© Merav Meroody

Hotels in der Pandemie

Was mit Hotels passiert, wenn man ihnen die Gäste wegnimmt

von Merav Maroody
etwa 8 Min. Lesedauer

Das Letzte, was ich erwartet hätte, als ich in den Pandemie-Monaten leere Hotels in Berlin fotografierte, war ein geheimer Raum, der nach Sex roch und in dessen Papierkorb Kondome lagen. Aber hier stand ich nun, auf dem Höhepunkt der Kontaktbeschränkungen, in einem der ältesten Berliner Hostels für feierwütige Jugendliche, „Die Fabrik“ genannt, und starrte auf die benutzten Gummis im Müll. Mir wurde klar, dass anscheinend nicht alle einsamen Menschen in dieser Zeit mit ihrer Lust allein zu Hause hockten. Manche fanden heimliche Wege.

Mein Projekt war seltsam und faszinierend gleichzeitig: Ich wollte mit Bildern einfangen, was die Pandemie mit der Hauptstadt machte, mit ihren Gebäuden und Räumen und den Menschen, die darin lebten. Erst fotografierte ich hunderte Berliner hinter den Fenstern ihrer Wohnungen und auf ihren Balkonen während der Kontaktbeschränkungen. Als nächstes ging ich zu den Hotels. Natürlich hatte ich bestimmte Erwartungen, was ich für Fotos machen würde: Bilder von leeren, traurigen Zimmern, von frustrierten Hotelmanagern und gelangweilten Angestellten. Stattdessen fand ich etwas ganz anderes: Manager, die Masken kreativ nutzen, einen Frosch, der darauf wartete, geküsst zu werden und ein Umwelt-Dilemma, mit dem Hotels wegen Corona jetzt umgehen müssen.

Die Fabrik

Als ich Anfang Mai das Foyer der „Fabrik“ betrat, fielen mir sofort die Uhren an der Rezeption auf. Sie zeigen die Zeit an verschiedenen Orten der Welt an. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand von einer Party zurückkam und dringend wissen wollte, wie spät es in Tokio ist.

Wir sehen das Foyer des Hotes „Die Fabrik“ und rechts oben vier Uhren mit verschiedenen Uhrzeiten.

Das Hotel, sonst im wahrsten Sinne des Wortes eine Fabrik für Spaß und wilde Partys, war ausgestorben. Normalerweise dreht sich hier alles um Geselligkeit und Nähe zu Fremden: Gemeinsame Badezimmer, gemeinsame Partybereiche und natürlich gemeinsame Stockbetten. Nun war „die Fabrik“ zum ersten Mal in den 30 Jahren ihres Bestehens für Gäste geschlossen.

Jules, der Besitzer, ist ein großer, ruhiger Mann, der mir das Gefühl gab, dass er Geheimnisse über Berlin kannte, die sonst niemand weiß. Er trug eine Maske, auf der auf Englisch stand: „Unter dieser Maske lächele ich freundlich“. Er sagte, dass die Leute schon wieder Zimmer für die Zukunft reservierten. Junge Deutsche, die es kaum erwarten konnten nach Berlin zurückkommen und zu feiern, obwohl die eng mit dem Hostel verbundene Partyszene nach wie vor verboten ist.

Während ich durch die langen menschenleeren Gänge lief, machte ich mir etwas Sorgen. Wenn ich mich hier verirrte, würde mich womöglich nie jemand finden. Die komplexe Struktur des Gebäudes ist schwer zu durchschauen, und die langen Korridore, die sich über fünf Stockwerke erstrecken, brachten mir „The Shining“ in den Sinn, den verstörend schön gemachten Horrorfilm von Stanley Kubrick. In dem Film werden die Hüter eines isolierten Hotels während des Winters allmählich wahnsinnig. Ich fragte mich, ob aus dem freundlichen Jules der nächste Jack Nicholson werden könnte, der in diesem riesigen Gebäude langsam den Verstand verliert.

Wir sehen ein Zimmer, in dem neben Sesselstühlen ein Bett mit weißem Bezug steht – und rechts davon vier große, helle Fenster, die von außen Licht einlassen.

Ich vergaß meine Sorgen, als Jules mir den geheimen Raum zeigte, der ganz anders war als die Schlafsäle, für die das Hostel berühmt ist. Ein geräumiges Zimmer mit großzügigen Fenstern im Dachgeschoss. Beim Eintreten überwältigte mich der frische Sexgeruch. Das Bett war ungemacht und im Müll lagen die benutzten Kondome. In einem Raum zu stehen, in dem irgendwelche Leute gerade Sex gehabt hatten, war ein surrealer Moment für mich. Denn die meisten Menschen, die ich kannte, mich eingeschlossen, hatten seit mehr als drei Monaten keine oder kaum menschliche Berührungen in ihren Leben.

