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Mythos Emanzipation in der DDR

Die Geschichte meiner Omas zeigt, wie hart der Alltag in der DDR für Frauen sein konnte

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Meine Familie besteht aus einer Reihe „unglücklicher“ Zufälle. Der bisher letzte bin ich. Meine Mutter wollte mit 22 Jahren auf keinen Fall ein Kind. Aber gleichzeitig unbedingt die Temperaturmethode zur Verhütung ausprobieren. Wirklich dazu belesen hat sich allerdings weder sie noch mein Vater. So bin ich entstanden. Wofür wir im Nachhinein zum Glück alle zusammen ziemlich dankbar sind.

Auch meine Mutter selbst war einer dieser ungünstigen Zufälle. Sie ist entstanden, weil meine Oma mit 17 die Pille noch nicht nahm. Auch die Mutter meines Vaters war 17, als sie ungeplant schwanger wurde. Beide lebten in der DDR, dem Land, in dem Gleichberechtigung im Sozialgesetzbuch festgeschrieben war, in dem der Mythos der „Ostfrau“ entstanden ist: Frauen, die angeblich schon emanzipiert waren, als man den Frauen im Westen das Wort noch buchstabieren musste. Mit 17 schwanger werden – in der DDR also halb so wild, oder?

Mehr zur angeblichen Gleichberechtigung in der DDR gibt es beim Deutschlandfunk.

Auch ich habe lange an das Bild der Ostfrau geglaubt. Dann habe ich mit meinen Omas darüber geredet, wie es für sie war, in den 1960er Jahren in der DDR Kinder zu bekommen und großzuziehen. Dabei blieb mir regelmäßig der Mund offen stehen. Vor Bewunderung. Und vor Ärger über die Welt, in der sie Mütter werden mussten. Denn auch, wenn zwei Geschichten natürlich kein repräsentatives Bild davon zeichnen, wie der Alltag von Müttern in der DDR aussah – sie können helfen, ein Gefühl dafür zu vermitteln.

Auch, wenn das hier keine wissenschaftliche Arbeit ist, habe ich mich für diesen Artikel grob an den Ideen der „Oral History“ orientiert. Diese Methode der Geschichtswissenschaft geht davon aus, dass es zu jeder Zeit verschiedene Perspektiven auf ein historisches Geschehen gibt – und dass man ein sehr realistisches Bild von der Vergangenheit zeichnen kann, indem man möglichst viele Zeitzeugen mit all ihren verschiedenen Wahrnehmungen zu Wort kommen lässt. In dem Kontext ist es besonders spannend, dass meine beiden Omas so unterschiedliche Erfahrungen in der DDR gemacht haben. So können sie auch unterschiedliche Perspektiven vermitteln.

Und wo wir gerade bei Wissenschaft sind: Natürlich habe ich alles andere als einen neutralen Blick auf meine beiden Omas, die mir sehr wichtig sind. Und auch meine Omas erzählen mir von ihren Erinnerungen sicher ganz anders als einem Fremden. Mal ganz zu schweigen davon, dass Erinnerungen sowieso nicht besonders verlässlich sind, wie Bent Freiwald hier erklärt:

Alles zum Thema Sex wurde totgeschwiegen

Bevor ich mit meinen Großmüttern darüber gesprochen habe, wie sie Mütter geworden sind, nahm ich an, dass die Menschen in der DDR mit dem Thema Sexualität mehr oder weniger offen umgingen. Schließlich gab es dort die berühmte FKK-Kultur. Scheidungen waren kein Problem, die Pille war für Frauen kostenlos. Dachte ich zumindest. Aber ganz so einfach war es nicht.

Dass die Nacktheit in der DDR nicht unbedingt für einen offenen Umgang mit Sexualität spricht, zeigt unsere Geschichte aus dem Projekt „Stumbling on Sexuality“.

