Martin Gommel/Krautreporter

Gewöhnung und Normalität in der Klimakrise

Eine ganz kurze Klima-Tour durch unsere momentane Welt

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Erinnerst du dich an den Sommer im vergangenen Jahr, als die Nachrichten voll waren von Klima-Meldungen? Als die ganze Welt nach Brasilien schaute, weil dort der Amazonas-Regenwald brannte? Hollywood-Stars posteten auf Instagram aufrüttelnde Bilder, der französische Präsident wollte die Macht der EU und der G7 einsetzen, um den Amazonas besser zu schützen. Die Brände dort seien, so Emmanuel Macron, eine internationale Krise. „Unser Haus steht in Flammen“, twitterte er. 

In diesem Sommer liegt die Aufmerksamkeit vieler Menschen verständlicherweise auf anderen Dingen. Deswegen verpassen viele, dass das Haus noch immer brennt, stärker als zuvor. Wir scheinen uns allerdings daran gewöhnt zu haben. Eine ganz kurze Tour durch die Welt: 

  • Im Amazonas brennt es wieder, schlimmer als im vergangenen Jahr. Die Zahl der Brände ist um ein Drittel höher, vermutlich hat illegaler Holzeinschlag damit zu tun.
  • Historische Temperaturrekorde herrschen in Nordspanien, Mallorca. In Großbritannien ist der drittheißeste Tag seit Beginn der Aufzeichnungen.
  • In Bagdad sind 50 Grad Celsius (im Schatten!), nachts nicht weniger als 32 Grad.
  • Eine Hitzewelle ist für Kalifornien und den Südwesten der USA vorhergesagt, mit bis zu 50 Grad Celsius.
  • Ein Drittel von Bangladesch steht unter Wasser, die Klimakrise verschärft das Problem.
  • In China flutet der Yangtze-Fluss über die Ufer, Millionen Menschen werden evakuiert. Die Behörden sagen: „Das Schlimmste kommt noch.“ Niemand weiß, ob der Dreischluchten-Damm das alles hält.
  • Zwei arktische Eiskappen in Kanada sind in drei Jahren verschwunden. Komplett.
  • In Sibirien brannte eine Fläche so groß wie Griechenland, der Rauch zog bis nach Alaska. Begleitet wurde das Feuer von einer Hitzewelle mit bis zu 32 Grad.
  • In Argentinien ist ein Brand im Mündungsgebiet des Paraná-Flusses außer Kontrolle.

Dieser Sommer offenbart eine zentrale strukturelle Gefahr der Klimakrise: Wie sie wirkt, kann schnell als normal gelten. Waldbrände? Gab es doch schon letztes Jahr. Hitze? Nicht so schlimm wie vor zwei Jahren. Fluten in Bangladesch? Da gibt es doch immer Fluten. 

Die Klimakrise ist eine schleichende Katastrophe, ihre Folgen werden exponentiell größer sein als diejenigen von Corona, sie verteilen sich aber über einen längeren Zeitraum, nicht über zwei Monate, sondern ein Jahrhundert, mindestens.

Weil die Veränderungen nicht plötzlich über uns hereinbrechen, scheinen sie handhabbar zu sein. Die Gefahr ist aber, dass sich die Katastrophen gegenseitig verstärken, dass – diese wissenschaftlich komplett schiefe Analogie sei mir erlaubt – die R-Zahl von Klimakatastrophen schnell steigt, dauerhaft über 1 liegt, und wir in eine sich exponentiell schneller drehende Spirale geraten. Und mit Katastrophen meine ich nicht nur Naturkatastrophen. Corona hat ja gezeigt, wie verheerend ein „Ding aus der Natur“ für den Alltag, die psychische Gesundheit der Menschen und wirtschaftliche Sicherheit sein kann. 

Corona selbst ist ein Beispiel für die Verkettung, die ich meine. Denn Umweltzerstörung steigert die Wahrscheinlichkeit, dass pathogene Viren auftreten. Hier unser Text dazu:

Gleichzeitig steigert sie die Wahrscheinlichkeit für Waldbrände. Beides zusammen wiederum, da oft eben die formidablen CO2-Speicher, die Wälder, betroffen sind, verschlimmert die Erderhitzung.

In der Kognitionspsychologie gibt es das Konzept des Ankereffekts: Eine Information, selbst wenn sie willkürlich gewählt wird, brennt sich in den Kopf ein als Maßstab, um alle weiteren Informationen zu bewerten und verzerrt die Analyse. Der Effekt ist gut bewiesen, wenn es um Zahlen geht. Aber ist es möglich, dass wir etwas Ähnliches angesichts der Klimakatastrophen erleben? Dass eben unser Vergleichsmaßstab für Naturkatastrophen nicht mehr das Jahr 1960 ist, sondern das Horrorjahr 2019? Verglichen mit dem vergangenen Jahr wirken Katastrophenmeldungen aus diesem Sommer nicht besonders außergewöhnlich. 

Wenn sich aber in zehn Jahren die Katastrophen vervielfachen, erinnern wir uns dann immer noch an das vermutlich vergleichsweise milde 2019 oder nicht doch eher an das aus heutiger Sicht eventuell katastrophale Jahr 2029? 

Die Gefahr ist, dass sich verschiebt, was „normal“ ist, dass wir plötzlich zufrieden werden inmitten von Katastrophen, weil wir als Gesellschaft vergessen, wie die Welt einmal gewesen ist.


Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

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