sollten

Das Problem ist also, dass es schwierig ist, solche Regeln mit konkreten Alltagsentscheidungen zu verknüpfen. Es gibt viele schwer zu beantwortende Fragen bei den einfachen Verhaltensregeln. Zum Beispiel: Ist es sinnvoll eine Maske im Freien zu tragen und wenn ja, wann? Kann ich im Café auf eine Maske verzichten, wenn ich zum Buffet oder auf Toilette gehe? Oder nur dann, wenn die Fenster offen sind? Warum muss ich draußen Abstand halten, wenn doch viele Infektionen durch Aerosole zustandekommen? Und so weiter.

Und hier kommt die Politik wieder ins Spiel. Das Beherbergungsverbot zeigt, dass die Politik oft an der falschen Stelle eingreift und damit Vertrauen verspielt. Grenzwerte, die nur sicherstellen sollen, dass Gesundheitsämter Kontaktketten noch nachverfolgen können, sind keine gute Begründung dafür, alle Menschen eines Bezirks vom Reisen abzuhalten (zumal das Beherbergungsverbot das ja noch nicht einmal erreicht). Das Beispiel zeigt auch, dass die Politik noch nicht gut genug verstanden hat, dass das Pareto-Prinzip des Virus eine Chance für uns ist. Wir können arbeiten, Zug fahren und ins Theater und Konzert gehen – ja sogar auswärts übernachten – wenn diese Situationen so gestaltet sind, dass es das Virus schwer hat. Das geht zum einen mit AHA+L.

Aber wir müssen gleichzeitig besser darüber Bescheid wissen, wie die Risiken in potenziell kritischen Situationen einzuschätzen sind.

Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben:

Dazu sind auch die sogenannten 3G hilfreich: Geschlossene Räume, Gruppen (und Gedränge) plus Gespräche (und Geselligkeit). Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Weiler, hat diese G-Formel auf einer Pressekonferenz am 8. Oktober erklärt. Mit den 3G lassen sich potenzielle Cluster früh erkennen. Immer dann, wenn wir uns in solchen Situationen befinden, ist AHA+L besonders wichtig.

Die Politik wäre also gut beraten, wenn sie statt zweifelhafter Maßnahmen zu erlassen in Kommunikationskampagnen investieren würde. Es muss leichter für uns alle werden, Alltagsentscheidungen zu treffen. Das wäre der berühmte schwedische Weg, den viele für den demokratischsten Umgang mit der Pandemie halten.

Allerdings hat Schweden weniger gut abgeschnitten als Deutschland, wenn es um die Opferzahlen geht. Was genau in Schweden passiert ist, fasst dieser Text gut zusammen.

Damit wir in Deutschland nicht so viele Menschen wie in Schweden an das Virus verlieren, ist es wichtig, die verletzlichen Gruppen zu schützen. Gäbe es dafür endlich effektivere Maßnahmen (zum Beispiel verbindliche Tests für Krankenhaus- und Pflegeheimpersonal), würden sich vielleicht noch mehr Menschen mit AHA+L abfinden und besser Bescheid wissen, wann es sinnvoll ist, sich daran zu halten. Auch deshalb, weil weniger Menschen den Eindruck haben müssten, wirtschaftliche Interessen würden dem Gesundheitsschutz geopfert – und umgekehrt.


Redaktion und Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Rico Grimm.

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