Meine Großmütter haben ihr ganzes Leben lang in Ostdeutschland gewohnt, in der Nähe von Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. Meine Oma väterlicherseits, Petra heißt sie, ist Jahrgang 1947. Aufklärung, sagte sie mir, habe es in der DDR nur in sehr geringem Maße gegeben. Alles, was mit Sex zusammenhing, wurde so gut wie möglich totgeschwiegen. Auch Abtreibungen. Ob sie hätte abtreiben wollen, als sie 1964 mit 17 schwanger wurde? Sie weiß es nicht, sagt meine Oma. Aber selbst wenn: „Dafür hätte man jemanden kennen müssen, der unter der Hand solche Eingriffe durchführt.“ Sie kannte keine:n.

Mehr zur Rolle der Pille in der DDR und BRD hat hier die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt, hier der MDR. Warum die Möglichkeit, selbst über die eigene Schwangerschaft zu bestimmen, quasi ein Geschenk zum Frauentag für die DDR-Frauen war, erklärt der MDR hier.

Meine andere Oma, Elke, hätte die Pille schon nehmen können, als sie im Jahr 1970 17 war. Sie ist fünf Jahre jünger als Petra. Sie bekam sie trotzdem nicht. „Mit meinem Freund hatte ich ausgemacht, dass ich mir die Pille mit 18 gleich verschreiben lasse, denn erst dann ging das”, erzählt sie mir. Mit 18 Jahren saß Elke dann auch beim Gynäkologen – allerdings schon schwanger.

Da machte Elke gerade ihr Abitur und eine Ausbildung. Eigentlich wollte sie studieren, nun stand alles auf der Kippe. Auch sonst war ihre Situation nicht die beste für ein Kind: Für die Ausbildung pendelte sie in die nächste Stadt, ihr Freund – heute mein Opa – studierte noch, ihre verwitwete Mutter arbeitete und konnte deswegen nicht auf das Kind aufpassen. Aber auch jetzt konnten Frauen sich noch nicht frei für eine Abtreibung entscheiden. „Meine Mama hat mit Hausmitteln wie heißen Bädern oder Rotwein versucht, etwas gegen das Kind zu tun. Dabei ist aber nichts passiert.”

Erst 1972 erlaubte die DDR-Volkskammer Frauen, in den ersten zwölf Wochen ihrer Schwangerschaft selbst über einen Abbruch zu entscheiden – übrigens die einzige Abstimmung in der Geschichte der DDR, die nicht einstimmig gefällt wurde. 14 Abgeordnete der DDR-CDU stimmten dagegen. Zuvor hatte die DDR mit einer steigenden Zahl von illegalen Abtreibungen zu kämpfen, die oft auch für die Frauen selbst gefährlich waren.

Vier Tage die Woche vom Kind getrennt – oder immer in der Pflicht

Meine beiden Großmüttern hatten im Altern von 18 Jahren mit so vielen Sorgen zu kämpfen wie ich wahrscheinlich in meinem ganzen Leben noch nicht. Als sie beide zum ersten Mal Mutter wurden, war das sogar für die DDR früh. Im Schnitt haben Frauen in der DDR damals mit 22 Jahren Kinder bekommen. Heute entbinden Mütter in Ostdeutschland ihr erstes Kind im Schnitt mit 27 Jahren. Manche Wissenschaftler:innen begründen den Unterschied damit, dass Frauen in der DDR nicht mit der Sorge zu kämpfen hatten, keinen Job zu finden. Das habe ihnen Sicherheit gegeben und Kinder zu einem geringeren Risiko gemacht. Außerdem war die Betreuungssituation für Kinder in der DDR besser als heute.

Mit Gleichberechtigung hatte das allerdings wenig zu tun. Oft blieben die Bedürfnisse der Frauen auf der Strecke, wie die Geschichten meiner Großmütter zeigen. Die DDR brauchte die Arbeitskraft all ihrer Bürger:innen so dringend, dass sie es sich nicht leisten konnte, dass Mütter nicht arbeiteten. Außerdem ermöglichte die frühe Kinderbetreuung es dem Staat, schon ab einem jungen Alter Einfluss auf die Kinder zu nehmen. Sie „zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen“, wie die Volkskammer es im Jugendgesetz der DDR formuliert hat.

