© Getty Images / Carsten Koall

Gaspipeline durch die Ostsee

Der Streit um Nord Stream 2, verständlich erklärt

von Isolde Ruhdorfer
etwa 9 Min. Lesedauer

Um was für ein Ding streiten wir uns gerade?

Nord Stream 2 ist eine Pipeline, eine Rohrleitung, die 1.200 Kilometer durch die Ostsee verlegt wird. Sie soll russisches Erdgas auf direktem Weg nach Deutschland leiten, insgesamt 55 Milliarden Kubikmeter jährlich.

Erdgas entstand, ähnlich wie Erdöl, vor Millionen von Jahren und lagert mehrere Kilometer unter dem Meeresboden. Es besteht hauptsächlich aus Methan und wird meist durch Bohrungen gewonnen. Wir verwenden es zum Heizen, um Strom zu erzeugen und als Kraftstoff.

Europakarte, auf der der Verlauf von Nord Stream 2 in der Ostsee eingezeichnet ist.

© Isolde Ruhdorfer / mapz.com

Die Leitung ist fast fertig: Aktuell fehlen noch ungefähr 150 Kilometer zum deutschen Festland. Nord Stream 2 verläuft entlang einer alten Pipeline, die 2011 in Betrieb gegangen ist und (logischerweise) Nord Stream 1 heißt. Zusammengenommen können durch die beiden Leitungen jährlich über 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas strömen.

Alleiniger Eigentümer ist der russische Konzern Gazprom, der auch die Hälfte der Kosten von 9,5 Milliarden Euro übernimmt. Die andere Hälfte zahlen verschiedene europäische Firmen, darunter die deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall Dea. Der deutsche Staat und die EU zahlen nichts.

Aber trotzdem will Deutschland das Projekt jetzt verhindern?

Zumindest fordern einige Politiker:innen einen Baustopp, um Russland zu sanktionieren. Anlass ist der Fall des russischen Regierungskritikers Alexej Nawalny. Er wird in der Berliner Charité behandelt. Die Ärzte gingen von Anfang an davon aus, dass Nawalny vergiftet worden ist. Ein Labor der Bundeswehr hat bewiesen, dass Nawalny ein Nervenkampfstoff verabreicht wurde. Speziallabore in Frankreich und Schweden haben das inzwischen bestätigt.

Russland behauptet aber, dass es dafür keine Beweise gebe und weist überhaupt jede Schuld von sich. Einige Politiker:innen, darunter zum Beispiel Annalena Baerbock (Grüne) und Norbert Röttgen (CDU), fordern deshalb, den Bau zu stoppen. Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) drohte: „Ich hoffe nicht, dass die Russen uns zwingen, unsere Haltung zu Nord Stream 2 zu ändern.“

Wie wahrscheinlich ist es, dass Nord Stream 2 wegen Nawalny gekippt wird?

Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich. Im August 2019 hat ein Russe mitten in Berlin den Georgier Selimchan Changoschwili erschossen – der Fall ist bekannt als „Tiergarten-Mord“. Die Staatsanwaltschaft geht von Auftragsmord aus und verdächtigt ganz offiziell die russische Regierung. Nord Stream 2 wurde aber nicht in Frage gestellt.

Wem das ein bisschen zu lange her ist, der kann in diesem Tagesspiegel-Artikel nachlesen, wie die Tat abgelaufen ist. Inzwischen gibt es eindeutige Hinweise, dass Russland in den Fall verstrickt ist, wie der Spiegel recherchiert hat.

Diesmal reagiert die Bundesregierung entschlossener. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Es stellen sich jetzt sehr schwerwiegende Fragen, die nur die russische Regierung beantworten kann und beantworten muss.“ Aber dass sie deshalb ein Milliarden-Projekt aufs Spiel setzt, glaube ich nicht.

Die Bauarbeiten zu Nord Stream 2 ruhen ohnehin seit vergangenem Dezember. Einmal wegen der US-Sanktionen.

Und außerdem laicht der Dorsch gerade auf dänischem Seegebiet.

Ach so, der Dorsch laicht. Wie schlimm wäre es denn, den Bau abzubrechen? Braucht Deutschland so dringend russisches Gas?

Gute Frage. Leider nicht so einfach zu beantworten. Dafür müssten wir nämlich wissen, wie sich die Nachfrage nach Erdgas in den kommenden Jahren entwickeln wird. Das kann man natürlich berechnen – blöderweise kommen verschiedene Berechnungen zu verschiedenen Ergebnissen.

Befürworter:innen der Pipeline sagen, dass wir Erdgas unbedingt als Energiequelle brauchen. Denn Deutschland will bis 2022 alle Atomkraftwerke abschalten und bis 2038 auf Kohlekraftwerke verzichten. Gleichzeitig geht die Förderung von europäischem Erdgas zurück. Die Niederlande, die auf dem größten Gasfeld Europas sitzen, wollen wegen Erdbebengefahr bis 2022 die Gasförderung komplett aussetzen. Einige sehen deshalb eine Versorgungslücke auf uns zukommen, die wir schließen müssen.

