Corona-Maßnahmen

Die unmögliche Quarantäne

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Als die Menschen anfangen, ihre Hunde zu verleihen, ist klar, dass es so nicht weitergehen wird. Im März 2020 wird in der Kleinstadt Jessen der Hund zu einer Ausnahmegenehmigung für Spaziergänge, für eine Legitimation, endlich wieder das Haus zu verlassen und durch die stillen, leergefegten Straßen wandern zu können. Die Einwohner:innen von zwei Stadtteilen in Jessen stehen unter Corona-Quarantäne.

Am Abend bevor die Quarantäne beginnt, sitzt der Bürgermeister von Jessen, Michael Jahn, in einem Raum mit der Feuerwehr und den Besitzern der örtlichen Supermärkte und der größten Jessener Betriebe, um die nächsten Tage oder Wochen durchzusprechen. Wie lange die Quarantäne dauern wird, wissen einige zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Wir mussten alles vorbereiten“, sagt Bürgermeister Jahn ein paar Monate später. „Wie kontrollieren wir die Zufahrtswege? Wie stellen wir die Versorgung sicher? Wie kommunizieren wir?“ Jahn und sein Team arbeiten zwar nach der Vorlage des thüringischen Dorfes Neustadt am Rennsteig. Dort leben aber gerade mal 900 Menschen, die versorgt und kontrolliert werden müssen.

Nach dem Treffen mit den Vereinen und Unternehmen des Ortes bauen die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk an elf Stellen Straßensperren auf. Ab morgens um sieben Uhr kommen nur noch diejenigen hinein, die ihren Wohnsitz im abgesperrten Bereich haben. Hinaus nur die mit einer Ausnahmegenehmigung. Am Anfang wird noch jedes Auto, jede Genehmigung, jeder Ausweis überprüft.

Die Bilder von den Absperrungen sind schöne Bilder für Kamerateams aus ganz Deutschland und auch die Bild-Zeitung berichtet aus dem „Kuhdorf“ und schickt eine Reporterin hin. In Jessen werden die Verantwortlichen, das wird sich sehr schnell herausstellen, mit ihrem Vorhaben scheitern. Nach zehn Tagen beendet das Landratsamt die Abriegelung wieder. Weil die Infektionszahlen unter Kontrolle seien, sagen sie. Weil wir sonst rebelliert hätten, sagen die Bewohner:innen von Jessen. 8.000 Menschen festzuhalten, ist schwerer, als es sich anhört.

Jessen, am südöstlichen Rand von Sachsen-Anhalt, eingeklemmt zwischen Sachsen und Brandenburg, ist eine dieser Städte, die gerne für den wachsenden Wohlstand im Osten hergenommen werden. Ein bisschen Wirtschaft, meist mit westdeutschen Besitzern, ein schick restaurierter Innenstadtkern und eine Menge Einfamilienhäuser. Aber auch die ostdeutschen Probleme: Wer hier wohnt, pendelt meist, die AfD ist stark und junge Menschen ziehen eher weg, als sich anzusiedeln. Aber es gibt einen neuen Rasen für den örtlichen Fußballverein, der letzte Saison auch noch aufgestiegen ist.

Das Virus kam am 7. März im Körper eines Urlaubers aus Österreich nach Jessen. Der Mann wird später noch eine Rolle spielen, denn er ist in der Gemeinde bekannt, eigentlich beliebt und gut vernetzt. Von ihm aus verteilt sich das Virus über Geschäftskontakte, Vereinsfreunde und Verwandte bis in ein örtliches Altenpflegeheim. Elf Bewohner:innen und fünf Mitarbeiter:innen infizieren sich. Das ist der Moment, in dem das Landratsamt Wittenberg die Notbremse zieht und die Quarantäne beschließt – knapp 20 Tage sind da vergangen, seitdem der Mann aus dem Urlaub nach Jessen zurückgekommen ist.

Konkret heißt das: Nur mit Ausnahmegenehmigungen durften die Anwohner:innen ihre Wohnungen verlassen, zum Einkaufen sollten sie den nächstgelegenen Supermarkt nutzen.