Lesenswert dazu ist auch dieser Text von Christian Gesellmann. Er erklärt, warum die DDR eine extreme Leistungsgesellschaft war – und warum deswegen niemand aus der Reihe tanzen sollte.

Als Elke 1970 mit 17 Jahren von ihrer Schwangerschaft erfuhr, wollte sie eigentlich ihre Ausbildung abbrechen. Aber mein Opa überredete sie, Ausbildung und Abitur fortzuführen, damit sie später noch eine gute berufliche Zukunft hatte. Damit war auch klar, dass das Baby in die Krippe musste. Eigentlich kein Problem – wenn es eine normale Krippe gewesen wäre. „Ich dachte, wir könnten sie einfach jeden Tag abholen“, erzählt meine Oma. „Mit der Hilfe von meiner Mutter wäre das schon gegangen.“ Aber die DDR-Behörden erlaubten ihr das nicht. Die offizielle Begründung: Die täglichen Ortswechsel zwischen der Krippe und dem Zuhause seien zu anstrengend für den Säugling.

Elke blieb keine Wahl. Wenn sie ihre Ausbildung nicht abbrechen wollte, musste sie ihre kleine Tochter in die Wochenkrippe bringen. Die Wochenkrippe war in der DDR ein Betreuungskonzept, das ermöglichen sollte, dass mehr Eltern arbeiten konnten, um so die Wirtschaft anzukurbeln. Die Kinder waren in der Regel von montags bis freitags (bei meiner Oma bis donnerstags) nicht bei ihren Eltern, sondern in der Krippe. Auch über Nacht. Nur am Wochenende durften sie nach Hause zu ihren Familien.

Elke litt sehr unter der Trennung von ihrem Kind: „Leicht war es für mich nicht, dass ich die Kleine in der Woche kaum sehen konnte“, sagt Elke, „am Anfang habe ich die ganze Zeit geweint, jeden Tag.“ Es sei furchtbar für sie gewesen, von ihrer Tochter getrennt zu sein. Immerhin war das Kind nicht unglücklich in der Krippe. „Sie war immer quietschfidel, wenn wir sie abgeholt oder hingebracht haben.“

Von 1951 bis 1992 gab es in der DDR Wochenkrippen und sogenannte Kinderwochenheime. ln den 1960er Jahre standen mehr als 36.000 Plätze für Kinder zur Verfügung. Dass es für manche Kinder zu gesundheitlichen Problemen führte, dort aufzuwachsen, war schon in der DDR bekannt. Entsprechende Forschungsergebnisse wurden von der SED-Führung allerdings bewusst vor der Öffentlichkeit verborgen, wie der Deutschlandfunk hier schreibt. Aktuelle Forschungsergebnisse unter anderem zu den Langzeitfolgen der Unterbringung in Wochenkrippen finden sich auf diesem Portal.

Wenn Mutti früh zur Arbeit geht

Die Zahlen lesen sich beeindruckend: Fast 98 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen haben 1989 einen Kindergarten besucht, so die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Rund 80 Prozent der Kinder, die jünger als drei Jahre alt waren, hatten einen Krippenplatz. Damit waren in der DDR mehr Kinder in Betreuung als heute in Deutschland. In der BRD werden heute laut Statistischem Bundesamt 93 Prozent der Kinder zwischen drei und fünf Jahren im Kindergarten oder von Tageseltern betreut.

Während meine Oma Elke mit 18 vier Tage die Woche von ihrer kleinen Tochter getrennt sein musste, war die andere Oma nicht eine Minute allein. Denn sie musste zu Hause gleichzeitig arbeiten und sich um die Kinder kümmern. Als die erste Tochter meiner Oma Petra zur Welt kam, war sie nach der Geburt nur sechs Wochen lang zu Hause. Das war in der DDR die Regel. Danach arbeitete sie sofort wieder. Allerdings in Heimarbeit. Das war bei Näherinnen so üblich, sagt sie mir.