Also, her mit dem Erdgas!

Naja, Energie können wir ja auch aus anderen Quellen gewinnen. Die Gegner:innen der Pipeline sind der Meinung, dass die Bedeutung von Gas seit Jahren überschätzt wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnete aus, dass die Verwendung von Erdgas stark rückläufig ist. Wenn die Klimaziele der Bundesregierung gelten sollen, schreibt das DIW, dann sinke der Erdgasbedarf bis 2050 um mindestens 73 Prozent.

Auch der Europäische Rechnungshof kritisierte schon 2015, dass die Europäische Kommission die Erdgasnachfrage chronisch überschätzt und ging selbst von einer sinkenden Nachfrage aus. Die letzten Genehmigungen für die Pipeline erteilten deutsche Behörden übrigens 2017.

Eine wichtige Frage ist auch, wie sich die erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren entwickeln. Das DIW kritisiert, dass in vielen Berechnungen nicht berücksichtigt wurde, welche rasanten Fortschritte die Forschung gerade macht. Dem halten die Pipeline-Unterstützer:innen entgegen, dass es riskant ist, sich jetzt schon auf Technologien zu verlassen, die erst in der Zukunft entwickelt werden.

Mal abgesehen davon, ob wir das Gas jetzt wirklich brauchen. Warum wollen die Vereinigten Staaten von Amerika Sanktionen gegen die Baufirmen verhängen?

Die USA waren von Anfang an gegen Nord Stream 2, angeblich, um Europa vor russischem Einfluss zu schützen. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie LNG, also Flüssigerdgas, verkaufen möchten.

Liquefied Natural Gas (LNG) ist auch Erdgas, nur in flüssigem Zustand. Der Unterschied liegt in der Verarbeitung und dem Transport. LNG muss auf minus 162 Grad heruntergekühlt werden, damit es flüssig wird. Es hat dann nur noch ein Sechshundertstel des Volumens. Das ist praktisch für den Transport, anschließend muss es aber „regasifiziert“ werden und das ist teuer.

Ende 2019 unterzeichnete US-Präsident Donald Trump ein Gesetz, das bestimmte Unternehmen sanktioniert, die am Bau von Nord Stream 2 beteiligt sind. Die Schweizer Firma Allseas stellte daraufhin die Arbeit ein. Das Problem: Allseas besitzt ein hochspezialisiertes Schiff, mit dem die Rohre für die Pipeline verlegt werden. Davon gibt es nicht so viele auf der Welt, deshalb stehen gerade die Arbeiten still.

Im August legten drei US-Senatoren dann nochmal nach und drohten einem Hafen in Rügen mit „vernichtenden Sanktionen“. Dort lagern nämlich tausende Rohre und zwei russische Verlegeschiffe haben im Hafen festgemacht.

Interessant ist auch, dass sich Demokraten und Republikaner einig sind, dass sie Nord Stream 2 verhindern wollen. Das ist also kein klassischer Fall von „Trump zettelt mal wieder einen Handelskrieg an.“

Wäre es denn so schlimm, den Amerikaner:innen das LNG abzukaufen? Sie scheinen es ja sehr dringend loswerden zu wollen.

Es wäre vor allem unwirtschaftlich, denn LNG ist teurer als Erdgas. Außerdem entsteht es durch Fracking. Die Unternehmen holen Erdgas aus schwer zugänglichen Gesteinsschichten. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein gepumpt – mit Risiken für den Boden und das Grundwasser.

Bei Fracking werden auch große Mengen an Methan freigesetzt. Das ist ein Treibhausgas, das sogar eine stärkere Wirkung hat als CO2. Amerikanisches Fracking-Gas soll hauptverantwortlich sein für den weltweiten Anstieg von Methan-Emissionen.

Kann sich Deutschland denn gegen die Sanktionen wehren?

Man könnte das so beschreiben: Die USA verhängen Sanktionen und Deutschland zeigt sich empört. Mehr ist bis jetzt nicht passiert. Es ist auch unklar, ob die US-Sanktionen gegen Völkerrecht verstoßen. Vermutlich bewegen sie sich in einem rechtlichen Graubereich.

Eine Beschwerde vor der Welthandelsorganisation könnte schon eher Erfolg haben, doch die Verfahren dort dauern lange. Juristisch lässt sich dieser Konflikt wahrscheinlich nicht lösen. Eher durch Diplomatie.

Vor allem sollten wir nicht unterschätzen, wie brisant die Lage ist. Man kann sicherlich in Frage stellen, ob Deutschland Nord Stream 2 wirklich braucht. Aber es ist immer noch ein Bauprojekt in der EU, genehmigt von deutschen und EU-Behörden. Die USA sind davon nicht betroffen – mal abgesehen davon, dass sie ihren LNG-Markt in Gefahr sehen. Verhindern die USA Nord Stream 2 wirklich, könnte das eine Blaupause für zukünftige Projekte sein. Und Europa wäre plötzlich manipulierbar.