Orania Hotel

Mein nächster Halt war das Luxushotel Orania. Von außen kam es mir wie ein überdimensionales und deplatziertes Puppenhaus vor, mit großen, blitzsauberen Fenstern. Von innen konnte man durch diese Fenster auf die Balkone der Berliner blicken, die der Pandemie wegen in ihren eigenen Häusern eingeschlossen waren.

Über Jahre war das Orania ein Wutobjekt für Anti-Gentrifizierungskämpfer und erboste Nachbarn, die es dichtmachen wollen. Zum ersten Mal geschlossen wurde es aber erst jetzt, nach drei Jahren: wegen Corona. Seitdem herrschte völlige Leere in den 41 Zimmern, die in ihrer herausgeputzten Festlichkeit förmlich um Gäste bettelten. Das Foyer mit seinen tiefroten Farbtönen und den goldenen Elefantenmotiven erinnerte mich an New York und Indien gleichzeitig. Ich stellte mir Jazzmusik vor und plappernde Gäste um mich herum.

Am Tag meines Besuchs wirkte alles noch ziemlich steril. Es war der 19. Mai, also eine Woche, bevor die Hotels wieder öffnen durften. Das gesamte Personal, das sich auf die Öffnung vorbereitete, lief mit Gesichtsmasken herum. Damit sie trotzdem irgendwie freundlich wirkten, hatten sie Anstecker mit lächelnden Mündern auf die Ärmel ihrer Jacken geheftet. Dennoch fühlt es sich ein bisschen nach einer riesigen Zahnarztpraxis an. Die leere Hotelküche voller unbenutzter Utensilien, in deren Mitte ein einsamer Koch stand, verstärkten dieses Gefühl noch.

Wir sehen einen Koch mit Atemschutzmaske in einer völlig leeren Küche – er schneidet Gemüse
Georgio, Chef de Partie

Jennifer, die Managerin, war freundlich, kurzhaarig und energisch. Sie erzählte mir von einem Corona-Problem, auf das ich nie gekommen wäre und das viele Hotels jetzt haben: Es ist ein Plastik-Dilemma. Nachdem die Hotels in den letzten Jahren Plastik immer weiter reduziert haben, drängt das Virus Wegwerfplastik aus Hygienegründen wieder mächtig nach vorne.

Wir sehen eine blode Frau mit Maske und lilanem Jaquette, die aus dem Fenster schaut
Jennifer, Managerin

Eine weitere Veränderung durch die Pandemie ist, dass Komfort und Design weniger wichtig geworden sind. Alle Dekorationen und Möbel, die nicht regelmäßig desinfiziert werden können, müssen weg. Bücher und Papiere sind in den Zimmern nicht mehr erlaubt, die Speisekarten des Hotelrestaurants liest man durch Scannen eines QR-Codes, und in jeder Ecke des Hotels gibt es Desinfektionssets. Die Reinigungskräfte des Hotels sind nun die neuen Held:innen.

25hours Hotel

Es war der 25. Mai, das Hotel hatte an diesem Tag zum ersten Mal wieder für Touristen offen. Am Empfang standen die Gäste artig mit anderthalb Meter Abstand Schlange. Das Urlaubsgefühl in diesem Hotel ist gekonnt inszeniert: Jede Menge Pflanzen, Möbel in Pastellfarben, Hängematten. Aus einem Fenster konnte ich die Affen im Zoo nebenan beobachten. Sie schauten zu mir zurück, als versuchten sie zu verstehen, wer von uns derjenige hinter Gittern war.

Helen, eine energische und lebhafte Hotelangestellte, führte mich in die berühmte Monkey Bar im 10. Stock des Gebäudes. Hinter der Bar stand ein Typ mit Mundschutz im Zebramuster. Sonst war niemand da. Es war ein Schock. Dies ist der Ort in Berlin, an den ich alle meine Besucher bringe, und ich habe ihn noch nie so leer gesehen.

Wir sehen einen dunklen Gang, seitlich an den Türen hell leuchtende Nummern und am Ende des Gangs eine Reinigungskraft

Die langen Korridore im Hotel sind sehr dunkel, umso heller strahlen die riesigen Zimmernummern aus Neonlicht. Sie erinnerten mich daran, wie sehr unser Leben gerade von Statistiken und Zahlen bestimmt wird. Es fühlte sich an, als würde ich durch eine Grafik mit Coronaverbreitungszahlen laufen. In den Zimmern fand ich diesmal keine Kondome im Müll, aber auf einem Bett lag ein Kissen mit der Aufschrift „Let’s spend the night together“. Das gab mir ein Gefühl von Hoffnung. Auf eine normalere Welt, in der Menschen wieder reisen und in Hotels mit charmanten Sprüchen auf den Kissen übernachten würden.