Ab 1976 hatten Frauen in der DDR die Möglichkeit, ab der Geburt des 2. Kindes ein bezahltes Babyjahr zu nehmen. Die Maßnahme hat das SED-Regime unter anderem wegen sinkender Geburtenzahlen eingeführt. In der Zeit, in der die Frauen zu Hause blieben – erst waren es sechs, später zwölf Monate – bekamen sie weiterhin 80 Prozent ihres Lohnes gezahlt.

So konnten die Frauen etwas zum meist knappen Haushaltseinkommen dazuverdienen und trotzdem auf die Kinder aufpassen. „Ich habe nicht viel verdient, aber es war wenigstens noch etwas“, sagt meine Oma. Bei der Arbeit stand sie unter großem Druck: „Man musste ein bisschen was schaffen, denn wir wurden nach Leistung und nicht nach Zeit bezahlt. Wenn die Kinder krank waren oder etwas anderes dazwischenkam, habe ich einfach nichts verdient.“

Morgens um sieben fing sie meistens mit der Arbeit an und arbeitete bis 16 Uhr weiter. „Um vier ist Schluss, hat mein Mann immer gesagt. Ich musste ja zu Hause auch noch andere Dinge machen.“ Mit nur einem Kind klappte das, beim zweiten, das 1968 kam, wurde es schwierig. Damit sie sich nicht zu Hause um zwei Kinder kümmern musste, zusätzlich zur Heimarbeit, wollte Petra für ihre erste Tochter einen Kindergartenplatz finden. Doch alle Kindergärten der Region waren voll belegt. „Mein Mann ist sogar aufs Rathaus gegangen und hat dort Spuk gemacht. Aber das hat nicht geklappt.“ Kindergartenplätze waren anscheinend nicht für Kinder von Näherinnen gedacht. Petra hatte keine Wahl.

Jeden Tag nähte sie in der Küche, während ihre beiden kleinen Töchter mit im Raum waren. Manchmal schrien die Kinder den ganzen Tag und versuchten, aus dem Laufgitter zu klettern. Petra musste nähen und konnte sich nicht kümmern. Heute zuckt sie hilflos mit den Schultern, wenn sie erzählt: „Ich habe ihnen Spielzeug hingelegt und dann konnten sie spielen oder sie haben es eben gelassen.“

Petra, die ihre Kinder in der frühen DDR zwischen 1965 und 1971 bekam, war kein Einzelfall. 1955 hatten nicht einmal zehn Prozent der Kinder in der DDR einen Krippenplatz. Allerdings wuchs die Zahl der Krippenplätze im Lauf der Jahre. 1989, am Ende der DDR, gingen 80 Prozent der Kinder unter drei Jahren in der DDR in die Krippe.

„Im Kindergarten haben die Kinder Wenn Mutti früh zur Arbeit geht gesungen“, erzählt Petra. Es sollten so viele Kinder wie möglich in den Kindergärten untergebracht werden. Kindergartenplätze waren in der DDR kostenlos, nur für die Verpflegung mussten die Eltern zahlen.

„Stimmt's, Mama, ich darf bei dir bleiben?“, fragte mein Vater

Als Elkes Tochter ein halbes Jahr alt war, war es mit der Wochenkrippe vorbei. Denn bei der Kleinen wurde eine Glutenunverträglichkeit diagnostiziert. Von da an war sie oft krankgeschrieben oder im Krankenhaus, teilweise mehrere Wochen am Stück. „Damals durften Mütter noch nicht mit ihren Kindern ins Krankenhaus“, erzählt meine Oma. „Zweimal in der Woche war Besuchszeit, mittwochs und sonntags, glaube ich. Dann bin ich ins Krankenhaus gegangen und habe sie durch eine Scheibe beobachtet.“ Mit ihrem Kind in Kontakt treten durfte sie bei ihren Besuchen nicht. Wie viel Verantwortung und Sorgen meine Oma damals mit sich herumschleppen musste, ist für mich heute nur schwer vorstellbar. Mein Opa arbeitete und lebte drei Fahrstunden entfernt. Er hatte in der Nähe keine Arbeit gefunden. In den ersten zwei Lebensjahren seiner Tochter konnte er sie nicht einmal jede Woche sehen.