Die Verwaltung macht Fehler

Als die Quarantäne am 26. März um sieben Uhr morgens in Kraft tritt, sind viele Bewohner:innen schon zur Arbeit gefahren und nicht mehr in der Stadt. Viele von ihnen pendeln. Oft nach Wittenberg, manchmal nach Leipzig oder sogar nach Berlin. Die meisten Pendler:innen trifft die Quarantäne unvorbereitet. Wer den Bezirk verlassen hat, wird später vor einer Absperrung stehen – wenn er nicht schon über die sozialen Medien von der Quarantäne erfahren hat.

Denn über die hatten Jahn und sein Team die Meldung verbreitet. Das sorgte einerseits dafür, dass die meisten sehr schnell informiert waren, andererseits auch für Panik und Unsicherheit. Natürlich haben die Betroffenen nicht besonnen und ruhig reagiert. Und stattdessen die Supermärkte gestürmt. Dem MDR sagte Jahn damals, dass der erste Tag der Quarantäne somit nicht funktioniert habe und er hoffe, die Bürger:innen würden sich von nun an an die Kontaktsperren halten.

Und es gab viele Ausnahmegenehmigungen für Unternehmen, die als systemrelevant galten. Darunter waren die Supermärkte, Lieferdienste, medizinische Einrichtungen, aber auch eine Firma, die Bauteile für Elektromotoren herstellt. Vollkommen unverständlich für manch anderes Unternehmen, das keine Ausnahmegenehmigung bekommen hatten. Auf die Bewohner:innen Jessens muss es wie Willkür gewirkt haben.

Jahn sagt: „Es gab am Ende über 1.000 Anträge, da können sie nicht vernünftig prüfen und antworten. Trotzdem gab es am Ende circa 200 positive Entscheidungen.“ Und er erzählt auch, wie er sich als Bürgermeister beim Ordnungsamt des Landkreises für Firmen eingesetzt habe, die neben Corona andere Probleme hatten, sei es generelle Zahlungsprobleme oder kürzlich getätigte Investitionen. Am Ende müssten sich die Entscheider:innen aber bei jeder Entscheidung fragen: „Was ist zum Überleben wirklich nötig?“

Die Quarantäne spaltet die Bevölkerung

Wie schnell die Bevölkerung informiert war und wie schnell sie auch Protest und Ablehnung organisiert hat, zeigt sich auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Ich treffe Andrea in Jessen. Sie ist hier aufgewachsen und lebt und arbeitet bis heute in der Stadt. „Es gab ja schon nachts Gerüchte über die Quarantäne, die über Whatsapp-Gruppen verteilt wurden.“ Aber offiziell fühlte sie sich zu spät informiert. Und dann sei das Ganze ziemlich schnell eskaliert.

Eskaliert ist die Situation auch in einer Facebook-Gruppe, in der sich viele Jessener:innen treffen und normalerweise Fotos von besonders schönen Bäumen, Fragen zu Blitzern oder einfach Empfehlungen für Restaurants posten.

In der Quarantäne füllt sich die Facebook-Timeline der Gruppe mit Verschwörungsmythen, Angriffen gegen Jahn, der wahlweise als inkompetent oder fahrlässig bezeichnet wird. Während die einen sich vor dem finanziellen Ruin fürchten, fühlen sich die anderen in ihrer Freiheit eingeschränkt – inklusive DDR-Vergleiche.

Andrea erzählt, wie unübersichtlich die Situation war. Auf die lokale Tageszeitung konnte sie sich nicht mehr verlassen. „Das was in der Zeitung stand, war ja quasi in dem Moment, in dem es gedruckt war, wieder obsolet.“ Und auch der Informationsaustausch untereinander war chaotisch. Jeder sei jeden Tag mit unterschiedlichen Informationen angekommen. Die Behörden haben Regeln nicht klar kommuniziert: In welche Supermärkte darf man gehen? Mit wie vielen Menschen aus welchen Haushalten darf man spazieren gehen? Darf man überhaupt spazieren gehen? Fragen, die sich Andrea gestellt hat, aber die auch immer wieder in der Facebook-Gruppe auftauchen.