Genug von geldgierigen Großmächten. Lass uns über Russland reden.

Ernsthaft?

War ein Witz, lass uns über die andere geldgierige Großmacht reden.

Okay, Russland verkauft uns natürlich gerne mehr Gas, weil es damit mehr Geld einnimmt. Vor allem hat es aber Interesse daran, den Rohstoff auf direktem Weg nach Deutschland zu transportieren. Bis jetzt wird das Gas auf dem Landweg durch verschiedene osteuropäische Länder geleitet. Und das kostet ziemlich viel: Allein die Ukraine nimmt jährlich rund 2 Milliarden Euro Transitgebühren ein.

Wahrscheinlich geht es Russland aber gar nicht ums Geld, sondern darum, die Ukraine zu umgehen. Seit der Krim-Krise haben die beiden Länder ja nicht mehr das beste Verhältnis. Russland-Experte Roland Götz schreibt, dass es gar keine Rolle spielt, ob die Pipeline wirtschaftlich sinnvoll ist. „Es ändert nichts daran, dass Nord Stream 2 in erster Linie Transitpipelines durch die Ukraine ersetzen soll.“

Wenn wir über russisch-deutsche Beziehungen sprechen, dann sprechen wir natürlich auch über …

Wir sehen Gehardt Schröder, der seine beiden Arme ausbreitet und in eine andere Kamera sieht. Im Hintergrund der Berliner Fernsehturm.

© Getty Images / Patrick Piel

... Gerhard Schröder. Irgendwann musste er hier ja auftauchen. Der ehemalige Bundeskanzler ist nicht nur Putins bester Kumpel, er ist auch noch Präsident des Verwaltungsrates der Nord Stream 2 AG. Andere Politiker:innen forderten schon, dass er seinen Posten aufgeben solle. Schröder denkt natürlich nicht daran. Er verlangt stattdessen Gegensanktionen gegen die USA. Er erwartet auch nicht, dass sich an der Politik der USA etwas ändert, falls Joe Biden die Präsidentschaftswahlen gewinnt.

Wie abhängig werden wir jetzt von Russland?

Aktuell kommen rund 40 Prozent der Erdgasimporte der EU aus Russland. Das klingt zwar nach ziemlich viel. Aber nur zehn Prozent aller Energie kommt aus Erdgas. Einfach gesagt: Falls Russland beschließen sollte, die Gaslieferungen einzustellen, gehen hier nicht die Lichter aus. Es ist ohnehin unwahrscheinlich, dass Russland uns mit Gas erpresst. Die russische Wirtschaft ist nämlich davon abhängig, Rohstoffe und Waren in die EU zu liefern.

Interessant ist, dass auch die USA russische Rohstoffe kaufen. 2019 verzeichneten die USA ein Handelsdefizit in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar mit Russland. Das Handelsdefizit von Deutschland mit Russland lag dagegen nur bei fünf Milliarden US-Dollar. So gesehen sind die USA vielleicht sogar abhängiger von Russland als wir.

In einer Stellungnahme schreibt Michael Harms, Experte für osteuropäische und deutsche Wirtschaft: „Historisch gesehen, gab es bei fast jedem Pipeline-Projekt zwischen Deutschland und Russland in den vergangenen 50 Jahren Drohungen mit US-Sanktionen.“

Ich habe immer noch ein komisches Gefühl. Ist Russland ein Land, dem wir Milliarden hinterherwerfen wollen?

Aha, der moralische Aspekt. Russland wird autoritär regiert und macht international immer wieder negativ auf sich aufmerksam. Sei es durch die Annexion der Krim, militärische Einsätze in Syrien oder mysteriöse Todesfälle von Oppositionellen.

Russland ist aber nicht Deutschlands einziger moralisch fragwürdiger Handelspartner. Die Linken-Abgeordnete Sahra Wagenknecht warnte vor „Heuchelei“. Die Vergiftung Nawalnys sei zwar ein abscheuliches Verbrechen, aber „auch nicht abscheulicher, als Oppositionelle zu köpfen oder zu Tode zu peitschen, wie es in Saudi-Arabien, von dem wir Öl beziehen, gängige Praxis ist.“

Mal angenommen, wir würden jetzt wirklich alles abbrechen, was würde dann passieren?

EU-Behörden und deutsche Behörden haben den Bau bereits genehmigt. Würden sie das Projekt jetzt verbieten, müssten wir wahrscheinlich Schadensersatz an die Nord Stream 2 AG zahlen. Wie hoch die Summe wäre, ist noch unklar, sie würde aber mit Sicherheit in die Milliarden gehen.

Die Pipeline ist zu 95 Prozent fertiggestellt, mehr als tausend Rohrkilometer sind bereits in der Ostsee versenkt. Die Arbeit und die Baukosten wären umsonst gewesen – und die Pipeline würde ungenutzt im Meer herumdümpeln.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

Prompt headline