Auch meine Oma Petra, die jahrelang zu Hause Heimarbeit und Kinder gleichzeitig schaffen musste, erzählt, wie hart die Zeit war. „Alles war Arbeit“, beschreibt sie ihren Alltag. Oft hat sie sich gewünscht, endlich wieder in der Fabrik arbeiten zu können, wo sie auch Kolleg:innen treffen konnte.

Als ihre erste Tochter in die Schule kam, hätte das fast geklappt. Weil sie für ihre jüngere Tochter einen Kindergartenplatz fand, mussten beide Kinder nur noch nachmittags betreut werden. Aber dann kündigte sich ein drittes Kind an – mein Vater. „Stimmt's, Mama, ich darf bei dir bleiben?“, fragte er sie als Kind oft. „Einmal hat es mich gerappelt, ich wollte unbedingt wieder arbeiten gehen“, erzählt sie. „Da hab ich ihn auf das Fahrrad gesetzt und bin zu allen Kindergärten in der Nachbarschaft gefahren. Nirgendwo haben wir einen Platz bekommen.“ Danach habe sie es aufgegeben. Sie war 25, so alt wie ich heute.

„Einmal im Monat hatte die Kindergärtnerin Haushaltstag“, sagt meine Oma. „Das hat sie den Kindern einen Tag vorher gesagt, weil sie dann in eine andere Gruppe gehen mussten. Meiner Tochter hat das aber nicht gefallen. Deswegen hat sie das an einem Tag einfach für sich behalten – und ist zwar morgens aus der Tür spaziert, als ob sie in den Kindergarten gehen würde, ist aber im Hausflur geblieben. Sie hat sich hinter der Wohnungstür versteckt, so dass ich sie nicht sehen konnte.“ Ein Nachbar habe schließlich geklingelt und sie gefragt, ob sie wisse, dass ihre Tochter nicht in den Kindergarten gegangen sei, sondern im Hausflur hinter der Tür stehe.

Der Haushaltstag sollte es den Frauen leichter machen, Haushalt und Arbeit zu vereinbaren. Berufstätige Frauen und ab 1970 auch alleinstehende Männer (mit Kindern oder erkrankter Ehefrau) konnten einen freien Tag im Monat in Anspruch nehmen, um sich um den eigenen Haushalt zu kümmern. Neben dem Haushaltstag gab es noch andere, ähnliche Maßnahmen. Beispielsweise konnten Mütter, die in Vollzeit arbeiteten, ab dem zweiten Kind 3,75 Stunden in der Woche weniger arbeiten. Maßnahmen wie diese sollten Frauen den Alltag erleichtern. Anstatt für Gleichberechtigung zu sorgen, zementierten sie aber weibliche Rollenbilder. In der DDR war es für die meisten Menschen keine Frage, ob Frauen für den Haushalt zuständig waren.

„Ich habe nie einen Mann einkaufen sehen“

Meine Oma Petra konnte erst ab 1978, als mein Vater in die Schule kam, endlich wieder auf Arbeit gehen. Nach zehn Jahren Heimarbeit. Zehn Jahre, in denen sie 24 Stunden am Tag Mutter, Hausfrau und Arbeiterin gleichzeitig sein musste. Ich habe keine Ahnung, wie sie das geschafft hat, ohne zwischendrin alles hinzuschmeißen und alleine in den Wald zu ziehen.