Aus der Unsicherheit und der Lust an der Rebellion hat sich auch der Hunde-Verleih-Kreis entwickelt. Die Logik dahinter: Mit Hunden dürfen die Jessener:innen nicht nur ihr Grundstück verlassen, sondern auch weitere Runden gehen. Also liehen sich manche schlicht den Nachbarshund aus, um sich die Beine zu vertreten.

Die Informationspolitik, die unklaren Regeln, aber auch die empfundene Ungerechtigkeit haben dann zu der Unzufriedenheit geführt. Und diese wiederum zu Petitionen und Klagen gegen die Verordnungen.

Fragt man Bürgermeister Jahn nach seiner Einschätzung, lobt der die Bevölkerung, die sich „größtenteils diszipliniert“ verhalten hätte. Und er sagt, dass er ja überall informiert hätte. In Fernsehinterviews, auf der Webseite der Stadt und, dass er im Radio über Whatsapp-Sprachnachrichten zu den Bürger:innen gesprochen hätte, um „ihnen Mut zu machen und den Zusammenhalt zu würdigen.“

Für einen war die Quarantäne aber wohl eine besonders belastende Zeit: Den Mann, der das Virus nach Jessen gebracht hat. Relativ schnell haben Bewohner:innen herausgefunden, wer vermeintlich verantwortlich für die Quarantäne und auch die drei Toten war. Und es mag wie im schlechten Film klingen, aber Andrea berichtet, dass sich die Wut an ihm entladen hat. Sie sagt, dass die Polizei mehrfach zu dem Haus der betroffenen Familie kommen musste und diese so unter Druck gesetzt wurde, dass sie erstens gezwungen war, eine öffentliche Stellungnahme abzugeben und zweitens ihr Kind aus der Schule zu nehmen.

Ich habe bereits im Mai versucht, über die Familie zu schreiben und dafür auch den Mann kontaktiert. Damals war der Vorfall noch zu frisch und der Mann hat um Verständnis gebeten, dass er kein Interview geben wollte. Deswegen gehe ich an dieser Stelle nicht weiter auf ihn ein, und er bleibt anonym

Das Scheitern nimmt seinen Lauf

Schnell stellt sich heraus, wie löchrig die Quarantäne ist, wie unkontrollierbar 8.000 Menschen sind. Jessen ist von Feldern und Wäldern umgeben, durch die es zahlreiche Schleichwege gibt. Wer sich auskennt, und das tun die meisten Anwohner:innen, fährt über die Umwege. Für die Polizei, die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk gibt es keine Chance, alle Wege abzusperren. Dafür reicht das Personal schlicht nicht. Das Personal, das da ist, muss zu Beginn der Quarantäne auch oft ohne Maske kontrollieren, weil der Bedarf, wie an vielen Stellen in Deutschland, nicht so schnell gedeckt werden konnte. Der Personalmangel führt auch dazu, dass manche Absperrungen nur als Sperren existieren, aber gar nicht besetzt sind und dass von elf bald nur noch sechs Absperrungen übrig sind.

Darüber, wie die Quarantäne schließlich zu Ende gegangen ist, gibt es zwei Erzählungen. Die eine – von offizieller Seite – lautet: „Die aktuelle Risikobewertung gibt derzeit keine Veranlassung zur Aufrechterhaltung der angeordneten Maßnahmen.“ Die Infektionsraten wären unter Kontrolle, weswegen nun die Quarantäne aufgehoben werden kann. Die andere – von Anwohner:innen: Die Quarantäne war von Anfang an Schwachsinn, die wenigsten hätten sich daran gehalten und der Druck wäre zu groß geworden.

Und so endet am 6. April 2020 die Quarantäne – vier Tage vor dem angeordneten Termin. Zurück bleiben zerfahrene Wiesenstreifen dort, wo die Absperrungen waren und Menschen mit ihren Autos einfach an der Grenze vorbeigefahren sind.

Eine Quarantäne für so viele Menschen hat in Deutschland bis heute niemand wiederholt.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotoredaktion: Martin Gommel.

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