Wir sehen das obere Ende eines Bettes und angelehnt ein weißes Kissen mit der Aufschrift: Lets spend the night together

Grimm Hotel

Im Hotel Grimm fühlte ich mich sofort wichtig, weil ich über einen roten Teppich ins Hotel schritt. Leider ist der für alle Besucher und Gäste da. Roter Teppich liegt auch in den Korridoren, darauf die gruseligen Umrisse von Märchenfiguren, wie Kreidezeichnungen am Tatort. Die Geschichten der Brüder Grimm haben mir als Kind immer ziemlich Angst eingejagt. Ich frage mich, wie ein Märchen über Covid-19 aussehen würde.

Wir sehen einen dunkelrotenTeppich, darauf ein Bild eines Märchens, scheinbar eine Hexe und zwei Kinder

Die Mitarbeiterin an der Lobby stand hinter einer stark reflektierenden Plastikscheibe, was Gespräche ziemlich schwierig machte. Man redete quasi mit seinem Spiegelbild. Das Hotel war an diesem Tag in der zweiten Juniwoche bereits wieder offen, aber an den Schlüsseln an der Wand konnte ich sehen, dass die meisten Zimmer nicht belegt waren. Der Gleisdreieck-Park, den man vom Hotel aus sehen kann, war auch in den Tagen des Shutdowns immer voll.

Das Hotel steht in der Nähe des Potsdamer Platzes und ist tatsächlich im Privatbesitz eines Herrn Grimm. Eine Verwandtschaft zu den Brüdern gibt es nicht, aber die Märchen bestimmen die ganze Gestaltung des Hotels. Verschiedene Künstler haben für das Hotel ihre eigenen Interpretationen der Geschichten geschaffen und die Korridore und Zimmer damit dekoriert. Frösche sind ein starkes Motiv. Ich bekam den plötzlichen Drang, einen der Frösche zu küssen, zum Teufel mit den Konsequenzen! Aber mir wurde schnell klar, dass dieser Drang in Corona-Zeiten unangebracht war.

Wir sehen eine Frau, die mit offenen Armen an einem Fenster steht und uns begrüßt – sie trägt ein grünes Oberteil.
Anna, Rezeption

The Student Hotel

Ich habe schon wieder Kondome gefunden.

Im Gegensatz zu den anderen Hotels, die ich besucht habe, hat Corona „The Student Hotel“ nicht so stark getroffen. Das liegt vor allem darin, dass es ein besonderes Konzept hat. Das Hotel nahe des Alexanderplatzes beherbergt nicht nur Hotelgäste, sondern auch Studierende mit längerfristigen Mietverträgen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass mir beim Betreten der Lobby Ende Juni ein geradezu jubelndes Gefühl entgegenschlug. Mit seinen leuchtenden Hipster-Farben, den cleveren Sprüchen auf den Wänden und den farbenfrohen Räumen war dieses Hotel fast zu gut drauf. Too cool for school, könnte man sagen.

Wir sehen ein Plakat, eingerahmt mit folgendem Spruch: Be cool, be German, wear a Mask in all public spaces

Während des Shutdowns hatten die Studierenden, die hier wohnten, eine Erfahrung von Zusammensein, die den meisten anderen Menschen abging. Sie konnten weiter Zeit miteinander verbringen, in der Gemeinschaftsküche kochen und in den diversen Co-Working-Spaces arbeiten. In der Küche entdeckte ich einige Hinweise darauf, wie die Leute hier die Shutdown-Zeit verbracht hatten: Auf dem Boden Supermarkttüten voller Bierflaschen, an der Wand eine große Tafel mit deutschen Vokabeln.

Als ich ein derzeit unvermietetes Zimmer betrat, stachen die Kondome sofort ins Auge: Hübsch und auffällig verpackt auf den Nachttischen platziert, daneben Postkarten mit der Aufforderung „Liebe zu verbreiten“. Im Gegensatz zur „Fabrik“ mit dem versteckten Zimmer unter dem Dach und den Kondomen im Müll, wirkte das hier nicht wild und geheimnisvoll, sondern etwas inszeniert. Als wolle das Studentenhotel aus der authentischen Berliner Erfahrung Kapital schlagen, die Orte wie „Die Fabrik“ ursprünglich geschaffen haben.

Wir sehen eine Nachttischlampe, davor ein Kondom und eine Karte mit der Aufschrift: Spread the love

Redaktion und Übersetzung: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Belinda Grasnick, Fotoredaktion: Martin Gommel

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