In der Praxis waren Männer und Frauen in der DDR nicht gleichberechtigt. Ja, Frauen mussten in der DDR nicht ihren Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen wollten, wie es bis 1977 in der BRD war. Ja, Gleichberechtigung war im Sozialgesetzbuch der DDR festgeschrieben. Aber das bedeutete nicht, dass Frauen und Männer dieselben Chancen hatten. Für die SED war Gleichberechtigung kein Selbstzweck, sondern vor allem ein Mittel, um den Arbeitsmarkt und die demographische Entwicklung zu regulieren. Wenn Frauen von der Arbeit nach Hause kamen, wartete eine zweite Schicht auf sie.

Dazu kommt noch, dass Hausarbeit damals deutlich zeitraubender war als heute. Die Windeln ihrer Kinder hat Petra am Waschbrett gewaschen, in einem Waschzuber. Dann musste sie sie noch einzeln ausspülen und in den Hof hängen. Alle sechs Wochen, erklärt sie, konnte sie ins Waschhaus gehen, um dort Bettwäsche und Handtücher zu waschen, die sich mit der Hand nur schwer waschen ließen. Das zeigt: Auch die einzelnen Arbeiten im Haushalt waren damals anstrengender und haben mehr Zeit in Anspruch genommen. Als ich mit 18 ein freiwilliges Jahr in Bolivien gemacht habe, habe ich sechs Monate lang meine gesamte Kleidung mit der Hand gewaschen. Das ist nicht nur anstrengend, es dauert auch lange. Allein für meine Sachen – die Kleidung einer einzigen Person – habe ich nie weniger als eine Stunde gebraucht. Meine Oma musste die Kleidung einer ganzen Familie von Hand waschen.

Kinder und Haushalt, das waren oft ganz selbstverständlich Aufgaben der Frauen. Ich kann nicht anders, als leise mit dem Kopf zu schütteln, als meine Oma Petra erzählt: „Nach der Geburt meines letzten Kindes ging es mir körperlich nicht so gut. Mein Mann war damals zwei Wochen freigestellt, um sich um die Kinder zu kümmern.“ In der Zeit habe er sich allerdings tatsächlich nur um die Kinder gekümmert und nichts im Haushalt gemacht: „Als ich zurückkam, immer noch nicht wieder ganz auf den Beinen, sah es furchtbar aus in der Wohnung. Er hatte eine ganze Woche lang keine Kleidung gewaschen.“ Sie erzählt auch, wie ihr Mann sie einmal unterstützen wollte, als sie krank war: „Da hat er zu mir gesagt: ‚Du brauchst das Geschirr heute nicht spülen – das kannst du ja morgen machen, wenn es dir besser geht'.“

Meine Oma Elke hatte in Sachen Haushalt mehr Glück. „Mein Mann hat zwar die Nase gerümpft, wenn er die Kinder gewickelt hat, aber er hat es gemacht.“ Auch das Putzen haben sie sich aufgeteilt. Trotzdem, sagt meine Oma, hatten Frauen damals eine größere Last zu tragen als Männer: „Ich habe nie einen Mann einkaufen sehen, dabei waren die Taschen schwer und wir mussten sie bis nach Hause tragen, denn ein Auto hatten wir damals noch nicht.“

Meine Omas sind erstaunlicherweise weder auf den Staat wütend, noch auf die patriarchalische Welt, in der sie aufgewachsen sind. Aber ich bin es, stellvertretend für sie. Ich bin wütend, dass meine Oma Elke nicht die Pille nehmen oder abtreiben konnte – und dann später weinend in ihrem eigenen Kinderzimmer sitzen musste, weil sie ihre Tochter abgeben musste. Für mich fühlt es sich unerträglich an, dass meine Oma Petra so viele Jahre lang rund um die Uhr schuften musste, alleine, zu Hause, weil ein Staat sich entschieden hatte, sie auszubeuten. Aber vielleicht bin ich, hinter der Wut, auch ein bisschen dankbar. Dass ich nicht leisten muss, was diese Frauen geleistet haben und ertragen muss, was sie ertragen mussten. Die Welt, in der ich heute lebe, ist zwar auch noch lange nicht so, wie sie sein sollte. Aber zumindest ein bisschen näher dran an der Gleichberechtigung.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

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